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Der Autor

Kai Rieger

Kai Rieger (27)
arbeitet als Journalist, Autor, Fotograf und Videojournalis

Hintergrund
Die reife Frucht

30.10.2015 |

Nach jahrzehntelangen Feindseligkeiten und einem Beinahe-Weltuntergang nähern sich Kuba und die USA wieder vorsichtig aneinander an. Ist die Karibikinsel nun reif für den Wandel? Ein Überblick über Land, Leute und die Lage, die eine Delegation des Bundestages vor Ort begutachtet hat.

Man sieht einen Marktstand mit Kokosnüssen und Ananas und Bananen.

Obst- und Gemüsehändler gibt es in Havanna an fast jeder Straßenecke. Auch für sie wird sich nach und nach einiges ändern. – © dpa/picture alliance

Bis zum 14. August dieses Jahres gab es keine US-amerikanische Botschaft auf Kuba. Seit 1961 kommunizierten die beiden Länder lediglich über eine sogenannte Interessenvertretung miteeinander. Interessenvertretung oder Botschaft, das ist ein feiner diplomatischer Unterschied: Gibt es nur eine Interessenvertretung, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass zwei Länder sich gegenseitig nicht anerkennen oder schwerwiegende Probleme miteinander haben. Gibt es hingegen eine Botschaft, bedeutet das: Die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern sind mehr oder minder normal. Zwischen den USA und Kuba war das jahrzehntelang nicht der Fall.

Das Ende des spanischen Imperiums

Der Ursprung der gespannten Beziehung der so nah beieinanderliegenden Länder geht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Kuba, die 200 Kilometer südlich von Florida gelegene und mit 100.000 km² größte Karibikinsel, war damals noch eine spanische Kolonie. Das spanische Imperium in Lateinamerika aber begann damals gerade auseinanderzubrechen, überall strebten Unabhängigkeitsbewegungen nach Souveränität. In dieser Phase verglich Außenminister John Quincy Adams die Insel 1823 mit einer "reifen Frucht" direkt vor der eigenen Küste, die man nicht einfach so liegen lassen sollte. Was er meinte: Wenn die Spanier weg wären, könnten die USA einfach zugreifen und sich die Insel unter den Nagel reißen.

Mafia, Batista und die Revolution

Den meisten Kubanern aber stand der Sinn nach Unabhängigkeit. Nach zwei blutigen Unabhängigkeitskriegen gegen Spanien war dieser Wunsch zum Greifen nah. Die Amerikaner unterstützten die Unabhängigkeitsbestrebungen, dahinter standen aber nicht zuletzt wirtschaftliche Interessen. Die wichtigsten kubanischen Industrien, Nickelbergbau und Zuckerrohrplantagen, waren da schon unter der Kontrolle amerikanischer Unternehmen.

1898 versenkten die Amerikaner die gesamte spanische Atlantikflotte, besetzten Kuba und errichteten einen Flottenstützpunkt in Guantánamo, einer Bucht an der Ostküste Kubas. Daraufhin erklärten sie sich zu militärischen Beschützern von Kuba und zogen ihre Truppen ab. Die Begeisterung der kubanischen Bevölkerung hielt sich in Grenzen über diese "Unabhängigkeit", die keine war. Denn amerikanische Unternehmen, später auch die US-amerikanische Mafia, hatten das Land fest im Griff.

Die Unzufriedenheit hielt an und endete 1959 mit der von Fidel Castro geführten Revolution. Auslöser für diese war die Machtergreifung des Diktators Fulgencio Batista, der viele seiner Gegner foltern und ermorden ließ. In den Bergen Kubas führte Fidel Castro daraufhin einen Guerilla-Krieg gegen Batistas Armee. Nach einigen entscheidenden Niederlagen dankte der von den USA unterstützte Präsident Batista ab und Castro übernahm die Regierung.

Schweinebucht und Kubakrise

Zunächst sah es so aus, als könnten sich die USA und die neue Regierung arrangieren, doch Schritt für Schritt eskalierte die Situation: Castro enteignete Großgrundbesitzer ohne sie zu entschädigen, was auch US-amerikanische Unternehmen betraf. Daraufhin stoppten die USA die Öllieferungen und Castro und seine Revolutionäre wurden als Teil eines "Kommunistischer Virus" gesehen, wieFBI-Chef Edgar Hoover es bezeichnete.

Es waren die Zeiten des kalten Krieges zwischen den USA und der Sowjetunion und die Amerikaner befürchteten, dass sich dieser Virus über ganz Südamerika ausbreiten könnte. Sie schlossen kurzerhand ihre Botschaft in Havanna, verhängten Handelsembargos und die CIA schickte eine Invasion von Exil-Kubanern auf die Insel, um Castro zu stürzen.

Diese Invasion in der Schweinebucht wurde aber zur militärischen und politischen Katastrophe für die USA. Die kubanische Armee schlug die Invasoren zurück und Präsident Kennedy erntete starke Kritik im In- und Ausland. Castros Sieg hingegen brachte diesem hingegen wachsenden Rückhalt unter den Kubanern ein.

Die Sowjetunion nutzte diese Spannungen und begann Kuba nicht nur politisch zu unterstützen: sich schickten Atomraketen nach Kuba, die dort "zum Schutz vor den USA" stationiert werden sollten. Atomraketen wirken aber selten deeskalierend. Auch in diesem Fall führten sie zu einer Verschärfung der Lage, der sogenannten Kubakrise. Eine Seeblockade und einen Beinahe-Weltuntergang später zog die Sowjetunion die Raketen wieder ab – beide Mächte hatten den Finger quasi schon auf dem Auslöser für ihr Kernwaffenarsenal gehabt.

Das Eis beginnt zu tauen

Mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 endete auch der kalte Krieg. Die Beziehung zwischen Kuba und den USA blieben aber eisig, denn anders als der restliche Ostblock kollabierte Kuba nicht. Neue Handelsbeschränkungen traten in Kraft und bis vor kurzem konnten Touristen aus den USA nur über einen Zwischenstopp in einem anderen Land, zum Beispiel in Kanada, auf die Insel fliegen. Unter Präsident Obama besserten sich die kubanisch-amerikanischen Beziehungen jedoch und gipfelten nun in der Wiedereröffnung der amerikanischen Botschaft.

Und Deutschland?

Auch für Deutschland hat das Auswirkungen. Vor dem Fall der Mauer hatte die alte Bundesrepublik die kubafeindliche Linie der USA weitgehend mitgetragen, die DDR hingegen pflegte beste Beziehungen zur Castro-Regierung. Ganze Fabriken wurden gegen Südfrüchte, Zucker und Nickel eingetauscht, kubanische Vertragsarbeiter erarbeiteten sich im kommunistischen Osten Deutschlands Elektrogeräte oder auch Simson-Mopeds, die noch heute auf den Straßen Havannas unterwegs sind.

Nach dem Ende der DDR war damit allerdings Schluss, Deutschland ließ seine Kontakte nach Havanna im Schulterschluss mit den USA einschlafen. Im Zuge des neuen Tauwetters ist nun auch Deutschland mit von der Partie und eine Delegation des Deutschen Bunderstages reiste im Oktober nach Kuba. mitmischen-Autorin Julia hat mit dem Bundestagsabgeordneten Bernd Fabritius telefoniert, als er auf Kuba war, und mehr erfahren.

Wohin steuert Kuba?

Die 11 Millionen Einwohner große Nation selbst steht nun zwischen den Welten. Die wirtschaftliche Situation ist schlecht, wegen des Handelsembargos prägen Oldtimer aus den 1950ern das Straßenbild. Bildung und Soziales lässt sich das Regime hingegen einiges kosten. Das Gesundheitssystem ist eines der besten der Welt, die medizinische Versorgung ist gratis und die Säuglingssterblichkeitsrate deshalb die niedrigste auf dem amerikanischen Kontinent.

Das Bildungsniveau ist – vor allem für lateinamerikanische Verhältnisse – sehr hoch, es gibt kaum Analphabeten, das Studium ist ebenfalls kostenlos. Mit der Meinungsfreiheit steht es jedoch schlecht und die Opposition wird unterdrückt. Das Internet ist stark zensiert, teuer und langsam, weswegen das Land bis vor kurzem praktisch offline war. Aus diesem Grund verbreiten die wenigen Kubaner mit guten Internetanschlüssen heruntergeladene Serien, Filme und andere Medien oder laden Blogeinträge von Systemkritikern ins Internet.

Die Wiederaufnahme der politischen Beziehungen könnte diese Zustände nun nach und nach verbessern. Es wird jedoch auch befürchtet, dass das Land "amerikanisiert", das Land von Fast-Food-Ketten überrollt und die kubanische Kultur zerstört wird. Um John Quincy Adams noch einmal zu zitieren könnte man auch sagen: Es liegt wieder eine reife Frucht vor der amerikanischen Küste.

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