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Erfahrungsberichte
Zwischen Kreidezeit und Versuchsschule

Lisa Pramann

– © privat

10.01.2018 | Bildung ist weitgehend Ländersache. Ob das so bleiben soll - darüber streiten die Fraktionen. Fakt ist: Die Schulen in Deutschland sind sehr unterschiedlich. Lisa, Delia, Nico und Caro schildern ihre ganz persönlichen Erfahrungen.

Lisa: "Wir gehen, bevor uns die Decke auf den Kopf fällt"

Das Abi-Motto des Abitur-Jahrgangs 2016 meiner ehemaligen Schule lautete: "Wir gehen, bevor uns die Decke auf den Kopf fällt", angelehnt an den Spruch aus den Asterix-Comics. Und es beschreibt die Situation vor Ort vortrefflich. Mein ehemaliges Gymnasium in der südniedersächsischen Kleinstadt Holzminden hat ein dringliches Problem mit seiner Bausubstanz. Im Winter zieht es durch die Fenster und Türen, in den Wänden und Decken klaffen Löcher und durch einen Wasserschaden sind in einem Gebäude die Decken von zwei Stockwerken eingestürzt. Zum Glück passierte das an einem Wochenende und niemand wurde verletzt.

Schüler gehen auf die Straße

Seit 2011 gibt es eine Bürgerinitiative, regelmäßige Demonstrationen der Schüler-, Lehrer- und Elternschaft, aber der Landkreis, der für die Finanzierung eines Neu- oder Umbaus zuständig wäre, schiebt Entscheidungen vor sich her, ändert sie, hebt sie auf, lässt Schulringtausch-Konzepte erstellen, bei der das Gymnasium mit einer zukünftigen Gesamtschule die Gebäude tauschen soll, die dann wieder verworfen werden. Am Ende stehen alle wieder am Anfang, nur mit ein paar Millionen Euro weniger in der Tasche.

Digitalisierung? Fehlanzeige!

Dabei wäre eine Sanierung des Gymnasiums so wichtig und das nicht nur, weil es das einzige staatliche Gymnasium im ganzen Landkreis ist. Die Lehrer, die ich erlebt habe, leisten nämlich wunderbare Arbeit. Bei den Unterrichtsmethoden wurden moderne Ansätze mit veralteten Mitteln gemixt. Dennoch: Digitalisierung – Fehlanzeige. Trotzdem haben wir es irgendwie geschafft, durch die Schulzeit und Abiturprüfungen zu kommen, auch wenn einer Mitschülerin während der Klausur Putz auf den Kopf rieselte. Mein Gymnasium hat es deshalb sogar schon des Öfteren in die überregionalen Medien geschafft.

Delia Cornelsen

– © privat

Delia: Zwischen Feld und Gewächshaus

"Wie, ihr habt Unterricht auf Feldern?", "Du hast Psychologie als Grundkurs?": Fragen wie diese musste ich in den vergangenen drei Jahren oft beantworten. Ich machte nach meinem Realschulabschluss das Abitur am "Oberstufen-Kolleg des Landes NRW an der Universität Bielefeld" – oder simpler ausgedrückt: am OS. Das OS ist eine Versuchsschule. Das bedeutet, dass hier Unterrichtsmethoden ausprobiert werden, die es an Regelschulen nicht gibt – und zwar schon seit den 1960er Jahren. 2010 erhielt das OS den Deutschen Schulpreis in der Kategorie "Leistung".

Zwei Projektphasen

Alle Schüler haben einen Lehrenden als Tutor, der sie während der gesamten Schullaufbahn unterstützt. Welche Leistungen benotet werden, konnten wir teilweise selbst bestimmen. Wir hatten zweimal im Jahr Projektphasen: Schüler und Lehrer planten Exkursionen nach Kenia, segelten um die halbe Welt, organisierten Friedensdemonstrationen in Bielefelds Innenstadt und Diskussionsrunden zur Schulpolitik.

Eigeninitiative ist ein Muss

Das alles erfordert ein gewisses Maß an Selbständigkeit und Eigeninitiative – nicht wenige scheiterten im Laufe ihrer Schulzeit daran. Selbst Unterrichtsausfall nutzten viele von uns, um an Hausarbeiten und Referaten zu feilen. Langfristiger Ausfall wurde eher bei "exotischeren" Fächern wie Jura oder Geologie zum Problem, da war es schwieriger, Ersatz zu finden.

Unterrichtsausfall wurde übrigens per Notizzettel am Schwarzen Brett mitgeteilt. Trotz Whiteboards und e-Learning via Plattformen wie "Moodle" würde ich das OS nicht als Digitalisierungstempel bezeichnen. Unsere Bücher holten wir aus der Bibliothek und den guten alten Tageslichtprojektor nutzen einige Lehrer heute noch lieber als Beamer.

Wachsen und blühen

Die Lebenswege und Persönlichkeiten der Lehrer sind so unterschiedlich, wie die Unterrichtsfächer selbst. Ein Mathelehrer war lange Zeit im Kernkraftwerk tätig. Meine Juralehrer haben nicht wie üblich auf Lehramt studiert, sondern arbeiteten nach ihrem Staatsexamen erst einmal für Kanzleien oder dozieren heute parallel an der Uni nebenan. Natürlich gibt es auch bei uns Schülerschrecke, aber insgesamt hatte ich den Eindruck, dass die Lehrenden Ahnung, und vor allen Dingen Spaß an ihrem Spezialgebiet haben.

Was sind Felder?

Als Felder bezeichnet man am OS übrigens keine Felder draußen im Grünen, sondern freie Flächen im Gebäude, die durch große Stellwände zu flexiblen Kursräumen umgewandelt werden können. So lernt man einerseits als gebündelte Gruppe, andererseits kriegt man mit, was um einen herum geschieht. Ich persönlich konnte mich trotz des Freiraums immer gut konzentrieren – transparenter Unterricht ganz analog.

Daneben gibt es noch feststehende Glaskästen als Lernorte. Wir nannten sie Gewächshäuser. Gewächshäuser und Felder – ich interpretiere diese Begriffe auch so, dass die Schüler die Knospen sind, die am OS durch Wissen und Erfahrungen langsam zu Persönlichkeiten erblühen. Und das bleibt hoffentlich noch lange so.

Nico Amiri

– © privat

Nico: Immer noch Kreidezeit

Mit dem Beginn des siebten Schuljahres sollte ich eigentlich mehr Unterricht haben. Allerdings: Trotz des Programms "U+", also Unterricht Plus, das im Falle von Krankheit der Lehrkraft an hessischen Schule für garantierten Unterricht sorgen sollte, entfielen zahlreiche Stunden. Besonders ärgerlich war das natürlich, wenn die ersten beiden Stunden ausfallen mussten und es am Nachmittag zuvor nicht am guten alten Vertretungsplan aushing. Dann stand ich morgens völlig umsonst früh auf.

Keine Vertretungs-App

Da wären wir bei der nächsten Baustelle. Bis zum Ende meiner Schulzeit war es Gang und Gäbe, vor Schulbeginn und in der Mittagspause noch einmal zum Schwarzen Brett mit den frischgedruckten Vertretungsplänen zu laufen. Anders als an anderen moderneren Schulen konnte sich der digitale Plan nicht durchsetzen. Während Freunde von ihren dynamischen Stundenplänen im App-Format schwärmten, konnten wir an unserem Gymnasium nur davon träumen. Unser damaliger Schulsprecher setzte sich jahrgangsübergreifend für die Einführung ein, scheiterte jedoch am Widerstand der Schulleitung. Eine Petition mit der erforderlichen Mindestanzahl an Unterschriften überzeugte dann leider auch nicht mehr.

Die Whiteboard-Sensation

Die Technik setzte sich im Allgemeinen nur langsam durch. Das Kreidezeitalter hatte den Unterricht bis zum Schluss fest im Griff. Es war eine regelrechte Sensation, die beiden Whiteboards in den naturwissenschaftlichen Räumlichkeiten nutzen zu dürfen – wenn sich die Lehrkraft denn mit der Technik auskannte. Die Klagen über den Zustand der Materialien und der Räume teilten die Lehrer aber gerne mit uns.

Im Großen und Ganzen bin ich dennoch mit meiner Schulzeit zufrieden, mir persönlich hat das Lernen schon immer Spaß gemacht. Von Digitalisierung oder modernen Lehrmethoden konnte an meiner Schule aber zu keiner Zeit die Rede sein.

Wo sind die modernen Lehrer?

Für den Lehrkräftemangel kann eine einzelne Schule nichts. Dennoch wäre es wünschenswert gewesen, den Unterricht beziehungsweise den Ausfall so zu organisieren, dass Lernen und Vorbereiten dennoch problemlos möglich gewesen wären. Vermisst habe ich tatsächlich junge und moderne Lehrerinnen und Lehrer, die sich der Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts bedient hätten.

Carolina Pfau

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Caro: Das Fach Musik fiel oft aus

Im Großen und Ganzen kann ich mich über meine Schule nicht beschweren. Natürlich gab es einige Baustellen, zum Beispiel wurde während der Schulzeit Asbest beseitigt. Das sorgte für viele Beschwerden der Eltern. Asbest ist ein Baustoff, der früher häufig verwendet wurde, inzwischen aber als krebserregend gilt. Das ist allerdings auch das Schlimmste, an das ich mich erinnern kann.

Funktionierende Computer

Ansonsten war die Schule nicht wirklich schön, viele Räume waren alt. Aber dafür hatten wir einen großen Hof mit einem kleinen Stück Wald, einem grünen Klassenzimmer und einem Basketballkorb. Die Sporthalle war direkt nebenan, zum Freibad war es nicht weit. Unser Neubau war recht schön, wir hatten funktionierende Computer und es wurde sogar eine neue Mensa gebaut.

Chöre, Orchester, Big Band

Unser Aushängeschild war die Musik. Es gab Chöre, Orchester und eine Big Band. Zweimal im Jahr fand ein großes Konzert in unserer Sporthalle statt. Das ist auch heute noch so. Ich selbst ging viele Jahre in den Chor und weiß deswegen genau, wie viel zusätzliche Arbeit die Lehrer in die Vorbereitungen für die Konzerte gesteckt haben. An Engagement mangelte es also nicht.

Oft Ausfall in Musik

Dennoch hatte ich lange keinen Musikunterricht. Zu Chor-Zeiten war alles normal, später fiel der Unterricht aber immer öfter aus, mehrere Jahre lang hatte ich überhaupt kein Musik. Die meisten unserer Musiklehrer waren sehr engagiert, doch für die "normalen" Schüler, die in keiner dieser Musikgruppen (mehr) waren, reichten die Kapazitäten anscheinend nicht aus – es fehlten auch neue, junge Lehrer für das Fach.

Besonders schwierig wurde es, als die Klassen im zehnten Jahrgang vermischt wurden. Plötzlich hatte ich wieder Musik mit anderen Schülern, die seit Jahren im Orchester waren. Ich hatte das Gefühl überhaupt nichts zu wissen und schrieb sehr schlechte Klausuren. Das lag aber auch an unserem Lehrer, dem wohl nicht klar war, wie groß die Unterschiede bei den einzelnen Schülern waren und der viel Wissen voraussetzte. Letzten Endes war ich dann froh, dass ich nur für kurze Zeit wieder Musik hatte, aber ich finde es schade, dass ich bis heute keine Noten lesen kann.

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