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Kolja68x68

Kolja Richter (16)
ist Schüler in Berlin

Petra Pau im Gespräch
"War nicht mein Lebensplan"

23.06.2017 |

Lennart (16), Nele (17), Sebastian (17), Marisa (18), Gianluca (18) und Tabea (16) haben Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Die Linke) getroffen. Ein Gespräch über Lebenspläne, die Herausforderung, sich neutral zu verhalten, und die "Nein-sagen-Schwäche".

Petra Pau

Manchmal möchte sie gerne ihren "Senf dazugeben", doch als Vizepräsidentin ist Petra Pau (Die Linke) im Amt zu Neutralität verpflichtet. – © Polina Spartyanova

Peztra Pau mit Jugendlichen

"Man muss auch mal Nein sagen können", sagt Petra Pau (Die Linke) zum Thema Zeitmanagement. Doch gibt sie zu: Es fällt ihr schwer. – © Polina Spartyanova

Petra Pau

Petra Pau (Die Linke) ist seit 2006 Vizepräsidentin des Bundestages. – © Polina Spartyanova

Gewinner_Berlin

Nach vielen Erlebnissen in Berlin, gibt es zum Schluss noch ein Gruppenfoto – © Deutscher Bundestag

Donnerstag, 9.30 Uhr im Jakob-Kaiser-Haus, einem Gebäude des Deutschen Bundestages. mitmischen.de, das Jugendportal des Parlaments, hat Besuch. Die Preisträger der Gewinnspiele des vergangenen Jahres sind zu Gast: Lennart (16), Nele (17), Sebastian (17), Marisa (18), Gianluca (18) und Tabea (16). Schon gestern haben die Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein straffes Programm hinter sich gebracht: Sitzung des Ausschusses für Arbeit und Soziales, Führung durch das Reichstagsgebäude, Besuch der gläsernen Kuppel und eine Stadtführung.

Flagge auf Halbmast

Die erste Gesprächspartnerin des heutigen Tages, Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Die Linke), ist etwas nach hinten gerutscht im Programm. Und zwar aus gutem Grund: Wegen des Todes des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU/CSU) spricht Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert (CDU/CSU) um 9.00 Uhr im Plenarsaal zum Gedenken an den im Alter von 87 Jahren verstorbenen Altbundeskanzler. Pau sitzt im Plenum und erhebt sich wie alle ihre Kollegen zu Ehren des Verstorbenen.

Die Deutschlandflagge auf dem Turm des Reichtagsgebäudes steht auf Halbmast, als Zeichen der Trauer. Die Übertragung der Rede und die Sitzungseröffnung der 240. Sitzung des Bundestages in der 18. Legislaturperiode sehen die mitmischen-Gäste auf einem Monitor an der Wand. Und sie sehen, wie Petra Pau den Plenarsaal verlässt. Fünf Minuten später betritt sie den Raum.

Ein Zeichen setzen

Sofort steigt die 53-jährige Berlinerin mit der roten Kurzhaarfrisur in die Diskussion ein, Zeit ist knapp im Alltag einer Vizepräsidentin. "Sie kommen ja gerade von der Veranstaltung im Plenarsaal, was ist so Ihr erster Eindruck von der Rede Norbert Lammerts?", fragt Sebastian. "Ich gestehe, dass wir, also das Präsidium und der Direktor des Bundestages, gestern früh um acht schon darüber gesprochen hatten, wie denn der Grundtenor der heutigen Rede sein soll", erzählt Pau, die als Vizepräsidentin gemeinsam mit den fünf anderen Vizepräsidenten und dem Bundestagspräsidenten das Bundestagspräsidium bildet. Es sei eine würdige und rührende Rede gewesen. Sie bewerte zwar viele in der Rede angesprochene Themen politisch anders, sagt Pau, doch das Prozedere fand sie offenbar angemessen. Sie sagt, dass "der Bundestag das Recht haben muss, sein eigenes Zeichen des Gedenkens zu setzen."

Vizepräsidentin seit 2006

Pau ist heute schon länger auf den Beinen. Vor dem Gedenken im Plenum hatte sie an einem Treffen der sogenannten IUK-Kommission teilgenommen. IUK steht für "Kommission für den Einsatz neuer Informations- und Kommunikationstechniken und -medien". Pau berichtet, dass sie innerhalb des Präsidiums für diesen Bereich zuständig ist. Dabei geht es nicht nur um die Ausstattung der Abgeordneten, sondern auch um Fragen der IT-Sicherheit.

Politische Neutralität

Seit 2006 bekleidet Pau das Amt der Vizepräsidentin. Sie ist zudem Mitglied im Vorstand der Fraktion Die Linke, Mitglied im Ältestenrat (einem Gremium, das für den reibungslosen Arbeitsablauf im Bundestag sorgt), Mitglied im 3. Untersuchungsausschuss zur Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" und jeweils stellvertretendes Mitglied im Innenausschuss und im Ausschuss Digitale Agenda.

Als die Berlinerin mit Wurzeln in der DDR 2006 abwägte, ob sie für einen Sitz im Präsidium kandidieren sollte, fiel ihr die Entscheidung nicht leicht. Sie habe sich gefragt, ob sie die Themen, die ihr wichtig seien, noch so vertreten könne, wie sie das wolle. Und wie sie es gemäß ihrer Überzeugung sonst immer getan habe. Schließlich ist eine Vizepräsidentin in ihrem Amt zu politischer Neutralität verpflichtet und repräsentiert das gesamte Parlament nach außen.

Den Senf dazugeben

"Wenn man da vorne sitzt, mag man ja schon manchmal seinen Senf dazugeben, egal ob die eigenen Leute Mist erzählen oder die anderen", sagt sie schmunzelnd über ihre Aufgabe, Sitzungen im Plenarsaal zu leiten. Aber für eine Vizepräsidentin sei genau das ein Tabu. So auch gestern. "Ich habe gestern präsidiert, da hatte ich manchmal auch das Bedürfnis, zu der Debatte etwas beizutragen", erzählt Pau.

Pau berichtet den jungen Gesprächspartnern auch von Auslandsreisen für den Bundestag. Dort sei sie durch ihr Amt nicht als linke Politikerin oder Petra Pau unterwegs, sondern als Repräsentantin des Bundestages. Sie muss die Meinungen, die im Bundestag vertreten sind, auch so wiedergeben. "Trotzdem gebe ich ja nicht meine persönliche Meinung am Check-In-Schalter ab", so Pau.

Fünf ist fünf

Bei der Frage nach der schwierigsten Aufgabe ihrer Amtszeit als Bundestagsvizepräsidentin denkt Pau etwas länger nach. Dann meint sie: "Das war 2006/07, als ich meinen beiden damaligen Fraktionsvorsitzenden, nämlich Oskar Lafontaine und Gregor Gysi, zwei sehr ausgeprägten Persönlichkeiten, beizubringen hatte, dass fünf Minuten Redezeit bei Petra Pau genau fünf Minuten Redezeit sind."

Nele fragt, wie denn die Beziehung zu Politikern aus anderen Fraktionen sei: "Gibt es da Freundschaften?" Pau lacht. "Das gilt für den Bundestag genauso wie insgesamt im richtigen Leben." Es gebe auch Mitglieder der eigenen Partei, mit denen sie keine Lust hätte, sich auf ein Glas Wein zu treffen. Und das gelte natürlich auch fraktionsübergreifend. Mit manchen Mitgliedern anderer Fraktionen werde sie in diesem Leben nicht mehr befreundet sein, sagt die Abgeordnete, "und dann gibt es andere, mit denen ich mittlerweile gut befreundet bin, weil wir uns menschlich einfach kennen gelernt haben, obwohl wir politisch verschiedener Meinung sind."

Auch mal Nein sagen

"Was ist die größte Herausforderung im alltäglichen Job eines Abgeordneten", möchte Gianluca wissen. "Zeitmanagement", sagt Pau sofort, "und Nein sagen." Und fügt hinzu: "Ich habe eine augeprägte Nein-sagen-Schwäche, wie man unschwer an meinem Kalender erkennen kann." Sie bräuchte eigentlich "einen 28- oder 30-Stunden-Tag."

Dabei sei ein Leben als Politikerin nie ihr Plan gewesen. "Wenn mir jemand 1989/90, als die Mauer fiel und klar wurde, dass es auf die deutsche Einheit zugeht, gesagt hätte, dass ich mal Abgeordnete oder gar Vizepräsidentin des Bundestages werden würde", erzählt Pau, "hätte ich denjenigen zum Arzt geschickt". Und weiter: "Also das war nicht mein Lebensplan. Doch nach dem Fall der Mauer hatte ich mich dazu entschieden, selbst mitbestimmen zu wollen."

Urlaub muss sein

So ging es für sie erst einmal in das Kommunalparlament ihres Wahlkreises. Und von dort arbeitete sie sich hoch: Sitz in der Bezirksverordnetenversammlung, Direktmandat ins Berliner Abgeordnetenhaus, stellvertretende Vorsitzende der PDS-Fraktion, und, und, und, schließlich 1998 der Einzug in den Deutschen Bundestag. Zur Erläuterung: PDS steht für "Partei des Demokratischen Sozialismus", diese hatte sich 1989/1990 als Nachfolgerin der SED, der Staatspartei der DDR gebildet, aus ihr heraus und einer weiteren Partei entstand 2007 die Partei Die Linke.

Letzte schnelle Frage: "Sommerurlaub, ist der noch drin?" "Ja", sagt Pau, "das halte ich für Pflicht. Das sage ich jedem neuen parlamentarischen Vertreter; und es ist kein Geheimnis, dass es mich seit Jahren immer wieder ins Allgäu zieht." Denn auch Staatsmänner und -frauen brauchten mal eine Pause.

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