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Constantin Germann 68x68

Constantin Germann (19)
studiert Jura

Ausbildung Pilot
Im Wahnsinn ruhig bleiben

21.11.2018 |

Traumjob Pilot? Constantin hat Kapitän Max Scheck gefragt, was man mitbringen muss, um Passagierflugzeuge fliegen zu können. Der Pilot engagiert sich auch in der Pilotenvereinigung Cockpit und weiß, wo es im Flugbetrieb gerade knirscht.

Piloten im Cockpit

Fliegen muss man üben: Hier demonstrieren Trainer Pilotenschülern das Starten und Landen. – © dpa

"Mein Traumberuf"

"Auch nach 30 Jahren ist das Fliegen noch mein absoluter Traumberuf", erzählt Max Scheck begeistert. Der 52-jährige Pilot fliegt seit über 24 Jahren bei einer großen deutschen Fluggesellschaft, hat 16.000 Flugstunden Erfahrung und ist seit zehn Jahren Kapitän. Momentan fliegt er von Frankfurt am Main aus vor allem Kurz- und Mittelstrecken.

Seit fünf Jahren ist Scheck außerdem in verschiedenen Arbeitsgruppen der Pilotenvereinigung Cockpit aktiv. Diese kümmert sich um die Interessen der Arbeitnehmer, etwa bei Tarifverhandlungen. Dort verhandeln die Tarifpartner, also Vertreter der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber, einen Vertrag, der wichtige Dinge regelt, etwa wie viel Lohn gezahlt wird oder wie viele Arbeitsstunden und Urlaubstage ein Arbeitnehmer bekommt. Scheck ist bei Cockpit unter anderem in einer Arbeitsgruppe, welche sich intensiv mit der Ausbildung und Qualifizierung von Piloten beschäftigt.

Ohne Garantie

Scheck, der neben seiner Pilotenausbildung auch Luft- und Raumfahrt studiert hat, begann vor 30 Jahren mit der klassischen Pilotenausbildung. Diese wurde damals noch komplett von der Airline finanziert. Doch vieles hat sich inzwischen geändert: "Es kommt nur noch selten vor, dass die Airlines die Ausbildung bezahlen. Die Auszubildenden müssen meistens einen Kredit von 100.000 bis 150.000 Euro aufnehmen, um überhaupt Pilot werden zu können", so Scheck. Viele der jungen Menschen schrecke das von der Ausbildung ab, auch weil ein Job nach der Ausbildung nicht garantiert sei.

790.000 Piloten in 20 Jahren

Die unsichere Arbeitslage nach der Ausbildung und die teure Ausbildung selbst führten in den letzten Jahren zu einem großen Pilotenmangel: "Laut Studien von Airbus und Boeing braucht es in den nächsten 20 Jahren 790.000 vollqualifizierte Piloten, um den Mangel zu decken. Das entspricht im Schnitt 108 Piloten, die weltweit jeden Tag ihre Ausbildung abschließen müssten.

Kein Tag ohne Störung

Diesen enormen Personalmangel bekommt Max Scheck vor allem im Cockpit zu spüren: Der Flugbetrieb sei weltweit derart am Limit, dass es täglich zu Unregelmäßigkeiten und Verspätungen komme. "Als Kapitän möchte ich sicher, stressfrei, pünktlich und mit viel Komfort für die Passagiere von A nach B kommen." Scheck kritisiert, dass das aufgrund des Personalmangels, der sowohl im Cockpit als auch am Boden herrsche, eigentlich unmöglich sei. Tage ohne Störungen kämen höchstens zwei bis drei Mal im Jahr vor.

Gleichzeitig gibt es mehr als 8.000 Piloten europaweit, die arbeitslos gemeldet sind. Oft handelt es sich dabei um Piloten, die den nötigen Anforderungen der Airlines nicht genügen oder trotz der Ausbildung nicht die geforderten Eigenschaften besitzen. Doch was muss ein Pilot denn alles können?

Im täglichen Wahnsinn bestehen

"Geeignet ist, wer es unter widrigen Umständen schafft, immer handlungsfähig zu bleiben. Diese Eigenschaft ist nicht angeboren, da spielt Erfahrung eine große Rolle", so Scheck. "Natürlich braucht man als Pilot auch einiges an Mathe und Physik, aber das kann man lernen", ergänzt er.

Aber im täglichen Wahnsinn unter allen erdenklichen Umständen ruhig zu bleiben, und das über Jahrzehnte hinweg, könne nicht jeder, und das sei auch schwer erlernbar, schildert Scheck. Diese Eigenschaften prüfen Airlines in sogenannten Assessment Centern ab, in denen verschiedene Situationen des alltäglichen Flugbetriebs simuliert werden.

Grundrecht auf billige Tickets?

Nicht nur die teure Ausbildung bereiten dem Kapitän und der Pilotenvereinigung Cockpit Sorgen. So meint Scheck, dass sich in den letzten Jahren sowohl bei Passagieren als auch bei den Airlines eine gewisse Erwartungshaltung entwickelt habe: "Viele Menschen denken mittlerweile, es sei so etwas wie ein Grundrecht, für 20 Euro von Frankfurt nach Barcelona fliegen zu können." Diese Dynamik, so Scheck, sei vor allem durch sogenannte Billig-Airlines entstanden. Auch darunter habe die Attraktivität aller Berufe rund ums Fliegen stark gelitten.

Für Rechte streiken

"Natürlich gibt es auch einige seriöse Low Cost Airlines", sagt Scheck. Er ist der Meinung: Ein Flugticket sollte die tatsächlichen Flugkosten auch abdecken – und nicht die Kürzung der Gehälter von Piloten, Stewardessen und Arbeitern am Boden.

"Ich habe allergrößten Respekt vor den Kollegen von Ryanair, die es dann doch nach Jahren endlich geschafft haben, für ihre Rechte einzustehen", sagt Scheck und spielt auf die Streiks der Mitarbeiter der irischen Fluglinie in mehreren europäischen Ländern in den vergangenen Monaten an.

Junge Piloten informieren

Der Verband Cockpit sieht seine Aufgabe nun vor allem darin, angehende Piloten ausführlich über den Job zu informieren. "Wir wollen verhindern, dass jemand die Pilotenausbildung macht, der danach merkt, dass er dafür nicht geeignet ist, deshalb 150.000 Euro Schulden hat und sein Leben lang frustriert ist."

Scheck möchte vor allem, dass angehende Piloten vor der Ausbildung alle ein zentralisiertes Assessment Center absolvieren, um die eigene Fähigkeit zu prüfen und dass es ein Finanzierungsmodell vom Staat oder den Airlines für die Pilotenausbildung gibt. "Ich möchte niemandem davon abraten, Pilot zu werden. Aber wer Pilot werden möchte, sollte sich bei Verbänden wie uns informieren oder uns kontaktieren. So können wir als Verband dazu beitragen, dass geeigneter Nachwuchs den Weg ins Cockpit findet – was für alle Beteiligten von entscheidender Bedeutung ist."

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