Hinter einem drehbaren Holz-Regal voller Aktenordner lag das Versteck von Anne Frank in einem Amsterdamer Hinterhaus. Das jüdische Mädchen hatte sich dort nach der Flucht aus Deutschland mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten verschanzt.
Im Deutschen Bundestag beginnt Annes Welt hinter einem großen Stoff-Aufsteller. Ein Foto von Anne, die durch ihr Tagebuch weltberühmt geworden ist, ist darauf zu sehen. Daneben ein Zitat: "Wie herrlich ist es, dass niemand eine Minute zu warten braucht, um damit zu beginnen, die Welt langsam zu ändern." Für Thomas Heppener, Direktor des Anne Frank Zentrums in Berlin, bedeutet das: "Wenn ein Mädchen Geschichte schreiben kann, sollte das jeder von uns versuchen!" So wendete er sich in seiner Rede bei der Ausstellungseröffnung an die Gäste aus Deutschland, den Niederlanden und 80 weiteren Nationen. Sogar zwei ehemalige Schulfreunde von Anne Frank, Jacqueline van Maarsen-Sanders und Dr. Albert Gomes de Mesquita, waren gekommen, um bei der Eröffnung von "Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte" dabei zu sein.
Jugendliche führen durch die Ausstellung
Diesen Titel hat Heppener gemeinsam mit Jugendlichen ausgewählt, die das Konzept der Ausstellung mitentwickelt haben. Er soll zeigen, was die Geschichte der jungen Schriftstellerin für das Hier und Heute und für den Einzelnen bedeutet. Eine der jungen Expertinnen und Experten ist Maxi Sterl vom Anne Frank Zentrum. Die 21-Jährige ist von dem Ansatz überzeugt: "Klar, in der Schule und im Geschichtsunterricht hat jeder schon mal was vom Holocaust gehört. Aber dieses Projekt schafft es, die Aktualität des Themas klarzumachen." Und zwar auf Augenhöhe: In allen Städten, wo die Ausstellung gezeigt wird, bildet das Anne Frank Zentrum Jugendliche zu "Peer Guides" aus, die Gleichaltrige durch die Ausstellung führen. Im Anschluss können sie Anne Frank-Botschafter werden und in ihrem Ort eigene Projektideen verwirklichen.
"Das spricht die Jugendlichen persönlich an", war sich der niederländische Botschafter Marnix Krop sicher. Er berichtete von 1,1 Millionen Besuchern 2011 im Anne Frank Haus in Amsterdam und einem Anne Frank Hotel extra für Jugendliche. Bundestagsvizepräsident Dr. Wolfgang Thierse (SPD) betonte in seiner Rede, wie wichtig solche Auseinandersetzungen vor Ort in Amsterdam oder bei der Ausstellung im Bundestag seien, um Geschichte nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen zu erfahren: "Mit zunehmendem Abstand zu historischen Ereignissen müssen wir Wege finden, die Geschehnisse zu vermitteln. Es sind neue Formen des Erinnerns an den Holocaust nötig."
Auch Ministerin Schröder hat Annes Tagebuch gelesen
In einer 3-D-Animation könnt ihr euch zum Beispiel das berühmte Hinterhaus anschauen, in Videobeiträgen etwas über Diskriminierung und Ausgrenzung erfahren. "Ein Thema, das nicht erst seit der schrecklichen Mordserie durch Neo-Nazis Brisanz hat", sagte Familienministerin Dr. Kristina Schröder (CDU/CSU), die bei der Eröffnung ebenfalls am Rednerpult stand. Sie selbst hat das Werk der Anne Frank als Zwölfjährige gelesen und erinnert sich bis heute an die Träume und Gefühle, die das Mädchen seinem Tagebuch anvertraute. An der Ausstellung lobte die Ministerin besonders die Vielzahl von Medien, die zum Einsatz kommen. Sie sieht "Deine Anne" als Diskussions- und Lernort, der ein sehr aktuelles Thema aufgreift: Zivilcourage. Als Besucher werdet ihr nämlich auch mit der Frage "Was kann ich bewirken?" konfrontiert und bekommt ganz konkrete Anregungen, was ihr tun könnt, um "die Welt langsam zu verändern".
Schaut euch die Ausstellung in ganz Deutschland an
Im Bundestag könnt ihr "Deine Anne" noch bis 16. Februar von Montag bis Donnerstag jeweils zwischen 11 und 14 Uhr besuchen, freitags kommt ihr nur um 11 Uhr hinein. Ihr müsst euch unbedingt anmelden, entweder per E-Mail an info-ausstellungen-plh@bundestag.de oder telefonisch unter 030 227 38883. Rein geht's durch den Eingang West des Paul-Löbe-Hauses: Konrad-Adenauer-Straße 1 in Berlin-Mitte.
Das Parlament ist nur die erste Station der Ausstellung. Danach wird sie unter anderem in Essen (März bis April), Gütersloh (April bis Mai), Bremen (Juni bis Juli), Kiel (August bis September) und Pirna (November bis Dezember) zu sehen sein. Annes Angst hat sich also nicht bestätigt: "Ich denke nicht, dass sich irgendjemand für die Herzensergüsse eines dreizehnjährigen Mädchens interessiert."









