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Die Autorin

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Marie Illner (21)
studiert Medienwissenschaften und Anglistik

Einsatz im Libanon
Buntes Pulverfass

23.06.2017 |

150 deutsche Soldaten schieben Dienst im Libanon, jetzt steht die Verlängerung des Mandats im Bundestag an. mitmischen-Autorin Marie wirft einen Blick auf das spannungsgeladene multikonfessionelle Land, in das eine Million Syrer vor dem Krieg geflohen sind.

Bundeswehr-Blauhelme

Soldaten aus 39 Nationen, darunter Deutschland, versuchen im Libanon den Frieden zu sichern. – © dpa

Vielleicht wusstet ihr, dass Beirut die Hauptstadt des Libanon ist. Aber dass das Land am östlichen Mittelmeer mit knapp 6 Millionen Einwohnern in Relation zur eigenen Bevölkerung weltweit die größte Zahl an Flüchtlingen beherbergt? Das ist euch möglicherweise neu.

"Schön bunt"?

Der Libanon, angrenzend an Israel und Syrien, ist kleiner als Schleswig-Holstein, dafür aber ziemlich heterogen: Die Bevölkerung setzt sich aus 18 anerkannten Religionsgemeinschaften zusammen, wobei die größten die Schiiten, Sunniten und verschiedene christliche Strömungen, allen voran die Maroniten, bilden. Auch die Sprache ist nicht einheitlich: Mehrheitlich wird libanesisches Arabisch gesprochen, aber auch Armenisch, Kurdisch, Aramäisch, Französisch und Englisch sind gebräuchlich. "Schön bunt!" mag man denken. Das stimmt, aber leider birgt die Vielfalt auch ein gewaltiges Konfliktpotential.

Christen und Moslems

Ein entscheidender Punkt ist dabei die libanesische Staatsform: eine parlamentarische Demokratie auf Basis eines Konfessionenproporzes. Das heißt etwa, dass der Staatspräsident stets maronitischer Christ, der Premierminister sunnitischer Moslem und der Parlamentspräsident schiitischer Moslem sein muss.

Weil auch Ämter, Arbeitsplätze, und einige Sozialleistungen anteilig vergeben werden, kommt es immer wieder zu Verteilungskämpfen, die stets auch religiös-konfessionelle Auseinandersetzungen sind. Die Geschichte zeigt, dass die Machtspiele zwischen den Religionsgemeinschaften sich seit jeher als größtes Hindernis für die politische Stabilität und Demokratie im Libanon erweisen.

1943 unabhängig

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war der Libanon Teil des Osmanischen Reiches. Im Jahr 1920 erteilte der Völkerbund Frankreich das Mandat über Syrien und Libanon. 1943 erlangte das Land zwar seine Unabhängigkeit. Doch schon 1978 kehrten die europäischen Mächte zurück: Diesmal aber in Form von Blauhelmen. Was war geschehen?

Grund für einen der ältesten friedenserhaltenden Einsätze der Vereinten Nationen sind mehrere (Bürger-)Kriege im Libanon. Wenn vom ersten Libanonkrieg die Rede ist, dann geht es um eine militärische Auseinandersetzung im Jahr 1982 zwischen Israel, Kämpfern der palästinensischen Befreiungsfront und syrischen Truppen. Um den ganzen Konflikt zu verstehen, braucht man eine Reihe an Hintergrundinformationen. Denn: Der Libanonkrieg hängt wiederum mit anderen Auseinandersetzungen, darunter dem libanesischen Bürgerkrieg zusammen. Im libanesischen Bürgerkrieg, der von 1975 bis 1990 dauerte, bekämpften sich verschiedene Gruppierungen in wechselnden Koalitionen.

Ganz schön verworren

Schon die Liste der Konfliktparteien – darunter die Libanesische Front und die Südlibanesischen Armee, Israel, Syrien, Hisbollah, die libanesische Falange und die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) – zeigt, wie undurchsichtig und verworren der Konflikt ist. Vereinfacht kann man den Bürgerkrieg als Ausdruck eines Konfliktes zwischen Glaubensgemeinschaften, politischen Strömungen und sozialen Schichten sehen, bei dem es um die Haltung gegenüber Israel und den Palästinensern und die politische Macht sowie das konfessionelle Proporzsystem ging.

Mitmischen der PLO

Durch das Mitmischen der PLO und das Eingreifen der Nachbarn Israel und Syrien, wurde der Bürgerkrieg zum Stellvertreterkrieg. Im Jahr 1982 brach dann der Libanonkrieg zwischen Israelis und Palästinensern und ihren jeweiligen Verbündeten aus. Doch was hat das mit dem Libanon zu tun? Aufgrund der ständigen Konflikte zwischen den beiden Parteien flüchteten viele Palästinenser in das kleine Nachbarland. In den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon hielten sich auch viele Freiheitskämpfer der PLO auf und griffen von da aus immer wieder israelisches Gebiet an. 1982 marschierten deshalb israelische Soldaten unter dem Namen "Operation Frieden für Galiläa" in den Libanon ein, um der Sache ein Ende zu machen.

Schiffe blockiert

Die beschriebenen Konflikte veranlassten schon 1978 den Einsatz der Vereinten Nationen unter dem Namen UNIFIL. Ziel war, einen Waffenstillstand zwischen Israel und dem Libanon zu überwachen. Aufgabe der UN war und ist es, Verhandlungen zwischen den beiden Ländern zu ermöglichen. Denn die unter Vermittlung der UNIFIL geführten Gespräche sind die einzigen, bei denen Israel und Libanon direkt miteinander sprechen.

2006 wurde das Mandat erweitert. Grund dafür war der zweite Libanonkrieg, einer Auseinandersetzung zwischen der schiitischen Partei "Hisbollah" und Israel. Nach der Entführung zweier ihrer Soldaten und dem Beschuss israelischen Territoriums marschierten israelische Truppen in den Libanon ein und blockierten die Seewege, sodass kein Schiff den Libanon mehr ansteuern oder verlassen konnte. Infolge dessen suchte der libanesische Premierminister Hilfe bei den UN, welche den Libanon nun auch bei der Sicherung der Seegrenzen unterstützen.

Soldaten aus 39 Nationen

Die Blauhelm-Truppe ist rund 10.500 Mann stark, die Soldaten kommen aus 39 Nationen. Deutschland hilft dabei mit Schiffen, Radarstationen und 150 Soldaten, die den Libanon bei der Ausbildung seiner Armee unterstützen – denn die libanesische Marine soll ihre Seegrenzen einmal selbst sichern können. Über eine Verlängerung des Mandats, welches am 30. Juni endet, entscheidet der Bundestag in den nächsten Tagen. Ein entsprechender Antrag war am 2. Juni in der Ersten Lesung.

Doch die Situation ist angespannt: Der Libanon ist weiterhin in rivalisierende politische Lager gespalten und dadurch kaum noch handlungsfähig. Gegenüber stehen sich zwei Bündnisse, die nach Großdemonstrationen im Frühjahr 2005 benannt sind. Das "Bündnis 14. März" ist sunnitisch dominiert, orientiert sich an Saudi-Arabien und dessen regionalen und westlichen Alliierten und unterstützt die Revolution in Syrien. Das "Bündnis 8. März" wird hingegen von der schiitischen Hisbollah geführt und ergreift Partei für den Iran sowie das Assad-Regime in Syrien.

Mehr als eine Million Flüchtlinge

Eine große Herausforderung stellen für den Libanon auch die mehr als eine Million syrischen Flüchtlinge dar, die seit dem Ausbruch des dortigen Bürgerkrieges in den Libanon kamen. Unter dem Bürgerkrieg in Syrien leidet auch die libanesische Wirtschaft, denn der Tourismussektor brach ebenso weg wie der syrische Absatzmarkt.

Trotz anhaltender Menschenrechtsverletzungen besitzt der Libanon im Vergleich zu anderen arabischen Ländern weitreichende demokratische und rechtsstaatliche Errungenschaften und eine weitgehende Pressefreiheit. Auch Frauen haben mehr Rechte und Möglichkeiten als in vielen anderen arabischen Staaten der Region, wobei ihr Status in den einzelnen Religionsgemeinschaften nicht einheitlich ist. Dennoch ist die Lage in dem Land mit seinen vielen Interessengruppen weiterhin kritisch – ein Ende der UNIFIL-Mission ist deshalb nicht wirklich abzusehen.

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