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Die Autorin

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Luise Schneider (22)
Sprach- und Kommunikations- wissenschaften

Kuppel streifenfrei

08.08.2013 |

Dreimal im Jahr wird sie von einem etwa 15-köpfigen Team schick gemacht: die Kuppel des Reichstagsgebäudes. mitmischen-Autorin Luise hat versucht, dem 28-jährigen Christian dabei ein bisschen unter die Arme zu greifen. Hier könnt ihr sie bei der Putzaktion sehen und ihren Erfahrungsbericht lesen.


© Timo Schmidt


"Rechts, links, rechts, links, ohne Absetzen." So lauten Christians erste Anweisungen an mich. Sie sind der Beginn einer Lehrstunde im Fach Gebäudereinigung. Es handelt sich jedoch nicht um die Reinigung irgendeines Gebäudes. Christian Pawlowski, 28 Jahre alt und ein Mann vom Fach, zeigt mir heute, wie die Kuppel des Reichstagsgebäudes geputzt wird.

Drei Einsätze pro Jahr

Um sieben Uhr begrüßt mich der gelernte Glas- und Gebäudereiniger mit Eimer und Putzutensilien bewaffnet auf der Dachterrasse des Reichstagsgebäudes. Um uns herum stehen bereits Männer in blau-gelber Kleidung auf Kränen vor Fensterscheiben und schrubben die Glaskuppel. Dreimal im Jahr machen sich etwa 15 Gebäudereiniger für zwei Wochen an das Säubern der Kuppel. Einige von ihnen kommen extra zur Kuppelreinigung. Andere, wie auch Christian, arbeiten das ganze Jahr über im Reichstagsgebäude.

Wasser im Ärmel – Scheiben voller Streifen

Nach ein paar kurzen einleitenden Worten und Anweisungen geht es auch für mich los. Christian taucht den Einwascher – einen Schwamm mit Stiel – in das Seifenwasser und drückt ihn mir in die Hand. Von rechts nach links schwenke ich das Gerät und seife die Scheibe ein. Wer meint, die Kuppel erhält in Sachen Spülmittel eine Sonderbehandlung, täuscht sich. "Das ist ganz normales Spülmittel." Bis auf die Tatsache, dass mir das Wasser andauernd in den Ärmel läuft, erscheint mir die Aufgabe recht unkompliziert.

Mit dem nächsten Utensil beginnt jedoch der anspruchsvollere Teil der Arbeit. Das Wasser muss mit Hilfe eines Fensterwischers wieder von der Scheibe entfernt werden. Und das am besten ohne Streifen. Das Ergebnis meines ersten Versuchs: Katastrophal! Christian hält zwar ein paar aufmunternde Worte für mich bereit: "Gar nicht so schlecht." Die zahlreichen Streifen an der Scheibe zeugen jedoch von meinem Fehlversuch. Ich versuche es ein zweites Mal – diesmal, ohne den Wischer zwischen den Zügen abzusetzen – und komme zu einem recht zufriedenstellenden Ergebnis.

Die Kuppel von Schmutz befreien

Nun, da ich meine Übungen an einer eher harmlosen Scheibe beendet habe, wagen wir uns an die Kuppel heran. Indem ich die Scheibe erneut einseife und ohne Absetzen von rechts nach links das Wasser abziehe, befreie ich sie von zahlreichen Fettflecken, Fingerabdrücken und sonstigem angesammelten Dreck, den die Touristenströme hinterlassen haben. Am Ende befindet sich tatsächlich kaum noch Schmutz an der Scheibe.

Dafür jedoch umso mehr Streifen. So ganz beherrsche ich das Handwerk wohl noch nicht. Doch Christian kann mich beruhigen, selbst ihm bereiten die Streifen gelegentlich noch Probleme: "Du bist gerade mit einer Scheibe fertig, dann scheint die Sonne hindurch und du siehst, da ist noch ein Streifen. Und schon musst du wieder von vorn anfangen."

Kopfüber Geländer putzen

Christian reinigt bereits seit sieben Jahren die Scheiben des Reichstagsgebäudes. Für die Ausbildung hatte er sich damals vor allem deshalb entschieden, weil man so viel herumkommt und Orte sieht, zu denen man sonst keinen Zugang erhält, wie beispielsweise das Büro von Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert (CDU/CSU). Dessen Scheiben hat Christian auch schon bearbeitet.

Doch nicht nur in Hinsicht auf den Arbeitsplatz ist der Beruf abwechslungsreich. Um beispielsweise die verglasten Treppengeländer zu reinigen, ist es manchmal nötig, kopfüber zu arbeiten. "Das muss man als Gebäudereiniger schon abkönnen", sagt Christian und ich jubele im Stillen, dass mir das heute erspart bleibt.

Unfallfreies Kuppelputzen

Die Reinigung der Kuppel ist für Christian immer etwas Besonderes, vor allem aufgrund der frischen Luft, der schönen Aussicht und der guten Zusammenarbeit mit den Teammitgliedern. Denen ist übrigens in all der Zeit noch nie ein Unfall passiert. Die größten Missgeschicke geschehen immer wieder den Lehrlingen, die ihre Eimer umschmeißen und somit ungewollt den Fußboden mit reinigen.

Streifenfreier Reichstag

Deshalb weist Christian mich auch darauf hin, meinen Eimer immer dort zu platzieren, wo ich ihn nicht übersehen kann. "Sonst hat man unter Umständen plötzlich mal einen nassen Fuß." An meiner letzten Station im Inneren des Gebäudes lerne ich noch ein anderes Hilfsmittel kennen: eine Stange, die das Verteilen und Abziehen des Wassers an höher gelegenen Stellen ermöglicht. Zu meiner großen Freude wird hier statt von rechts nach links von oben nach unten gewischt – eine Technik, die mir augenscheinlich besser liegt.

Nachdem ich auch im Inneren des Gebäudes für strahlenden Glanz gesorgt habe, ist es Zeit sich zu verabschieden. Die Hände werden getrocknet und ich steige wieder in den Aufzug. Auf dem Weg nach unten stelle ich zum ersten Mal fest, wie viele Glasscheiben es doch im Reichstagsgebäude gibt. Alle sauber. Und ganz ohne Streifen.

Weitere Beiträge zu: Reichstagsgebäude, Hinter den Kulissen.

Kommentare

 

Hildegard Schneider schrieb am 21.08.2013 21:48

Sehr lustiges Video. Wenn man etwas über die Arbeit der Brigade erfahren will, die für Durchblick in und aus dem Reichstag sorgt, ist der Artikel sehr informativ und unterhaltsam.

 

 

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