Früher standen auf der Wunschliste der Heranwachsenden meist nur Puppen, Pferde, Spielzeugautos und Bausteine. Heute sind es außerdem Computer, PC-Spiele und Internet. Die Nutzung neuer Medien ist "in". In der heutigen Gesellschaft sind sie nicht mehr wegzudenken. Doch was ist, wenn das neue Medium süchtig macht, soziale Beziehungen darunter leiden und virtuelle Welten der realen vorgezogen werden? "Onlinesucht" heißt das neue Problem in der medienabhängigen Gesellschaft von heute. Der Ausschuss für Kultur und Medien des Bundestages hat in einer öffentlichen Anhörung am 9. April 2008 Expertenmeinungen eingeholt, um über politische Handlungswege zu beraten. mitmischen.de war dabei...
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Die ExpertenOb als Informationsquelle für das Weltgeschehen, zur beruflichen Recherche, zum Kaufen von Musik und Büchern oder einfach nur zum Spielen – das Internet gehört fest zum Alltag. Bereits 81 Prozent der Kinder zwischen sechs und 13 Jahren nutzen den Computer, das besagt die KIM-Studie 2006 vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest, der die Nutzung der Medien im Alltag von Kindern erforscht. Das Surfen im Internet vom heimischen Computer aus ist für die Jugendlichen heute selbstverständlich. 95 Prozent der Haushalte, in denen 12- bis 19-Jährige aufwachsen, sind ans Internet angeschlossen. Knapp die Hälfte hat sogar im eigenen Zimmer einen Internetzugang. Zu diesen Ergebnissen kommt die JIM-Studie 2007, die seit 1998 das Medienverhalten Jugendlicher untersucht.
Das Internet gilt wahrlich als Bereicherung für die informationsbasierte Gesellschaft. Aber es kann auch abhängig machen: Etwa drei bis sechs Prozent aller Internetnutzerinnen und -nutzer gelten als onlinesüchtig. So heißt es zumindest in einer Studie des Psychiaters Bert te Wildt von der Medizinischen Hochschule Hannover. Die Teilnahme an Chats, Onlinespielen oder der Konsum von Pornografie im Internet nimmt nach Angaben der Suchtberatungsstellen zu.
Anonyme Belohnung
Ab wann ist man onlinesüchtig? Diese Frage ist noch nicht eindeutig geklärt. Denn obwohl das Problem bereits seit Jahren bekannt ist, ist es in Deutschland kaum erforscht. Prof. Dr. Henning Scheich vom Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg ist einer der Experten, die dem Ausschuss für Kultur und Medien Rede und Antwort stehen. Er fordert psychologische Experimente, um festzustellen, was bei labilen Menschen zur Auslösung der Sucht führt. Klar sei, dass das Belohnungssystem eine große Rolle spielt - Wünsche würden schnell erfüllt und man bleibe anonym. Es gebe Spiele, die aufgrund ihrer Strukturen ein erhöhtes Suchtpotential haben, aber das seien nicht zwingend die oft kritisierten Egoshooter,
© dpa - Report/Kleefeldtstellt Prof. Dr. Hartmut Warkus vom Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Leipzig fest.
Wie bei jeder Sucht haben auch Onlinesüchtige Entzugserscheinungen, wenn sie nicht in dem Ausmaße im Internet agieren können, wie sie es wollen. Nervosität, Unruhe, Zittern oder Schlafstörungen können zum Beispiel Symptome sein. Leistungen in Schule und Beruf können abfallen, soziale Kontakte verringert und sonstige Hobbys komplett aufgegeben werden. Außerdem ist das Verlangen nach Aktivitäten im Internet so stark, dass Onlinesüchtige das Zeitgefühl verlieren.
Zeitvorgabe ist wichtig
Über Möglichkeiten der Onlinesucht vorzubeugen, gibt es bereits Kenntnisse. Warkus hält die Zeitreglementierung für wichtig. Viele Eltern seien froh, wenn sich der Nachwuchs allein am PC beschäftigt. Eltern müssten allerdings über die Gefahren einer übermäßigen Nutzung aufgeklärt werden, gleiches gelte für die Lehrerinnen und Lehrer. Viele Eltern wüssten nicht, dass es bei einigen PC-Spielen sogar möglich sei, zeitliche Begrenzungen zu setzen, sagt Diplom-Psychologe Klaus Wölfing von der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Mainz. Bei dem Online-Rollenspiel "World of Warcraft" können Eltern seit Ende 2005 festlegen, wie lange der Nachwuchs spielen darf - am Abend und am Wochenende können beispielsweise die Spielzeiten eingeschränkt werden.
Spezielle Therapie muss noch entwickelt werden
Eine mündliche Vorgabe von Eltern hält Expertin Gabriele Farke für schwierig. Kinder würden schnell aggressiv, wenn Eltern versuchen, ihrem PC-Konsum Einheit zu gebieten.
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Gabriele FarkeFarke, die selbst onlinesüchtig war, betreut im Verein "Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige" nun Menschen, die ihrer Sucht entkommen wollen. Um Betroffenen zu helfen, müssten Wochen- und Monatspläne erstellt werden, damit sie erkennen, wie viel Zeit sie im Internet verbringen. Es gebe noch keine spezielle Therapie für Onlinesüchtige, am nächsten würde allerdings die Esssucht-Therapie kommen, sagt Farke. Da aufgrund der etablierten Mediennutzung in der Gesellschaft niemandem der Computer und das Internet entzogen werden kann, muss Betroffenen ein verantwortungsvoller Umgang mit den neuen Medien nahegebracht werden.
Unterstützung bräuchten jedoch nicht nur die Betroffenen, sondern auch deren Angehörige. Diese hätten derzeit kaum Möglichkeiten, Rat zu suchen, kritisiert Farke. Insbesondere bei Onlinesexsüchtigen, die mehr als die Hälfte der Onlinesüchtigen ausmachen würden, bräuchten auch die Angehörigen dringend Hilfe, mit dem Problem fertig zu werden. Hinter Onlinesexsüchtigen verbergen sich meist junge männliche Studenten, die sich Befriedigung im Netz holen und oft nicht mehr in der Lage seien, Partnerinnen im realen Leben zu finden.
Forschung ist gefragt
Onlinesucht ist bisher noch nicht von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Krankheit anerkannt. Nach Angaben von Experte Wölfing gebe es nur vereinzelte Angebote für Therapeuten, die sich der Heilung dieses Krankheitsbildes annehmen wollen. Beides soll sich ändern, wenn es nach dem aktuellen Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen mit dem Titel "Medienabhängigkeit bekämpfen – Medienkompetenz stärken" geht. Hier wird unter anderem gefordert, das Krankheitsbild "Medienabhängigkeit" weiter zu erforschen und Beratungs- sowie Therapiemöglichkeiten auszubauen. Auch die Aufnahme in die Liste der WHO hält die Fraktion für wichtig. Derzeit wird der Antrag in den Ausschüssen beraten.
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Ralph Gassmann"Wir ahnen viel und wissen wenig", so fasst Dr. Ralph Gassmann von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen den derzeitigen Wissensstand in Bezug auf die Onlinesucht zusammen. Es müsse erstmal die Problematik definiert werden, damit festgelegt werden könne, in welche Richtung investiert werden soll. Die einhellige Meinung der Experten: Die Forschung muss noch einiges tun - Studien gibt es in Deutschland bisher zu wenig. Nach dieser Anhörung ist sich der Vorsitzende des Ausschusses Hans-Joachim Otto (FDP) jedoch sicher, dass die Experten die Problematik verdeutlicht haben und stellt fest: "Wir wissen mehr von dem, was wir geahnt haben".