Historische Debatte

Mauerfall 1989: Verblüffung und Tränen

31.10.2019 – Die Nachricht riss sie von den Sitzen: Die Mauer ist weg – in einer ganz normalen Sitzung des Bundestages erfuhren die Abgeordneten im westdeutschen Bonn am 9. November 1989 davon. Viele vergossen Tränen der Rührung und begannen, spontan zu singen.

Chorgesang im Bundestag

© DBT

Ein etwas sperriges Thema steht auf der Tagesordnung. Um die "Verbesserung und Vereinfachung der Vereinsbesteuerung" geht es am am Abend des 9. November 1989 im Deutschen Bundestag, dessen Sitz damals noch in Bonn ist, der Hauptstadt Westdeutschlands. Was dann aber tatsächlich folgt, wird als einer der glücklichsten Momente in die Geschichte des Deutschen Parlaments eingehen.

Applaus, als die Nachricht kommt

Während die Parlamentarier über Steuersätze und Vereins-Paragrafen debattieren, verkündet rund 600 Kilometer weiter östlich in der DDR ein hochrangiger Politiker, dass DDR-Bürger ausreisen dürfen – was ihnen bis dahin bis auf ganz wenige Ausnahmen untersagt war. Es war Günter Schabowski, Sprecher des sogenannten SED-Zentralkomitees, des höchsten Gremiums der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, die damals die Macht in der DDR innehatte. Gegen 20 Uhr dringt diese Nachricht nach Bonn – und Karl-Heinz Spilker, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion verliest im Plenarssal: "Ab sofort können DDR-Bürger direkt über alle Grenzstellen zwischen der DDR und der Bundesrepublik ausreisen." Minutenlanger Applaus folgt, die Abgeordneten sind begeistert.

Zahlreiche Zuhörer in Ostberlin verstanden die Ankündigung Schabowskis als sofortige Öffnung der Grenzen, Massen strömten an die Grenzübergänge der Berliner Mauer. Unter dem Druck der Proteste öffneten einige Grenzposten die Absperrungen. Die Mauer war gefallen.

Zurück nach Bonn: Spilker will nun wie geplant seine Rede zum Vereinsförderungsgesetz halten. Doch rund 20 Minuten später unterbricht der Vizepräsident des Deutschen Bundestages Dieter-Julius Cronenberg (FDP) die Sitzung auf Wunsch der Fraktionsvorsitzenden. Nun können sich die Parlamentarier über die Vorgänge in Berlin informieren – Smartphones und iPads gab es damals noch nicht, sie sind auf Telefonate und TV- oder Radio-Nachrichten angewiesen.

Erfolg der Demonstranten

Nun gibt Bundesminister Rudolf Seiters eine Regierungserklärung ab. Er sagt, die vorläufige Freigabe von Besuchsreisen und Ausreisen aus der DDR sei ein "Schritt von überragender Bedeutung". Im Anschluss würdigen die Fraktionsvorsitzenden aller Parteien den Ost-Berliner Reisebeschluss. Die Mauer habe nach 28 Jahren ihre Funktion verloren, sagt Hans-Jochen Vogel (SPD). Auch Alfred Dregger (CDU/CSU) begrüßt den Erfolg, den die Demonstranten in der DDR mit dem Ende der Mauer erreicht haben: "Frieden, Freiheit, Demokratie und Menschenrechte."

Tränen der Freude

Dr. Helmut Lippelt (Die Grünen) fügt hinzu, dass damit der unwürdige Weg über Drittländer überflüssig geworden sei. Zur Erklärung: In den Wochen vor dem Mauerfall waren zahlreiche Ostdeutsche über Nachbarländer der DDR wie etwa Ungarn ausgereist.

Zuletzt spricht der FDP-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Mischnick über Mut, Entschlossenheit und freie Wahlen. Nach Mischnicks Rede stimmen drei Abgeordnete der Union spontan die Nationalhymne an – Hermann Josef Unland, Franz Sauter und Ernst Hinsken. Die Parlamentarier erheben sich und singen mit.

Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger (SPD) ist sichtlich gerührt – und bricht auf Antrag des SPD-Geschäftsführers Dr. Gerhard Jahn unter allgemeinem Beifall die Sitzung um zehn nach neun ab. Willy Brandt (SPD), der als Regierender Bürgermeister von Berlin den Mauerbau miterlebt hat, kämpft mit den Tränen.

Heute findet sich noch ein kleines Stück Mauer im Bundestag: ein Mahnmal, zu finden in dem zum Parlament gehörenden Marie-Elisabeth-Lüders-Haus am Ostufer der Spree, wo sich bis vor 25 Jahren der Mauerstreifen befand.

(DBT/suk)

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