© dpa - Report/ J. Ressing
Bessere Förderung leistungsstarker Schülerinnen und Schüler, länger gemeinsam lernen, Ganztagsangebote - in der Bildung tut sich was. Da Bildung Ländersache ist, gab es in den letzten Jahren viele unterschiedliche Reformvorhaben. Zwei Beispiele zeigen, dass die föderalistische Struktur für unterschiedliche Modelle, aber auch für einen Wettbewerb um Ideen sorgt.
Im Bildungsbereich ist in den letzten Jahren einiges in Bewegung gekommen. Das Bundesland Baden-Württemberg hat zum Beispiel im Juli 2008 die "Qualitätsoffensive Bildung" gestartet: Zu den Maßnahmen gehört die Weiterentwicklung der Hauptschule zur so genannten Werkrealschule. Mit dem Konzept der Werkrealschule sollen die Berufschancen von Schülerinnen und Schülern verbessert werden. In den sechsjährigen Werkrealschulen besuchen die Jugendlichen in Klasse 8 und 9 eines der berufsbezogenen Fächer "Natur und Technik", "Wirtschaft und Informationstechnik" oder "Gesundheit und Soziales", die inhaltlich auf die zweijährige Berufsfachschule abgestimmt sind. In der Klasse 10 gehen die Schülerinnen und Schüler nur drei Tage in der Woche zur Schule, an den anderen Tagen besuchen sie eine Berufsfachschule. Wer die Werkrealschule mit der Mittleren Reife abschließt, hat also bereits eine berufliche Grundbildung.
Gemeinschaftsschule in Thüringen
Das Bundesland Thüringen plant mit der Gemeinschaftsschule eine weitere, gleichberechtigte Schulart zu den bisherigen Formen Grundschule, Regelschule und Gymnasium. An der Gemeinschaftsschule sollen die Schülerinnen und Schüler mindestens bis zur 8. Klasse gemeinsam lernen und jeden allgemein bildenden Schulabschluss machen können. Zum Schuljahresbeginn 2010/11 startet das Pilotprojekt "Thüringer Gemeinschaftsschule im Aufbau".
Bayern: Konzept Mittelschule
In Bayern soll ab dem Schuljahr 2010/11 die Hauptschule zur so genannten Mittelschule weiterentwickelt werden. Im Juni 2009 stellte der bayerische Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle (CSU) dazu sein Konzept vor. Demnach sollen die Hauptschulen künftig flächendeckend einzeln oder in Schulverbünden zu Mittelschulen ausgebaut werden. Das Ziel: Die Mittelschulen sollen den Schülerinnen und Schülern eine breitere Palette pädagogischer Elemente bieten, zum Beispiel durch Kooperationen mit Berufsschulen oder der regionalen Wirtschaft. Die neue Mittelschule soll drei berufsorientierende Zweige - Technik, Wirtschaft und Soziales – bieten und über ein Ganztagsangebot verfügen. Es sollen mehrere Bildungsabschlüsse einschließlich eines mittleren Bildungsabschlusses angeboten werden.
Sorge um kleine Hauptschulen
Kritiker der Reform befürchten allerdings, dass kleinere Hauptschulen, etwa in ländlichen Gegenden, auf Dauer geschlossen werden müssen. Kritisiert wird auch, dass es eine weitere Schulform geben soll, statt Haupt- und Realschulen grundsätzlich zusammenzulegen. Das bayerische Kabinett hat am 23. Februar 2010 den "Gesetzentwurf zur Änderung des Bayerischen Gesetzes über Erziehungs- und Unterrichtswesen (BayEUG)" gebilligt. Kernelemente sind unter anderem die rechtliche Verankerung der Mittelschule und der Schulverbünde. In der Kabinettssitzung wies Spaenle darauf hin, dass „mit dem Instrument der Schulverbünde […] der Bestand möglichst vieler Hauptschulen möglichst lange gesichert werden" solle.
Hamburg: Primarschule, Stadtteilschule, Gymnasium
Reformbestrebungen in Sachen Schule gibt es auch im Norden. Im Bundesland Hamburg zum Beispiel plant die schwarz-grüne Landesregierung eine Reform, bei der anders als in Bayern die Anzahl der Schulformen reduziert werden soll. Ab August 2010 soll es hier längeres gemeinsames Lernen in der Primarschule bis zur sechsten Klasse und danach zwei Wege zum Abitur geben - in der so genannten Stadtteilschule oder auf dem sechsstufigen Gymnasium. Demnach gäbe es in der Hansestadt nur noch drei Schulformen - Haupt- und Realschule fielen weg.
Kritik an der Reform
Das Vorhaben sorgt für kontroverse Debatten. Viele Eltern befürchten, dass Kinder mit guten Leistungen nicht angemessen gefördert werden. Sie befürworten eine vierjährige Grundschule. Gerade der Plan, dass allein die Lehrerkonferenz entscheiden sollte, welche weitere Schullaufbahn das Kind nach der Primarschule einschlägt, stieß auf Kritik. In einem Volksbegehren gegen die Reform konnten die Initiatoren der Initiative „Wir wollen lernen“ fast 185.000 Unterschriften sammeln, weit mehr als nötig. Der Hamburger Regierende Bürgermeister Ole von Beust (CDU) und die grüne Bildungssenatorin Christa Goetsch zeigten in mehreren Gesprächsrunden mit den Reformgegnern zwar Verhandlungsbereitschaft und willigten ein, das Recht der Eltern, über die weiterführenden Schulen ihrer Kinder zu entscheiden, im Gesetz zu ergänzen. Am gemeinsamen Lernen in der sechsjährigen Grundschule halten sie aber fest. Am 10. Februar 2010 hat sich die Initiative "Wir wollen lernen" dafür ausgesprochen, die Gespräche auszusetzen.
Finden der Senat und die Reformgegner keinen Kompromiss, könnte es im Juli oder August 2010 zu einem Volksentscheid kommen. Dann wären die Hamburgerinnen und Hamburger aufgefordert, sich für oder gegen die Reform in ihrer Stadt auszusprechen.
Signal für andere Bundesländer
Die Hamburger Schulreform könnte auch bundesweite Bedeutung haben, sagte von Beust im "Spiegel Online"-Interview: "Wenn es gelingt, diese Reform in Hamburg zu machen, ist es ein Signal für viele andere Bundesländer, einen ähnlichen Weg zu gehen."
Stand: 4. März 2010