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Reichstagsgebäude
Wer ist das Volk?

06.12.2016 |

Der Bau des Reichstagsgebäudes war nicht gerade ein Schnellschuss. 23 Jahre dauerte es, bis das Gebäude fertig war, aber damit war es nicht komplett. Der Platz über dem Hauptportal, wo heute der Schriftzug "Dem deutschen Volke" thront, blieb vorerst leer.

Inschrift "Julia Nowak-Katz"

Wird demnächst hundert Jahre alt: Inschrift über dem Reichstagsportal – © DBT/Julia Nowak-Katz

Der Berliner Flughafen, seit Anfang der 1990er Jahre in Planung, ist immer für einen schlechten Scherz gut. Zahlreiche Pannen während des Baugeschehens und die sich ständig verlängernde Bauzeit machen das Großprojekt immer wieder zur Lachnummer. Aber mit Großbaustellen hat sich Berlin anscheinend schon immer schwergetan. Der Bau des Reichstages beispielsweise dauerte alles in allem auch schon 23 Jahre. Aber richtig fertig war er damit immer noch nicht: Der Platz für die Inschrift über dem Hauptportal blieb leer. Erst seit 1916 prangt dort der Schriftzug "DEM DEUTSCHEN VOLKE". In diesem Jahr wird er somit 100 Jahre alt.

Parlament ohne Widmung

Die Idee für den Schriftzug stammt wahrscheinlich von Paul Wallot, dem Architekten des Reichstagsgebäudes. Jedenfalls war die Widmung auf Darstellungen des Gebäudes schon vor der Fertigstellung deutlich zu sehen. Als der Reichstag 1894 eröffnet wurde, fehlte sie allerdings. Die zuständige Reichstagsbaukommission hatte sich nicht einigen können – und so wurde die Schrift erstmal ganz weggelassen. Das spitzfindige Argument: Da das deutsche Volk ja praktisch der Bauherr sei, könne es sich sein Parlament ja schlecht selbst widmen.

So ganz klar ist der Grund für das Fehlen der Schrift allerdings nicht. Es gibt auch Vermutungen, dass Kaiser Wilhelm I. die Volksnähe der Inschrift nicht gefallen hat, denn ein großer Freund der Demokratie und des Parlamentarismus war er nicht. 1895 diskutierte die Reichstagsbaukommission noch einmal über den Schriftzug, wieder ohne Ergebnis. Und für die nächsten 20 Jahre verschwand die Sache dann erst einmal von der Tagesordnung.

Hebung der Volksmoral per Schriftzug

Erst 1915 begann man sich wieder mit dem fehlenden Schriftzug zu befassen. Der Erste Weltkrieg dauerte mittlerweile schon ein Jahr und hatte bereits zu diesem Zeitpunkt viel mehr Opfer gefordert, als befürchtet. Das Vertrauen in den Kaiser und die Monarchie war angeschlagen. Mit der Inschrift sollte auch die Moral des deutschen Volkes wieder aufgebaut werden. Ein Unterstaatssekretär in der Reichskanzlei namens Arnold Wahnschaffe empfahl daraufhin eine schnelle Umsetzung der ursprünglichen Idee: Das Erscheinen der Inschrift "würde gut wirken und Seiner Majestät gedankt werden".

Gesagt, getan. Die Sache war beschlossen. Nachdem auch der Kaiser seine Zustimmung gegeben hatte und zwei erbeutete Bronzekanonen aus den napoleonischen Kriegen herausgegeben hatte, konnten diese nun in Buchstaben umgeschmolzen werden. Kurz vor Weihnachten 1916 fanden diese dann ihren Platz über dem Portal.

Plädoyer für Patriotismus

Der Geburtstag der Inschrift wurde nun am 30. November – etwas vorfristig – mit einem Kolloquium gefeiert. Dabei ging es auch um die Frage, wer das eigentlich ist, dieses "deutsche Volk".

Thema war im Zuge dessen auch die Zuwanderung und die Frage einer kollektiven Identität. Am Ende der Diskussion plädierten die Teilnehmer für einen "neuen, aufgeklärten Patriotismus". "Die Verneinung des Nationalstaates hat Demagogen in die Karten gespielt, und wir müssen dem etwas gegenüberstellen", sagte Prof. Dr. Ruud Koopmans, Sozialwissenschaftler und Migrationsforscher. "Wenn [...] wir nicht mehr hoffen dürfen, ein deutsches Volk im Sinne einer homogenen Einheit zu sein, dann schließt das Patriotismus nicht aus", fügte der Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Dieter Grimm hinzu.

(DBT/ah)

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