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USA-Stipendiat
Ersin, 21, Devils Lake

20.10.2016 |

Harte Zeiten für Ersin: In North Dakota ist er allein unter Trump-Fans, die Mähdrescher und Waffen lieben. Doch Denver macht ihm etwas Hoffnung während seines Stipendien-Aufenthalts in den USA.

"Ich wähle Trump, weil er so lustig ist"

Ersin mit PPP-Teilnehmern in den Rocky Mountains

Da, wo es entspannt ist: Ersin (im weißen Shirt) in den Rocky Mountains – © privat

Inzwischen bin ich schon ein wenig mehr als zwei Monate in den USA. Die ersten Kulturschocks habe ich schon hinter mir, genauso wie viele Gespräche mit der lokalen Bevölkerung, ganz egal ob Rentner oder Student. Wenn es die Situation erlaubt, erkundige ich mich gerne über die Meinung der US-Bürger zu den Präsidentschaftswahlen. Nach zwei hitzigen TV-Debatten und der bevorstehenden finalen Debatte, die wie ein WM-Finale in Deutschland auch in jeder Bar, jedem Restaurant und auf öffentlichen Plätzen ausgestrahlt wird, ist es Zeit, meine Erfahrungen festzuhalten und mit euch zu teilen.

Aufgrund der stark republikanischen Ausrichtung in North Dakota bin ich vielen Trump-Unterstützern über den Weg gelaufen. Weit mehr als Leuten, die unentschlossen sind oder gar Hillary Clinton als Präsidentin sehen möchten. In North Dakota leben auf einer Fläche von ungefähr der Hälfte Deutschlands knapp 750.000 Menschen. Diese haben bei der vergangenen US-Wahl im Jahr 2012 mit 58,32 Prozent für den Republikaner Mitt Romney gestimmt (38,70 Prozent für Barack Obama). Damit war schon vorher klar, dass ich hier nicht unbedingt auf viele begeisterte Hillary-Clinton-Wähler treffen werde. Ich traf keinen einzigen.

Keiner mag das Establishment

Bei der Frage, warum sie Donald Trump so toll finden und ihn als US-Präsidenten sehen möchten, antworteten einige mit "Er ist so witzig! Hast du mal seine Reden gehört?". Entgeistert stehe ich dann da und frage mich, ob der geforderte Einreisestopp für alle Muslime, der übrigens auch mich betreffen würde, wirklich so witzig ist oder ob sie den von ihm beispiellos gelebten Sexismus meinen. Vielleicht sind es ja seine Steuern, die er nicht gezahlt hat.

Doch wie ich später erfahre, lieben seine Unterstützer seinen Umgang mit dem politischen Establishment. Egal ob Barack Obama, Hillary Clinton oder eine sonstige Führungsperson in den USA – sie alle mussten sich schon absurde Anschuldigungen, Beleidigungen und Forderungen anhören, die während der Wahlkampfveranstaltungen laut von den Unterstützern bejubelt werden.

Mähdrescher groß, Horizont klein

Was man bei den Menschen aus North Dakota wissen muss: Viele von ihnen verdienen ihren Lebensunterhalt durch die Landwirtschaft. Ausnahmslos jeder scheint hier jemanden in der Familie zu haben, der mehrere Felder besitzt und mehrere Sorten von Getreide anbaut. Stolz und oft präsentieren sie auf ihren Facebook-Titelbildern ihre Mähdrescher und Getreidesilos, wie sie oft auf den Straßen zu sehen sind. Ein Leben auf der Farm bringt aber weit mehr mit sich als nur Mähdrescher, Getreide und weite Flächen. Die US-Bauern sind stolz auf ihre Freiheiten. Sie lieben das Leben abseits der Stadt, das Jagen, ihre zahlreichen Waffen, ihr nicht-reguliertes Saatgut und das Land, das sie besitzen. Darauf möchten sie tun, was ihnen gefällt. Kurz gesagt: Sie möchten ihren konservativen und ländlichen Lebensstil nicht durch eine Demokratin gefährdet sehen, die neue Regulationen zur Landwirtschaft oder zu den Waffen bringen könnte oder gar das Freihandelsabkommen mit der EU.

Allgemein sehen sie ihre Ruhe durch den internationalen Terrorismus gestört und haben Angst, dass ihr Land von Fremden wie Flüchtlingen oder Mexikanern "überfallen" werden könnte – all das sehen sie als negative Folge einer achtjährigen Regierung der Demokraten an und möchten einen "Außenseiter" als Regierungsoberhaupt sehen, der "denen da oben zeigt, wo es lang geht". Das er keinerlei Erfahrung in der Politik hat, wird als äußerst positiv angesehen – damit kann er ja keinerlei politische Fehlentscheidungen getroffen haben, so seine Unterstützer.

Ein bisschen Hoffnung in Denver

Am Ende eines jeden Gesprächs mit einem Trump-Freund stelle ich klar: "You know that I am a Muslim, right?". Die Reaktionen sind immer wieder köstlich: "Yes, I know and you’re very nice but he needs to be our president!" – du bist ja ganz nett, aber er muss trotzdem Präsident werden. Klingt wie: "Ach, er macht doch immer so kleine Scherze. Meint er bestimmt nicht ernst." Ach ja, habe ja, hatte wohl gerade vergessen, wie witzig er ist. Mein Fehler.

Das sind nur einige wenige Eindrücke, die ich in diesen Rahmen vermitteln kann. Es gäbe noch viel über die Ansichten der Menschen hier zum Thema Homosexualität, Abtreibung, die aktuellen Diskussionen um "Black Lives Matter", die Ansichten der "Afroamerikaner" zu den US-Wahlen und vieles mehr zu schreiben.

North Dakota ist dennoch vielseitig und bietet mit der Großstadt Fargo auch ganz andere Fassaden als nur die der ländlichen Bauern. Auch unter ihnen gibt es sicherlich liberale Menschen, die auf ihre Waffen verzichten können. Bei meiner Reise nach Denver, Colorado, durfte ich auch ausschließlich auf Menschen treffen, die Trump verabscheuten und mir damit wieder Hoffnung schenkten. Regional kann es also ganz unterschiedlich sein. Vielleicht liegt es in Denver ja auch an den wunderschönen Rocky Mountains, die auf die politischen Ansichten der Einwohner mäßigend wirken. Oder vielleicht ist es auch das hier frei und legal erhältliche Marihuana. Wer weiß.

Von Köln nach North Dakota

Ersin vor Flaggen

Ersin Demircan, 21, kommt aus Köln und studiert momentan in Devils Lake, North Dakota, Digital Marketing. – © privat

Ersin mit Gastfamilie

Ersin bei der Homestay Tour mit seiner ersten Gastfamilie in Moline, in der Nähe von Chicago. – © privat

Als ich erfahren habe, dass ich ein Jahr in Amerika verbringen werde, war die Frage, wohin ich eigentlich komme, eher zweitrangig – zu groß war die Freude, für dieses Stipendium auserwählt worden zu sein. Doch nachdem sich die Freude einigermaßen gelegt hatte, machte ich mir Gedanken über meine Zukunft in den USA.

New York, Los Angeles, Miami?

Fast schon automatisch denkt man bei diesem sehr großen Land an Städte wie New York, Los Angeles, Miami oder andere große Metropolen. Doch für mich sollte es etwas ganz Anderes werden – ein Abenteuer in einer Stadt, von deren Existenz ich davor nicht einmal wusste: Devils Lake, North Dakota. Auch sollte ich nicht wie die meisten meiner Mit-Stipendiaten ein halbes Jahr studieren und anschließend ein halbes Jahr arbeiten, während ich in einer Gastfamilie wohne. Nein, ich werde das Auslandsjahr direkt im College verbringen, im berüchtigten Dorm, also Studentenwohnheim und gleichzeitig durchgehend studieren und arbeiten.

Doch kein Problem, eben für diese Abenteuer und Herausforderungen habe ich mich überhaupt beworben. Ganz spannend wird zudem die Präsidentschaftswahl, die ich live miterleben darf. Für mich als Muslim in einem stark republikanischen Staat wird es interessant, ob Donald Trump die Wahl gewinnt und seine Forderung wahrmacht, Muslime von der Einreise abzuhalten. Zum Glück bin ich schon erfolgreich eingereist!

Was denkt die Jugend?

Inzwischen bin ich seit knapp über zwei Wochen im Land und bin besonders daran interessiert, warum Trump so beliebt ist und wie die Jugend über die Wahl denkt. Als jemand, der aufgrund seiner ethnischen Herkunft ab und zu auch in Deutschland Rassismus erfahren hat, interessiere ich mich besonders für die "schwarze" Jugend, die sich vermehrt bei #BlackLivesMatter engagiert, als Antwort auf die steigende Polizeibrutalität gegenüber dunkelhäutigen Jugendlichen.

Inzwischen bin ich seit zwei Wochen im Land und konnte auf der Homestaytour durch New York, Chicago, Milwaukee und Minneapolis verschiedene Gastfamilien kennenlernen, die mir einen guten Einblick in den amerikanischen Alltag geben konnten.

Ich bin nun bei meiner Endstation in Devils Lake, North Dakota angekommen und werde in den nächsten Wochen und Tagen viele neue Eindrücke gewinnen, die ich mit euch teilen werde. Bis dann!

Kommentare

 

AMG schrieb am 05.09.2016 22:14

Hallo Ersin, ich grüße dich! Bin gespannt wie du dich nach 1 Jahr verändert hast. VG aus Köln Vingst

 

 

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