Frau Freitag, ich bin selbst Mitglied im Verein, aber bei "Rechtsextremismus im Sport" denke ich zuerst mal an Hooligans. Warum bekommen wir von der "Unterwanderung" der Vereinsstrukturen nichts mit und was ist das überhaupt?
Wenn wir von Unterwanderung sprechen, trifft diese vor allem die kleineren Breitensport-Vereine, die natürlich nicht so im Fokus der Medien stehen. Das Problem stellt sich aus meiner Sicht dort, wo ehrenamtliche Arbeit gefragt ist. Menschen mit rechtsextremem Hintergrund treten als "Kümmerer" auf und engagieren sich als Trainer, im Vorstand, als Sponsoren oder als aktive Sportler. Sie legen sich eine Maske auf und verbreiten ihr Gedankengut. Sie erschleichen sich Vertrauen und können Menschen so für ihre Zwecke gewinnen. Der Wolf im Schafspelz ist ein gefährlicher Zeitgenosse.
Welche Bundesländer oder Sportarten sind von diesem Phänomen besonders betroffen?
Dem Eindruck nach scheint es so zu sein, dass das Problem in Ostdeutschland verstärkt auftritt. Ich würde aber von einem gesamtdeutschen Thema sprechen. Verlässliche Zahlen gibt es dazu nicht, so etwas zu erheben ist auch sehr schwierig, weil es eben meistens verdeckt passiert. Ich kann mir aber vorstellen, dass der Fußball besonders betroffen ist, weil Deutschland ein sehr fußballbegeistertes Land ist und es Fußballvereine flächendeckend gibt. Aber auch abseits vom Sport, also überall dort, wo das Ehrenamt besonders gefragt ist, muss man wachsam sein. Dort, wo der Kontakt zu jungen Menschen leicht und ungezwungen vonstatten geht, besteht die Gefahr, dass Rechtsextreme versuchen, ihr Gedankengut zu verbreiten und Mitstreiter zu finden. Manche rechtsextreme Organisationen bieten dazu sogar eigene Ferienfreizeiten und Camps an.
Rechtsextremismus ist nicht nur Fremdenfeindlichkeit – was gehört noch dazu, wie kann ich das in meinem Umfeld erkennen und was kann ich tun?
Wenn man die Augen offenhält, ist es leicht, solche Zeichen zu erspähen. Denken Sie zum Beispiel an die Rückennummer "88", die für den achten Buchstaben des Alphabets steht und "Heil Hitler" symbolisieren soll. Ganz richtig: Rechtsextremismus steht nicht nur für Fremdenfeindlichkeit, sondern auch für Antisemitismus, Homophobie oder jegliche Gesinnungen, die demokratische Strukturen verleugnen. Für mich heißt das, dass wir auch Vereinsvorstände oder Eltern sensibilisieren müssen, solche Dinge zu erkennen, um als Ansprechpartner für Jüngere da zu sein.
Teilweise gründen rechtsextreme Gruppierungen ja auch ihre eigenen Vereine. Kann ich ganz konkret verhindern, dass solch ein Verein in der Turnhalle der Stadt trainieren darf?
Das halte ich durchaus für möglich. Jede Kommune ist ja selbst für ihre Hallenbelegung verantwortlich und wenn es Hinweise gibt, ist es durchaus legitim, Hallenzeiten oder Zuschüsse zu verweigern. Sie müssen natürlich konkrete Belege haben, aber da sollte jede Gemeinde ein Auge drauf haben.
Viele Vereine sind auf jeden Ehrenamtlichen angewiesen. Wie lässt sich deren Bereitschaft wecken, gegen engagierte Rechtsextreme vorzugehen?
Das ist etwas, was Sie nicht erzwingen können. Das erfordert eine Bereitschaft der Gesellschaft. Der Bund kann auf unterschiedliche Weise darauf einwirken, wir haben zum Beispiel die Bundeszentrale für politische Bildung. Aber ich sehe da auch den organisierten Sport in der Pflicht, der hier ganz klar als Servicestelle agieren muss, der Informationen über Rechtsextremismus weiterleitet und für Modellprojekte zum Beispiel auch Gelder vom Bund bekommt. Wir alle müssen die Ehrenamtlichen ermutigen, sich gegen Rechtsextreme in ihren Reihen zu wehren.
Das Projekt "Am Ball bleiben" der Deutschen Sportjugend war solch ein befristetes Projekt. Gibt es weitere Beispiele?
Es gibt die neue Initiative "Verein(t) gegen Rechtsextremismus", an der die Bundesregierung beteiligt ist. Ich finde es wichtig, dass die Ideen langfristig verfolgt und weitergetragen werden – auch wenn zeitlich befristet geförderte Initiativen beendet sind. Politik alleine wird das nicht leisten können, dazu müssen neben dem Sport auch viele andere Institutionen mithelfen. Da kann zum Beispiel auch in der Schule Wissen vermittelt werden, im Politik- oder Sozialkundeunterricht.
Gibt es Beispiele von Vereinen, die erfolgreich gegen Rechtsextremismus vorgehen?
Da kann ich Ihnen ein Beispiel aus meinem Wahlkreis Märkischer Kreis nennen. Dort gibt es den Fußballverein TuS Plettenberg, der 2007 den Julius-Hirsch-Preis des Deutschen Fußball-Bundes gegen Diskriminierung gewonnen hat. Ein Übungsleiter hat sich in die Thematik eingearbeitet und mit seiner Mannschaft Projektarbeit betrieben. Eine unserer Ideen, die wir auch in unserem Antrag anregen, ist eine Art Gütesiegel, das solche besonders engagierten Vereine auszeichnet. Wir bauen darauf, dass Vereine sich um eine solche Auszeichnung bemühen. Natürlich muss solch eine Auszeichnung regelmäßig kontrolliert werden. Da wird die Politik die nötigen Anstöße liefern, damit Rechtsextremismus sich nicht in unserer Gesellschaft verankern kann. Denn ein derartige Gesinnung widerspricht fundamental den Werten des Sports: Fairplay und Respekt.









