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Die Autorin

Andia 68

Andia Mirbagheri (26)
studiert Medizin

Hilfseinsatz
Not-Camp für 900.000 Menschen

27.06.2018 |

Bis zu 900.000 Vertriebene leben im größten Flüchltingscamp der Welt. Juliane Grothe war als Krankeschwester vor Ort und hat Andia von ihrer Arbeit in Bangladesch erzählt – und was den Rohingyas helfen würde.

Juliane Grothe

Juliane Grothe (mit Fähnchen) und andere Helfer in Kutupalong-Balu Khali. – © privat

Kleine Hütten aus Bambus und Plastik, Monsunregen, Erdrutsche – so ist die Lage in Kutupalong-Balu Khali in Bangladesch. In dem größten Flüchtlingslager der Welt leben momentan Schätzungen zufolge zwischen 600.000 und 900.000 vertriebene Rohingyas. Zum Vergleich: Eines der größten Flüchtlingslager in Europa, das Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos, hat derzeit etwa 7.000 Bewohner.

Seit 2016 eskaliert die Lage für die staatenlose, muslimische Minderheit der Rohingya: Sie müssen vor Gewalt aus ihrer Heimat Myanmar ins benachbarte Bangladesch fliehen. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) seien 2017 zeitweise 20.000 Rohingya innerhalb einer Woche nach Bangladesch geflüchtet – 700.000 seien es in dem Jahr insgesamt gewesen. Mehr als 11.000 weitere seien bereits in der ersten Hälfte des Jahres 2018 vertrieben worden, so kürzlich UNO-Menschenrechtskommissar Said Raad al-Hussein.

"Das Camp ist explodiert"

Kutupalong-Balu Khali im sogenannten Cox's Bazar District war ursprünglich ein Naturschutzpark, dessen Landschaft jetzt von herausgerissenen Bäumen und sandigen Hügeln dominiert wird. Überall stehen nun dicht an dicht Hütten, an den Hängen und Hügeln. Bis vor wenigen Wochen war Juliane Grothe als Krankenschwester für Ärzte ohne Grenzen vor Ort, eine internationale Organisation für medizinische Nothilfe. Grothe berichtet, das ganze Camp sei explosionsartig gewachsen. Niemand sei darauf vorbereitet gewesen, dass plötzlich so viele Menschen in diesem Camp wohnen würden. Es gebe keine richtigen Straßen, alle Baumaterialien müssten zu Fuß hereingetragen werden.

Atemprobleme, Durchfall, Ausschlag

Im Flüchtlingscamp betreibt Ärzte ohne Grenzen fünf Kliniken, die 24 Stunden jeden Tag in der Woche geöffnet sind, drei Gesundheitszentren und zehn Gesundheitsposten. Grothe war von November 2017 bis Mai 2018 in zwei der Gesundheitsposten tätig und hat dort Patienten betreut. Sie erzählt, dass neben Haupterkrankungen vor allem Atemwegserkrankungen, Durchfall und Hautinfektionen aufgetreten seien. Typischerweise sind dies Krankheiten, die an prekären Wohnorten auftreten, wenn viele Menschen auf engem Raum ohne hygienische Infrastruktur zusammenwohnen. Probleme bereiten auch HIV, Tuberkulose sowie fehlende Impfungen. Viele Flüchtlinge seien zudem von der Flucht und dem Aufenthalt traumatisiert.

Es gebe auch nur wenige Möglichkeiten, den Menschen vor Ort zu helfen, nur Standardmedikamente, kein Röntgen, keinerlei Diagnostik vor Ort, erzählt Grothe. So müssten die Patienten bei kleineren Beschwerden einfach nach Hause und bei komplizierteren Erkrankungen in eine der fünf Kliniken geschickt werden.

Zu viele Flüchtlinge?

Neben der medizinischen Hilfe hat Ärzte ohne Grenzen 1.050 Latrinen gebaut, sowie 296 Brunnen konstruiert. Das alles sei zwar als langfristige Hilfe angelegt, aber für 900.000 Menschen nicht aufrechtzuerhalten, so die Krankenschwester.

Koordiniert wird die humanitäre Arbeit zum einen von der Regierung Bangladeschs im Sinne einer "National Task Force" durch das Außenministerium. Sie kooperiert mit vielen Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen, UNICEF (Kinderhilfswerk der UN) und UNHCR (UNo-Flüchtlingshilfe), IOM (Internationale Organisation für Migration), der Welthungerhilfe und der in Bangladesch basierten BRAC (Building Ressources Across Communities).

Wenn der Monsun kommt

Da die Regenzeit vor kurzem begonnen habe, komme nun auch der Monsunregen, der die Hütten wegreiße und das Camp überschwemme, erzählt Juliane Grothe besorgt. Wenn das Wasser verunreinigt sei, dann können Cholera-und Typhus-Epidemien auftreten. Daher hätten die Hilfsorganisationen Vorbereitungen getroffen, zum Beispiel mit dem Aufbau von Cholera-Zentren. Durch kontaminiertes Wasser und durch Lebensmittel könne allerdings auch Hepatitis E übertragen werden, gefährlich vor allem für Schwangere. Der Monsun bringe mehr Moskitos, die Malaria und das Dengue-Fieber übertragen - zusätzliche Gefahren für die Flüchtlinge.

Angst vor zu Hause

Auch mache sich Unzufriedenheit und Langeweile unter den Rohingyas in den Lagern durch das viele Nichtstuns breit. Sie könnten keiner alltäglichen Arbeit nachgehen und ihre Familien nicht versorgen. Es herrsche Perspektivlosigkeit – und Angst. Grothe berichtet von ihren Erfahrungen im Camp: "Die meisten Geflüchteten haben alles verloren; viele ihrer Angehörigen wurden vor ihren Augen vergewaltigt und erschossen. Sie haben Angst davor, wie es weitergeht und davor, in die Heimat zurückzukehren." Selbst wenn die Rohingyas in ihre Heimat Myanmar zurückkehren dürften, könnten sie keine Verbesserung der Lage wie die Zubilligung der Staatsbürgerschaft und Verbesserung ihrer Menschenrechtslage erwarten, so die Helferin weiter.

Keine Hilfe in Myanmar

Unparteilichkeit und Unabhängigkeit sind die Leitsätze von Ärzte ohne Grenzen in der medizinischen Nothilfe. Seit 1999 sind sie vor Ort für die Rohingya im Einsatz. In mehreren Wellen wurden die Rohingya aus Myanmar vertrieben, wo ihnen die Staatsbürgerschaft vorenthalten wird und sie massiv diskriminiert werden. Enige Rohingyas sind noch im nördlichen Rakhine, dem Heimatstaat der Rohingyas in Myanmar. Dorthin dürfen die Ärzte ohne Grenzen allerdings nicht, das erlaube die Regierung von Myanmar nicht. Berichte über die Lage und politische Debatten wie die, die zuletzt der Bundestag und die Vereinten Nationen über die Lage der Rohingya geführt haben, sollen etwas bewegen, hofft Juliane Grothe. Sie wünscht sich, dass die verstärkte Medienpräsenz wirklich etwas bewirkt und die Rohingyas wieder eine Perspektive haben.

Kommentare

 

Ulrike schrieb am 24.09.2018 14:00

Wirklich furchtbar die Zustände dort und umso mehr hoffe ich, dass dort Hilfe ankommt. Per Zufall erfahre ich dadurch, dass meine ehemalige Kollegin Juliane Grothe dort vor Ort Hilfe leistet. Das hat sie mir vor über 10 Jahren aus Thailand geschrieben, dass sie bei Ärzte ohne Grenzen mitarbeiten will. Super Juliane...toll ,wie mutig und selbstlos du und deine Kollegen dort helft,wo Menschen Hilfe brauchen.Weiter so.

 

 

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