Kinder kosten. Sie brauchen Geld für neue Schuhe, für Schulmaterial oder fürs Kino. Kinder- und Jugendarmut in Deutschland bedeutet aber nicht nur einen Mangel an Geld, sondern auch einen Mangel an Zuwendung, Bildung, Gesundheit und Integration in die Gesellschaft. Jedes sechste Kind ist nach Angaben des Kinderhilfswerks Unicef von Armut bedroht.
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Viele Jugendliche fühlen sich ausgegrenzt...Für die Kinder von allein erziehenden Eltern, Hartz-IV-Empfängern und Migranten ist das Armutsrisiko besonders hoch, belegt der Unicef-Bericht "Zur Lage der Kinder in Deutschland" vom Mai 2008. "Chronische Krankheiten, Übergewicht und auffälliges Verhalten haben bei benachteiligten Kindern stark zugenommen", schreibt Unicef. Die Kluft wächst: Auf der einen Seite stehen Kinder und Jugendliche, die gesund, abgesichert und gefördert aufwachsen, auf der anderen die, deren Alltag durch Hoffnungslosigkeit, Mangel und Ausgrenzung geprägt ist, so die Experten.
Die Ursachen und die Folgen von Kinder- und Jugendarmut sind komplex. Was also tun? Geld allein reicht nicht aus. Darin sind sich Experten und Politiker einig.
Die Kinderkommission des Bundestages
"Um den Bedürfnissen von Kindern gerecht zu werden, muss nicht nur die finanzielle Seite stimmen, sondern auch die Infrastruktur," erklärt die Bundestagsabgeordnete Diana Golze (Die Linke.). Sie ist Fachfrau für das Thema "Kinderarmut" und eines von fünf Mitgliedern der Kinderkommission (KiKo) des Bundestages. "Die Überwindung von Kinderarmut ist eine der vordringlichsten Aufgaben in unserer Gesellschaft", betont die Kommission in einer Pressemitteilung.
Das Gremium hat verschiedene Möglichkeiten, um die Interessen von Kindern und Jugendlichen stärker ins politische und gesellschaftliche Bewusstsein zu rücken. Dazu gehören neben der parlamentarischen Beratung und der Mitwirkung an Gesetzen auch Expertengespräche. Am 5. November 2008 lud die KiKo sechs Sachverständige zu einer öffentlichen Anhörung zum Thema "Strategien zur Überwindung von Kinderarmut" ins Paul-Löbe-Haus des Bundestages in Berlin.
Hartz-IV-Regelsatz für Kinder anheben
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Hartz-IV deckt Lebenshaltungskosten von Kindern nicht.In einem Punkt waren sich alle Experten einig: Der Hartz-IV-Regelsatz für Kinder muss erhöht werden. Marion von der Gathen vom Paritätischen Wohlfahrtsverband forderte die Politiker auf, den Regelsatz an den tatsächlichen Lebenshaltungskosten von Kindern zu orientieren. Der Satz müsse sich zwischen 276 und 358 Euro im Monat bewegen, gestaffelt in drei Altersgruppen.
Kinder erhalten derzeit 60 Prozent des Hartz-IV-Regelsatzes von 351 Euro für Erwachsene. Damit liegt der Satz für Kinder bis 14 Jahre bei 211 Euro. Kinder zwischen 14 und 24 Jahren erhalten 80 Prozent, also 281 Euro. Das Bundessozialgericht in Kassel hat im Januar 2009 entschieden, dass diese Regelung das Gleichheitsgebot des Grundgesetzes verletzt. Endgültig darüber entscheiden muss nun das Bundesverfassungsgericht.
Eine Anhebung ist allerdings schon sicher: Im Rahmen des Konjunkturpakets II der Bundesregierung bekommen sieben- bis dreizehnjährige Kinder ab 1. Juli 2009 pro Monat 35 Euro zusätzlich. Der Hartz-IV-Regelsatz steigt damit auf 246 Euro. Bei Kindern bis sechs Jahren bleibt es wie bisher bei 211 Euro. Zudem werden die Familienkassen nach Angaben des Bundesfinanzministeriums im April 2009 mit der Kindergeldzahlung einen einmaligen Kinderbonus in Höhe von 100 Euro pro Kind auszahlen.
Vision Kindergrundsicherung
Die Geschäftsführerin des Zukunftsforums Familie e.V., Barbara König, setzte sich bei der Anhörung im Bundestag für die Einführung einer Kindergrundsicherung ein, die alle bisherigen Förderungen wie Sozialleistungen, Kindergeld oder Steuerfreibeträge ersetzt. "Ein solcher Schritt braucht politischen Mut", gab sie zu. In Sozial- und Familienverbänden werde derzeit eine monatliche Kindergrundsicherung zwischen 300 und 450 Euro diskutiert.
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500 Euro im Monat für Kinder?Mitte April 2009 brachte das "Bündnis Kindersicherung" in den Medien eine Kinder-Grundsicherung von 500 Euro im Monat ins Gespräch. Hinter dem Bündnis stehen Wohlfahrtsverbände und Wissenschaftler. Mehrere Mitglieder des Bundestages begrüßten die Idee grundsätzlich, kritisierten jedoch die Höhe des geforderten Betrages. Das Bundesfamilienministerium lehnte den Vorschlag als nicht fundiert genug ab.
Familien gezielt unterstützen
Ronald Lutz von der Fachhochschule Erfurt hob bei der Anhörung im Bundestag hervor, dass es nicht ausreiche, Familien mehr Geld in die Hand zu geben. Vielmehr müsse gerade für "erschöpfte" Familien gezielte Hilfe bereitgestellt werden - so zum Beispiel durch den Einsatz von ehrenamtlichen Helfern und Betreuern. Mehr Geld oder mehr Bildung für Kinder? "Nur beides zusammen sei eine sinnvolle Strategie", betonte Barbara König vom Zukunftsforum Familie e.V., die dieses "Entweder-oder-Denken" kritisierte.
Eltern brauchen Arbeit
Wilhelm Adamy vom Deutschen Gewerkschaftsbund benannte vor allem das fehlende Einkommen der Eltern als Hauptursache von Kinderarmut . Die Frage "Was wird getan, um Eltern zu integrieren?", sei ein wichtiger Ansatzpunkt, so Adamy. Der Gewerkschaftsbund forderte zudem eine bundesweite Lernmittelfreiheit für alle Kinder während der gesamten Schulzeit.
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Bildung für alle Kinder und Jugendlichen!Annette Berg vom Jugendamt Monheim sprach sich für "Prävention statt Reaktion" aus. Kinder und Jugendliche müssten von Geburt an bis zur Berufsausbildung gestärkt, Eltern unterstützt und begleitet, Fachkräfte qualifiziert und ein Netzwerk aufgebaut werden. Dabei müssten alle Beteiligten einbezogen werden, so Berg. Ziel sei es, möglichst vielen Kindern eine erfolgreiche Entwicklungs- und Bildungslaufbahn zu ermöglichen.
Kinder als Zukunft der Gesellschaft
In ihrem anschließenden Statement appellierte Berg an die Mitglieder der Kinderkommission, "das Thema Kinder weiter nach vorne zu bringen" in einer Gesellschaft, "in der immer weniger Kinder geboren werden, in der immer mehr Kinder in dieser Lebenssituation Armut stehen und immer weniger Kinder in den Leistungsbereich drängen, um später diese Gesellschaft aufrechtzuerhalten".
Stand: 27. April 2009