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João da Mata 68x68

João da Mata (25)
studiert Medienwissenschaften

Experte
"Nicht beherrschen lassen"

17.06.2016 |

In letzter Zeit mal offline gewesen? Wem keine Alternativen zu Computerspielen und sozialen Netzwerken einfallen, der sollte sich Gedanken über seinen Medienkonsum machen. Andreas Pauly berät Jugendliche und Familien, bei denen das Netz ein Problem ist.

Andreas Pauly

Andreas Pauly arbeitet bei Ambulante Suchthilfe der Caritas und Diakonie Bonn. – © privat

Herr Pauly, bin ich süchtig, bloß weil ich in meiner Freizeit gerne online bin?

Medien sind aus unserem Alltag ja nicht wegzudenken. An der Bushaltestelle steht niemand ohne Handy. Bei Medienabhängigkeit geht es aber nicht nur um die Dauer. Es geht darum, wie ich mich damit beschäftige. Kann ich in einer freien Minute das Handy auch mal zur Seite legen und einer alternativen Freizeitbeschäftigung nachgehen, wie Sport machen, Laufen, mich mit Freunden treffen und so weiter? Das Medium darf nicht Mittelpunkt meiner Freizeit werden. Es wird zur Sucht, wenn sich mein Alltag nur noch darum dreht und ich reale Dinge vernachlässige.

Was sind denn Merkmale von Mediensucht?

Genau wie Alkohol- oder Drogensucht hat auch die Mediensucht eine Toleranzentwicklung. Das heißt, dass ich immer mehr Zeit damit verbringen will oder intensivere Erlebnisse haben will, oder, dass ich mich durchgängig gedanklich damit beschäftige. Das bezieht sich auch auf den Kontrollverlust, wenn ich zum Beispiel sage, "ich höre morgen mit dem Computerspiel auf", aber ich mich dann letztendlich nicht mehr in der Schule konzentrieren kann, Klassenarbeiten verhaue, so etwas.

72 Prozent aller Jugendlichen haben laut Bundesdrogenbeauftragter ein Smartphone. Ist das ein Grund zur Sorge?

Das wird kritisch, wenn sie ständig erreichbar sind, wenn sie das Handy nicht mehr weglegen können. Wichtig ist es dabei einen Schritt zurückzugehen und zu fragen, ab wann Kinder ein Smartphone haben sollten. Eltern sind in der Regel diejenigen, die das Smartphone kaufen und ihre Kinder so einer Situation aussetzen, dass sie ständig erreichbar sein müssen – und sie damit oft auch ein Stück weit überfordern. Einige Eltern sagen mir, "das hat ja heute jeder". Da finde ich trotzdem, dass die Eltern ihren Kindern auch eine Zeit geben müssen, wo sie eben nicht zu erreichen sind. Zum Beispiel, wenn sie mit ihren Freunden zusammen sitzen, dann machen sie das Handy eben aus.

Sie arbeiten im Bereich der Prävention bei der Suchthilfe in Bonn und sind auch Ansprechpartner für das Projekt Reallife, ein Hilfenetzwerk für Jugendliche mit übermäßigem Internetkonsum. Wie wollen Sie den Jugendlichen helfen?

Unter dem Dach des Projektes Reallife geben wir Jugendlichen von zwölf bis 18 Jahren Hintergrundinformationen, was eine kompetente Mediennutzung ist oder wie eine übermäßige Mediennutzung zur Sucht führen kann. Wir bieten auch einen Kurs für Jugendliche, um alternatives Freizeitverhalten aufzuzeigen, neue Interessen zu wecken, mit Gleichgesinnten zusammenzukommen und darüber auch die Medienzeit zu reduzieren. Im Beratungsbereich versuchen wir, mit den Eltern und Jugendlichen gemeinsam zu erarbeiten, wie es weitergehen kann und was hinter dem Medienverhalten steckt: Liegt da etwas im Argen oder ist es einfach nur eine Angewohnheit? Dann wäre der zweite Schritt, alternativ zu gucken, wie sie ihren Alltag oder ihr Verhalten ändern können, ohne das Computerspiel oder das Medienverhalten zu verteufeln. Es ist ja okay, Zeit am Computer zu verbringen, aber die anderen Sachen sind auch wichtig.

Wie können Jugendliche zu einem bewussteren Umgang mit Medien motiviert werden?

Ich glaube, man sollte einem Jugendlichen wertschätzend rüberbringen, dass er sich nicht von den Medien beherrschen lassen darf, damit er sein Leben positiv gestaltet. Die Medien dürfen eine Rolle spielen, aber es muss eben verschiedene Kuchenstücke in seinem Leben geben. Wenn mal ein Kuchenstück mehr Raum hat, ist ja okay, aber auf Dauer ist ein Ausgleich wichtig. Von daher versuchen wir, dass die Jugendlichen eine Motivation finden und immer wieder Anstöße bekommen, wie sie ihre Zeit verbringen können.

Wo findet man Hilfe gegen Medienabhängigkeit?

Auf der Seite ins-netz-gehen.de gibt es ein Portal, wo man einen Selbsttest zu Computerspiel- und Internetsucht machen kann. Darüber hinaus kann man dort seine Postleitzahl eingeben, um einen Berater zum Thema Mediensucht vor Ort zu finden. Auch die Eltern können sich dort hin wenden.

Über Andreas Pauly:

Andreas Pauly ist Projektleiter von Net-Piloten bei update - Fachstelle für Suchtprävention für die Ambulante Suchthilfe der Caritas und Diakonie Bonn. Net-Piloten sind Jugendliche, die speziell geschult werden, um anderen jungen Menschen Informationen rund um die Themen Computerspiele und Internetangebote, deren Risiken und Wirkungen und Informationen zum verantwortungsvollen Umgang damit näherzubringen. Das Projekt wird finanziert durch die BZgA. Der 41-Jährige hat Diplom-Sozialpädagogik studiert und lebt mit seiner Familie in Köln.

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