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Abgeordnete
Arbeitsverträge: Ist die Frist Mist?

Wilfried Oellers

Wilfried Oellers (CDU) – © Tobias Koch

18.04.2018 |Wem nützen befristete Arbeitsverträge? Das wollten wir von sechs Abgeordneten aus allen Bundestagsfraktionen wissen. Wir haben sie außerdem um Tipps für Berufseinsteiger gebeten.

Vor allem Berufseinsteiger werden oft befristet eingestellt. Was raten Sie jungen Menschen in dieser Situation?

Grundsätzlich ist die Chance, sich erstmalig beruflich zu beweisen und Erfahrung zu sammeln, nicht schlecht. Oft ist ja bereits angedeutet, dass eine konkrete Option auf Übernahme nach Bewährung durch gute Leistungen besteht. Die Zahl der befristeten Neueinstellungen seit 2009 ist von 47 auf 42 Prozent zurückgegangen. Im gleichen Zeitraum ist der Anteil der befristeten Arbeitsverträge von Arbeitnehmern unter 30 Jahre von 28,5 auf 23,8 Prozent zurückgegangen. Die Übernahmequote ist von 30 Prozent im Jahre 2009 auf derzeit 39 Prozent gestiegen. Das ist eine absolut positive Entwicklung.

Warum nutzen viele Arbeitgeber Arbeitsverträge mit sogenannter sachgrundloser Befristung?

Die sachgrundlose Befristung ist für Arbeitgeber ein unbürokratisches Flexibilisierungsinstrument, um auf die Wünsche der Arbeitnehmer, zum Beispiel Elternzeit und den Wunsch nach Teilzeit, sowie schwer vorherzusehende Auftragsentwicklungen reagieren zu können. Etwa 92 Prozent der Arbeitsverhältnisse sind unbefristeter Natur. Von den etwa acht Prozent befristeten Arbeitsverhältnissen sind etwa die Hälfte sachgrundlos befristet. Ein Arbeitsvertrag kann ohne Sachgrund für maximal zwei Jahre befristet werden und das nur bei Neueinstellungen. Die beklagte Verkettung sachgrundloser Befristungen ist nach geltendem Recht nicht möglich.

Jobs auf Zeit (mit und ohne Sachgrund) sind vor allem auch im öffentlichen Bereich verbreitet. Gibt es eine Möglichkeit, sie dort einzudämmen?

Der aus meiner Sicht wichtigste Grund für punktuelle sachgrundlose Befristungen, die Flexibilität von Unternehmen am Markt, trifft auf den öffentlichen Dienst nicht in gleicher Weise zu. Richtig ist aber auch, dass der Gesetzgeber bei der Zunahme von weiterer Flexibilität für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – zum Beispiel im Bereich Wechsel von Teilzeit zu Vollzeit und umgekehrt – auch den Arbeitgebern Instrumente belassen muss, um auf kurzfristige Veränderungen der Personalsituation zu reagieren.

Die Koalition aus CDU/CSU und SPD will Verträge mit sachgrundloser Befristung auf 2,5 Prozent aller Verträge in einem Unternehmen einschränken. 2,5 Prozent, das sind ja sehr wenig - warum also nicht gleich eine komplette Abschaffung, wie die Linke es fordert?

Ein grundsätzliches Verbot nimmt der Wirtschaft Flexibilität und schadet gerade den Geringqualifizierten, die so schwerer den Einstieg in den Arbeitsmarkt finden. Ist die Geschäftsentwicklung unsicher, verzichten Arbeitgeber eher auf zusätzliche Kräfte, die sie bei schlechter Auftragslage betriebsbedingt kündigen müssten, mit dem Risiko einer zusätzlichen Abfindung.

Besser wäre es, das Übel an der Wurzel zu packen und möglichst keine Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung ins Arbeitsleben zu entlassen. Ich halte nichts davon, isoliert an Einzelfeldern wie der sachgrundlosen Befristung herumzudoktern. Vielmehr sollten wir grundsätzlich regeln, wie Firmen flexibel bleiben und gleichzeitig ihren Angestellten gute Arbeitsbedingungen mit Perspektive bieten können.

In den vergangenen Jahren ist der Arbeitsmarkt in vielen Einzelbereichen deutlich strenger reguliert worden. Der Wunsch nach Flexibilisierung sowohl bei den Arbeitnehmern als auch bei den Arbeitgebern muss ausgewogen ausgestaltet werden und nicht einseitig.

Über Wilfried Oellers:

Wilfried Oellers, 42, ist Rechtsanwalt und sitzt seit 2013 für die Union im Bundestag. Er ist Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales. Sein Wahlkreis ist Heinsberg in Nordrhein-Westfalen.

Gabriele Hiller-Ohm

Gabriele Hiller-Ohm (SPD) – © Stefan H. Schenk

18.04.2018 |Wem nützen befristete Arbeitsverträge? Das wollten wir von sechs Abgeordneten aus allen Bundestagsfraktionen wissen. Wir haben sie außerdem um Tipps für Berufseinsteiger gebeten.

Vor allem Berufseinsteiger werden oft befristet eingestellt. Was raten Sie jungen Menschen in dieser Situation?

Ganz konkret kann ich jungen Leuten nur raten: Treten Sie selbstbewusst auf und informieren Sie sich über ihre Rechte. Mein Tipp: Aufgrund des Fachkräftemangels sucht die Wirtschaft händeringend nach Personal, dementsprechend gut ist Ihre Verhandlungsposition. Nutzen Sie sie! Allgemein liegt die Bewältigung dieser Situation aber vor allem in der Verantwortung der Politik. Wir müssen durch Gesetze dafür sorgen, dass die Befristungen zurückgehen, damit Berufseinsteiger gar nicht erst damit konfrontiert werden. Das ist ein wichtiges Anliegen der SPD.

Warum nutzen viele Arbeitgeber Arbeitsverträge mit sogenannter sachgrundloser Befristung?

Viele Arbeitgeber nutzten diese Möglichkeit bislang, um die gesetzliche Probezeit von sechs Monaten auf bis zu zwei Jahre auszuweiten. Wer befristet beschäftigt ist, verlangt weniger Gehalt, nutzt den Urlaub nicht richtig aus und macht mehr Überstunden. Für den Arbeitgeber hat das erstmal Vorteile. Dass die Beschäftigten auf Dauer darunter leiden, wird leider häufig in Kauf genommen.

Jobs auf Zeit (mit und ohne Sachgrund) sind vor allem auch im öffentlichen Bereich verbreitet. Gibt es eine Möglichkeit, sie dort einzudämmen?

Ja und die SPD sorgt dafür, dass Befristungen eingedämmt werden. Wir haben in den Verhandlungen zur Regierungsbildung durchgesetzt, dass endlose Kettenbefristungen abgeschafft werden. Selbst wenn es Sachgründe wie zum Beispiel eine unklare Haushaltslage gibt, dürfen Beschäftigte künftig nicht länger als fünf Jahre befristet werden.

Außerdem verkürzen wir die Höchstdauer von grundlosen Befristungen von 24 auf 18 Monate. An den staatlichen Hochschulen und Forschungseinrichtungen, wo das Problem besonders gravierend war, konnten wir die Arbeitsbedingungen der Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler durch Gesetzesänderungen bereits verbessern.

Die Koalition aus CDU/CSU und SPD will Verträge mit sachgrundloser Befristung auf 2,5 Prozent aller Verträge in einem Unternehmen einschränken. 2,5 Prozent, das sind ja sehr wenig - warum also nicht gleich eine komplette Abschaffung, wie die Linke es fordert?

Für die SPD sind sachgrundlose Befristungen vor allem eins: grundlos. Wir wollen diese Art der Befristungen weiterhin komplett abschaffen. Der Unterschied zur Fraktion Die Linke ist jedoch, dass die SPD nach Mehrheiten sucht, um ihre Ziele Stück für Stück durchzusetzen. In einem ersten Schritt haben wir mit CDU/CSU vereinbart, dass Arbeitgeber mit mehr als 75 Beschäftigten nur noch 2,5 Prozent der Arbeitsverträge sachgrundlos befristen dürfen. In diesen Unternehmen halbieren wir damit die Zahl der grundlos Befristeten. Davon profitieren mit einem Schlag etwa 400.000 Beschäftigte. Wie gesagt, ist das für die SPD aber nur der erste Schritt hin zur kompletten Abschaffung.

Über Gabriele Hiller-Ohm:

Gabriele Hiller-Ohm, 65, ist seit 2002 für die SPD im Deutschen Bundestag und war vorher als Redakteurin tätig. Sie ist Obfrau im Ausschuss für Tourismus und unter anderem Mitglied im Auschuss für Arbeit und Soziales. Ihr Wahlkreis ist Lübeck in Schleswig-Holstein.

Sebastian Münzenmaier

Sebastian Münzenmaier (AfD) – © PR

18.04.2018 |Wem nützen befristete Arbeitsverträge? Das wollten wir von sechs Abgeordneten aus allen Bundestagsfraktionen wissen. Wir haben sie außerdem um Tipps für Berufseinsteiger gebeten.

Vor allem Berufseinsteiger werden oft befristet eingestellt. Was raten Sie jungen Menschen in dieser Situation?

Die Situation ist für junge Menschen bestimmt nicht einfach, jedoch ist für viele Berufsanfänger die Befristung oftmals nur ein Einstieg ins Arbeitsleben und viele Unternehmen haben bei guten jungen Mitarbeitern ein großes Bedürfnis, diese nach einer ersten Befristung dauerhaft an sich zu binden. Mein Rat wäre folglich, dass man die Zeit der Befristung nutzt und durch gute Leistung dafür sorgt, dass nach kurzer Zeit der unbefristete Arbeitsvertrag wartet.

Warum nutzen viele Arbeitgeber Arbeitsverträge mit sogenannter sachgrundloser Befristung?

In meinen Augen ist die sachgrundlose Befristung für Unternehmen eine Möglichkeit herauszufinden, ob ein bestimmter Arbeitsplatz für das Unternehmen auf Dauer wirtschaftlich tragbar ist und bietet Unternehmern somit eine gewisse Flexibilität am Arbeitsmarkt.

Jobs auf Zeit (mit und ohne Sachgrund) sind vor allem auch im öffentlichen Bereich verbreitet. Gibt es eine Möglichkeit, sie dort einzudämmen?

Das wahre Problem im Bereich Befristungen und insbesondere im öffentlichen Bereich sind die sogenannten "Kettenbefristungen", also die Abfolge von Befristungen mit Sachgrund. Hier muss Abhilfe geschaffen werden und eine Möglichkeit könnte die generelle Begrenzung der Dauer von Befristungen sein. Sachgrundlose Befristungen sind ja bereits zeitlich limitiert, ähnliches könnte ich mir auch für Befristungen mit Sachgrund vorstellen, das muss geprüft werden.

Die Koalition aus CDU/CSU und SPD will Verträge mit sachgrundloser Befristung einschränken, die Linken fordert die komplette Abschaffung. Was ist Ihre Meinung?

Eine Abschaffung der sachgrundlosen Befristung führt zu einer Flucht in die Leiharbeit und bekämpft keineswegs das eigentliche Problem der Kettenbefristungen mit Sachgrund. Der Antrag der Linken ist reine Symbolpolitik. Wir setzen uns für eine generelle Überarbeitung der Befristung ein und sind für konstruktive Vorschläge, die die wahren Probleme der Arbeitnehmer lösen können, gerne offen.

Über Sebastian Münzenmaier:

Sebastian Münzenmaier, 28, ist seit 2017 für die AfD im Bundestag und war vorher als Versicherungs- und Finanzanlagenfachmann tätig. Er ist Vorsitzender des Tourismus-Ausschusses und stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales. Sein Wahlkreis ist Mainz in Rheinland-Pfalz.

Johannes Vogel

Johannes Vogel (FDP) – © PR

18.04.2018 |Wem nützen befristete Arbeitsverträge? Das wollten wir von sechs Abgeordneten aus allen Bundestagsfraktionen wissen. Wir haben sie außerdem um Tipps für Berufseinsteiger gebeten.

Vor allem Berufseinsteiger werden oft befristet eingestellt. Was raten Sie jungen Menschen in dieser Situation?

Richtig ist, dass Jüngere tendenziell öfter betroffen sind. Aber die Statistik zeigt uns auch, dass spätestens nach fünf Jahren 85 Prozent der ehemals befristet Beschäftigten in unbefristeten Arbeitsverhältnissen sind. Befristungen sind also gerade im jungen Alter kein Dauerzustand. Vielmehr bietet die Beschäftigung die Möglichkeit, sich zu beweisen und für weitere Tätigkeiten zu empfehlen. Diese Chance sollte man nutzen, denn sie ist groß. Wir dürfen bei der Debatte aber auch nicht außer Acht lassen, dass 80 Prozent der Beschäftigungen unbefristet sind.

Warum nutzen viele Arbeitgeber Arbeitsverträge mit sogenannter sachgrundloser Befristung?

Befristete Arbeitsverträge bieten gerade jungen Menschen und Geringqualifizierten eine Einstiegschance in den Arbeitsmarkt. Wenn wir die sachgrundlose Befristung abschaffen, dann leiden darunter gerade die Jüngeren, weil wir ihnen eine trittfeste Leiter in eine unbefristete Arbeit verbauen würden. Der Gedanke erfüllt mich mit Sorge und das müssen wir verhindern.

Darüber hinaus nutzen Arbeitgeber die Arbeitsverträge mit sachgrundloser Befristung auch deshalb, weil sie sich von einem Beschäftigten eventuell mal wieder trennen müssen, dieser Person aber eine Chance geben wollten – eine Chance, die diese Person ohne die Möglichkeit der Befristung möglicherweise nicht erhalten hätte.

Jobs auf Zeit (mit und ohne Sachgrund) sind vor allem auch im öffentlichen Bereich verbreitet. Gibt es eine Möglichkeit, sie dort einzudämmen?

Ja, natürlich, und genau diese Doppelmoral ärgert mich. Während zum Beispiel Sozialdemokraten immer wieder die Abschaffung der sachgrundlosen Befristung fordern, sind die Zahlen der befristet Beschäftigten gerade in von der SPD geführten Ministerien besonders hoch. Der Staat befristet grundsätzlich viel öfter als die Privatwirtschaft, gerade bei Neueinstellungen – und er übernimmt nur rund ein Drittel der befristet Beschäftigten. Das ist absurd und muss sich ändern. Die SPD-Minister könnten das sofort anweisen – tun sie aber nicht!

Die Koalition aus CDU/CSU und SPD will Verträge mit sachgrundloser Befristung einschränken, die Linken fordert die komplette Abschaffung. Was ist Ihre Meinung?

Wie die schwarz-rote Bundesregierung ihre Verabredung aus dem Koalitionsvertrag umsetzt, bleibt abzuwarten. Klar ist aber: Ihre Beschränkung auf 2,5 Prozent befristeter Beschäftigung soll bei Unternehmen mit mindestens 75 Beschäftigten greifen. Diese Zahlen sind willkürlich und nicht nachvollziehbar. Ich werbe weiterhin dafür, die Regeln beizubehalten, um allen Menschen größtmögliche Einstiegschancen zu bieten. Dann muss man mit guter Weiterbildung unterstützen. Jedenfalls glaube ich nicht, dass wir jemandem, der es jetzt schwer hat am Arbeitsmarkt, dadurch einen Gefallen tun, wenn man es für Arbeitgeber problematischer macht, ihn einzustellen.

Über Johannes Vogel:

Johannes Vogel, 35, ist seit 2017 erneut für die FDP im Bundestag und war 2009 bis 2013 bereits deren arbeitsmarktpolitischer Sprecher. Er hat Politikwissenschaften studiert und ist Obmann im Ausschuss für Arbeit und Soziales und sein Wahlkreis ist Märkischer Kreis I in Nordrhein-Westfalen.

Susanne Ferschl

Susanne Ferschl (Die Linke) – © PR

18.04.2018 |Wem nützen befristete Arbeitsverträge? Das wollten wir von sechs Abgeordneten aus allen Bundestagsfraktionen wissen. Wir haben sie außerdem um Tipps für Berufseinsteiger gebeten.

Vor allem Berufseinsteiger werden oft befristet eingestellt. Was raten Sie jungen Menschen in dieser Situation?

Auf der einen Seite ist der erste Job für jungen Menschen ein wichtiger Schritt hinein in eine neue Lebensphase. Das erste eigene Geld verdienen, sich damit unabhängig machen und etwas Eigenes aufbauen. Auf der anderen Seite brummt unsere Wirtschaft und die Betriebe suchen händeringend nach Fachkräften. In dieser Situation jungen Menschen nur befristete Verträge anzubieten, ist für beide Seiten ein schlechtes Geschäft.

Ich rate Berufseinsteigern, selbstbewusst aufzutreten und sich genau die jeweiligen Entfristungsmöglichkeiten in ihren Betrieben anzuschauen und auch mit dem Betriebs- oder Personalrat zu sprechen. Zudem lohnt sich ein Blick auf die künftige Gesetzeslage, denn da wird sich, so hat es die neue Bundesregierung zumindest versprochen, einiges verbessern.

Warum nutzen viele Arbeitgeber Arbeitsverträge mit sogenannter sachgrundloser Befristung?

Für Arbeitgeber sind befristete Verträge ohne Angaben von Gründen eine simple Möglichkeit, Beschäftigte nur kurzfristig zu beschäftigen und nicht zu sagen, warum. Bei Angabe von Sachgründen könnte die betriebliche Interessenvertretung beispielsweise die Befristungen besser überprüfen. Auch nutzen viele Firmen sachgrundlose Befristungen gerade bei neuen Beschäftigten als illegale Verlängerung der gesetzlichen Probezeit. Den Arbeitgeber freut's, die Arbeitsplatzsicherheit und die Lebensplanung der Beschäftigten bleibt aber auf der Strecke.

Jobs auf Zeit (mit und ohne Sachgrund) sind vor allem auch im öffentlichen Bereich verbreitet. Gibt es eine Möglichkeit, sie dort einzudämmen?

Sicher gibt es die, die Gewerkschaft Ver.di hat beispielsweise in der letzten Tarifrunde des öffentlichen Dienstes unter anderem gefordert, die sachgrundlose Befristung per Tarifvertrag zu verbieten. Auch gibt es auf politischer Ebene immer wieder Initiativen, die Befristungen im öffentlichen Sektor zurückzudrängen. Leider tun sich die kommunalen Arbeitgeberverbände sowie der Bundesinnenminister als oberster Dienstherr des öffentlichen Dienstes im Bund immer noch schwer, da eine Trendwende einzuleiten.

Der öffentliche Dienst wurde in den 90er Jahren durch Entlassungen und massive Befristungswellen an den Rand der Arbeitsunfähigkeit gebracht. Daher ist es angesichts der gestiegenen Anforderungen sowie der vielen Beschäftigten, die in den nächsten Jahren in Rente gehen werden, umso wichtiger, dass auch junge Menschen endlich eine dauerhafte, sprich unbefristete, berufliche Perspektive im Bürgeramt, bei der Stadtreinigung oder in der Kita bekommen.

Die Koalition aus CDU/CSU und SPD will Verträge mit sachgrundloser Befristung auf 2,5 Prozent aller Verträge in einem Unternehmen einschränken. Das ist doch fast schon die Abschaffung, die Sie fordern, reicht Ihnen das nicht?

Nein, das reicht nicht. Denn diese Einschränkung gilt erst ab einer Betriebsgröße von 75 Mitarbeitern. Die Mehrheit der Beschäftigten in Deutschland arbeitet aber in Betrieben mit weniger als 75 Mitarbeitern. Das bedeutet, dass die geplanten Einschränkungen nur in 3,6 Prozent aller Betriebe umgesetzt werden kann. Das reicht hinten und vorne nicht und schafft dazu neue Ungerechtigkeiten. Denn wenn ich Pech habe, arbeite ich in einem Betrieb mit 50 Kolleginnen und Kollegen und dort kann der Chef einfach weiter meinen Vertrag sachgrundlos befristen. Diese Zweiteilung ist für den Zusammenhalt einer Gesellschaft nicht förderlich.

Über Susanne Ferschl:

Susanne Ferschl, 45, hat eine Ausbildung zur Wirtschaftsmediatorin und zur Chemielaborantin gemacht und ist seit 2017 für die Linksfraktion im Bundestag. Sie ist Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales. Ihr Wahlkreis ist Ostallgäu in Bayern.

Beate Müller-Gemmeke

Beate Müller-Gemmeke (Bündnis 90/Die Grünen) – © PR

18.04.2018 |Wem nützen befristete Arbeitsverträge? Das wollten wir von sechs Abgeordneten aus allen Bundestagsfraktionen wissen. Wir haben sie außerdem um Tipps für Berufseinsteiger gebeten.

Vor allem Berufseinsteiger werden oft befristet eingestellt. Was raten Sie jungen Menschen in dieser Situation?

Ein Drittel der Beschäftigten, die jünger als 25 Jahre sind, hat nur einen befristeten Arbeitsvertrag. Das ist nicht akzeptabel. Gerade junge Menschen sind motiviert. Sie haben einen besseren Berufseinstieg verdient. Stattdessen müssen sie sich teilweise von einer Befristung zur anderen hangeln. Das ist belastend und vor allem ist so eine Lebensplanung nicht möglich.

Ich könnte jetzt jungen Menschen raten, schaut nach einem anderen Beschäftigungsverhältnis. Aber Beschäftigte und Arbeitsuchende sind natürlich immer in einem Abhängigkeitsverhältnis. Also bringt dieser Rat junge Menschen nicht wirklich weiter. Sachgrundlos zu befristen ist legal und deshalb ist hier die Politik gefragt. Wir Grünen sehen die Probleme und deshalb wollen wir die sachgrundlose Befristung abschaffen.

Warum nutzen viele Arbeitgeber Arbeitsverträge mit sogenannter sachgrundloser Befristung?

Natürlich gibt es Situationen, in denen Befristungen notwendig sind – bei Elternzeit, längerer Krankheit, bei Projektarbeit auf Zeit. Hier können die Betriebe befristen, sie müssen es nur sachlich begründen können. Das reicht vollkommen aus. Mit den sachgrundlosen Befristungen machen es sich die Arbeitgeber hingegen leicht. Es ist unbürokratisch und einfach. Vor allem kann so auch das unternehmerische Risiko auf die Beschäftigten übertragen und auch der Kündigungsschutz umgangen werden. Und das ist für uns nicht akzeptabel. Denn Betriebe müssen auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

Jobs auf Zeit (mit und ohne Sachgrund) sind vor allem auch im öffentlichen Bereich verbreitet. Gibt es eine Möglichkeit, sie dort einzudämmen?

Das ist wirklich ein Skandal. 50 Prozent aller Neueinstellungen im Öffentlichen Dienst sind befristet, zwei Drittel davon auch noch sachgrundlos. Dieser Zustand ist unhaltbar. Denn auch im Öffentlichen Dienst sind Befristungen ohne Sachgrund nicht nötig. Die Bundesregierung könnte problemlos mit gutem Beispiel vorangehen. Und es wäre zumindest ein Schritt in die richtige Richtung, wenn alle Bundesministerien und die ihnen nachgeordneten Behörden wenigstens auf die sachgrundlose Befristung verzichten würden. Davon würden mehr als 200.000 Beschäftigte profitieren.

Die Koalition aus CDU/CSU und SPD will Verträge mit sachgrundloser Befristung einschränken, die Linken fordert die komplette Abschaffung. Was ist Ihre Meinung?

Wir Grünen wollen die sachgrundlose Befristung abschaffen. Das wäre die richtige Maßnahme. Die SPD konnte sich hier aber nicht vollständig durchsetzen. Sollte der Kompromiss der Großen Koalition umgesetzt werden, wäre dies immerhin ein Anfang, um ausufernde Kettenbefristungen, aber auch sachgrundlose Befristungen zu reduzieren.

Die neuen Regelungen werden das Befristungsrecht allerdings bürokratisch und unübersichtlich machen. Außerdem ist es nicht nachvollziehbar und auch nicht gerecht, warum Betriebe mit weniger als 75 Beschäftigten weiterhin unbegrenzt befristen dürfen und es gibt auch keine Antwort auf mögliche Ausweichreaktionen in Richtung Leiharbeit. Es wäre ein erster Schritt, aber wir werden das Gesetzgebungsverfahren sehr kritisch begleiten.

Über Beate Müller-Gemmeke:

Beate Müller-Gemmeke, 57, ist Diplom-Sozialpädagogin und seit 2009 für die Grünen im Bundestag. Sie ist deren Sprecherin für Arbeitsnehmerrechte und Mitglied im Ausschuss für Abreit und Soziales. Ihr Wahlkreis ist Reutlingen in Baden-Württemberg.

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