Corona-Experten

Freunde besser draußen treffen

06.05.2021 – Wie kann man vermeiden, sich mit dem Coronavirus anzustecken? Können wir bald wieder auf Konzerte gehen oder im Imbiss drinnen essen? Im Bundestag widmet sich von nun an ein Corona-Gremium solchen Fragen. Lest selbst, was die geladenen Experten sagten.
Drei junge Menschen liegen mit Hygienemasken in der Hand auf einer Wiese
An der frischen Luft haben die Coronaviren weniger Chancen, sich zu verbreiten, sagen Experten. © shutterstock.com/Romanets

Abstand halten, Hände waschen, Maske tragen. Die Coronakrise hat uns seit mehr als einem Jahr fest im Griff. Infektionszahlen und Inzidenzwerte bestimmen unseren Alltag, Wörter wie Impfstrategie und Lockdown die Nachrichten. Und doch sind auch nach einem Jahr noch viele Fragen offen.

Genau deshalb hat der Bundestag Mitte April ein eigenes Corona-Gremium gegründet: den Unterausschuss Pandemie. Die Arbeitsgruppe trägt den Titel „Parlamentarisches Begleitgremium Covid-19-Pandemie“. Sie soll sich mit gesundheitlichen und sozialen Fragen befassen, die der Kampf gegen die Pandemie mit sich bringt. Die drei großen Themenblöcke lauten Pandemiebekämpfung, Impfen und gesellschaftliche Folgen.

Was ist der Unterausschuss Pandemie?

Die Runde besteht aus 21 Mitgliedern aller Fraktionen: sieben Abgeordnete von der Union, fünf von der SPD, drei von der AfD und je zwei von FDP, Grünen und Linken. Die Zahlen ergeben sich aus dem Wahlergebnis der Bundestagswahl 2017 und der entsprechenden Sitzverteilung im Bundestag. „Wir haben dieses Gremium eingesetzt, um uns mit mehr Zeit und mehr Detailtiefe mit Fragestellungen zu befassen, für die dem Gesundheitsausschuss selbst womöglich die Zeit fehlt“, sagte Rudolf Henke. Der Unionsabgeordnete, selbst Arzt und Gesundheitspolitiker, leitet das neue Gremium.

Am vergangenen Donnerstag trafen sich die Mitglieder zu ihrer ersten öffentlichen Anhörung. Auf der Tagesordnung stand das Thema: Reduzieren von Kontakten. Das gehört seit Beginn an zu den zentralen Corona-Maßnahmen – in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der Freizeit. Doch wie wirken sich die Maßnahmen im Alltag aus? Wie effektiv sind sie? Und was versteht man unter risikoarmen Kontaktsettings?

„Wir wollen gerne lernen, welches Infektionsrisiko in verschiedenen Situationen besteht und wie ihm möglichst wirksam begegnet werden kann“, sagte Henke. Dafür hatte der Ausschuss vier Expertinnen und Experten eingeladen, die via Videokonferenz zugeschaltet waren.

Was sind Kontaktsettings?

Eine von ihnen war die Wissenschaftlerin Prof. Dr. Eva Grill. Sie ist Professorin für Epidemiologie, also für die Lehre von den Ursachen, der Verbreitung und den Folgen von Krankheiten. Außerdem ist Grill Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie. In ihrem Vortrag sprach sie von sogenannten risikoarmen Kontaktsettings – was versteht man darunter?

Grill erklärte: „Den Begriff Setting definieren wir als Sozialzusammenhang, in dem Menschen sich in ihrem Alltag aufhalten.“ Dabei seien solche Settings nicht per se sicher oder unsicher. Sondern es komme immer auch auf unser Verhalten an. Allerdings: „Manche Settings machen es einfacher, manche schwieriger, sich selbst und andere vor der Übertragung zu schützen.“

Außenräume sicherer als Innenräume

Wie die Expertin erläuterte, hängt das Risiko nämlich wesentlich von drei Punkten ab: Kontaktmuster, Umgebung und soziale Schicht. Zum ersten Punkt sagte Grill, dass viele und lange Kontakte eine Übertragung begünstigten, aber auch räumliche Nähe und gemeinsam genutzte enge Innenräume. Beim Punkt Umgebung habe sich gezeigt: Außenräume seien sicherer als Innenräume.

Und drittens habe der „sozioökonomische Status“ einen Einfluss darauf, ob wir uns eher mit dem Coronavirus anstecken. Denn es gebe Hinweise darauf, dass das Übertragungsrisiko von der Bildung sowie den Arbeits- und Lebensumständen abhänge. Grill sagte: Je geringer das Einkommen und je enger die Wohnsituation, desto höher sei das Übertragungsrisiko. Die Gründe dafür seien vielfältig. Einer könnten Berufe mit vielen engen Kontakten sein, sagte die Expertin und warb dafür, das berufliche Umfeld stärker in den Blick zu nehmen.

Was also zeichnet ein Setting aus, in dem das Risiko einer Übertragung gering ist? Laut der Expertin müsse der Abstand zwischen den Personen ausreichend und ihr Kontakt so kurz wie möglich sein. In Innenräumen, wo Grill zufolge die meisten Übertragungen passierten, gebe es weitere Kriterien. Dazu gehörten zum Beispiel große Räume, eine hohe Luftfeuchtigkeit und genug frische Luft.

Keine schnelle Abnahme, aber auch keine Zunahme

Draußen ist besser als drinnen, sagte auch Prof. Dr. Kai Nagel. Der Physiker und Mobilitätsforscher von der Technischen Universität Berlin simuliert mit seinem Team den Verlauf der Coronapandemie. Zur aktuellen Situation sagte der Experte: Sie gingen zwar davon aus, dass die Infektionszahlen nicht schnell abnähmen. „Aber wir rechnen auch nicht mehr mit einer Zunahme.“

Zum Thema risikoarme Kontaktsettings fügte Nagel hinzu: „Mit Schutzmaßnahme ist besser als ohne.“ Dabei habe die Impfung „einen gigantischen Schutzfaktor“ verglichen mit anderen Maßnahmen. Wichtig sei außerdem die „Personendichte“ zu reduzieren, denn weniger Personen pro Quadratmeter bedeuteten weniger Ansteckungen.

Wie wirken sich welche Aktivitäten aus?

Ausgehend von diesen drei Punkten (draußen, Schutzmaßnahmen, Personendichte) hat Nagel ermittelt, welche Aktivitäten sich wie stark auf das Infektionsgeschehen auswirken. Kaum einen Beitrag leisten demnach Treffen in Parks. Aber auch Einzelhandel, Außengastronomie und Konzerte wirken sich dem Experten zufolge nur sehr gering aus, sofern es Schutzmaßnahmen wie Schnelltests, Maskenpflicht oder Impfungen gibt.

Einen etwas höheren Beitrag leisteten Schulen – selbst mit Wechselunterricht, Schnelltests und Maskenpflicht. Besonders groß sei die Auswirkung voll geöffneter Innengastronomie. Wo dies der Fall sei, sagte Nagel, gingen die Infektionszahlen sofort durch die Decke.

Schulschließungen weniger effektiv bei der Viruseindämmung

Wie wirksam sind kontaktreduzierende Maßnahmen? Epidemiologe Prof. Dr. Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung gab zu Bedenken, dass es dazu bisher nur wenige Daten gebe – und damit auch wenig Gewissheit. Unstrittig sei zwar, dass weniger Kontakte und Schutzmaßnahmen wie das Tragen von Masken dazu beitrügen, dass sich die Infektion langsamer verbreite. Inwiefern aber einzelne Maßnahmen zu weniger Kontakten führten, lasse sich nur schwer bestimmen.

Aus seiner Sicht gebe es dazu bislang lediglich zwei geeignete Studien. Diese zeigten, dass es ein ganzes Bündel an Maßnahmen brauche, damit diese wirklich wirksam seien. Innerhalb eines solchen Pakets erziele dann das Verbot von Großveranstaltungen den größten Effekt. Andere Corona-Regeln wie zum Beispiel Schulschließungen und nächtliche Ausgangssperren trügen nur halb so viel dazu bei, die Infektionszahlen einzudämmen.

Eine weitere Erkenntnis: Die Maßnahmen scheinen mittlerweile weniger wirksam zu sein. „Das kann unterschiedliche Gründe haben“, erklärte Krause. Zum Beispiel könnte es sein, dass einige die Schutzmaßnahmen nicht mehr ganz so streng befolgen wie noch vor einem Jahr.

Welchen Vorteil hat eine niedrige Inzidenz?

Dr. Viola Priesemann, Physikerin und Modelliererin vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, bemerkte: „Es gibt zwei ganz unterschiedliche Strategien, die gemischt verfolgt werden und dadurch verpuffen Maßnahmen.“ Bei der einen orientiere man sich daran, ob noch Betten in den Intensivstationen frei seien. Bei der anderen gehe es darum, die Inzidenzen zu senken. Also grob gesagt die Zahl derjenigen, die sich mit dem Virus anstecken.

„Wenn wir niedrige Inzidenzen haben, kann man eine gezielte lokale Kontrolle machen“, erklärte Priesemann. Dabei bedeute „niedrig“ eine Inzidenz deutlich unter 50. Während der Coronapandemie betrachtet man nämlich die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz. Die gibt an, wie viele Menschen sich pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen angesteckt haben. Die Expertin sagte: Der größte Vorteil einer niedrigen Inzidenz bestehe darin, dass die Gesundheitsämter Kontakte schneller und besser nachverfolgen könnten.

Kurzer harter Lockdown wirksamer

Aus Sicht der Physikerin sei zudem ein kurzer harter Lockdown wesentlich wirksamer als ein Mittelweg mit weniger strengen Maßnahmen und hohen Zahlen. Um das Coronavirus einzudämmen, mache es einen großen Unterschied, ob man nur die minimal notwendigen Maßnahmen beschließe, um die Fallzahlen halbwegs zu stabilisieren, oder ob man starke Einschränkungen plane.

Aufpassen müsse man zudem vor einem „Jo-Jo-Effekt“, warnte Priesemann. Dieser könne entstehen, wenn es für Öffnungen verschiedene Grenzwerte gebe. Deutlich machte sie das am Beispiel Schule: Die Fallzahlen steigen über den Grenzwert von 165, die Schulen werden geschlossen, die Fallzahlen sinken, die Schulen werden wieder geöffnet – und die Fallzahlen steigen wieder. Dadurch komme man gar nicht in einen Bereich, „wo man richtig öffnen kann“.

Expertin wirbt für langsameres Öffnen

Mit Blick auf die Entwicklung der Fallzahlen in den nächsten Wochen zeigte sich Priesemann dank des Fortschritts beim Impfen optimistisch. Trotzdem warb die Physikerin dafür, nur langsam zu öffnen. Sie sagte: Würden die Maßnahmen ein „ganz klein bisschen langsamer“ gelockert, als es der Impffortschritt erlaube, würden die Fallzahlen sinken. Lockere man aber etwas zu früh, dann könne man noch über Wochen volle Intensivstationen haben. „Der Unterschied, den wir in Sachen Freiheiten haben“, sagte Priesemann „ist minimal in den beiden Fällen“.

Unklar sei laut der Expertin, ob der Fortschritt beim Impfen ausreiche, um im Sommer und Herbst weitere Wellen zu vermeiden. Sie gab zu Bedenken, dass der Impfschutz nicht perfekt sei. Für die nächsten Wochen aber werde die Impfung Erleichterung bringen.

Wer wird wann geimpft?

Mit dem Thema Impfen geht es im Corona-Gremium diese Woche weiter. Genauer gesagt stehen die Impfpriorisierung und die Rechte von Geimpften auf der Tagesordnung. Zu der Sitzung am heutigen Donnerstag hat die Runde wieder zahlreiche Expertinnen und Experten eingeladen.

Was die Abgeordneten dabei an Erkenntnissen gewinnen, teilen sie auch der Bundesregierung mit. Der Unterausschuss soll sie nämlich regelmäßig über das aktuelle Infektionsgeschehen informieren sowie Fragen zur Bekämpfung der Pandemie beantworten.

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