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Die Autorin

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Aline Abboud (28)
volontiert bei der Internetredaktion und dem Parlamentsfernsehen des Deutschen Bundestages

CSU-Politikerin
"Offline reden, was online los ist"

21.04.2015 |

Mit Schubkarren die Schul-Computerräume entkernen? Dorothee Bär über ein Fach Medienkompetenz, Cybermobbing, und eine besondere Social-Media-Freundschaft.

Eine Frau sitzt auf dem Sofa und gestikuliert.

Dorothee Bär hofft, eines Tages mit ihrer heute achtjährigen Tochter in den sozialen Netzwerken befreundet zu sein. – © Michael Kuchinke-Hofer

Frau Bär, Sie haben drei Kinder – dürfen die schon an Tablet und Co?

Sie müssen sogar – um es zu lernen! Aber im Ernst: Das lässt sich erstens nicht vermeiden und zweitens ist es mir lieber, ich weiß, wann und vor allem wie meine Kinder die Geräte nutzen. Ich finde, das ist wie mit einer Sprache: Je früher man den richtigen Umgang lernt, desto selbstverständlicher wird das Gefühl, was richtig ist und was falsch – und was angemessen ist. Wenn ich immer sagen würde, dies geht nicht und jenes ist nicht erlaubt – dann ist das albern und weltfremd. Und jede Mutter und jeder Vater weiß: Von Verbotenem geht erst recht ein besonderer Reiz aus.

Im Bundestag wird momentan über Medienkompetenz debattiert. Was ist das genau?

Das beginnt bei Aufbau und Pflege einer Website über Themen wie Urheberrecht oder Privatsphäre bis hin zu Fragen, wie man mit Cybermobbing oder –grooming, also der sexuellen Belästigung im Netz, umgeht. Es geht um Fragen wie "Wie finde ich Informationen im Netz", "Was stimmt und was stimmt nicht von dem, was man online so alles liest?" oder "Soll man Papas Brockhaus aus dem Regal kramen oder kann man schnell was auf Wikipedia recherchieren?"

Kinder und Jugendliche landen auch auf Seiten mit pornografischen oder gewaltverherrlichenden Inhalten – wie können sie sich schützen?

Ich bin ein großer Fan der Suchmaschine www.fragfinn.de, die sichere und geschützte Seiten für Kinder und Jugendliche anbietet und von der Bundesregierung gefördert wird. Außerdem ist es Aufgabe von Eltern und Schule, solche Dinge nicht totzuschweigen, sondern offen darüber zu sprechen, warum man das nicht gut findet. Nur weil ich etwas offline nicht behandle, verschwindet es online ja nicht. Es wird nur mystifiziert und damit attraktiver. Auch Aufklärung gehört zur Vermittlung von Medienkompetenz.

Manche Apps oder Spiele bieten sogenannte In-App-Käufe an, manch einer merkt gar nicht, dass er da etwas kauft. Was tun?

Ja, da kann man sich mit einem Mausklick Goldbarren oder einen Super-Booster für das jeweilige Spiel kaufen – verpulvert dabei aber das Geld der Eltern. Das kann man sperren, ich habe das bei den Spielen meiner Kinder auch gemacht.

Sehen Sie bei digitalen Medien weitere Gefahren?

Ich finde es zum Beispiel schwierig, wenn Kinder und Jugendliche ihren genauen Standort preisgeben oder ständig verlinkt sind. Fast wöchentlich gibt es neue Apps, die einem die Selbstinszenierung erleichtern, wie zum Beispiel YouNow, mit der man spontan sein Leben live streamen kann. Hier ist klar, dass Kinder erst nachdenken müssen, bevor sie mit einer Liveübertragung aus dem Kinderzimmer loslegen. Auch hier gilt: Ein aufklärendes Gespräch ist besser als ein pauschales Verbot.‎‎

Sollte in den Schulen das Fach Medienkompetenz eingeführt werden?

Auch wenn die Entscheidung dafür bei den Ländern liegt: Ich würde das für absolut notwendig halten und habe dies in meiner Eigenschaft als Vorsitzende des CSUnet in Bayern auch beantragt. Zu meiner Freude hat dies der CSU-Parteitag auch beschlossen. Medienkompetenz ist wie Lesen: Schule und Eltern müssen dafür sorgen, dass die Kinder fit werden in ihrer eigenen Sprache. Wenn Schule und Elternhaus die Kinder auf das Leben vorbereiten sollen, dann ist doch klar, dass ein Thema, das uns in allen Lebensbereichen betrifft, ganz oben auf der Agenda und damit auf den Lehrplänen stehen muss.

Ich würde sagen: Einmal mit Staubwedel und eine großen Schubkarre die Computerräume entkernen und die Schulen zu einem ebenso digitalen Umfeld machen, wie man es außerhalb des Pausenhofzauns längst vorfindet. Das wäre ein Anfang. Eltern kann man hier aber nicht aus der Verantwortung entlassen. Ich sehe das auch an mir selbst. Zwar bin ich meiner Tochter in Sachen Medienkompetenz noch voraus, aber mein Vorsprung wird kleiner.

Und die Schule?

Die hat leider oftmals keinen Vorsprung. Wenn wir noch auf dem Stand sind, dass wir erst mal wie neulich in Hamburg diskutieren, ob WLAN-Strahlung ein Gesundheitsrisiko ist, dann muss ich schon dazu mahnen, aufs Gaspedal zu drücken. Vor allem müssen die Lehrerinnen und Lehrer sich selbst engagieren und Zugang zu entsprechenden Weiterbildungen haben. Die Ausstattung sehe ich nicht einmal als das Hauptproblem. Es gibt viele Schulen, die in jedem Klassenzimmer ein Whiteboard haben, dennoch nutzen Lehrer dort noch Overhead-Projektoren und Folien. Das ist pädagogisches Mittelalter. Alte Atlanten, deren letztes Update das wiedervereinigte Deutschland ist, gehören in Antiquariate für Sammler und Liebhaber, aber nicht ins Klassenzimmer.

Auch ganz neue Wege müssen wir gehen, zum Beispiel den Einsatz von externen Dozenten oder über Unterricht durch Peers nachdenken. Und über das Thema "Bring your own device" müssen wir ebenso nachdenken, anstatt den Jungs und Mädels das Handy an der Eingangstür abzunehmen.

Viele Lehrer befürchten, dass der Computereinsatz zum Kopieren von Quellen animiere oder vom Lernen ablenke. Was sagen Sie denen?

Die Bedenken verstehe ich, aber man kann schließlich jede Innovation missbrauchen. Nur weil man sich Spickzettel austauschen oder Briefchen untereinander schreiben kann, kommt auch niemand darauf, Papier in der Schule zu verbieten. Es ist nun mal so, dass Kinder und Jugendliche immer online sind und die entsprechenden Medien nutzen. Das muss auch in der Schule selbstverständlich sein. Die Welt entwickelt sich immer weiter und die Schule muss es auch. Ein Beispiel: Heute können Medizinstudenten Operationen mit 3D-Simulatoren üben anstatt am Plastikmodell. Wir sollten die Weiterentwicklung der Technik positiv nutzen.

Sie sind selbst sehr Social-Media-affin. Darf sich ihre älteste Tochter bei Facebook anmelden?

Sie ist ja erst acht Jahre alt. Ich glaube, bis sie 13 ist – wer weiß, ob Jugendliche dann noch Facebook nutzen oder ob das dann eher eine Plattform ist für User im Vorseniorenstadium, die meinen, noch immer up to date zu sein. Meine Tochter findet heute schon den Instagram-Account ihrer Cousine cooler. Ich hoffe aber, dass wir ein so gutes Verhältnis haben, dass wir auch im Bereich Social Media "befreundet" sind – so kann ich ihr dann zumindest folgen und im Nacken sitzen ...‎

Über Dorothee Bär:

Die CDU/CSU-Abgeordnete Dorothee Bär, Jahrgang 1978, ist Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Im Bundestag sitzt sie seit 2002. Die Diplom-Politologin stammt aus Bamberg, ist verheiratet und hat zwei Töchter und einen Sohn.

Kommentare

 

Fred Höfer schrieb am 22.04.2015 10:52

Viele Lehrer befürchten, dass der Computereinsatz zum Kopieren von Quellen animiere oder vom Lernen ablenke. Was sagen Sie denen? Kinder spielen gerne und assen sich gerne Ablenken.

 

 

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