Inhalt

 

Die Autorin

Andia 68

Andia Mirbagheri (26)
studiert Medizin

Länderporträt
Zur Party kommt die Sittenpolizei

06.06.2018 |

Der Iran ist so gespalten wie seine Hauptstadt Teheran. Andia hat iranische Wurzeln und stellt uns das Land in Nahost vor. Wie lebt man dort, wenn man 16, 17 oder Anfang 20 ist?

Jugendliche machen Parcours.

Der Hindernissport Parcours ist unter iranischen Jugendlichen seit einigen Jahren Trend. In anderen Bereichen unterscheidet sich das Leben dort allerdings stark von dem Alltag in Europa. – © dpa/picture alliance

Ach, Irak oder Iran? Ist das nicht dasselbe? Nein, es sind tatsächlich zwei Länder mit unterschiedlicher Geschichte und Politik. Ich habe selbst iranische Wurzeln und musste mir das oft anhören und begreifen, dass es gar nicht selbstverständlich ist, zu wissen, wo überhaupt dieses Land liegt und wie unterschiedlich das Leben zu dem in Deutschland ist.

Die Fakten

Erstmal die Fakten: Der Iran ist ein Land in Nahost, an das sieben Länder angrenzen: Irak und Türkei im Westen, Afghanistan und Pakistan im Osten sowie Armenien, Aserbaidschan und Turkmenistan im Norden. Im Osten des Landes dominiert die Wüste, das Landesinnere wird von mehreren Gebirgen geprägt. Und in allen Teilen des Landes kann es jederzeit zu Erdbeben kommen.

Es leben etwa 78,1 Millionen Menschen im Iran, darunter allein zwölf Millionen in der Hauptstadt Teheran. Die Landessprache ist Farsi. Die große Mehrheit der Menschen sind schiitische Muslime (das heißt, sie sehen Ali, den Vetter des Propheten Mohammed, als dessen religiösen Nachfolger).

Die Revolution 1979

Um den Iran zu verstehen, muss man unbedingt einen kurzen Ausflug in die Geschichte des Landes machen, ins Jahr der Islamischen Revolution in 1979.

Damals herrschte der Schah, dessen politische Reformen dem Großteil der vor allem armen Bevölkerung des Irans nicht zu Gute kamen. Hinzu kam eine – letztlich misslungene – Landreform. Zunehmend kam es zu Demonstrationen und die Menschen wandten sich dem religiösen Führer der Revolution, Ajatollah Ruhollah Chomeini, zu, der aus dem Exil gegen den Schah predigte.

Schließlich musste der Schah aus dem Iran fliehen, Chomeini kehrte zurück und ließ am 1.April 1979 offiziell die Islamische Republik ausrufen. Der Iran wurde zu einem auf Theokratie beruhenden Staat, welche seither die Politik des Landes bestimmt. Theokratie ist eine Herrschaftsform, die auf religiösen Grundlagen beruht.

Die Politik im Iran

Konkret heißt das: Das Parlament besteht aus einer Versammlung des Islamischen Rates mit 290 Mitgliedern, der alle vier Jahre gewählt wird. Hinzu kommt der Expertenrat mit 86 Geistlichen, die alle acht Jahre gewählt werden und den Religionsführer auf Lebenszeit ernennen, nach Chomeinis Tod ist das momentan Sayed Ali Khameinei. Er gilt als Wahrer des islamischen Systems und äußerst konservativ.

Als Staatsoberhaupt ernennt er den sogenannten Schlichtungsrat, ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte und bestimmt die Eignung der Kandidaten für Präsidentschafts-und Parlamentswahlen. Auch ernennt er Mitglieder des Wächterrats, der kontrolliert, ob die Gesetze mit dem islamischen Recht übereinstimmen. Im Grunde hat der Ajatollah laut Verfassung in allem das letzte Wort.

Der Präsident des Iran wird hingegen alle vier Jahre in einer Direktwahl von allen Bürgern ab 16 Jahren gewählt und muss im Grunde genommen die Politik der religiösen Gremien umsetzen. Der aktuelle Präsident Hassan Ruhani befindet sich in seiner zweiten Amtszeit und hat es sich offiziell auf die Fahnen seiner Regierungszeit geschrieben, gute außenpolitische und wirtschaftliche Beziehungen zu pflegen.

Die Verbote

Trotz solcher versöhnlicher Regungen ist die Islamische Republik traditionell bekannt für ihre Anti-Amerika-Politik und erkennt den Staat Israel nicht an. Alkohol und westliche Musik sind verboten, Frauen müssen ein Kopftuch tragen und dürfen weder singen noch tanzen, Homosexualität wird mit dem Tod bestraft. Soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook sind verboten (werden aber dennoch rege genutzt) und die Pressefreiheit ist stark eingeschränkt.

Wie ist mit den Sanktionen?

Industrie und Landwirtschaft machen über 55 Prozent der Wirtschaftsleistung des Irans aus, die restlichen 45 Prozent sind Dienstleistungen. 84 Prozent der Exportgüter sind allein Erdöl und Gas. Ursprünglich sanktioniert wegen des umstrittenen iranischen Nuklearprogramms, erfuhr die iranische Wirtschaft nach der Lockerung der Einschränkungen einen kleinen Aufschwung. Deutschland gilt als einer der wichtigsten Handelspartner des Iran – vor allem wegen Importen von Maschinen, Lebensmitteln und Arzneimitteln.

Mit dem Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen werden die US-Sanktionen erneut in Kraft treten. Zuerst gilt das vor allem für Finanztransaktionen, später dann auch wieder für den iranischen Export von Erdöl und -gas und von sonstigen Produkten und für den Import von verschiedenen Gütern. Dadurch kann der Iran trotz seines Ressourcenreichtums diesen nicht optimal nutzen und nicht die komplette Bevölkerung versorgen.

Eine gespaltene Gesellschaft

Der Iran ist als Gesellschaft sehr gespalten. Anschaulich wird das, wenn man die Hauptstadt Teheran besucht: Im Norden wohnen die wenigen sehr Reichen, je weiter südlich man fährt, desto mehr nimmt der Prunk der Häuser ab und die Anzahl von einfachen Hütten zu. Elf bis zwölf Prozent der Menschen sind offiziell arbeitslos, unter jungen Leuten sind es doppelt so viele. 55 Prozent der Iraner sind übrigens unter 30 Jahren alt. In Deutschland sind das etwa 30 Prozent.

Stichwort Wirtschaftswachstum: Trotz noch aufgehobener Sanktionen bekommt der Otto-Normalbürger im Iran davon nichts mit. Vielmehr profitieren die mächtigen Kleriker der Regierung, die große Teile der Wirtschaft steuern. Korruption und Vetternwirtschaft beeinträchtigen das Vertrauen in wirtschaftliche Prozesse. Der diesjährige Staatshaushalt sieht Kürzungen bei Subventionen von Lebensmitteln und Sprit vor, wohingegen die religiösen Ausgaben unangetastet bleiben.

Die Unruhen Anfang 2018

Im Januar 2018 kam es zu Unruhen, bei denen auch junge, gut gebildete Iraner protestierten. Sie sind enttäuscht, dass die wirtschaftliche Entwicklung an ihnen vorbeigeht. Eine junge Iranerin, die in Deutschland studiert und ihren Namen nicht genannt haben möchte, erzählte mir, dass sehr viele junge Leute mit abgeschlossenem Studium nun der Arbeitslosigkeit entgegensehen. Die wenigen, die es sich leisten könnten, wählten den Weg ins Ausland, so meine Gesprächspartnerin.

Lebensstil der Wohlhabenden

Die wohlhabenderen jungen Iraner sind auch diejenigen, die sich einen Lebensstil gönnen können, der sich gar nicht allzu sehr von ihren Altersgenossen in westlichen Ländern unterscheidet. Trotz der Verbote finden viele Partys im Untergrund statt. Wenn man gegen solche Regelungen verstößt und einen die Sittenpolizei erwischt, kann man schnell eine Nacht im Gefängnis verbringen. Das mag unheimlich klingen, aber für viele junge Menschen im Iran gehört es zur Normalität des Alltags.

Kommentare

 
 

Dein Kommentar



Artikel bewerten: