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Bericht // Gedenkstunde im Bundestag

Der moralische Kompass

Shimon Peres bei seiner Rede im Deutschen Bundestag © DBT/ FrierDer israelische Staatspräsident Schimon Peres während der Gedenkstunde des Bundestages.



Bundestagspräsident Norbert Lammert hat in der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus versichert, dass die Deutschen das Geschehene nie vergessen werden: „Wir wissen um die Verpflichtung, jede Form von Hass, Intoleranz, Diskriminierung, Ausgrenzung und Antisemitismus entschieden zu bekämpfen.“


Hochrangiger Gastredner der Gedenkstunde ist in diesem Jahr der israelische Staatspräsident Schimon Peres. Peres wurde 1923 in Wischnewa im heutigen Weißrussland geboren. 1934, als Shimon Peres elf Jahre alt war, wanderte die Familie nach traumatischen Erlebnissen nach Tel Aviv aus.

Glühende Asche und Rauch
Peres berichtet in seiner Rede, die er auf Hebräisch hält, nicht nur von der einzigartigen Freundschaft zwischen Israel und Deutschland, sondern auch von seinen ganz persönlichen Erinnerungen. Er berichtet etwa von seinem Großvater, einem würdevollen und schönen Mann, dessen Lieblingsenkel er gewesen sei. In seiner Erinnerung sieht er den geliebten Großvater Rabbi Zwi Meltzer, in einen Gebetsmantel gehüllt beim Gebet. Als die Familie auswanderte, kam der Großvater zum  Abschied auf den Bahnsteig, umarmte seinen Enkel überschwänglich und gab ihm die Worte "Mein Kind, bleib immer ein Jude!" mit auf den Weg. Mit dem Großvater hatte Shimon gemeinsam gebetet und in der Thora, der heiligen Schrift des Judentums, gelesen. "Ich blickte meinem Großvater durchs Fenster nach, bis seine Gestalt verschwand. Es war das letzte Mal, dass ich ihn sah". Später befohlen die Nazis alle Juden des Ortes in die Synagoge. Der Großvater ging als erster hinein, eingehüllt in seinen Gebetsmantel. Die Türen wurden von draußen verriegelt, das Holzgebäude angezündet. Vom Großvater, weiteren Familienangehörigen und allen anderen Juden des Ortes blieben nur "glühende Asche und Rauch". Keiner hat überlebt.

Persönliches Schicksal und akademische Analyse
Auch Prof. Feliks Tych, der wie Peres als Gastredner der Gedenkstunde in den Bundestag gekommen ist, teilt in seiner Rede seine Erinnerungen. In der Person des polnischen Historikers "treffen sich die Dimensionen von persönlichem Schicksal und akademisch-distanzierter Analyse", sagt Bundestagspräsident Lammert. Tych berichtet von seinen eigenen Erfahrungen: "Als Deutschland den Krieg begann, war ich zehn. Am 1. September 1939 sollte mein fünftes Schuljahr beginnen, doch bis zum Ende der Besatzung ging ich nicht mehr zur Schule. Das Dritte Reich hatte mit jüdischen Kindern anderes vor." Wenig später wurde die Familie zwangsumgesiedelt.  In einem kleinen Teil der Stadt lebten alle Juden fortan im Getto. Deutsche und polnische Polizisten bewachten die Gettogrenzen. Die Eltern, die im September 1942 ahnten, dass eine große "Aktion" gegen Juden anstand, schickten Feliks als jüngstes ihrer Kindern nach Warschau. Mit gefälschten Papieren und als angebliches Waisenkind wuchs er bei einer ehemaligen Lehrerin auf. Eltern, Geschwister, Neffen und Nichten wurden im Vernichtungslager Treblinka ermordet. 

Deformierte moralische Normen
"Erst nach dem Krieg konnte ich - wie alle anderen Überlebenden auch - das wahre Ausmaß der Katastrophe erkennen", sagt Tych in seiner Rede. Wer überlebt hatte, stand vor der Frage, ob er in Polen bleiben sollte oder nicht. Viele Überlebende, berichtet Tych, waren in Polen nicht willkommen. "Die Walze des Holocaust hatte ihre unverkennbaren Spuren hinterlassen: Die moralischen Normen großer Bevölkerungsgruppen waren deformiert." Das beträfe auch die Polen selbst, sagt Tych. Der Holocaust sei vor allem als deutscher Völkermord wahrgenommen worden, "was für eine Reihe von Ländern bequem gewesen sei". Tych forscht deshalb zu einer "integrierten Sichtweise" auf den Holocaust. Für ihn ist es "kein Geheimnis", dass ein Teil der Bevölkerung in Polen in den Völkermord verwickelt war - als Täter und Profiteure, aber auch als Zuschauer oder Gleichgültige.

Mordmaschine
Von Gleichgültigkeit und Schweigen hatte auch Peres zuvor gesprochen. Wie konnte der Völkermord in diesen Ausmaßen geschehen? Noch drei Jahre vor der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 hatten in der Villa am Wannsee hochrangige Offiziere und Beamte die "Endlösung der Judenfrage" geplant. Wie konnte die Mordmaschine tagein-tagaus, jahrelang weiterarbeiten? Der Gedenktag, so Peres, symbolisiere "nicht nur die Erinnerung an die Ermordeten, sondern auch die Tragödie des Versäumnisses".

Wie böse kann der Mensch sein?
Der Holocaust, sagt Peres,  werfe schwierige Fragen zur tiefsten Seele des Menschen auf. Wie böse kann der Mensch sein? Zu welchen Gräueltaten ist er fähig? Wie kann er seinen moralischen Kompass abstellen, die Logik lähmen? Die bedeutendste aller Lehren sei schlicht "nie wieder". Nie wieder Rassenlehre, nie wieder ein Gefühl von Überlegenheit, eine angeblich gottgegebene Berechtigung zur Hetze: "Nie wieder dürfen blutrünstige Diktatoren ignoriert werden, die sich hinter demagogischen Masken verbergen und mörderische Parolen von sich geben."

Verantwortung der Weltgemeinde
Bundestagspräsident Lammert hatte zu Beginn der Gedenkstunde die Mitverantwortung Deutschlands für den Staat Israel betont: "Wo sein Existenzrecht und die Sicherheit seiner Bevölkerung bedroht sind, wo das Recht, in sicheren Grenzen zu leben, gefährdet ist, gibt es für uns Deutsche keine Neutralität.“ Mit Blick auf den Iran hatte Lammert außerdem gesagt: "Ein atomar bewaffneter Staat in seiner Nachbarschaft, geführt von einem offen antisemitisch orientierten Regime, ist nicht nur für Israel unerträglich. Die Weltgemeinschaft darf eine solche Bedrohung nicht dulden.“

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Shimon Peres

Shimon Peres wurde 1923 in Wischnewa im heutigen Weißrussland geboren. 1934 wanderte er mit seiner Familie nach Palästina aus. Shimon Peres wurde 1959 Abgeordneter der Knesset, des israelischen Parlaments. Von 1977 bis 1992 und von 2003 bis 2005 war er Vorsitzender der israelischen Arbeitspartei. Dreimal war er israelischer Ministerpräsident, seit 2007 ist er Präsident des Landes. 1994 erhielt er zusammen mit Jassir Arafat und Jitzchak Rabin den Friedensnobelpreis.

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Feliks Tych

Prof. Dr. Feliks Tych wurde 1929 in Warschau geboren und wuchs in Radomsko bei Łódź auf, wo sein Vater eine Metallfabrik besaß. Seine Eltern und Geschwister wurden im Vernichtungslager Treblinka ermordet, er selbst überlebte mit gefälschten Papieren. 1970 wurde er außerordentlicher, 1982 ordentlicher Professor für Geschichtswissenschaft. Nach 1990 nahm er mehrfach Gastprofessuren an deutschen Universitäten wahr. Von 1995 bis 2007 leitete er das Jüdische Historische Museum in Warschau.


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