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Arbeitswelt
Haben alle die gleichen Chancen?

Nadine Schön

Nadine Schön (CDU) – © Carsten Simon

02.05.2018| Sekretärin? Frauensache! Elektroniker? Klarer Männerberuf. Trotz aller Girls’ and Boys' Days halten sich die Klischees in der Berufswelt. Soll sich die Politik da einmischen? Warum verdienen Frauen weniger als Männer? Wir haben Politiker aus sechs Fraktionen befragt.

Der Girls’Day ist ein einmal im Jahr stattfindender Aktionstag, der speziell Mädchen und Frauen motivieren soll, technische und naturwissenschaftliche Berufe zu ergreifen. Beim Boys'Day am selben Tag geht es darum, Männern soziale Berufe schmackhaft zu machen. Ein guter Tag?

Ja – sogar ein sehr guter Tag, denn durch die Aktionstage wird Mädchen und Jungs gezeigt, dass sie alles werden können! Sie erhalten Einblick in Berufe, die sie vielleicht vorher erst gar nicht in Betracht gezogen haben. Zum Beispiel weil sie von ihren Freunden oder Verwandten gehört haben, dass das ganz typische "Männer"- oder "Frauenberufe" sind.

Es ist richtig, dass wir mit dem Aktionstag die Geschlechterklischees in beide Richtungen aufbrechen: Dass Mädchen an naturwissenschaftliche und technische Berufe herangeführt werden und Jungs an soziale Berufe. Mit allerhand Informationen tragen Girls' und Boys'Day dazu bei, oft festgezurrte Vorurteile zur Berufswelt abzubauen und Türen für Jungs wie für Mädchen zu öffnen.

Erhebungen zeigen regelmäßig, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer. Wie kommt es zu den Unterschieden?

Dafür gibt es einige Gründe, die diese Lücke erklären: zum Beispiel weil Frauen öfter Teilzeit arbeiten als Männer und in Branchen und Berufen, in denen schlechter bezahlt wird. Dazu gehören auch die Sozial- und Pflegeberufe.

Was aber nicht erklärbar ist, ist dass Frauen bei der gleichen Arbeit, die auch ein Mann verrichtet, im Durchschnitt immer noch sechs Prozent weniger Lohn bekommen. Das können wir nicht akzeptieren, denn Frauen leisten hier dieselbe Arbeit wie Männer. Damit Frauen wissen, ob sie weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen, haben wir das Entgelttransparenzgesetz verabschiedet. Frauen können seit dem 6. Januar 2018 Auskunft über die Entgeltstrukturen im Unternehmen verlangen.

An anderen Faktoren muss noch gearbeitet werden: So wollen wir die sozialen Berufe aufwerten, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern und Paare dabei unterstützen, sich Familien- und Erwerbsarbeit partnerschaftlich zu teilen. Ein Vorbild soll der öffentliche Dienst werden: Hier wollen wir die Anzahl der Führungspositionen in Teilzeit erhöhen.

In den Führungsetagen von Unternehmen und Behörden sitzen mehr Männer als Frauen. Im Bundestag liegt der Frauenanteil bei 30 Prozent, im 16-köpfigen Kabinett sind es sieben Frauen. Für Sie in Ordnung oder nicht?

Ich hätte mir gewünscht, dass mehr Frauen unter uns Abgeordneten vertreten sind. Obwohl wir in diesem Jahr 100 Jahre Wahlrecht für Frauen feiern, ist es immer noch nicht selbstverständlich, dass Frauen auch ein politisches Mandat anstreben und dann auch gewählt werden. In den Landes- und Kommunalparlamenten sieht es übrigens oft nicht besser aus als im Bundestag.

Frauen machen aber gut die Hälfte der Bevölkerung aus. Es muss uns also ein Anliegen sein, dass Frauen viel stärker in der Politik repräsentiert sind. Die – zurecht – immer wiederkehrende Debatte über den geringen Anteil von Frauen auf Chefposten zeigt auch, dass es nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft noch viel zu tun gibt.

Das neue Kabinett ist dagegen so weiblich wie noch nie. Ich freue mich, dass die Kanzlerin drei der sechs CDU-Ministerposten mit Frauen besetzt hat. Hier sind wir auf dem richtigen Weg.

Sollte die Politik in Ihren Augen beim Thema Chancengleichheit aktuell etwas tun? Wenn ja, was sind zwei Punkte, die als erstes angegangen werden sollten?

Jungs und Mädchen müssen von früh an die gleichen Chancen haben. Wichtig ist mir deshalb gute Bildung für alle, damit jeder die Chance hat, sich etwas aufzubauen und etwas Tolles in seinem Leben zu erreichen.

Ein zweiter wichtiger Punkt ist, dass wir im digitalen Wandel darauf Acht geben, dass traditionelle Geschlechterrollen nicht zementiert, sondern aufgebrochen werden. Die digitale Welt muss auch von Frauen mitgestaltet werden.

Über Nadine Schön:

Nadine Schön, 34, ist studierte Juristin und hat eine journalistische Ausbildung gemacht. Seit 2009 sitzt sie im Bundestag. Seit 2014 ist sie als stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für die Bereiche "Familie, Senioren, Frauen und Jugend" sowie "Digitale Agenda" zuständig. Ihr Wahlkreis ist St. Wedel im Saarland.

Katja Mast

Katja Mast (SPD) – © Susie Knoll

02.05.2018| Sekretärin? Frauensache! Elektroniker? Klarer Männerberuf. Trotz aller Girls’ and Boys' Days halten sich die Klischees in der Berufswelt. Soll sich die Politik da einmischen? Warum verdienen Frauen weniger als Männer? Wir haben Politiker aus sechs Fraktionen befragt.

Der Girls’Day ist ein einmal im Jahr stattfindender Aktionstag, der speziell Mädchen und Frauen motivieren soll, technische und naturwissenschaftliche Berufe zu ergreifen. Beim Boys'Day am selben Tag geht es darum, Männern soziale Berufe schmackhaft zu machen. Ein guter Tag?

Ja, denn auch heute noch ergreifen viel zu wenige Frauen Berufe, die vor allem Männern zugeschrieben werden und zu wenige Männer wagen sich in so genannte "Frauenberufe" vor. Das liegt weniger an fehlendem Interesse, sondern an jeweils erschwerten Zugängen und dem gesellschaftlichen Druck durch festgefahrene Klischees. Girls' und Boys'Day ermutigen junge Menschen, diese Grenzen zu überwinden. So können sie den Beruf ergreifen, den sie wirklich ausüben wollen.

Erhebungen zeigen regelmäßig, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer. Wie kommt es zu den Unterschieden?

Ganz klar – dass Frauen bei gleicher Arbeit weniger verdienen geht nicht. Der Unterschied im durchschnittlichen Verdienst – der sogenannte Gender Pay Gap – beträgt momentan 21 Prozent. Umgerechnet heißt das: Frauen arbeiten 77 Tage im Jahr umsonst!

Das hat strukturelle Gründe. Frauen arbeiten häufiger in Berufen, die schlechter bezahlt sind, als die von Männern dominierten. Häufig sind dies die unersetzbaren "care"-Berufe, wie Krankenpflegerin oder Erzieherin. Diese Berufe müssen wir gezielt stärken – gesellschaftlich und finanziell!

Zum anderen wollen wir, dass mehr Frauen traditionelle Männerberufe ausüben können, ohne kritisch beäugt zu werden. Es sollte keine Ausnahme mehr sein, dass eine Frau einen technischen oder handwerklichen Beruf ergreift. Umgekehrt sollte das natürlich auch für Männer in so genannten "Frauenberufen" gelten. Für uns gilt: Jede und jeder sollte den Beruf ausüben können, den sie oder er möchte.

Selbst wenn man aus den 21 Prozent diese strukturellen Unterschiede herausrechnet (wie etwa die Branchen), bleibt eine Lohnlücke von 6 Prozent. Das heißt im Klartext: Frauen verdienen heute trotz gleicher Qualifikation 6 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Ein Unding!

In den Führungsetagen von Unternehmen und Behörden sitzen mehr Männer als Frauen. Im Bundestag liegt der Frauenanteil bei 30 Prozent, im 16-köpfigen Kabinett sind es sieben Frauen. Für Sie in Ordnung oder nicht?

100 Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts müssen wir leider immer noch feststellen, dass die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen keine Selbstverständlichkeit ist. Bei knapp 51 Prozent Frauenanteil an der deutschen Bevölkerung ist die aktuelle Quote von 30 Prozent im Bundestag beschämend. Letzte Wahlperiode hatten wir noch 36,5 Prozent, nun haben die Mitte-Rechts-Parteien diesen Schnitt gesenkt.

Im Bundeskabinett sieht es etwas besser aus, auch weil die SPD drei Frauen und drei Männer entsandt hat. Die CSU hat die Zeichen der Zeit noch immer nicht erkannt und keine einzige Ministerin berufen. Das ist beschämend. Das kann so nicht weitergehen: Die SPD will, dass Frauen und Männer auch in Parlamenten und Regierungen auf allen Ebenen gleichberechtigt beteiligt sind. Das haben wir auch in den Koalitionsvertrag hineinverhandelt.

Zudem wollen wir Frauen verstärkt für politische Beteiligung gewinnen. Auch deshalb zeigen wir Mädchen beim Girls'Day, welche Wege und Möglichkeiten es für sie in der Politik gibt und ermutigen alle, diese Wege zu beschreiten. Auch der nach wie vor viel zu geringe Frauenanteil in den Führungsetagen von Unternehmen ist für uns nicht akzeptabel. Wir wollen, dass Frauen in Führungspositionen – gerade auch in der Wirtschaft – ihre Hälfte am Sagen ab bekommen.

Deshalb will die SPD die Quotenregelung in der Privatwirtschaft auf mehr Unternehmen ausdehnen. Das wollen CDU und CSU so nicht, deshalb steht es nicht im Koalitionsvertrag. Im Bereich des Öffentlichen Dienstes konnten wir mehr erreichen: Bis 2025 soll die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in Leitungsfunktionen erreicht sein.

Sollte die Politik in Ihren Augen beim Thema Chancengleichheit aktuell etwas tun? Wenn ja, was sind zwei Punkte, die als erstes angegangen werden sollten?

Wir sind noch längst nicht an dem Punkt angekommen, an dem wir zufrieden sein können. Die Politik ist hier selbstverständlich gefordert. Ich finde es gut, dass Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) das Rückkehrrecht auf Vollzeit innerhalb der ersten 100 Regierungstage auf den Weg bringen wird. Damit holen wir Frauen konkret aus der Teilzeitfalle und beugen damit auch Altersarmut vor.

Zweitens ist mir wichtig, dass alle Frauen ohne Gewalt leben können. Hier sind wir als Bund auch gefordert. Deshalb ist es ein großer Erfolg, dass die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und ihrer Kinder zu einem zentralen Kapitel im Koalitionsvertrag gemacht wurde.

Über Katja Mast:

Katja Mast, 47, ist gelernte Bankkauffrau und hat das erste Staatsexamen in Biologie, Geographie, Politik und Pädagogik. Seit 1994 ist sie Mitglied des Bundestages, seit 2014 Vorsitzende der SPD-Landesgruppe Baden-Württemberg. Ihr Wahlkreis ist Pforzheim in Baden-Württemberg.

Nicole Höchst

Nicole Höchst (AFD) – © Nicole Höchst

02.05.2018| Sekretärin? Frauensache! Elektroniker? Klarer Männerberuf. Trotz aller Girls’ and Boys' Days halten sich die Klischees in der Berufswelt. Soll sich die Politik da einmischen? Warum verdienen Frauen weniger als Männer? Wir haben Politiker aus sechs Fraktionen befragt.

Der Girls’Day ist ein einmal im Jahr stattfindender Aktionstag, der speziell Mädchen und Frauen motivieren soll, technische und naturwissenschaftliche Berufe zu ergreifen. Beim Boys'Day am selben Tag geht es darum, Männern soziale Berufe schmackhaft zu machen. Ein guter Tag?

Die AfD bekennt sich uneingeschränkt zur Freiheit der Berufswahl. Diese ist im Artikel 12 des Grundgesetzes garantiert. Die Voraussetzung für eine freie Berufswahl ist, dass sich jeder Bürger über mögliche berufliche Perspektiven informieren kann. Insofern unterstützen wir Informationsangebote. Eine gesonderte "Motivation", welche zum Ziel hat, Mädchen und Jungen in bestimmte Berufe zu drängen, lehnen wir ab.

Erhebungen zeigen regelmäßig, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer. Wie kommt es zu den Unterschieden?

Frauen verdienen aus verschiedenen Gründen durchschnittlich weniger als Männer. Sie sind oftmals durch die Gründung einer Familie zu erklären. So verlassen Frauen häufig ihren Beruf, bis ihr Kind den Kindergarten besuchen kann und arbeiten oft danach nur in Teilzeit, damit sie mehr Zeit mit der Erziehung der Kinder verbringen können.

Selbstverständlich gibt es auch viele Frauen, die sich anders entscheiden und schnell wieder in Vollzeit in ihrem Beruf arbeiten möchten. Für die AfD ist es wichtig, dass der Staat die Familien bei ihrem individuellem Lebensmodell unterstützt – ganz egal, für welches Modell sie sich entscheiden. Insofern soll der Staat hier nichts korrigieren, sondern nur sicherstellen, dass jede Familie die Möglichkeit hat, nach der Weise zu leben, welche sie als für sich am besten betrachtet.

In den Führungsetagen von Unternehmen und Behörden sitzen mehr Männer als Frauen. Im Bundestag liegt der Frauenanteil bei 30 Prozent, im 16-köpfigen Kabinett sind es sieben Frauen. Für Sie in Ordnung oder nicht?

Das ist so in Ordnung. Wichtig ist, dass Frauen prinzipiell die Möglichkeit haben, in diese Positionen zu gelangen. Die Möglichkeit hierzu ist in Deutschland gegeben. Der faktische geringere Anteil an Frauen, beispielsweise im Deutschen Bundestag, ist dem Umstand geschuldet, dass sich schlicht weniger Frauen für diesen Beruf zur Verfügung stellen. Der Staat hat sich in diese freiwillige, persönliche Entscheidung nicht einzumischen.

Sollte die Politik in Ihren Augen beim Thema Chancengleichheit aktuell etwas tun? Wenn ja, was sind zwei Punkte, die als erstes angegangen werden sollten?

Chancengleichheit für Männer und Frauen ist in Deutschland sichergestellt. Die Politik hat die Aufgabe, dass sich an diesem Zustand nichts ändert.

Über Nicole Höchst:

Nicole Höchst, 48, ist Lehrerin. Seit dieser Legislaturperiode sitzt sie im Bundestag. Sie ist Mitglied im Familienausschuss und im Ausschuss für Bildung. Ihr Wahlkreis ist Kreuznach in Rheinland-Pfalz.

Katja Suding

Katja Suding (FDP) – © Lars Berg

02.05.2018| Sekretärin? Frauensache! Elektroniker? Klarer Männerberuf. Trotz aller Girls’ and Boys' Days halten sich die Klischees in der Berufswelt. Soll sich die Politik da einmischen? Warum verdienen Frauen weniger als Männer? Wir haben Politiker aus sechs Fraktionen befragt.

Der Girls’Day ist ein einmal im Jahr stattfindender Aktionstag, der speziell Mädchen und Frauen motivieren soll, technische und naturwissenschaftliche Berufe zu ergreifen. Beim Boys'Day am selben Tag geht es darum, Männern soziale Berufe schmackhaft zu machen. Ein guter Tag?

Der Girls′Day und der Boys′Day sind großartige Tage, weil sie jungen Menschen neue Perspektiven und neue Chancen eröffnen. Sie machen Mut, über den bisherigen Tellerrand hinauszuschauen und einen Berufswunsch jenseits gesellschaftlicher Erwartungen zu verfolgen. Dieses Ziel sollten wir in den Schulen und auch schon in der Kita konsequenter vor Augen haben. Jeder Tag sollte ein Tag für Jungen und Mädchen sein, sich unabhängig orientieren zu können, wie sie ihren Beruf und ihr Leben insgesamt gestalten möchten.

Erhebungen zeigen regelmäßig, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer. Wie kommt es zu den Unterschieden?

Frauen ergreifen häufig andere Berufe als Männer. Oft sind das Berufe, die schlechter bezahlt werden, beispielsweise in der Pflege. Auch pausieren viele Frauen im Job oder arbeiten in Teilzeit, da sie sich stärker in der Kindererziehung und der Pflege von Angehörigen engagieren. Das erschwert Gehaltsverhandlungen und Beförderungen.

Die Politik kann dem entgegenwirken, indem sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtert – und zwar für Frauen und Männer. Flexiblere Arbeitszeiten und die Stärkung des Homeoffice wären eine echte Entlastung für Familien. Je besser Paare in der Lage sind, Familie und Beruf zu vereinbaren, desto leichter können zwei berufliche Karrieren verfolgt werden. Für allein oder getrennt Erziehende ist diese Unterstützung sogar noch wichtiger.

In den Führungsetagen von Unternehmen und Behörden sitzen mehr Männer als Frauen. Im Bundestag liegt der Frauenanteil bei 30 Prozent, im 16-köpfigen Kabinett sind es sieben Frauen. Für Sie in Ordnung oder nicht?

In der Großen Koalition tragen viele Frauen als Ministerin Verantwortung, das begrüße ich sehr. Dass die CSU nur Männer als Minister stellt, fällt da schon deutlich aus der Reihe. Das Foto von der rein männlichen Führungsregie im Bundesinnenministerium rund um Horst Seehofer ist berühmt-berüchtigt.

Sowohl in der Politik als auch in Unternehmen sind endlose Sitzungen bis weit nach Dienstschluss für Frauen häufig schlicht inakzeptabel, da sie Verantwortung für Kinder oder zu pflegende Angehörige tragen. Straffere Arbeitsabläufe wären eine große Hilfe nicht nur für Frauen und Männer mit hoher Verantwortung in den Familien, sondern mit Blick auf die Work-Life-Balance auch für alle anderen.

Sollte die Politik in Ihren Augen beim Thema Chancengleichheit aktuell etwas tun? Wenn ja, was sind zwei Punkte, die als erstes angegangen werden sollten?

Ganz wichtig ist, dass wir die spielerische Neugier und Offenheit von Jungen und Mädchen erhalten. In den ersten Schuljahren sind Mädchen zum Beispiel genauso interessiert an Mathematik und Technik wie Jungen. Dann übernehmen sie aber rasch das Vorurteil, dass Jungen darin besser seien, und verlieren das Interesse. Dadurch vermindern sich die Chancen dieser Mädchen und ihr Potenzial für die Gesellschaft bleibt ungenutzt. Fachkräfte in diesen Bereichen werden händeringend gesucht und sehr gut bezahlt.

Ein anderer wichtiger Punkt ist, dass der Staat falsche Anreize abbauen muss. So verringert die Steuerklasse V den Anreiz (mehr) zu arbeiten für denjenigen in einer Ehe, der weniger verdient, meist ist das die Frau. Auch beim Elterngeld Plus gibt es Situationen, in denen es nicht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stärkt, sondern den Ausstieg aus dem Beruf.

Über Katja Suding:

Katja Suding, 42, ist studierte Kommunikationswissenschaftlerin. Seit 2015 ist sie stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende und seit 2017 Mitglied des Bundestages. Ihr Wahlkreis ist Hamburg-Altona.

Doris Achelwilm

Doris Achelwilm (Die Linke) – © Cosima Hanebeck

02.05.2018| Sekretärin? Frauensache! Elektroniker? Klarer Männerberuf. Trotz aller Girls’ and Boys' Days halten sich die Klischees in der Berufswelt. Soll sich die Politik da einmischen? Warum verdienen Frauen weniger als Männer? Wir haben Politiker aus sechs Fraktionen befragt.

Der Girls’Day ist ein einmal im Jahr stattfindender Aktionstag, der speziell Mädchen und Frauen motivieren soll, technische und naturwissenschaftliche Berufe zu ergreifen. Beim Boys'Day am selben Tag geht es darum, Männern soziale Berufe schmackhaft zu machen. Ein guter Tag?

Berufe kennenzulernen, ist eine wichtige Erfahrung und kann den Blick öffnen für neue Perspektiven. Zugleich wird es höchste Zeit, die alte Trennung von so genannten Männer- und Frauenberufen zu überwinden. Deshalb ist es gut, dass Mädchen und Jungen die Möglichkeit haben, am Girls'Day und am Boys'Day Einblicke in unterschiedliche, vermeintlich "untypische" Berufszweige zu gewinnen.

Dazu möchte ich aber auch sagen, dass die sozialen Berufe attraktiver werden müssen, um Männer und Frauen gleichermaßen anzusprechen. Sie müssen besser bezahlt werden sowie als gesellschaftlich unabdingbare, hochqualifizierte Arbeit anerkannt werden. Gleichzeitig muss die Arbeitswelt darauf eingestellt werden, dass Beruf und Familie für alle Beschäftigten leichter unter einen Hut zu bekommen sind.

Erhebungen zeigen regelmäßig, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer. Wie kommt es zu den Unterschieden?

Die Gründe für den durchschnittlichen Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen in Höhe von derzeit 21 Prozent sind sehr vielschichtig. So sind die Branchen, in denen überwiegend Frauen arbeiten, in der Regel die mit den schlechteren Gehältern; viele Frauen arbeiten in kleineren Betrieben mit geringeren Löhnen und – familienbedingt – in schlechter bezahlter Teilzeit. Frauen werden seltener befördert und steigen deshalb seltener in hochbezahlte Führungspositionen auf.

Diese strukturellen Benachteiligungen schafft man nicht aus der Welt, indem man Frauen nahelegt, doch einfach gut bezahlte Berufe oder Vollzeitstellen zu wählen. Deshalb müssen die beruflichen Anforderungen und Belastungen in "Frauen-dominierten Berufen" (zum Beispiel soziale Arbeit, Pflege, Bildung) höher bewertet statt grundsätzlich schlechter bezahlt werden als vergleichbare "männlich geprägte" Berufe (zum Beispiel IT- oder metallverarbeitende Industrie).

In den Führungsetagen von Unternehmen und Behörden sitzen mehr Männer als Frauen. Im Bundestag liegt der Frauenanteil bei 30 Prozent, im 16-köpfigen Kabinett sind es sieben Frauen. Für Sie in Ordnung oder nicht?

Nein. Dass Frauen in Führungspositionen und Parlamenten unterrepräsentiert sind, ist ein Problem. Ich setze mich als gleichstellungspolitische Sprecherin der der Linksfraktion zusammen mit vielen Kollegen dafür ein, dass wirksame Maßnahmen ergriffen werden, um den Frauenanteil etwa im Bundestag, aber auch in vielen anderen Positionen so zu erhöhen, dass wir in nicht allzu ferner Zeit bei paritätischen, also gleichwertigen, Zusammensetzungen landen.

Im Übrigen schreibt nicht zuletzt das Grundgesetz vor, dass der Staat "die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern" fördert und "auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin[wirkt]" (Art. 3, Satz 2 GG). In der Hinsicht gibt es trotz aller formalen Gleichstellungsgebote großen Nachholbedarf.

Sollte die Politik in Ihren Augen beim Thema Chancengleichheit aktuell etwas tun? Wenn ja, was sind zwei Punkte, die als erstes angegangen werden sollten?

Die Politik ist bei der Durchsetzung der Chancengleichheit in der Pflicht. Es bedarf eines ganzen Bündels notwendiger Maßnahmen, um hier wirksam voranzukommen. Besonders wichtig ist sicherlich die Durchsetzung des Grundsatzes "Gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit" durch ein wirksames Entgeltgleichheitsgesetz mit einem echten Verbandsklagerecht. Außerdem muss die soziale Infrastruktur für Familie, Kinder und Jugendliche wieder ausgebaut werden. Dazu gehört eine gebührenfreie, bedarfs- und altersgerechte Kinderganztagsbetreuung.


Über Doris Achelwilm:

Doris Achelwilm, 41, ist studierte Sprachwissenschaftlerin. Seit 2017 sitzt sie im Bundestag. Sie ist Mitglied im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Ihr Wahlkreis ist Bremen.

Ulle Schauws

Ulle Schauws (Bündnis 90/Die Grünen) – © Ulle Schwauws

02.05.2018| Sekretärin? Frauensache! Elektroniker? Klarer Männerberuf. Trotz aller Girls’ and Boys' Days halten sich die Klischees in der Berufswelt. Soll sich die Politik da einmischen? Warum verdienen Frauen weniger als Männer? Wir haben Politiker aus sechs Fraktionen befragt.

Der Girls’Day ist ein einmal im Jahr stattfindender Aktionstag, der speziell Mädchen und Frauen motivieren soll, technische und naturwissenschaftliche Berufe zu ergreifen. Beim Boys'Day am selben Tag geht es darum, Männern soziale Berufe schmackhaft zu machen. Ein guter Tag?

Der Girls'Day ist super! Ich finde es toll, dass Mädchen ermutigt werden, in Berufe hineinzuschnuppern, in denen bisher relativ wenige Frauen arbeiten. Ich freue mich darauf, dass wir am Girls'Day in der Bundestagsfraktion Besuch von Mädchen aus unseren Wahlkreisen bekommen, die unseren Arbeitsalltag als Abgeordnete kennenlernen möchten. Ich glaube, dass wir in der Politik mehr Frauen brauchen. Da sind Vorbilder ganz wichtig. Ich selbst bin auch durch ein Mentoring-Programm zur Politik gekommen.

Erhebungen zeigen regelmäßig, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer. Wie kommt es zu den Unterschieden?

Frauen verdienen in Deutschland im Durschnitt 21 Prozent weniger als Männer. Das misst der sogenannte "Gender Pay Gap", also die Lohnlücke. Dies hat mehrere Gründe. Frauen werden im genau gleichen Beruf häufig schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen und so unmittelbar benachteiligt. Frauen erleben Nachteile, weil sie immer noch schlechtere Zugangschancen zu bestimmten Berufen haben. Und sie werden auf der Karriereleiter benachteiligt, wenn sie Teilzeit arbeiten, weil sie beispielsweise Kinder versorgen.

Berufe, in denen vor allem Frauen arbeiten, werden zudem durchschnittlich schlechter bezahlt, obwohl zum Beispiel Erzieherinnen sehr wichtige gesellschaftliche Aufgaben erfüllen. Ob Frauen nun in sogenannten Frauenberufen strukturell schlechter bezahlt werden oder im gleichen Betrieb für gleiche Arbeit weniger Geld kriegen ist beides ungerecht. Deshalb brauchen wir ein wirksames Entgeltgleichheitsgesetz, das Betriebe in die Pflicht nimmt gerecht zu bezahlen.

Wir Grüne haben deshalb in dieser Legislaturperiode in einem Antrag gefordert, Frauen die Möglichkeit zu geben, zu klagen. Das sollen sie entweder selbst gemeinsam mit mehreren Frauen oder mithilfe von Verbänden, dem sogenannten Verbandsklagerecht, tun können. Das wäre ein erster Schritt zu mehr Gerechtigkeit.

In den Führungsetagen von Unternehmen und Behörden sitzen mehr Männer als Frauen. Im Bundestag liegt der Frauenanteil bei 30 Prozent, im 16-köpfigen Kabinett sind es sieben Frauen. Für Sie in Ordnung oder nicht?

Nein, das ist nicht ok. Nur 30 Prozent Frauenanteil im Bundestag ist absolut nicht akzeptabel. Der Frauenanteil ist sogar gesunken – zum ersten Mal seit 1945. Wir sind leider wieder auf dem Stand von 1998. Das ist nicht gut für eine fortschrittliche Demokratie. Viele sind negativ überrascht über Deutschland. Frauen müssen politisch mitbestimmen. Sie sind etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung. So müssten sie auch im Parlament repräsentiert sein. Bei uns in der grünen Bundestagsfraktion liegt der Frauenanteil sogar bei 58 Prozent. Wir wählen auf den Listenplätzen für die Parlamente immer mindestens 50 Prozent Frauen. Diese Quote wirkt. Wenn Union, FDP und AfD unserem Beispiel folgen würden, hätten wir im Bundestag längst ein Verhältnis von 50:50 Frauen und Männer.

Sollte die Politik in Ihren Augen beim Thema Chancengleichheit aktuell etwas tun? Wenn ja, was sind zwei Punkte, die als erstes angegangen werden sollten?

Wir haben in den letzten Jahrzehnten viel erreicht in Sachen Gleichberechtigung, aber es bleibt auch noch viel zu tun. Das zeigen die aktuellen Debatten um #metoo und den Paragraf 219a StGB, der das Recht von Frauen auf Informationen zum Schwangerschaftsabbruch einschränkt. Ich setze mich dafür ein, dass dieser Paragraf so schnell wie möglich abgeschafft wird, denn jede Frau soll selbstbestimmt und umfassend informiert über ihren Körper entscheiden dürfen.

Ein weiteres wichtiges Thema ist der Schutz von Frauen vor Gewalt. Die Bundesregierung muss endlich etwas dafür tun, dass die Finanzierung von Frauenhäusern und Beratungsstellen verbessert und langfristig sichergestellt wird.

Über Ulle Schauws:

Ulle Schauws, 62, ist Film- und Fernsehwissenschaftlerin. Seit 2013 sitzt sie im Bundestag. Sie ist frauen- und kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Ihr Wahlkreis ist Krefled II - Wesel II un Nordrhein-Westfalen.

Kommentare

 

Marius W. schrieb am 14.05.2018 11:25

Fangt ihr jetzt nicht auch noch an... Es ist schlichtweg nicht abstreitbar, dass Männer und Frauen verschiedene Stärken haben. Und das ist auch nichts schlechtes. Wenn wir jetzt anfangen Bewerber wegen ihres Geschlechts zu bevorzugen, steuern wir geradewegs auf eine Wand zu. Stellt die Leute aufgrund ihres Könnens ein, nicht wegen des Geschlechts. Da ist es eben einfach Fakt, dass Frauen bessere Sekretäre sind und Männer bessere Mechatroniker. Ist halt so. Klar gibt es Ausnahmen, aber so ist die Tendenz.

 

 

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