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Die Autorin

Lara Gahlow 68x68

Lara Gahlow (22)
studiert Kultur-, Medien- und Kommunikationswissenschaft

Hintergrund
Kritische Töne

22.07.2015 |

Wer eine Ausbildung im Ausland gemacht hat, soll leichter in anderen EU-Staaten seinen Beruf ausüben können. So will es die EU-Kommission. Der Bundestag hat kürzlich per Antrag eine Botschaft nach Brüssel gesandt. Was die Parlamentarier fordern, damit Tische nicht bald wackeln oder Orgeln schief klingen.

Man sieht einen jungen Mann an einer Orgel.

Auch Orgelbauer ist in Deutschland ein dualer Ausbildungsberuf. 200 Werkstätten gibt es bundesweit. – © picture alliance

Das Siegel "Made in Germany" steht für Qualität – nicht nur in Deutschland. "Das deutsche Handwerk ist international sehr anerkannt. Es steht für eine fundierte Ausbildung sowie Waren und Dienstleistung von hoher Qualität", sagt Tischlermeister Martin Gahlow aus Braunschweig. "Das liegt nicht zuletzt an zwei Faktoren: Dem Meistertitel und der dualen Ausbildung", beschreibt er die Vorzüge des deutschen Handwerks weiter. So lernen Azubis in Deutschland dank der dualen Ausbildung beides: die Theorie in der Berufsschule und die Praxis im Ausbildungsbetrieb. Und wenn sie sich mehrere Jahre im Beruf bewährt haben, können sie die Prüfung zum Meister machen. Dieses deutsche System wird europaweit bewundert und teilweise adaptiert.

Exportschlager: Deutsches Ausbildungssystem

So gibt es bereits Pilotprojekte in Italien, Spanien, Portugal, Griechenland, der Slowakei und Lettland, mit denen die duale Ausbildung auch dort eingeführt werden soll. Denn während in vielen Ländern der Europäischen Union eine größtenteils verschulte Ausbildung stattfindet, verbindet die Ausbildung in Deutschland klassischen Unterricht mit betrieblicher Praxis vom ersten Moment der Ausbildung an – ob bei Gerüstbauern, Schornsteinfegern oder Chirurgiemechanikern.

Die über 500.000 Auszubildenden, davon gut 107.000 in handwerklichen Berufen, die jährlich eine Ausbildung beginnen, lernen so neben dem fachlichen Wissen auch Pünktlichkeit, wie man mit Kunden umgeht und erleben ganz normale Arbeitsalltage. Für die angehenden Augenoptiker, Hörgeräteakustiker oder Orthopädietechniker eine ideale Vorbereitung auf den Job.

In den meisten Handwerksberufen ist es möglich, sich nach dem Ende der Ausbildung direkt selbstständig zu machen. Doch in 41 der rund 130 Handwerksberufe ist nach wie vor der Meistertitel Bedingungen für einen eigenen Betrieb, etwa für Bäcker, Klempner oder Maler.

Hier und da arbeiten können

Ob Kälteanlagenbauer, Informationstechniker oder Kraftfahrzeugtechniker – in jedem EU-Land läuft die Ausbildung anders. Daher will sich die EU-Kommission jetzt einen Überblick darüber verschaffen, wie die einzelnen Ländern es regeln, wer einen Beruf ausüben darf und wer nicht. Dabei geht es nicht nur um Handwerksberufe, sondern auch um die sogenannten Freien Berufe, also Apotheker, Notare oder Tierärzte zum Beispiel. Was die EU da gerade macht nennt sich Transparenzinitiative.

Das Ziel des Ganzen: EU-Bürger sollen mobil sein und möglichst auch in anderen Ländern ihre Berufe ausüben können. Letztlich ist vorgesehen, die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse schrittweise zu liberalisieren, um den beruflichen Einstieg in Deutschland und auch in anderen EU-Ländern für Ausbildungsabsolventen aus EU-Staaten zu vereinfachen.

Nun soll aufgelistet werden, in welchem Beruf welche Vorschriften gelten, und ob diese tatsächlich für die Qualität und die Einstiegschancen in den Berufen förderlich oder ob nicht gar einige hinderlich sind. Schließlich soll vermieden werden, dass sich Berufsgruppen in einigen Länder mit bestimmten Regeln nur einfach unliebsame Konkurrenten aus anderen Ländern vom Hals halten wollen.

Lehre, Geselle, Meister

Die Deutschen müssen also ihren EU-Verhandlungspartnern etwa erklären, warum hierzulande etwa bei Malern oder Klempnern strenge Regeln gelten. Einfach Wände anstreichen geht eben nicht – die deutsche Handwerksordnung regelt ganz genau, wie man Maler wird: Zuerst kommt die Lehre, die Ausbildungszeit endet dann mit der bestandenen Gesellenprüfung. Ein Geselle hat anschließend mindestens drei Jahre lang als Angestellter eines Meisterbetriebs zu arbeiten, bevor er zur Meisterschule gehen darf. Die Meisterausbildung selbst kostet dann noch einmal Geld und Zeit. Wer die Prüfung bestanden hat, also den sogenannten "Große Befähigungsnachweis", wird in die Handwerksrolle der Kammer eingetragen. Erst dann dürfen Maler auf eigene Rechnung tätig werden und Lehrlinge ausbilden. So läuft das bei vielen Handwerkern hierzulande.

Martin Gahlow verteidigt die Regeln: "Der Meistertitel und die damit einhergehenden Restriktionen haben definitiv ihre Berechtigung. Im Tischlerhandwerk beispielsweise ist es Gesellen erlaubt, selbstständig im Bereich der Montage tätig zu sein. Eigene Möbel zu bauen, ist jedoch den Meistern vorbehalten. Und den qualitativen Unterschied merkt man – Meister sind einfach umfassender ausgebildet", argumentiert er, der sich bereits seit 30 Jahren Meister nennen darf.

Die Fans des Meistertitels argumentieren weiterhin: Meisterbetriebe gelten vielfach als "insolvenzfest", was bedeutet, dass sie nicht so leicht pleite gehen. Zudem bilden sie Azubis aus und sorgen so für Fachkräfte. Sie halten die Jugendarbeitslosigkeit, die in Deutschland unter 8 Prozent liegt, weiter auf einem niedrigen Stand.

Koalition: Qualität muss hoch bleiben

Die Koalitionspartner CDU/CSU und SPD schauen derzeit wachsam bis kritisch nach Brüssel. Zur Transparenzinitiative äußern sie sich in einem Antrag, den der Bundestag am 2. Juli beschlossen hat: "Ziel muss es sein, die hohen Qualitätsstandards bei den Freien Berufen und dem Handwerk in dem sich ständig verschärfenden wirtschaftlichen Wettbewerb als strukturellen Wettbewerbsvorteil zu bewahren", heißt es dort. Sie betonen, dass die unterschiedlichen Regeln der EU-Mitgliedsstaaten nicht per se ein Problem darstellen und die bisherigen Restriktionen auch zum Schutz für die Freien Berufe dienen, zu denen etwa Hebammen, Architekten oder Übersetzer zählen. So stehen durch eine zu starke Lockerung der Berufszugangsregelung auch Arbeits- und Verbraucherschutz sowie das Ansehen des Dienstleisterlandes Deutschland auf dem Spiel, meinen die Experten der Koalition.

Seid willkommen, Handwerker!

Bereits im Juni war die Anerkennung von Berufsabschlüssen Thema im Bundestag. Dabei betonte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU), dass rund 96 Prozent der im Ausland erworbenen Berufsabschlüsse in Deutschland ganz oder zu Teilen als gleichwertig eingeschätzt werden. Sie bezeichnete das Gesetz, das seit April 2012 die Anerkennung von Handwerksberufen europaweit vereinfachen soll, als "Paradigmenwechsel" und Symbol einer Willkommenskultur.

Das "Gesetz zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen", wie es in voller Gänze heißt, sieht vor, dass ausländische Berufsabschlüsse mit Referenzberufen auf dem deutschen Markt verglichen werden. Von dieser neuen Möglichkeit machten in den ersten zwei Jahren rund 26.500 Personen Gebrauch, wie im Bericht zum Anerkennungsgesetz nachzulesen ist.

Politiker anderer Fraktionen, beispielsweise von Bündnis 90/Die Grünen, halten diese Zahl jedoch noch für zu gering. Eine Hürde für die Integration ausländischer Handwerker sei, dass Geld für deren Weiterbildung in Deutschland fehle.

Klaus Ernst (Die Linke) bemängelte, dass das Ziel der Liberalisierung zwar mehr Wachstum und Beschäftigung sei, dies aber nicht erreicht würde. Gemäß einer Studie der Universität Göttingen behaupteten sich meisterpflichtige Betriebe besser am Markt als zulassungsfreie, so Ernst.

Weitere Beiträge zu: Berufsbildung, Handwerk, duale Ausbildung.

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