Stenografen

„Ihre Arbeit ist durch nichts zu ersetzen“

08.10.2021 – An diesem Wochenende feiert die deutsche Parlamentsstenografie ihren 150. Jahrestag. Aber was machen Stenografinnen und Stenografen überhaupt? Wie sieht ihre Arbeit im Bundestag aus? Und warum sind sie seit 1871 unverzichtbar für unsere Demokratie? Wir erklären es euch.
ein Notizblock mit vier Zeilen stenografischer Zeichen
Diese wenigen Steno-Zeichen stehen für vier Sätze, und zwar: „Sie sind wahre Schnellschreiber: Die Stenografen des Bundestages schreiben extrem flott jedes Wort mit, das in den Sitzungen des Bundestages gesprochen wird. Auch Zwischenrufe, Fragen oder Beifall. Heraus kommt ein Protokoll.“ © DBT/Quelle: Stenografischer Dienst

Ihr Arbeitsplatz ist der Plenarsaal des Deutschen Bundestages. Sie sind bei jeder Debatte live im Fernsehen zu sehen. Sie erbringen Höchstleistungen wie bei einem Hundertmeterlauf. Die Rede ist von den Stenografinnen und Stenografen des Deutschen Bundestages. Kaum jemand aber kennt sie.

Deswegen schauen wir hinter die Kulissen: Wofür braucht es Stenografen? Wie sieht ihr Arbeitsalltag aus? Und wie ergattert man diesen Job beim Deutschen Bundestag?

Stenografie ist tausende Jahre alt

Die Stenografinnen und Stenografen des Bundestages schreiben jedes Wort mit, das in der Sitzung gesprochen wird. Von Reden über Zwischenrufe bis hin zu Widerspruch. Auch Applaus wird mitgeschrieben. Dafür nutzen sie eine besondere Schrift: die Stenografie. Damit kann man besonders schnell schreiben, weshalb sie auch Schnellschrift oder Kurzschrift genannt wird. Mit der „normalen“ Schrift kann man nämlich nur 30 bis 40 Silben in der Minute mitschreiben. Die Stenografen des Bundestages hingegen können bis zu 500 Silben in der Minute notieren.

Die Stenografie kann auf eine lange Tradition zurückblicken: Schon im ersten Jahrhundert vor Christus gab es ein Kurzschriftsystem, mit dem die Verhandlungen des römischen Senats dokumentiert wurden. Auch der Parlamentarismus in Deutschland greift bereits seit 1871 auf die Schreibkünste der Stenografen zurück – damals noch bei Reden im Deutschen Reichstag. Diese 150 Jahre Parlamentsstenografie auf bundesstaatlicher Ebene (1871 bis 2021) stehen im Zentrum des Verbandstages der Parlaments- und Verhandlungsstenografen am 9. und 10. Oktober im Deutschen Bundestag.

Wie sieht der Arbeitsalltag aus?

Der Arbeitsplatz der Stenografinnen und Stenografen im Plenarsaal ist zwischen Rednerpult und den Sitzreihen der Abgeordneten. Die Stenografen sind somit mittendrin im Geschehen und können den Debatten optimal folgen. An ihrem langen Schreibtisch, der auch Stenografentisch heißt, sind außerdem Lautsprecher angebracht, um die Worte der Abgeordneten besser zu hören.

Die Stenografen wechseln sich alle zehn Minuten ab, da sie sich hoch konzentrieren müssen. Danach eilen sie vom Plenarsaal in ihr Büro und diktieren dort einer Schreibkraft, was sie mitgeschrieben haben. Diese schreibt alles in „normaler“ Schrift auf. Anschließend prüfen mehrere Personen das sogenannte Plenarprotokoll. Auch die Abgeordneten, die eine Rede gehalten haben, dürfen es noch einmal prüfen. Dann wird das Protokoll auf bundestag.de veröffentlicht.

Der Stenografische Dienst ist übrigens nicht nur im Plenarsaal aktiv: Beweiserhebungen in Untersuchungsausschüssen oder Sachverständigenanhörungen in den Fachausschüssen sowie besondere Gremiensitzungen werden ebenso von den Stenografen protokolliert – zum Teil sogar zweisprachig.

„Viele digitale Helferlein“

Im neuen Deutschen Bundestag sitzen 735 Abgeordnete. Wie haben die Stenografen da noch den Überblick, um in Sekundenschnelle Gesichter zu erkennen und zu wissen, wer was gesagt hat? Die Leiterin des Stenografischen Dienstes Bärbel Heising erklärt: „Die Stenografen benutzen viele digitale Helferlein: ein Abgeordneten-Quiz, um die vielen Namen und Gesichter zu lernen, eine Datensammlung, damit Namen und Begriffe immer gleich geschrieben werden, und automatische Spracherkennung, damit sich unsere Schreibkräfte auch einmal ausruhen können.“

Was wäre der Bundestag ohne Stenografen?

„Die Arbeit der Stenografen ist durch nichts zu ersetzen“, kommentiert Bärbel Heising. Der Bundestag brauche die Stenografen, „damit man alles, was im Plenarsaal gesprochen, gefragt und gerufen wird, nachlesen kann“. Dabei müssen die Stenografen auch alle verschiedenen Dialektfärbungen korrekt erfassen und anschließend auf Hochdeutsch verschriftlichen.

Doch nicht nur das gesprochene Wort transkribieren die Stenografen, sondern auch alles drumherum. Heising erklärt: „Auch was alles hochgehalten wird – ob ein Buch, ein Zollstock oder ein Plakat –, kann man nachlesen. Auch, ob jemand einem Vorschlag zustimmt oder ihn ablehnt, kann man nachlesen. Und vor allem: Man kann die Plenarprotokolle nach Stichworten durchsuchen und so alles finden, was man sucht. Mit Videos geht dies nicht.

Stenografen kennen jedes Gesicht

Namen auswendig lernen und ständig unter Zeitdruck stehen – macht das überhaupt Spaß? „Das Schwierige ist gleichzeitig auch das Spannende: dass die Stenografen versuchen, sich all die Namen und Gesichter der vielen, vielen Abgeordneten einzuprägen“, so Heising. Jedoch müssten sich die Stenografen auch „sehr stark konzentrieren, um all das, was im Plenarsaal gesprochen wird und was geschieht, mitstenografieren zu können“.

Zur Arbeit gehöre auch, „dass die Stenografen viel lesen, um immer auf dem Laufenden in Sachen Politik zu sein“. Die Protokolle der Plenarsitzungen kann jeder auf der Internetseite des Bundestages nachlesen, wobei es auch Videos von jeder Sitzung gibt. Auf bundestag.de/protokolle findet man übrigens alle Plenarprotokolle seit der allerersten Sitzung des Deutschen Bundestages im September 1949.

Wie wird man Stenograf beim Bundestag?

Grundsätzlich kann sich jede und jeder bewerben, die oder der ein abgeschlossenes Hochschulstudium – also Master, Diplom oder einen vergleichbaren Abschluss – vorweisen kann und darüber hinaus noch praxistaugliche Stenografiekenntnisse besitzt.

Man braucht außerdem eine gute Allgemeinbildung, hohe Sprachkompetenz und ein hohes Interesse an der aktuellen Politik und sollte wegen oft langer Sitzungstage körperlich belastbar sein. Mit einem Bachelorabschluss ist es außerdem möglich, studienbegleitend im Stenografischen Dienst zu arbeiten.

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