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Vom 22. bis 27. Januar 2010 kommen 80 Jugendliche zur Jugendbegegnung zusammen, zu der der Deutsche Bundestag seit 1997 anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus einlädt. In diesem Jahr beschäftigen sich die Jugendlichen mit dem Thema "Krieg, Besatzung, Völkermord - Polen nach dem deutschen Überfall 1939-1945". In Polen besuchen die jungen Frauen und Männer das ehemalige Vernichtungslager Treblinka. In Warschau besichtigen sie das Museum des Warschauer Aufstandes, das Institut für Nationales Gedenken und das Jüdische Historische Museum. Zurück in Berlin nehmen sie an der offiziellen Gedenkstunde im Plenarsaal des Bundestages teil und diskutieren anschließend mit dem Bundestagspräsidenten Prof. Dr. Norbert Lammert und dem Zeitzeugen Prof. Feliks Tych. Mit welchen Erwartungen blicken die Jugendlichen auf diese kommenden Ereignisse? mitmischen.de war bei ihrem ersten Treffen am Freitag, dem 22. Januar 2009, dabei.
Ein lautes Stimmengewirr ist schon von weitem zu hören. Es stammt vom ersten Kennenlernen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Damit möglichst viele Jugendliche in kurzer Zeit miteinander ins Gespräch kommen, läuft eine Art "Speed-Dating“. Die Jugendlichen stehen sich in einem Kreis gegenüber und haben eine Minute Zeit für die wichtigsten Fragen: Wo kommst du her? Gehst du noch zur Schule? Wo engagierst du dich? Die Jugendlichen kommen nicht nur aus unterschiedlichen Ecken Deutschlands, sondern auch aus Frankreich, Polen und Tschechien. Nach einer Minute klingelt eine Glocke, alle bewegen sich einen Schritt weiter zur nächsten Begegnung.
Erste Eindrücke
"Ich freue mich auf das Programm und auf die verschiedenen Leute“, erzählt Johanna, die aus Polen angereist ist. Dort absolviert die 19-Jährige in Kreisau ihr Freiwilliges Soziales Jahr in einer Jugendbegegnungsstätte, wo sie deutsch-polnische Jugendbegegnungen begleitet. "Hier sind viele engagierte Leute, die sich für das Thema interessieren - das ist in unserer Generation ja eher selten“, beschreibt Jonas seinen ersten positiven Eindruck. Der 19-jährige Schüler engagiert sich in einer selbst gegründeten Arbeitsgemeinschaft "Schule und Rassismus“. Niklas ist über die Teilnahme an einem Schreibwettbewerb zur Jugendbegegnung gekommen. Der Zivildienstleistende empfindet es als Ehre, während der Gedenkstunde im Plenarsaal dabei sein und im Anschluss mit Bundestagspräsident Norbert Lammert diskutieren zu dürfen. Besonders gespannt ist er auf die Rede vom israelischen Staatspräsidenten, dessen Biografie er im Vorfeld gelesen hat.
Einführung ins Thema
Nach dem Kennenlernen im Schnelltempo steht eine kurze Einführung in das Thema auf dem Programm. Der Historiker Wolfgang Kaiser zeigt an einem Beispiel, dass auch Polizisten in Polen im Einsatz waren. Zu den Aufgaben der Polizisten gehörte unter anderem das Bewachen von Lagern, die Absperrung von Ghettos oder die Überwachung von Zwangsarbeit. Deutsche Polizisten haben also auch die Züge in das Vernichtungslager Treblinka oder das Lager selbst bewacht, in dem innerhalb eines Jahres fast eine Million Menschen ermordet wurden - und das die Jugendlichen in Kürze besichtigen werden. Anders als in Auschwitz ist das Lager selbst nicht erhalten geblieben, aber eine Gedenkstätte wurde errichtet. "Es ist erschreckend, aber viele der Täter waren ganz normale Männer, die nach dem Krieg in ihr normales Leben zurückkehrten“, schließt der Historiker die Einführung, die nachdenklich stimmt.
Austausch in Kleingruppen
Um die Eindrücke während der Jugendbegegnung zu besprechen und Themen zu vertiefen, teilt sich die 80-köpfige Gruppe in sechs Kleingruppen. Dort können sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den nächsten Tagen immer wieder austauschen. Das erste Zusammenkommen in Kleingruppen dient der Vorbereitung der nächsten Tage. Die Jugendlichen diskutieren in Tischgruppen von vier bis fünf Leuten Wünsche, Anregungen und Erwartungen. Nach zehn Minuten mischen sich die Tischgruppen neu. Die erste Frage: Was ist euch durch den Kopf gegangen, als ihr euch auf dem Weg zur Jugendbegegnung gemacht habt? "Ich hab mich gefragt, welche Persönlichkeiten ich wohl treffen werde, und bin gespannt, was ich noch über die Geschichte lernen werde“, erzählt eine Teilnehmerin.
"Beklemmendes Gefühl"
Einige Jugendliche arbeiten in Gedenkstätten, für andere wird der Besuch in Treblinka der erste Besuch eines ehemaligen Vernichtungslagers sein. Für die meisten ist es die erste Reise nach Warschau. "Im Gegensatz zu Auschwitz weiß man wenig über Treblinka“, ist man sich einig. "Ich geh da mit einem beklemmenden Gefühl rein“, sagt Niklas und kann sich noch nicht genau vorstellen, wie es dort wirklich aussehen wird. "Ich bin gespannt, wie ich selbst reagiere, wenn wir Treblinka besuchen werden“, sagt ein Teilnehmer. "Es werden ganz schön lange Tage“, bemerkt ein anderer mit Blick auf das pralle Programm. Allgemein herrscht erwartungsvolle Spannung auf die Gespräche mit den Zeitzeugen, denn die Jugendlichen sind sich über diese besondere Möglichkeit bewusst . "Wir sind die letzte Generation, die mit Zeitzeugen spricht“, bemerkt Niklas.
Viele Fragen
Zuletzt beraten die Kleingruppen, welche Themen sie während der Jugendbegegnung gern vertiefen möchten. Viele Fragen kommen auf, zum Beispiel: Wie sah der Besatzungsalltag der polnischen Bevölkerung aus? Wie wurde in Polen die Geschichte aufgearbeitet, wie gedenkt man dort? Wie ist das deutsch-polnische Verhältnis? Wie steht es mit dem Antisemitismus in Polen? Jonas findet, dass der Angriff auf Polen in deutschen Geschichtsschulbüchern oft nur oberflächlich dargestellt wird. Nun will er die polnische Sicht auf die Vergangenheit kennenlernen: "Ich bin gespannt auf die andere Perspektive.“