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Bericht // Jugendbegegnung 2010

Wissen als Warnung

Feliks Tych, Gesine Schwan, Norbert Lammert und Teilnehmerinnen der Jugendbegegnung bei der Podiumsdiskussion © DBT/Menzel

"Es gab viele bewegende Eindrücke", blickt Johanna auf die letzten Tage zurück. Ein volles Programm liegt hinter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Jugendbegegnung 2010. Niklas hat die Reise zum ehemaligen Vernichtungslager Treblinka besonders beeindruckt, Jonas bewegte die Gedenkstunde im Plenarsaal, vor allem die Rede von Israels Staatspräsident Shimon Peres. Abschließend können die Jugendlichen in einer Podiumsdiskussion ihre Eindrücke mit dem Zeitzeugen Prof. Feliks Tych diskutieren. Bundestagspräsident Prof. Norbert Lammert begrüßt die Jugendlichen und beantwortet einige Fragen, bevor er zurück in den parlamentarischen Alltag muss: Zur Regierungserklärung der Bundeskanzlerin zum Thema Afghanistan kehrt er zurück in den Plenarsaal.


"Erinnerungskultur ist genauso eine staatliche wie eine gesellschaftliche Aufgabe. Das eine ist so wichtig wie das andere“, antwortet Lammert auf die Frage nach der Verantwortung des Staates für das Gedenken. Authentische Orte seien wichtig, aber auch Orte ohne konkreten historischen Bezug wie das Holocaust-Mahnmal in Berlin zeigten Wirkung, so Lammert. Zum Thema "Erinnerungskultur ohne Zeitzeugen“ verweist er auf eine vergangene Gedenkstunde, in der eine Schauspielerin Texte der Zeitzeugin Lenka Reinerová vorgelesen hatte, weil diese die Reise nach Berlin nicht mehr antreten konnte. Dies sei "eine tröstliche Erfahrung“ gewesen. Bücher und Filme könnten in der Erinnerungskultur eine Rolle spielen. "Auf die Erinnerungskultur in 30, 40 oder 50 Jahren habe ich keinen Einfluss mehr, aber Sie“, wendet sich Lammert an die jungen Leute.

Plädoyer für das Wissen
Herzlich dankt Lammert Feliks Tych für seine Rede in der Gedenkstunde. "Vielleicht haben wir heute die mutigste Rede im Bundestag gehört“, sagt Lammert. Der Zeitzeuge und Historiker Feliks Tych hatte in seiner Rede die Mittäterschaft am Holocaust in anderen europäischen Ländern angesprochen. Ein Teilnehmer fragt, welche Verantwortung er diesen Ländern zuschreibt. "Ich plädiere nicht so sehr für Verantwortung als für das Wissen“, betont Tych. Am wichtigsten sei, dass Schülerinnen und Schüler in den jeweiligen Ländern lernen, dass so etwas in ihren Ländern mit ihrer Bevölkerung passierte.

Deutsche nie abgeschrieben
Ein Jugendlicher erkundigt sich nach der Rolle Österreichs, da er auf der Reise erfahren habe, dass viele Lager-Kommandeure in Polen Österreicher waren. "Ich spreche stets vom deutsch-österreichischen Mord an den polnischen Juden, aber ich bin wahrscheinlich der Einzige, der das sagt“, erklärt Tych. Er lobt, dass Österreich gerade in den letzten Jahren seine Mittäterschaft aufarbeitet. Und seine Beziehung zu den Deutschen? "Ich war nie der Meinung, dass man eine ganze Nation abschreiben kann“, sagt Tych. Aber natürlich habe er als Kind gehasst, als er Deutsche gesehen hat, die in Warschau auf Menschen schossen. Später hatte er in Deutschland, wo er als Gastprofessor lehrte, keine Probleme, nur bei den älteren Menschen sei er vorsichtig gewesen.

Friedhof aus Steinen
Auch die Frage der jüdischen Identität interessiert die Jugendlichen: "Fühlten sich die Juden damals als Polen mit jüdischen Glauben oder als Juden?“ "Das war unterschiedlich. Vor dem Krieg haben sich viele Juden als polnische Bürger betrachtet, Polen war ihr Land. Die Zeit in den Gettos hatte jedoch fatale Folgen für das Verhältnis zwischen Juden und Polen“, erklärt Tych. Die Jugendlichen berichten Tych von ihrem Besuch in Treblinka: "Wir fanden nichts als Steine. Diese Leere weckte Emotionen.“ Tych erklärt, dass die Gedenkstätte von Anfang an nicht als Museum, sondern als Denkmal gedacht war. Mit diesem Denkmal wurde ungefähr 20 Jahre nach dem Krieg erstmals in Polen ein Denkmal für ermordete Juden gesetzt. "Ist Treblinka für Sie ein Friedhof?“, fragt eine Teilnehmerin und Tych bejaht. Seine Eltern, Geschwister, Neffen und Nichten wurden im Vernichtungslager Treblinka ermordet. Er selbst überlebte, weil eine Frau ihn bei sich aufnahm.

Wunsch an die Jugend
"Was würden Sie sich von uns Jugendlichen in Deutschland wünschen?“, fragt eine Teilnehmerin. "Man darf nicht vergessen“, betont der Zeitzeuge noch einmal die Bedeutung von Wissen und Bildung über den Holocaust. Mit Blick auf wachsenden Antisemitismus fügt er hinzu: "Sie sollten es nicht nur nicht vergessen, sondern auch als Warnung betrachten.“

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Feliks Tych

Prof. Dr. Feliks Tych wurde 1929 in Warschau geboren und wuchs in Radomsko bei Łódź auf, wo sein Vater eine Metallfabrik besaß. Seine Eltern und Geschwister wurden im Vernichtungslager Treblinka ermordet, er selbst überlebte mit gefälschten Papieren. 1970 wurde er außerordentlicher, 1982 ordentlicher Professor für Geschichtswissenschaft. Nach 1990 nahm er mehrfach Gastprofessuren an deutschen Universitäten wahr. Von 1995 bis 2007 leitete er das Jüdische Historische Museum in Warschau.


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