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Jugend-Tourismus
Reiselust und Reisefrust

12.03.2019 |

Klassenfahrten, Sprachreisen, Jugendherbergs-Trips: Die Abgeordneten des Ausschusses für Tourismus haben Experten befragt, wo bei Kinder- und Jugendreisen der Schuh drückt.

protestierende Schüler

Angriff auf die Klassenfahrt: 2013 wollten Gymnasien Klassenfahrten abschaffen, aus Protest gegen die Erhöhung der Arbeitszeit für die Lehrer. Diese Schüler in Hannover protestierten dagegen. – © dpa

Nicht mal mehr Klassenfahrten

Reisen bildet, sagt eine gute alte Binsenweisheit. Dennoch führen Kinder- und Jugendreisen offenbar ein Schattendasein in der Tourismusindustrie. Fatal, meinten Vertreter von sieben Organisationen am 20. Februar bei einer Expertenanhörung im Ausschuss für Tourismus. Mit dabei waren unter anderem Vertreter des Deutschen Jugendherbergswerks, des Deutsch-Französischen Jugendwerks und des Fachverbands der Sprachreiseveranstalter. Einer meinte, selbst Klassenfahrten gingen den Bach runter.

Bleiben arme Kinder oft zu Hause?

Warum eigentlich beschäftigt sich der Bundestag mit so einem Thema? Nun, Kinder- und Jugendtourismus ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in Deutschland. 2013 lag der Umsatz bei 38,2 Milliarden Euro, neuere Zahlen gibt es leider nicht. Allerdings: Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien bleiben dabei oft außen vor.

Deshalb möchte der Ausschuss auch feststellen, ob die bestehenden Fördermöglichkeiten überhaupt bei der Zielgruppe ankommen. Auch mit Sprachreisen will sich der Ausschuss befassen, wobei Deutschland durchaus auch ein Reiseziel für Jugendliche aus anderen Ländern ist.

Mehr Forschung bitte!

Nicht mal ordentlich geforscht werde über den Bereich der Kinder- und Jugendreisen, klagte der Vorsitzende des Jugendtourismus-Fachverbands "Reisenetz", Klaus Eikmeier. Jugendreisen seien in besonderem Maße Orte des "informellen Lernens", das wissenschaftlich bislang völlig unterbelichtet sei: "Kein Forscher interessiert sich für das Thema Entwicklung und Pädagogik des außerschulischen Lernens." Damit sei "eine der reiseaktivsten Zielgruppen überhaupt" nicht erforscht. Bedenklich sei auch, dass in Deutschland ein Veranstalter, "der Minderjährige auf Reisen schickt", keinerlei fachliche Eignung nachweisen müsse.

Das Problem mit den Klassenfahrten

Oliver Engelhardt vom Zusammenschluss der "Jugendherbergen im Norden" kritisierte, dass Klassenfahrten im Schulalltag nicht den Stellenwert hätten, den sie nach seiner Ansicht haben sollten. Nach wie vor gälten Klassenfahrten als "freiwillige Leistungen", auf die auch verzichtet werden könne. Sie seien heute bei Weitem weniger selbstverständlich als in früheren Zeiten. Ein Problem sei auch, dass begleitende Lehrer nicht in allen Bundesländern die vollen Fahrtkosten erstattet bekämen.

Bildung in der Jugendherberge

Das fand auch der Präsident des Deutschen Jugendherbergswerks Günther Schneider schlimm. Schneider wies auf 3.000 pädagogische Programme hin, die in den 470 deutschen Jugendherbergen angeboten würden, und betonte, Klassenfahrten hätten weit mehr mit "Kompetenzerwerb" und "Persönlichkeitsbildung" zu tun als mit "reinem Urlaub".

Sprachschüler mit Visa-Problem

Jugendliche reisen nicht nur aus Deutschland weg, sondern auch hierher: Deutschland sei ein beliebtes Sprachreiseziel, meinte Julia Richter, Vertreterin des Fachverbands Deutscher Sprachreise-Veranstalter. Dumm nur, wenn die Freunde der deutschen Sprache nicht einreisen dürfen. Richter beklagte die Schwierigkeiten, die jugendliche Sprachschüler aus vielen Ländern mit der Visa-Erteilung hätten. Die Folge seien Planungsunsicherheit, zeitlicher Verzug und letztlich volkswirtschaftlicher Schaden.

Neue Horizonte

Es dürfe nicht immer nur um die wirtschaftliche Bedeutung gehen, meinte Hans-Dieter Heine vom Bundesforum Kinder- und Jugendreisen. Schließlich hätten die Reisen eine gesellschaftspolitische Bedeutung. Jugendtourismus sei "besonders wertvoll", weil er "neue Horizonte" eröffne und das Verständnis schärfe für "Vielfalt, auch für das Gesellschaftsmodell eines modernen, weltoffenen Europa". Und wer nicht immer nur im eigenen Land schmort, werde auch nicht so schnell Fremdenfeind und Rassist, so Heine sinngemäß. Umso bedauerlicher sei, dass derzeit 25 Prozent der jungen Menschen nicht in der Lage seien, an solchen Reisen teilzunehmen.

(DBT/ah)

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