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Erlebnisbericht // Jugendbegegnung 2010

Gedenken international denken

Teilnehmer der Jugendbegegnung 2010. © DBT/ S. Schmidt
Vom 22. bis 27. Januar 2010 kamen 80 Jugendliche zur Jugendbegegnung zusammen, zu der der Deutsche Bundestag seit 1997 anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus einlädt. In diesem Jahr beschäftigten sich die Jugendlichen mit dem Thema "Krieg, Besatzung, Völkermord - Polen nach dem deutschen Überfall 1939-1945". In Polen besuchten die jungen Frauen und Männer das ehemalige Vernichtungslager Treblinka. In Warschau besichtigten sie das Museum des Warschauer Aufstandes, das Institut für Nationales Gedenken und das Jüdische Historische Museum. Zurück in Berlin nahmen sie an der offiziellen Gedenkstunde im Plenarsaal des Bundestages teil. Teilnehmer Jonas Fegert
(19) aus Berlin schildert seinen persönlichen Eindruck der erfahrungsreichen Tage.

Ich möchte einen kleinen Einblick geben, über welche Themen wir innerhalb der Arbeitsgruppen, in denen wir uns in kleineren Runden der Thematik näherten, sprachen, diskutierten und stritten: Aus fünf verschiedenen Nationen bestand meine Arbeitsgruppe. Die verschiedenen Herkünfte brachten verschiedene Blickwinkel auf die Geschichte mit sich. Nachdem wir tagsüber viel Neues erfuhren, trafen wir uns abends, um das Geschehene zu reflektieren.

Wie soll Geschichte vermittelt werden?
So besuchten wir gleich am ersten Tag ein Museum über den Warschauer Aufstand. Der pädagogische Ansatz des Museums ist es, die Geschichte begreifbar und greifbar zu machen. Dies vermittelt das Museum zum Beispiel wie folgt: Geht man durch die Ausstellung, dröhnen von allen Seiten die Geräusche von Flugzeugen und Bombenangriffen. Um das Leben im Untergrund besser zu verstehen, gibt es dort auch einen nachgebauten Abwasserschacht, den man auf allen Vieren durchqueren kann. Die Frage ist, ob solch ein Konzept - das meiner Meinung nach eher dem eines Erlebnisparks ähnelt - dem historischen Ereignis des Warschauer Aufstands gerecht wird. Einige aus unserer Arbeitsgruppe fanden das Konzept gut, da auf diese Weise Geschichte nicht trocken vermittelt wird, sondern leicht verständlich ist. Meiner Ansicht nach darf es jedoch nicht der primäre Anspruch der Geschichtspädagogik sein, zu unterhalten.

Ausklammern der Shoah
Polen hat viel Leid in der Geschichte erfahren - von deutscher, sowie von sowjetischer Seite. Das darf meiner Meinung nach allerdings nicht dazu führen, dass diese beiden Gewaltsysteme gleichgesetzt werden. Der Leiter des Instituts für Nationales Gedenken, Jerzy Eisler, hat dies zu meinem Entsetzen getan: "Man kann die Verbrechen der beiden Systeme gut vergleichen, wenn man die Shoah ausklammert", erklärte uns Eisler. Im Folgenden erwähnte er nicht mehr die Shoah und redete auch nicht über die Konzentrations- und Vernichtungslager. In diesem Institut hätte ich eine derart fatale Ausblendung nicht erwartet. Ob man so argumentieren kann und wo die Unterschiede zwischen "vergleichen" und "gleichsetzen" liegen, haben wir auch in unserer Gruppe erörtert.

Gedenken in Polen
Summa summarum schien es mir, als kreise das polnische Gedenken hauptsächlich um die polnischen Opfer und vernachlässige dabei die jüdischen Opfer. So mussten beispielsweise Historiker in Polen dafür kämpfen, dass auf Gedenktafeln gezeigt wurde, dass Menschen aufgrund der Tatsache, dass sie Juden und nicht, dass sie Polen waren, ermordet wurden. Der ehemalige Leiter des Jüdischen Historischen Instituts, Professor Feliks Tych, bezeichnete dies als einen "Wettbewerb um den Opferstatus".

Erinnern in Treblinka
In Treblinka - dem Vernichtungslager, in dem so viele Menschen ermordet wurden - hätte ich einen angemessenen Ort des Gedenkens erwartet. Vielleicht ein Museum, das Bildungsarbeit leistet und umfassend informiert. Doch was ich vorfand, war leider genau das Gegenteil. Ein Museum, das lediglich über zwei kleine Räume verfügt. Es mangelt an fast allem: an Personal und politischer sowie finanzieller Unterstützung. Doch selbst dieses Museum gibt es erst seit drei Jahren, ermöglicht durch eine großzügige private Spende. Für mein Empfinden tut die polnische Regierung zu wenig für die Erinnerung und Aufarbeitung. Aber auch die deutsche Regierung ist meiner Ansicht nach in der Pflicht, Polen zu helfen, Unterstützung zu leisten und zu zeigen, welche Konzepte der Erinnerungskultur es gibt. Nur so kann erreicht werden, dass Gedenken und Erinnern auch und gerade an die jüdischen Opfer in Polen die Beachtung findet, die es verdient.

Kaddisch-Gebet im Deutschen Bundestag
Zurück in Berlin stand uns noch ein sehr ereignisreicher Tag bevor, der den Höhepunkt der Begegnung markierte: Wir nahmen an der Gedenkstunde des Bundestages teil und durften mit den Abgeordneten und der Bundesregierung im Plenarsaal Platz nehmen. Der Bundestagspräsident Norbert Lammert hielt eine Begrüßungsrede. Darauf folgte eine sehr bewegende Rede von Shimon Peres. Ich empfand es als eine sehr große Geste, dass Peres im Reichstagsgebäude der ermordeten Juden mit dem Kaddisch-Gebet, einem wichtigen Gebet des Judentums, gedachte.

Eindrucksvolle Rede
Shimon Peres sprach sehr offen und mit autobiografischen Bezügen. So beschrieb er zum Beispiel seinen Großvater, den Rabbi Zwi Meltzer, der in seiner Synagoge von den Nationalsozialisten umgebracht wurde und sprach so über seinen ganz persönlichen Verlust und seine Trauer. Er betonte die Verantwortung der Anwesenden, sprach vom "Nie wieder!" und davon, wie man totalitäre Strukturen mit demokratischen Werten bekämpfen kann. Peres umriss die Geschichte Israels und sprach über die immer währenden Bedrohungen, denen sich das Land ausgesetzt sah und sieht. Peres als Friedensnobelpreisträger äußerte, dass Israel für den Frieden mit seinen Nachbarn bereit ist, skizzierte aber auch die Bedrohung Israels durch den Iran. Peres als Überlebender nahm in seiner Rede immer wieder Bezug auf seine Biographie, was seinen Worten eine besondere Authentizität verlieh. Mit einem Zitat aus der Hatikvah, der Nationalhymne Israels, beendete er seine Rede und bedankte sich für die breite politische Unterstützung Deutschlands, auf die Israel zählen könne. Die Rede von Shimon Peres gehört sicherlich zu den eindrucksvollsten Erfahrungen meines bisherigen Lebens.

Diese Jugendbegegnung hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, sich bei der Erinnerungskultur nicht nur auf den regionalen und nationalen Raum zu beschränken: Wir müssen international gegen das Vergessen arbeiten.


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