Experten zu ...

Bewegungsmangel bei jungen Menschen

30.04.2021 – Kinder und Jugendliche bewegen sich deutlich weniger. Auch schon vor der Pandemie waren viele Jungen und Mädchen sportlich nicht aktiv, zeigt ein aktueller Bericht. Experten warnen: Das wirkt nachteilig auf die Gesundheit – und fordern Gegenmaßnahmen.
Zwei junge Menschen, von hinten zu sehen, laufen
Wer sich ausreichend bewegt, ist motorisch und kognitiv leistungsfähiger. © shutterstock.com/Jacek Chabraszewski

Wie viel Bewegung hast du am Tag? Treibst du Sport? Und bewegst du dich seit Beginn der Coronakrise weniger? Über die Auswirkungen der Coronapandemie auf die Bewegung, über Sport im Alltag und im Verein sowie über die Zukunft des Sports junger Menschen sprachen kürzlich Sportpolitiker des Bundestages mit externen Experten.

Grundlage der Anhörung war der Vierte Deutsche Kinder- und Jugendsportbericht. Der Sportausschuss hatte Experten aus den Bereichen Wissenschaft, Jugend-, Kinder- und Behindertensport eingeladen.

Obwohl Entwicklungen der Coronapandemie in dem vorliegenden Bericht noch nicht umfassend berücksichtigt wurden, teilten die Experten eine wichtige Erkenntnis: Aufgrund des Lockdowns bewegen sich Kinder und Jugendliche viel weniger. Der Deutsche Olympische Sportbund, kurz DOSB, forderte deshalb „eine Privilegierung der bis 14-Jährigen, damit sie wieder Sport treiben können“.

Was steht im Bericht?

Den Kinder- und Jugendsportbericht gibt es seit 2003. Ziel des Berichts sei es, ein „umfassendes Bild der aktuellen Situation des Kinder- und Jugendsports in Deutschland“ zu vermitteln. Kernaussagen des aktuellen, vierten Berichts sind unter anderem, dass sich junge Menschen in Deutschland weniger sportlich betätigten als noch vor Jahren und sich als Folge Fettleibigkeit verstärkt bemerkbar mache.

Der Bericht zeigt auf, dass die Mehrheit der Heranwachsenden in Deutschland die Bewegungsempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht erfüllen. Gerade Mädchen würden sich zu wenig bewegen.

Darüber hinaus wirke sich der Bewegungsmangel auch auf die motorische Leistungsfähigkeit aus: Bereits heute sei diese deutlich geringer als früher. Als problematisch wurde zudem festgestellt, dass immer weniger Kinder und Jugendliche schwimmen könnten. Bezüglich Corona könne man jetzt schon feststellen, dass „der Lockdown des Kinder- und Jugendsports im Sinne eines kritischen Lebensereignisses“ wirke, heißt es im Bericht.

„Hilfeschrei“ für junge Menschen

Der DOSB-Vizepräsident für den Breitensport Andreas Silbersack sagte, gerade während des Corona-Lockdowns sei es wichtig, dass sich Kinder und Jugendliche nicht daran gewöhnten, den ganzen Tag vor dem Computer zu sitzen und sich nicht zu bewegen. Damit verabschiedeten sich die Betroffenen auch von einem „bewegten und gesunden Leben“ in der Zukunft, sagte der DOSB-Vertreter in seinem von ihm als Hilfeschrei bezeichneten Redebeitrag.

Rolle des Sports in Schulen

Prof. Dr. Christoph Breuer von der Deutschen Sporthochschule in Köln stimmte zu, dass der Corona-Lockdown die Zunahme von Bewegungsmangel und sozialer Ungleichheit im Sport verschärfe. Er erklärte, dass die Rolle, die Bewegung in Schulen hat, neu gedacht werden müsse: Die kognitive Leistungsfähigkeit hänge auch mit der Bewegung zusammen.

Außerdem sei es ihm wichtig, dass chronisch kranke Kinder „nicht länger überbehütet werden“. Im Rahmen der Gesundheitspolitik forderte Breuer zudem, dass Bewegungsleitlinien für chronisch kranke Kinder entwickelt werden.

Darüber hinaus berichtete Breuer, dass es trotz Fortschritte immer noch Gefährdungen im Hinblick auf emotionale, körperliche und sexuelle Gewalt im Kinder- und Jugendsport gebe.

„Neustart beim Kinder- und Jugendsport“

Prof. Dr. Nils Neuber von der Universität Münster forderte einen Neustart beim Kinder- und Jugendsport: Es werde eine Qualitätsoffensive benötigt. Hier müsse das Hauptaugenmerk auf kommunale und niedrigschwellige Angebote vor allem für benachteiligte Kinder gesetzt werden. Zudem solle der Bund dafür sorgen, dass Angebote gut vernetzt würden.

Inklusion fehlt

Lars Pickardt, Vorsitzender der Deutschen Behindertensportjugend, bemängelte, dass in dem Bericht überhaupt nicht auf das Thema Inklusion eingegangen werde. Dies zeige deutlich, „dass diese Themen nicht ausreichend berücksichtigt sind“. Der organisierte Kinder- und Jugendsport sei aber schon ein Stück weiter „als in diesem Bericht dargestellt oder auch nicht dargestellt“, so Pickardt.

Günstigerer Sportverein

Benjamin Folkmann, der zweite Vorsitzende der Deutschen Sportjugend, verlangte ebenso einen Neustart im Kinder- und Jugendsport. Er stimmte dem Bericht zu, indem er sagte, dass der Bewegungsmangel und soziale Ungleichheiten oder Status der Eltern zusammenhängten. Aus diesem Grund müsse der Zugang zum Sportverein einfacher und auch kostengünstiger werden.

„Recht auf eine bewegte Kindheit“

Kerstin Holz, die Vorsitzende der Deutschen Kinderturn-Stiftung, sagte, dass ein bewegter Alltag und eine qualifizierte Ausbildung motorischer Grundlagen besonders wichtig für ein bewegtes Kinderleben seien. Dabei geht es darum, wie Kinder lernen, sich zu bewegen,

Allerdings bräuchten Kinder für die motorische Grundlagenausbildung mehr Platz in Kindergärten und Schulen, diesen Platz gebe es aber nicht. Zudem brauche es qualifizierte Fachkräfte. Und die Zusammenarbeit zwischen den Schulen, Kindergärten und Vereinen müsste ausgebaut werden.

Holz bemängelte, dass den Kindern aufgrund der Einschränkungen durch die Coronapandemie seit einem Jahr ein qualifiziertes Bewegungsangebot fehle. Sie forderte, die Außen-Sportanlangen wieder zu öffnen, denn „Kinder haben ein Recht auf eine bewegte Kindheit“.

Teilhabepaket überprüfen

Für einkommensschwache Familien seien Kosten für den Sport „eine ernsthafte Barriere“, so Sören Dallmeyer, Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Aus diesem Grund wünsche er sich eine Überprüfung des Teilhabepakets. Mit dieser staatlichen Förderung – auch Bildungspaket oder Leistung für Bildung und Teilhabe genannt – unterstützt der Staat Familien mit wenig Einkommen, etwa mit einem Betrag von 15 Euro pro Monat für sportliche Aktivitäten.

Lediglich 15 Prozent der Antragsberechtigten würden diese Zuschüsse in Anspruch nehmen, so Dallmeyer. Diese geringe Zahl sei auch mit dem hohen Aufwand der Beantragung zu erklären, kritisierte der Sportwissenschaftler.

Die gesamte Anhörung könnt ihr auf bundestag.de nachlesen oder hier im Video anschauen.

Kommentare