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Trennungskinder
Wo sollen sie leben?

21.03.2018 |

Die FDP will, dass Trennungskinder auch im Streitfall bei beiden Eltern aufwachsen. Die anderen Fraktionen meinen: Das funktioniert doch nie!

Trennungsfamilie

Dicke Luft: keine gute Basis fürs Wechselmodell. – © picture alliance / Arco Images GmbH

Beginnen wir heute mit einem Theaterstück. Darin geht es um eine "böse" leibliche Mutter, eine "gute" Ziehmutter und ein Kind. Die leibliche Mutter überlässt ihr Kind seinem Schicksal, die Ziehmutter nimmt sich seiner an und zieht es auf. Irgendwann kommt die leibliche Mutter zurück und will das Kind wiederhaben. Ein Dorfrichter soll entscheiden, zu wem das Kind gehört. Er lässt mit Kreide einen Kreis auf den Boden zeichnen und stellt das Kind hinein. Die Mütter sollen jede an einem Arm des Kindes ziehen. Wer stärker ist, soll das Kind zu sich nehmen können.

Zerren oder loslassen?

Die böse leibliche Mutter zerrt wie irre, die Ziehmutter aber hat Mitleid mit dem Kind und lässt los. Der Richter spricht daraufhin ihr das Kind zu, da sie es mehr liebt und lieber gehen lässt, als ihm wehzutun. Soweit Bertolt Brecht und sein Stück: "Der kaukasische Kreidekreis".

Am 15. März spielte das Thema nun auch im Bundestag eine Rolle: Wer bekommt das Trennungskind, lautete die Frage, die FDP und Linke in Anträgen sehr unterschiedlich beantworten.

Wechsel- oder Residenzmodel

Die FDP bekennt sich in ihrem Antrag zum sogenannten Wechselmodell, das dem Dorfrichter seinerzeit überhaupt noch nicht in den Sinn kam. Dabei zieht nicht eins der getrennten Elternteile das Kind auf, sondern beide im Wechsel zu ungefähr gleichen zeitlichen Anteilen. Falls die Eltern sich nicht gütlich einigen, will die FDP dieses Modell gesetzlich zum Regelfall machen. Auch das Kindergeld soll zu gleichen Teilen an Mama und Papa gehen.

Die Linke fordert in ihrem Antrag, das Kind dem zu geben, zu dem es die stärkere Bindung hat – wenn die Eltern sich nicht einigen können. Das wäre das sogenannte Residenzmodell. Die Fraktion geht davon aus, dass es dem Kind nicht guttut, wenn man es zwischen den Elternteilen hin- und herschiebt.

FDP: Wechselmodell ist anerkannt

Katrin Helling-Plahr (FDP) begann die Debatte im Plenum auch mit einer Sage, nämlich der von Marie und Maximilian, die von beiden Eltern gleichermaßen liebevoll aufgezogen wurden – bevor sich die Eltern trennten. Das Gesetz, so Plahr, würde nun bisher vorsehen, dass die beiden im Regelfall bei einem der Eltern aufwachsen, meist bei der Mutter, und dass der Vater alle zwei Wochen mit ihnen mal in den Zoo geht.

Die Mutter habe also die ganze Arbeit, der Vater zahle Unterhalt und habe keinen wirklichen Einblick mehr, was bei den Kindern so abgeht. Und die Kinder müssten meist auf den Vater verzichten. Plahr will nun, dass beide mit dem Kind "mal in den Zoo" gehen, dass sich aber auch beide um die Hausaufgaben kümmern: "Das ist gerechter, im Regelfall für die Kinder das Beste und auch international anerkannt."

Union: "Was dient den Kindern?"

Mechthild Heil (CDU/CSU) bezweifelt, dass das so funktioniert, da über Fälle geredet würde, bei denen sich die Eltern nicht gütlich über eine Regelung einigen. "Es geht nicht darum, was gerecht für die Eltern ist", so Heil. "Die Frage muss lauten: Was dient den betroffenen Kindern?" Die Abgeordnete geht davon aus, dass für das Wechselmodell viele Faktoren stimmen müssten, insbesondere auch das Verhältnis der Eltern zueinander. Sie plädiert dafür, immer im Einzelfall zu entscheiden.

SPD: Kontakt zu beiden wichtig, aber...

Sonja Amalie Steffen (SPD) betonte, dass es für die Kinder "unheimlich wichtig" sei, dass sie Kontakt zu beiden Eltern haben. Deshalb befürwortet sie im Prinzip auch das Wechselmodell, meint aber, dass das nur funktionieren könne, wenn die Eltern sich verstehen. Anders als die FDP will sie es deshalb nicht gesetzlich zum Regelfall machen.

AfD: "Totalitäre Zwangsbeglückung"

Nicole Höchst (AfD) nannte den FDP-Antrag eine "totalitäre Zwangsbeglückung aller in der Betreuungsfrage zerstrittenen Eltern". Sie plädierte dafür, dass von Gerichten immer im Einzelfall entschieden werden müsse, welches Modell besser für das Kind sei.

Linke: Kindeswille zählt auch

Katrin Werner (Die Linke) schloss sich im Wesentlichen ihren Vorrednerinnen an und fügte noch hinzu, dass der Kindeswille eine wichtige Rolle spiele: "Wenn ein Kind gegen das Wechselmodell ist, sollte es grundsätzlich nicht angeordnet werden." Die Linke sei nicht gegen das Wechselmodell, es könne aber nur funktionieren, wenn sich die (Ex-)Familie wirklich darauf einigt.

Grüne: Wechselmodell ist sehr selten

Katja Keul (Bündnis 90/Die Grünen) wies darauf hin, dass "Kinder, die im sogenannten Wechselmodell hälftig betreut werden", im "Schnitt zufriedener als andere Trennungskinder sind". Aber nur deswegen, weil im Falle des Wechselmodells die Eltern meist miteinander klarkämen. Deswegen sei es auch so selten, es komme nur in fünf Prozent der Trennungsfamilien vor. Keul bezweifelt, dass ein "gerichtlich angeordnetes Wechselmodell überhaupt jemals zum Wohle eines Kindes sein kann".

Beide Anträge gehen nun erst einmal in den Rechtsausschuss. Wer noch mehr über Trennungskinder wissen möchte – auch über die finanziellen Aspekte der Sache, dem empfehlen wir das Video der Debatte.

(DBT/ah)

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