Bericht der Regierung

Wer ist arm, wer ist reich?

19.07.2021 – Ostdeutsche haben weniger Geld als Westdeutsche, Armut im Alter ist hoch und ein sozialer Aufstieg in Deutschland schwer: All das steht im Sechsten Armuts- und Reichtumsbericht, den der Bundestag noch vor der Sommerpause diskutierte. Was genau drinsteht, lest ihr hier.
Das Bild zeigt Euromünzen wie zu einer Treppe gestapelt, am höchsten steht ein 500-Euro-Schein-Bündel.
Ein Knackpunkt im Armuts- und Reichtumsbericht: Sozialer Aufstieg ist in Deutschland schwer zu meistern. © DBT/Quelle: shutterstock.com/Igor Link

Sommer, Sonne und Ferien: Für viele ist das die perfekte Zeit, um in den Urlaub zu fahren, mit Freunden ins Freibad zu gehen oder mit einem Eis in der Hand durch die Stadt zu schlendern. Neben dem passenden Wetter braucht es dafür vor allem eines: das nötige Kleingeld. 

Doch wie steht es eigentlich um die Einkommensverteilung und die soziale Lage in Deutschland? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Sechste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, den der Deutsche Bundestag noch kurz vor der Sommerpause debattierte.

Was ist das für ein Bericht?

Einmal pro Legislaturperiode muss die Bundesregierung einen Armuts- und Reichtumsbericht vorlegen – also ungefähr alle vier Jahre. Darin unterrichtet die Regierung zum Beispiel über die Verteilung von Wohlstand und die soziale Lage in Deutschland. Unterrichten ist ein anderes Wort für informieren.

Maßgeblich verantwortlich für den Bericht ist das Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Der aktuelle Minister heißt Hubertus Heil (SPD). Unterstützung beim Verfassen gab es aber von verschiedenen Experten und Insititutionen. Dazu gehörten beispielsweise Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Universitäten, aber auch Nichtregierungsorganisationen oder staatliche Stellen wie das Statistische Bundesamt. 

Wie viel Arbeit im Bericht steckt, zeigt seine Länge: Auf über 400 Seiten gibt die Regierung zu den verschiedensten Themen Auskunft – von Arbeits- und Wohnungslosigkeit über Bildung und Gesundheit bis hin zu Gleichberechtigung und Altersarmut.

Die Autoren des Berichts standen durch die Coronapandemie vor einer besonderen Herausforderung: „Bei keinem der Vorgängerberichte haben sich die Umstände kurz vor seinem Erscheinen so plötzlich und einschneidend verändert wie aktuell aufgrund der COVID-19-Pandemie. Deren Auswirkungen werden aller Voraussicht nach schwerwiegend und längerfristig sein. Die Folgen werden aber erst in mehreren Monaten oder sogar Jahren absehbar sein“, schreiben sie.

Doch was steht im Sechsten Armuts- und Reichtumsbericht?

Westdeutsche vermögender als Ostdeutsche

„Knapp 30 Jahre nach der Wiedervereinigung zeigten sich im Jahr 2016 weiterhin deutliche Unterschiede in der Einkommensverteilung von Ost- und Westdeutschland“, stellen die Autoren des Berichts fest. Als Vergleichswert dient das Jahr 2006. Dabei sind zwei Punkte auffällig: Erstens, dass Menschen, die in Ostdeutschland leben, bereits im Jahr 2006 ein geringeres Einkommen hatten als Westdeutsche. Und zweitens, dass dieses durchschnittliche Einkommen in Ostdeutschland auch weniger stark anwuchs. In Westdeutschland nämlich stieg das durchschnittliche Einkommen um zehn Prozent, in Ostdeutschland hingegen nur um vier Prozent. Überspitzt gesagt, bedeutet das: Der Vermögensvorsprung der Westdeutschen gegenüber den Ostdeutschen wurde in den letzten Jahren noch größer.

Auch wenn das durchschnittliche Einkommen in Deutschland wuchs, stieg gleichzeitig das Risiko, in Armut leben zu müssen: Waren in Westdeutschland im Jahr 2006 noch 12,8 Prozent der Menschen von Armut bedroht, so stieg die Zahl im Jahr 2016 auf 15,1 Prozent. Ein noch deutlicherer Anstieg war in Ostdeutschland zu verzeichnen: Dort stieg das Risiko, in Armut leben zu müssen von 19,1 Prozent im Jahr 2006 auf 22,8 Prozent zehn Jahre später. 

Wie steht es um die Altersarmut?

Diese Frage lässt sich beantworten, wenn man untersucht, wie viele Menschen im Rentenalter eine sogenannte Grundsicherung erhalten haben. Eine Grundsicherung ist eine staatliche Hilfe, um die elementaren Lebensbedürfnisse zu sichern – also beispielsweise Essen, Trinken, Wohnen oder Kleidung. Eine solche staatliche Hilfe bekommen Menschen, die die Grundbedürfnisse nicht durch das eigene Einkommen oder die Rente decken können.

Aus dem Bericht der Bundesregierung geht hervor, dass die Zahl der Rentnerinnen und Rentner, die auf Grundsicherung angewiesen waren, in den letzten vier Jahren gestiegen ist – von knapp 525.600 im Jahr 2016 auf knapp 562.000 im Jahr 2019.

Sozialer Aufstieg wird schwerer

Der Armuts- und Reichtumsbericht beschäftigt sich außerdem mit sozialen Aufstiegschancen. Sozialer Aufstieg bedeutet beispielsweise, ob es einem Kind aus einer Arbeiterfamilie gelingt, das Abitur zu machen oder zu studieren. Dann nämlich würde diese Person einen wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg von der unteren in die mittlere Bevölkerungsschicht hinlegen. Experten sprechen hierbei auch oft von sozialer Mobilität.

Wie oft gelingt in Deutschland ein sozialer Aufstieg? Die kurze Antwort lautet: nicht allzu oft. So würden Menschen, die im Kindesalter in Armut leben, in vier von zehn Fällen auch noch im jungen Erwachsenenalter arm sein. Außerdem habe „nicht einmal jede zwölfte Person“, die in Armut aufwuchs, einen sozialen Aufstieg in die Mittelschicht geschafft.

Andere Zahlen zeigen sich in höheren Einkommensgruppen: So seien rund die Hälfte der Kinder, die in der Mittelschicht aufwachsen, auch im Erwachsenenalter noch dort anzutreffen. Insgesamt sei für sie aber die Chance auf einen sozialen Aufstieg höher als das Risiko eines Abstiegs.

Die Bundesregierung erklärte: „Das Bildungsniveau, die berufliche Position und das Einkommen der Eltern stehen immer noch in deutlichem Zusammenhang mit dem schulischen Werdegang der Nachkommen. Besonders wichtig ist, noch mehr Transparenz über Bildungswege, Zugänge, Perspektiven und Vorteile herzustellen.“

Mehr zur Debatte und zur Anhörung zum Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung findet ihr auf bundestag.de. Wenn ihr außerdem wissen wollt, was die Abgeordneten des Deutschen Bundestages zuletzt über den Bericht sagten, schaut euch das Video an:

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