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Die Autorin

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Leonie Schlick (22)
studiert Politikwissenschaften

Reportage
Mit Merkel im Aufzug

03.09.2018 |

Mit Bundeskanzlerin Merkel ist er schon häufiger im Aufzug gefahren: Thomas Wagner arbeitet bei der Polizei beim Deutschen Bundestag. Seine Aufgabe: Das Parlament und die Politiker schützen. Leonie hat den Polizeihauptmeister getroffen.

Wegen des OSZE-Treffens muss Thomas Wagner trotz Sommerpause eine 12-Stunden-Schicht einlegen.

Messer und Motorradhelme kommen nicht ins Parlament: Polizeihauptmeister Thomas Wagner sorgt für Sicherheit im Bundestag. – © Anna Rakhmanko

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Polizeihauptmeister Thomas Wagner vor dem Reichstagsgebäude.. – © Anna Rakhmanko

Einsatzleiter Thomas Wagner

Als taktischer Einsatzleiter ist er für den reibungslosen Ablauf der Schicht zuständig. – © Anna Rakhmanko

In diesen Schließfächern bewahren die Polizisten ihre Dienstwaffen auf.

In diesen Schließfächern bewahren die Polizisten ihre Dienstwaffen auf. – © Anna Rakhmanko

Ihre Uniformen tragen die Polizisten im Bundestag eher selten, weil die unauffällig erscheinen sollem.

Ihre Uniformen tragen die Polizisten im Bundestag eher selten, um nicht zu viel Aufmerksamkeit zu erregen. – © Anna Rakhmanko

Es ist 6.20 Uhr, Thomas Wagner betritt die Leitstelle der Polizei beim Deutschen Bundestag. Der Polizeihauptmeister hat Frühschicht. Aus dem grauen Schrank rechts neben der Eingangstür nimmt er sein Funkgerät, macht ein Häkchen auf der Liste. Dann geht er um die Ecke, in die eigentliche Zentrale. In dem Raum mit der niedrigen Decke und dem grauen Teppichboden sitzen rund ein Dutzend Polizeibeamte vor Computerbildschirmen.

Sie tragen keine Uniform, sondern schlichte Hemden. "Guten Morgen", rufen sie Wagner zu, der grüßt zurück. Auch Wagner trägt keine Uniform, sondern einen Anzug. "In Zivil" nenne man das bei der Polizei, erklärt der 47-Jährige. Die Sicherheitskräfte beim Deutschen Bundestag tragen nur hin und wieder Uniform, etwa wenn sie auf Streife gehen.

Promis schützen

Die neun Gebäude des Parlaments im Herzen Berlins bilden einen eigenen Polizeibezirk, in dem andere Polizeibehörden, wie die Landes- oder Bundespolizei, nichts zu sagen haben. "Unsere Aufgabe ist es, aus polizeilicher Sicht die Arbeitsfähigkeit des Deutschen Bundestages sicherzustellen", erklärt Wagner. Anders ausgedrückt: Die 709 Bundestagsabgeordneten der sechs Fraktionen, deren Mitarbeiter und die sie unterstützende Verwaltung sollen ruhig und sicher arbeiten können.

Wie sie das gewährleisten, können die Polizisten beim Bundestag unabhängig und selbstständig entscheiden. Sie sichern zum Beispiel die Plenarsitzungen, Staatsbesuche, aber auch die Besucher, die tagtäglich in den Parlamentsgebäuden unterwegs sind. Im Sommer können das bis zu 8.000 Menschen am Tag sein, die die Reichstagskuppel anschauen möchten. Die Beamten sichern auch sämtliche Sitzungen der Ausschüsse und alle Veranstaltungen, die innerhalb des Deutschen Bundestages stattfinden.

Liebes Tagebuch…

In der Leitstelle greift Wagner mittlerweile zum Einsatztagebuch. "Wenn ich morgens ankomme, verschaffe ich mir als erstes einen Überblick darüber, was in der Schicht zuvor passiert ist", sagt er. Anschließend geht er die Tagesmappe und den Dienstplan durch: Was steht an für diesen Tag, welche Kräfte sind wo eingesetzt? Als taktischer Einsatzleiter ist er für den reibungslosen Ablauf der Schicht zuständig. Seit zehn Jahren ist Wagner bei der Bundestagspolizei, seit zweieinhalb Jahren im Rang des Polizeihauptmeisters. Davor arbeitete er bei der Landespolizei Brandenburg.

Internationaler Besuch

Anders als üblich, wartet heute eine Zwölf-Stunden-Schicht auf ihn. Denn in den kommenden drei Tagen findet eine große internationale Konferenz in den Gebäuden des Bundestages statt – mit rund 600 Gästen aus 57 Ländern. Es ist die Parlamentarische Versammlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, kurz OSZE. "Eigentlich ist gerade Sommerpause, da ist es in der Regel etwas ruhiger, weil keine Sitzungswochen sind", sagt Wagner, "heute aber nicht".

Die Waffe in der Gürteltasche

Wagner wirft einen letzten Blick auf den Dienstplan, dann geht er aus der Leitstelle durch einen hell gefliesten Flur zum Aufenthaltsraum der Bundestagspolizei. Auf dem Weg grüßt er Kollegen. "Das ist mein Chef, der Polizeihauptkommissar", sagt er und zeigt auf einen schwarzhaarigen Mann, der vorbei hastet. Wagner hält seinen Ausweis an die Tür, es summt kurz, dann öffnet sie sich.

Direkt hinter dem Eingang steht ein langer Schrank mit vielen kleinen Schließfächern. Dort bewahren die Beamten ihre Dienstwaffen auf. Wagner geht nach ganz rechts, zum dritten Fach von oben. Er holt seine Waffe raus, steckt sie in die Gürteltasche. Hinter dem Waffenschrank stehen Tische und schwarz gepolsterte Stühle, es riecht nach Filterkaffee. Wagner setzt sich zu seinen Kollegen: "Hier unterhalten wir uns oder ruhen uns kurz aus, bevor eine Schicht beginnt".

Kontrolle am Eingang

Die Beamten, die ihm unterstehen, tragen die Bezeichnung Posten- und Streifenbeamte. Wer zur Bundestagspolizei will, fängt in der Regel in dieser Dienststellung an. "Posten- und Streifenbeamte arbeiten im Prinzip an drei Stellen: Sie überwachen die Sicherheitskontrolle am Besuchereinlass, sind an den Eingängen postiert und leisten administrative Arbeit in der Leitstelle", erklärt der Polizeihauptmeister.

Messer und Motorradhelme

Als taktischer Einsatzführer ist er in einer verantwortungsvollen Position. Was das genau heißt, zeigt er am Beispiel des Besuchereinlasses. Wagner geht zu den weißen Containern, die vor dem Haupteingang des Reichstagsgebäudes stehen. Hier muss jeder Besucher eine Sicherheitskontrolle passieren, es ist verboten, Waffen oder spitze Gegenstände mit in das Gebäude zu nehmen. Findet der Sicherheitsdienst etwas Verdächtiges, wird Wagner hinzugezogen. "Ich nehme dann eine Beurteilung vor", erklärt er. Das komme ein bis zwei Mal pro Schicht vor. Messer, Motorradhelme, große Gepäckstücke – all dies wird am Einlass aussortiert.

"Alles friedlich"

An diesem Tag ist Wagner für eine bestimmte Etage des Reichstagsgebäudes eingeteilt, und zwar jene, die normalerweise Besuchern und Journalisten vorbehalten ist, die von hier aus auf die Tribünen des Plenarsaals gelangen. An einem Schreibtisch vor dem Besuchereingang sitzt der Kollege, den Wagner gleich ablösen wird. Sie tauschen sich kurz aus. "Alles friedlich", sagt der Kollege, "ich rechne nicht mit Störungen". Von hier aus wird Wagner alle Einsatzkräfte auf der Ebene koordinieren.

Im Aufzug mit Merkel

Ob denn im Alltagsbetrieb ab und zu auch ein bekannter Politiker vorbeilaufe? "Natürlich", sagt Wagner. Er habe schon des Öfteren mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im Aufzug gestanden: "Da verlangt mein Beruf natürlich absolute Diskretion und Fingerspitzengefühl".

Was sollte ein angehender Bundestagspolizist außerdem noch mitbringen? Darüber denkt Wagner nicht lange nach: "Man muss loyal gegenüber allen Abgeordneten sein, unabhängig von der eigenen politischen Meinung. Der Schutz der Arbeitsfähigkeit des Parlaments steht über allem".

Schäuble ist der Chef

Wagners Dienstherr ist der Bundestagspräsident – aktuell also Dr. Wolfgang Schäuble (CDU/CSU). Damit unterscheidet sich die Polizei beim Parlament von der Bundespolizei, deren Dienstherr der Bundesinnenminister, also ein Regierungsmitglied, ist. Der Grund für diesen wichtigen Unterschied: Die Polizei beim Parlament soll, genau wie das Parlament selbst, unabhängig sein.

Schließlich gilt in einer Demokratie das Prinzip der sogenannten Gewaltenteilung. Das bedeutet, dass die Macht des Staates auf drei Gewalten verteilt ist: die gesetzgebende Gewalt (das Parlament, man spricht auch von Legislative), die ausführende Gewalt (die Regierung, man spricht auch von Exekutive) und die Recht sprechende Gewalt (die Gerichte, man spricht auch von Judikative). Der Grund dafür: Keine Gruppe innerhalb eines Staates soll zu viel Macht an sich ziehen können, die drei Gewalten sollen einander kontrollieren. Daher soll auch die Polizei beim Bundestag unabhängig und frei von Einflussnahme von außen sein.

Ausbildungsplätze frei

Ihren Nachwuchs bildet die Bundestagspolizei selber aus. Mehr dazu übrigens auch im mitmischen-Interview mit der Ausbildungsleiterin oder direkt auf der Ausbildungsseite des Bundestages. Doch können auch Bundes- oder Landespolizisten zum Bundestag wechseln, sofern die jeweilige Dienststelle das genehmigt.

Wagner jedenfalls hat den Wechsel nicht bereut. Anders als die Bundes- oder Landespolizisten hätten die Beamten im Bundestag weder in sozialen Brennpunkten zu tun noch erlebten sie soziales Leid, sagt er. Für den Polizeihauptmeister eindeutig die angenehmere Arbeit. Doch sieht er auch noch andere Vorzüge: "Die Arbeitszeiten sind geregelter und ich habe immer pünktlich Feierabend".

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