Experten bei der KiKo

Lieblingsfach Verbraucherbildung?

06.07.2021 – Verbraucherbildung – dieses Schulfach gibt es zwar nicht, wird aber von einigen Experten und Expertinnen gefordert. Was es gibt, sind Wettbewerbe oder Auszeichnungen für Schulen rund um das Thema Verbraucherschutz. Darum ging es vor Kurzem in einer öffentlichen Anhörung der Kinderkommission.
auf einer Parkbank sitzen zwei junge Menschen mit Turnschuhe und Shopping-Beutel, Bildausschnitt ist von der Taille abwärts.
Waren die Schuhe zu teuer? Ist das neue Smartphone nachhaltig produziert? Oder: Ist die neue Limo nur Trend oder auch gesund? Diese und ähnliche Fragen stellen Verbraucherschützer. © shutterstock.com/EfteskiStudio

Was haben zuckersüße Schokolade, fetttriefende Chips und kunterbunte Erfrischungsgetränke gemeinsam? Viele junge Menschen lieben sie, Gesundheitsexperten wohl eher nicht. Was die Politik tun kann, um Kinder und Jugendliche vor ungesunden, überteuerten oder gar betrügerischen Produkten zu schützen, wollte kürzlich die Kinderkommission (KiKo) in einer öffentlichen Expertenanhörung wissen.

Dabei ging es vor allem um die Frage, wie man Kinder und Jugendliche besser vor falschen Kaufentscheidungen schützen kann.

Was sind Verbraucherschutz und Verbraucherbildung?

Oft gehört und trotzdem ist vielen nicht so klar, um was es geht: Verbraucherschutz. Grob gesagt sind Verbraucher Personen, die bestimmte Waren kaufen – zum Beispiel Brot, Kleidung oder Handys – und diese Produkte dann nutzen oder eben verbrauchen. Synonyme für Verbraucher sind Käufer oder Konsumenten.

Wichtig ist, dass als Verbraucher nur Privatpersonen gelten. Wenn also ein Unternehmen etwas für seine Angestellten einkauft, dann zählt dieses Unternehmen nicht als Verbraucher. Verbraucherschutz ist immer für uns Bürgerinnen und Bürger gedacht, um uns etwa über kommerzielle Absichten der Wirtschaft zu informieren und uns gegebenenfalls auch davor zu schützen.

Und was bedeutet dann Verbraucherbildung? Verbraucherbildung ist das Wissen, das jede einzelne Person benötigt, wenn sie einen Kauf tätigt: Sind die Schuhe zu teuer? Wie hoch ist der Fettanteil in der Milch? Wurden diese Tomaten umweltfreundlich angebaut? All das sind Alltagsfragen, für die eine gewisse Verbraucherbildung erforderlich ist.

Um Verbraucherschutz kümmert sich das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. Die aktuelle Ministerin ist Christine Lambrecht (SPD).

Und was sagten die geladenen Expertinnen und Experten zur Verbraucherbildung bei Kindern und Jugendlichen?

„Lebensmittel mit Kinderoptik sind keineswegs kindgerecht“

„Auch Kinder sind Verbraucherinnen und Verbraucher und wir finden es daher sehr gut, dass dieses Thema in diesem Kreise diskutiert wird“, lobte Dr. Vera Fricke von der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) die Abgeordneten der Kiko. Der VZBV ist der Dachverband aller 16 Verbraucherzentralen in Deutschland.

Durch Taschengelder oder Bargeldgeschenke würden alle 13- bis 16-Jährigen in Deutschland insgesamt drei Milliarden Euro pro Jahr besitzen. „Das ist eine stolze Summe“, so Fricke. Außerdem hätten Kinder und Jugendliche „einen immensen Einfluss auf die Kaufentscheidung ihrer Eltern“.

Für Unternehmen seien junge Menschen als Zielgruppe besonders interessant, da sie sich noch nicht so gut auskennen würden und ihre Vorlieben daher leichter zu beeinflussen seien. Als Beispiel nannte die Expertin Lebensmittel, die Kinder und Jugendliche durch eine besonders hübsche und kindgerechte Verpackung ansprechen würden. „Das Problem ist, dass gerade diese Lebensmittel mit Kinderoptik oft zu viel Zucker, Fett und Salz enthalten und damit keineswegs kindgerecht sind.“

Dies wiederum könne dann zu Fehlernährungen und Krankheiten führen. So seien rund 15 Prozent der Drei- bis 17-Jährigen übergewichtig, ein Drittel davon sogar adipös – also fettleibig. Diese „alarmierenden Zahlen“ hätten durch die Coronakrise noch einmal zugenommen. Fricke forderte „klare gesetzliche Vorgaben und Regelungen“, da freiwillige Selbstverpflichtungen von Unternehmen bisher nicht ausgereicht hätten.

Verbraucherbildung bundesweit nicht verankert

Dazu ergänzend brauche es Bildungsangebote für junge Menschen, um diese zu sensibilisieren, sagte Fricke weiter. Seit 2013 gebe es hierfür eine spezielle Verbraucherbildung an Schulen, wo die jungen Menschen beispielsweise lernen würden, wie sie Werbestrategien erkennen oder wie sie sich gesund und nachhaltig ernähren können.

Das Problem aber sei auch nach acht Jahren noch, dass es „bundesweit keine systematische Verankerung von Verbraucherbildung gibt und es weiterhin zu häufig davon abhängt, ob eine engagierte Lehrkraft sich diesem Themenkomplex widmet“. Fricke forderte daher, Verbraucherbildung als eigenen prüfungsrelevanten Bestandteil in allen Schulen Deutschlands einzuführen.

„Verbraucherschutz ist Umweltschutz“

Um an Schulen für mehr Verbraucherbildung zu sorgen, hat der VZBV die Auszeichnung „Verbraucherschule“ ins Leben gerufen. Damit zeichnet der Bundesverband Schulen aus, die versuchen, Verbraucherschutz in ihren Alltag zu integrieren.

Die ebenso zu der KiKo-Sitzung geladenen Jugendlichen Shae Hampl und Merlin Gißrau gehen auf eine solche Schule. „Ich muss schon sagen, dass ich echt stolz auf meine Schule bin, was den Verbraucherschutz angeht“, sagte Hampl. Ihre Schule, die Ellen-Key-Schule in Berlin, habe beispielsweise eine Garten- und Landwirtschaftsgruppe, eine Kochgruppe oder eine Holzwerkstatt. „Verbraucherschutz ist auch Umweltschutz“, so Hampl. Ihr Schulkamerad Gißrau ergänzte: „Es braucht mehr Maßnahmen zum Verbraucherschutz, aber auch zur Verbraucherbildung.“

Wettbewerb „Jugend testet“

Als Expertin geladen war auch Bettina Dingler von der Stiftung Warentest. Sie stellte den Wettbewerb „Jugend testet“ vor. Dort seien 12- bis 19-Jährige „aufgefordert, eigenständig Produkte oder Dienstleistungen zu testen“. Dabei entwickelten die Jugendlichen eigene Prüfkriterien, führten Tests durch und werteten anschließend ihre Ergebnisse aus. Die getesteten Artikel reichten von Biomüllbeuteln über Radiergummis bis hin zu Sekundenkleber.

Besonders beliebt seien Produkte, die sich um die Themen Digitalisierung oder Nachhaltigkeit drehten. So würden sich immer mehr junge Menschen beispielsweise mit Apps, Streamingdiensten oder Onlineshopping auseinandersetzen, andere hingegen würden Tests zu vegetarischer oder veganer Ernährung durchführen. „Das sind ganz spannende Ergebnisse, zu denen die Jugendlichen kommen“, so Dingler.

Die Expertin erklärte: „Der Wettbewerb leistet einen wichtigen Beitrag zur Verbraucherbildung, weil er die Jugendlichen dort abholt, wo sie sich befinden. Es ist wichtig, kritisches Konsumverhalten in der Schule weiterhin zu fördern.“

Welche Gemüsekiste gewinnt?

Wie so ein Testverfahren konkret ablaufen kann, welche Herausforderungen warten und was man dabei lernen kann, berichteten Johanna Langemeyer und Sophie Voß. Die beiden Schülerinnen landeten vergangenes Jahr auf dem Siegertreppchen von „Jugend testet“. Doch womit haben sich die zwei jungen Frauen auseinandergesetzt? „Wir haben Gemüsekisten getestet und mit fünf Anbietern zusammengearbeitet“, erklärte Langemeyer. Und wie kamen sie auf diese Idee? „Grundsätzlich hat uns interessiert, uns mit gesunder Ernährung auseinanderzusetzen. Außerdem verbinden viele mit dem Thema Gemüsekisten auch nachhaltige, regionale Produkte“, fuhr Langemeyer fort.

Für ihre Tests hätten sich die beiden Schülerinnen über sechs Wochen mit regionalen, überregionalen und bundesweiten Lebensmittel-Lieferanten auseinandergesetzt und diese miteinander verglichen. Die fünf wichtigsten Kriterien seien dabei gewesen: Homepage des Unternehmens, Kundenservice, Nachhaltigkeit, Produktqualität und mögliche Zusatzangebote. „Wir haben versucht, eine möglichst neutrale Meinung zu vertreten“, sagte Voß. Die stärksten Unterschiede zwischen den Anbietern habe es bei Preis und Nachhaltigkeit gegeben.

Was haben die beiden Schülerinnen gelernt?

„Wir hatten eine sehr intensive Auseinandersetzung mit Lebensmitteln und deren Erzeugung“, kommentierte Langemeyer. Voß ergänzte: „Zum anderen haben wir festgestellt, dass es teilweise Schwierigkeiten bei der neutralen Informationsbeschaffung gab. Aber durch Zertifizierungen und Bio-Logos konnte man sich doch orientieren.“

Das Fazit der zwei Nachwuchstesterinnen lautete: „Insgesamt denken wir, dass ‚Jugend testet‘ auf jeden Fall ein praktisches Beispiel für die Partizipation von Kindern und Jugendlichen war. Wir haben uns intensiv mit dem Thema beschäftigt und fordern dementsprechend auch, dass solche Projekte weiterhin gefördert werden.

Mehr Infos ...

... zum Wettbewerb „Jugend testet“ findet ihr auf dessen Website.

Die komplette Anhörung könnt ihr euch wie immer auf bundestag.de oder hier im Video anschauen.

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