Stehen Redner der Arbeiterpartei Deutschlands (APD) oder der Christlichen Volkspartei (CVP) am Pult im Plenum des Bundestages, dann ist das kein Missverständnis. Und schon gar kein Aprilscherz, immerhin ist der Juni angebrochen. Vielmehr fanden sich die Teilnehmer von "Jugend und Parlament" in diesen fiktiven Parteien zusammen.
Geschniegelt und gestriegelt
Die Aktentasche unterm Arm, Smartphone am Ohr, geschäftstüchtiger Blick. Die Mehrheit im Anzug, krawattiert und mit edlem Schuhwerk. Was für ein Anblick! Der ein oder andere Besucher des Bundestages kassierte da Halsverrenkungen. Und den echten Abgeordneten wurde klar: Potenzieller Nachwuchs ist im Anmarsch!
Unter all den Vorzeige-Parlamentariern waren wir Presseleute schnell auszumachen: mit Notizblock bewaffnet – mal mehr, mal weniger lässig. Süßes und Schokoladiges stets griffbereit. Zucker ist schließlich gut für Hirn und Nerven und hält die Konzentration auf Trapp, weiß jeder gescheite Nachwuchsjournalist. Und Geistesblitze sind ja wohl bedeutender als Hüftgold.
Druckfrisches Früchtchen
Die "Tagesredaktion" gehörte ebenso zum Planspiel wie die ÖSP oder die Fraktionsvorsitzenden. Wir begleiteten die Veranstaltung publizistisch, der Grund dafür liegt auf der Hand. In Bezug auf die Politik erfüllen Medien nämlich eine grundlegende Funktion: Sie sind das Bindeglied zur Bevölkerung. Die mediale Politberichterstattung präsentiert das Pro und Contra in einer Debatte, politische Ziele und Programme werden erst durch die Medien öffentlich zugänglich gemacht.
Und genau darum produzierten wir täglich die "politikorange" – eine Art Flugblatt, auf dem sich die Ereignisse des vorherigen Tages wiederfanden. In zwei Redaktionsräumen wurde recherchiert, redigiert, teilweise philosophiert. Ab und zu auch geflucht, zumindest wenn der Rechtschreib-Fehlerteufel arges Kopfzerbrechen bereitete. Die Themen richteten sich nach den parlamentarischen Ereignissen: Auf das Vorstellen der Gesetzesvorlagen folgten beispielsweise Statements der Fraktionsvorsitzenden.
Schlaf vs. Stolz
Oft verließ die Redaktion weit nach 23 Uhr das Bundestagsgebäude. Doch Schlafentzug und Augenringe waren dann beim Anblick von Selbstproduziertem schnell vergessen. Ab 6.30 Uhr am jeweils darauffolgenden Tag positionierten wir uns am Eingang zum Frühstücksraum. Das Ziel: den verschlafenen Parlamentariern die neusten "politikorange"-Ausgaben in die Hände drücken. Neben Brötchen und Orangensaft gab es also Gedrucktes. Der blättrige Snack kam an: Hie und da lobte man unsere Berichterstattung, dankte für die Informationen.
Herr Ernst zu Besuch
Die Nachwuchsparlamentarier nahmen ihre Rolle sehr ernst. So ernst, dass Mann sich selbst bei Anrufen zu später Stunde mit dem Namen der fiktiven Rolle meldete. Bei Interviews war Siezen ausdrücklich erwünscht, DIN-A4-Seiten füllende Pressemitteilungen flatterten in unser Büro und das Telefon klingelte beinahe ständig. Ob Politiker auch in Jogginghosen schlüpfen? Ich bin mir da nicht sicher: Bei den jungen Abgeordneten galt auch nachts noch die Anzugpflicht. Manch kunstvolle Satzkonstruktion, versehen mit endlos vielen Kommas, lief drei Mal durchs Diktiergerät, ehe wir die Aussage verstanden.
Hitzig ging es bei der Plenarsitzung zu, die wir stilecht von der Pressetribüne aus verfolgten. Bundestagsvizepräsident Eduard Oswald (CDU/CSU) musste den Redefluss bremsen, wenn die Neu-Parlamentarier loslegten, schwadronierten, sich reinsteigerten. Übrigens: Wer besonders politisch klingen möchte, der sollte das Wort Konsens in seine Rede einbauen. "Für jeden 'Konsens' drehe ich mich eine Runde!", beschloss Redakteurskollege Jeremy. Glück für ihn, dass er so viel Nonsens doch nicht durchzog und still auf dem Drehstuhl sitzen blieb.
Diskutantenstadl
Wesentlich zeitaktueller ist man heutzutage im sowie mit dem Internet. Und damit die Parlamentarier auch stets wussten, was ihre Gegner so trieben, lief hier auf mitmischen.de ein Liveticker. Die Kurzmeldungen wurden dann auf Flachbildschirmen verfolgt, bewertet und kommentiert. So sorgte die Einladung der Liberalen Reformpartei (LRP) zur Feierabend-Party bei der Partei der sozialen Gerechtigkeit (PSG) für Unmut und Kritik an deren "eher fragwürdigen Prioritäten". Dass sich einige Mitglieder der Opposition dann doch bei der Feierlichkeit blicken ließen, ist das Ergebnis guter Recherchearbeit vor Ort.
Mädels an die Macht
Blickt man auf die - mit besonderer Macht ausgestattete - Regierungsebene, dann sind die Kabinette in den letzten Jahren zwar durchaus "weiblicher" geworden, dennoch dominieren nach wie vor eindeutig die Männer. Das war auch bei "Jugend und Parlament" der Fall. Männer und die, die es sein wollen, sah man zur Genüge, junge Frauen dagegen weniger. Auch bei den Fraktionsvorsitzenden dominierten die Franks und Ottos. Victoria Weber (PSG) und Magdalena Meier (CVP) schafften es immerhin auf den Posten der Vizevorsitzenden.
Recht konträr sah der Frauenanteil im zweiten Redaktionsraum aus. Chefredakteurin Kristin, drei Mädels und ein junger Herr gehörten zum Redaktionsteam der "Dokumentation". Die Truppe produzierte eine 24-seitige "politikorange"-Ausgabe, die im Nachlauf an alle Teilnehmer und Abgeordneten verschickt wird.









