© DBT/ SchmidtDas Mahnmal der Gedenkstätte Treblinka erinnert an die Menschen, die im ehemaligen Vernichtungslager ermordet wurden.
Vom 22. bis 27. Januar 2010 kamen 80 Jugendliche zur internationalen Jugendbegegnung zusammen, zu der der Deutsche Bundestag seit 1997 anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus einlädt. In diesem Jahr beschäftigten sich die Jugendlichen mit dem Thema "Krieg, Besatzung, Völkermord - Polen nach dem deutschen Überfall 1939-1945". Teilnehmerin Anita Groth (18) fasst ihre Eindrücke in einem Erlebnisbericht zusammen.
Bereits am Tag der Ankunft wurde deutlich, mit welchem Eifer und Engagement die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dabei waren, anregende Diskussionen zu führen, internationale Sichtweisen und Meinungen über Erinnerungskultur zu erfahren. Am Samstag, dem 23. Januar 2010, fuhren wir in aller Frühe nach Warschau. Durch erste Kennenlerngespräche und das gemeinsame Interesse, geschehene Verbrechen des Zweiten Weltkrieges nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, fanden wir leicht einen Draht zueinander.
Zeitzeugen des Warschauer Aufstandes
Wir besuchten das Museum des Warschauer Aufstandes von 1944, das den dreimonatigen Kampf um die Freiheit der Polen und das damit verbundene Leid verdeutlicht. Während des Warschauer Aufstandes starben rund 150.000 polnische Zivilisten. Der Aufstand wurde durch die deutschen Besatzer niedergeschlagen und Warschau nach diesem Ereignis nahezu vollkommen zerstört. Im Museum nahmen wir an einem Zeitzeugengespräch teil, bei dem ehemalige Partisanen über ihre Erlebnisse und ihre Sicht auf die damalige Zeit und das heutige Europa erzählten. So auch Frau Broszkowska-Piklikiewicz. Sie machte deutlich, wie aussichtslos es damals erschien, an ein freies Polen zu glauben. Doch sehnten sich alle nach dem Ende der Unterdrückung und kämpften mit Hoffnung und Optimismus für die Freiheit Polens.
Kälte in Treblinka
Der darauffolgende Tag führte uns nach Treblinka zum ehemaligen Vernichtungslager, wo von Juli 1942 bis August 1943 schätzungsweise mehr als eine Million Menschen, darunter 900 000 Juden, ermordet wurden. An diesem Tag war es eisig kalt. Wir teilten uns in zwei Gruppen. Die erste Gruppe machte sich auf den Weg durch das ehemalige Lager, von dem heute nichts mehr übrig ist. Wir fanden bloß Waldfläche und einen Gedenkplatz mit unzähligen Steinen vor, die für die ermordeten Menschen und Religionsgemeinschaften standen, denen Leid angetan wurde. Leid, welches heutzutage kaum nachvollziehbar ist. Wir harrten in der Kälte aus und jeder fragte sich, wie ein Mensch seinen Mitmenschen derartige Grausamkeiten antun könne.
Die deportierten Juden mussten sich ausziehen, durch den "Schlauch" gehen - das war der Weg zu den Gaskammern, der geradewegs in den Tod führte - und auf ihre Ermordung warten. Jüdische Zwangsarbeiter waren gezwungen, ihre eigenen Familien in Massengräbern zu verscharren und für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen. Bereits nach zwei Stunden kamen die nächsten zu tötenden Menschen an die Reihe. Dieses Wissen machte uns sprachlos. An der Gedenkstätte Treblinka besuchte die zweite Gruppe ein Haus, in dem ein Modell des Lagers gezeigt wurde.
Fragen der Reise
Dieser Tag warf Fragen auf, die uns die ganze Reise beschäftigten: Wie wird mit dem Gedenken an die ermordeten Juden und Zivilisten in Polen umgegangen? Sollte Deutschland finanzielle Unterstützung für Gedenkstätten wie Treblinka leisten? In einer späteren Diskussion hat der Wissenschaftler und Zeitzeuge, Prof. Dr. Feliks Tych, uns erklärt, dass Treblinka ein Denkmal oder aus seiner Sicht ein Friedhof sei. Fragen, auf die wir ohne die internationale Jugendbegegnung niemals Antworten bekommen hätten.
Archiv des Warschauer Gettos
Am Montag besuchten wir das Institut für Nationales Gedenken, wo wir mit Prof. Dr. Jerzy Eisler und Dr. Pavel Kosinski sprachen. Wir informierten uns im Deutschen Historischen Institut über Deutschlands Krieg gegen Polen und den Besatzeralltag in Warschau. Die heutigen deutsch-polnischen Beziehungen wurden uns in der Deutschen Botschaft näher erklärt. Zudem lernten wir Neues über das Ringelblum-Archiv und dessen Gründer, den jüdischen Historiker Emanuel Ringelblum, welcher selbst im Warschauer Getto lebte. Dieses Archiv wurde nach dem Krieg unter den Trümmern Warschaus durch überlebende Mitarbeiter der Untergrundorganisation ausfindig gemacht und beinhaltet zehn Blechkisten sowie zwei Milchkannen gefüllt mit Archivalien aus dem Warschauer Getto, die die bedeutendsten Einzelquellen für die Geschichte der polnischen Juden während des Krieges sind. Anschließend gab es eine Führung durch das ehemalige Warschauer Getto. Heute ist von ihm so gut wie nichts mehr zu sehen oder zu spüren.
Lehrreiche Begegnung
Am letzten Tag hatten wir schließlich die Ehre, an der offiziellen Gedenkfeier im Deutschen Bundestag teilzunehmen und zusammen mit den Abgeordneten der Rede des israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres und des Holocaust- Überlebenden Feliks Tych zu lauschen. Peres appellierte an uns Jugendliche, sich nie andere Ziele als "Frieden, Versöhnung und Liebe" zu setzen. Nach einer anschließenden Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Feliks Tych, Prof. Dr. Norbert Lammert und der Moderatorin Prof. Dr. Gesine Schwan ging auch dieser letzte lehrreiche Tag zu Ende. Wir verabschiedeten uns in der Gewissheit, erkannt zu haben, dass wir diejenigen sind, die unsere Erfahrungen der letzten Tage an die Menschen in unserem Umfeld weitergeben müssen. Wir sind diejenigen, die nicht wegschauen oder verdrängen sollten. Solche Verbrechen dürfen nicht wieder geschehen. Wir können Geschehenes nicht rückgängig machen, aber wir können aus der Vergangenheit lernen.
Vorbild sein
Mahatma Gandhi sagte einmal: "Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“ Wenn andere ihre Augen vor diesen Verbrechen und dem heutigen Antisemitismus verschließen, dürfen wir uns nicht entmutigen lassen und aufgeben. Wir sollten mit bestem Beispiel vorangehen und Vorbild sein - jeder Einzelne ein Vorbild für eine wirksame Erinnerungskultur. Wie Tych es ausdrückte, unser Wissen und unsere Bildung über den Holocaust sei eine Warnung. Dabei dachte er an den wachsenden Antisemitismus. Wir dürfen es nicht dazu kommen lassen, dass sich Völkermord in Zukunft wiederholt. Denn wenn wir uns diese Mühe nicht machen, wer dann?