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Humanitäre Hilfe
"Manchmal auch frustrierend"

29.07.2015 |

Ständig drohen Angriffe im Jemen. Viele Menschen flüchten, Medikamente und andere nötige Hilfsgüter fehlen. Dr. Ahmad Bilal ist medizinischer Koordinator von "Ärzte ohne Grenzen" und berichtet vom täglichen Kampf, an sauberes Trinkwasser und Essen zu kommen.

Kinder stehen bei einem Arzt am Tisch

In der Stadt Taiz mussten mindestens zwölf Krankenhäuser schließen. – © MSF/Malak Shaher

"Die Lage in Taiz – im südlichen Bergland gelegen – ist sehr angespannt und die Kämpfe zwischen den bewaffneten Gruppierungen halten an. Ständig hört man Mörsergranaten oder Luftangriffe über verschiedenen Teilen der Stadt. In den letzten Tagen nahmen die Luftangriffe und der Panzerbeschuss zu. Und obschon die Angriffe militärischen Zielen gelten mögen, fordern sie viele zivile Opfer.

Wegen der anhaltenden Kämpfe und Bombardierungen flüchten Menschen aus den Kampfgebieten der Stadt in Gegenden, die sicherer sind. Oder sie bringen zumindest Frauen und Kinder aus der direkten Gefahrenzone. Andere verlassen Taiz komplett.

Die meisten Einwohner der Stadt kommen ursprünglich aus umliegenden Dörfern, also kehren viele in ihre Dörfer zurück oder sie gehen in relativ sichere Gebiete wie das Gouvernat Ibb, das südlich von Sanaa liegt.

Hilfsmittel sind lange unterwegs

Ende Mai wurde ein Benzintank beschossen und explodierte dann. In den Stunden danach wurden 184 Menschen mit starken Verbrennungen ins Krankenhaus eingeliefert – 115 ins Al-Thawra Krankenhaus und 69 ins "Yemen International Hospital". Wir hörten, dass mehr als 15 Menschen durch die Explosion ums Leben kamen. Als eine der wenigen Hilfsorganisationen in Taiz, wurden wir um medizinische Hilfe gebeten. Bei der Ankunft unseres Teams im Al Thawra Krankenhaus schlug in der Nähe eine Mörserbombe ein, und unser Team musste sich im Keller in Sicherheit bringen, bis der Beschuss aufhörte. Zum Glück war das Krankenhaus nicht direkt betroffen.

Wir haben dem Spital in Taiz mehrere "Verbrennungs-Sets" mit medizinischem Material zur Behandlung von starken Verbrennungen und 200 Infusionen zur Verfügung gestellt. Medikamente erhält das Krankenhaus, sobald wir diese in die Region schaffen können. Wegen des anhaltenden Konflikts dauert es seine Zeit, die nötigen Hilfsmittel und Mitarbeiter in das umkämpfte Gebiet zu bringen.

Ein gravierendes Problem ist der Mangel an Benzin – sowohl für unsere Teams als auch für die lokale Bevölkerung. Der Transport von Verletzten oder Hilfsmitteln wird dadurch erschwert. Der Jemen importiert 90 Prozent der Lebensmittel und des Treibstoffs, aber die Frachtschiffe haben Probleme in den Häfen des Landes anzulegen.

Beschuss wird Alltag

Für die Bevölkerung ist es schwer, sich in der Stadt fortzubewegen und es ist ein täglicher Kampf, an sauberes Trinkwasser und Essen zu kommen. Viele Menschen, die im umkämpften Gebiet leben, können nicht ins Krankenhaus fahren, wegen der Kämpfe und wegen des Benzinmangels. Und jene, die es in die Kliniken schaffen, müssen dort dann feststellen, dass sie geschlossen sind und nicht funktionieren.

Mindestens zwölf Krankenhäuser in Taiz mussten die Türen schließen und können keine Patienten mehr behandeln.

Krieg ist eine schreckliche Situation – niemand sollte sich an den Lärm von Einschüssen und Luftangriffen gewöhnen müssen. Aber nach einigen Monaten im Land haben die zivile Bevölkerung und wir uns leider langsam daran gewöhnt. Die Menschen versuchen, die Kampfgebiete zu meiden, doch das Problem ist, dass Kämpfe ohne Vorwarnung ausbrechen können und auch der Beschuss unvorhersehbar ist.

Manchmal ist es auch frustrierend hier zu sein. Denn es mangelt an so vielem und die Hilfe scheint so gering, gemessen an dem, was eigentlich benötigt wird. Trotzdem versuchen wir unser Bestes, um den Menschen, die unter dem Konflikt leiden, humanitäre und medizinische Hilfe zu Teil kommen zu lassen."

Über "Ärzte ohne Grenzen"

Die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" (Médecins Sans Frontières) wurde 1971 in Paris gegründet, die deutsche Sektion gibt es seit 1993. Aktuell ist die Organisation mit Projekten in über 60 Ländern präsent. Die Mitarbeiter betreiben in den Ländern vor Ort unterschiedliche Hilfsprojekte, wie medizinische Nothilfe, die Bereitstellung von Trinkwasser oder die medizinische Aufklärung der Bevölkerung. Nebst Ärzten und Pflegekräften gehen auch andere Berufsgruppen wie Logistiker, Mechaniker oder Hebammen auf einen Projekteinsatz. Diese Freiwilligen engagieren sich in der Regel während sechs bis zwölf Monaten in einem Hilfsprojekt.

"Ärzte ohne Grenzen" arbeitet neutral und unparteiisch, das heißt die Organisation bezieht in Konflikten keine Stellung und leistet den Menschen Hilfe unabhängig von ihrer Religion, Herkunft oder politischen Einstellung. Für ihr Engagement erhielt die Organisation 1999 den Friedensnobelpreis verliehen.

Im Jemen betreut "Ärzte ohne Grenzen" Projekte an acht verschiedenen Orten. Die Organisation unterstützt Krankenhäuser, nimmt chirurgische Eingriffe vor oder versorgt flüchtende Menschen mit Hilfsgütern. Seit Mitte März 2015 wurden unter anderem mehr als 6.700 Kriegsverletzte und mehrere Zehntausend Patienten in Krankenhäusern und Notaufnahmen versorgt.

(ms)

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