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Die Autorin

Alina Frechen 68x68

Alina Frechen (23)
studiert Angewandte Sprachwissenschaften im Master

Grundschullehrer
Vor allem für Jungs ein Star

02.05.2018 |

Gustav ist mit seiner Berufswahl ein Exot: Er wird Grundschullehrer, hierzulande ein typischer Frauenberuf. Was fasziniert ihn daran? Erlebt er Vorurteile? Alina hat ihn befragt.

Gustav

Grundschüler neugierig auf die Welt machen - das ist Gustavs Ziel. – © Lisa Jäger

"Ich hatte den Wunsch, Neugier zu wecken und war immer fasziniert davon, wie meine eigenen Lehrer das geschafft haben", erinnert sich Gustav Beyer. Der 25-Jährige wusste seit einem Praktikum im Kindergarten, dass er nach dem Abitur etwas Soziales mit Kindern machen wollte. Inzwischen studiert er Grundschullehramt an der Universität Leipzig, im Herbst beendet er das Studium. Seine Fächer sind Philosophie/Ethik, Mathematik, Deutsch und Sachunterricht.

Ein Siebtel sind Männer

Damit ist Gustav jedoch ein Exot. Nur wenige Männer in Deutschland arbeiten als Lehrer in Grundschulen. Insgesamt sind es weniger als 20 Prozent, der größte Teil sind Lehrerinnen. An manchen Grundschulen gibt es gar keine männlichen Lehrer mehr.

In unserer Gesellschaft gilt der Beruf des Grundschullehrers eher als unattraktiv. Die Karrierechancen seien zu gering, man verdiene zu wenig Geld und intellektuell sei die Arbeit zu anspruchslos, sind die oft wiederholten Klischees.

In den nächsten Jahren wird sich an dieser zahlenmäßigen Ungleichheit nicht viel ändern. Denn von den 20.000 Studierenden für das Grundschullehrarmt im Jahr 2015 waren nur 2.500 Männer, also etwa ein Siebtel. Auch in Gustavs Seminaren an der Uni haben sich diese Zahlen widergespiegelt, oft saß er mit nur einem anderen Mann im Hörsaal.

Nur kleine, nervige Kinder?

Schon vor dem Studium hat Gustav gespürt, dass viele Menschen seinen Berufswunsch ungewöhnlich finden. Mancher Freund fragte ihn, was er an der Grundschule wolle, da wären doch nur kleine, nervige Kinder. Am Gymnasium könnte man viel bessere politische Diskussionen führen. Doch Gustav schätzt die offene, lockere Art der Grundschulkinder, die er im Praktikum kennengelernt hat. Debatten kann er auch mit jüngeren Kindern führen und anspruchsvoll sei der Job ebenfalls. Jedem, der das nicht so empfindet, empfiehlt er ein Praktikum in der Grundschule.

Vor allem im Ethik-Unterricht diskutiert er mit den Kindern – auch über Unterschiede der Geschlechter. "Kinder sind sehr wohl in der Lage, biologische Voraussetzungen von sozialen Konstruktionen zu unterscheiden. Eher haben Erwachsene damit ein Problem – und geben Vorurteile über festgelegte Geschlechterrollen an ihre Kinder weiter," erzählt Gustav.

Bloß nicht durch die Umkleide!

"Als ich losstudiert habe, kam oft die Bemerkung: Du hast Glück, du studierst fast nur mit Frauen. Das fand ich ziemlich blöd, ich studiere ja nicht, um Frauen kennenzulernen", berichtet Gustav. In seinen Praktika hat er zum Teil noch absurdere Situationen erlebt. Einmal beispielsweise durfte er nicht am Schwimmunterricht einer Klasse teilnehmen. Um ins Schwimmbad zu gelangen, hätte er durch die Umkleide der Jungen oder Mädchen gehen müssen. "Eine Lehrerin hat ein pauschales Vorurteil gegen mich geäußert: Ein Mann an der Grundschule kann wohl nichts Gutes im Schilde führen. Das war ziemlich unreflektiert" – und glücklicherweise ein extremer Einzelfall.

Doch auch Eltern waren durch den unerwarteten Mann an der Grundschule ihrer Kinder zunächst einmal verunsichert. Ein paar Eltern einer Klasse berieten sich zunächst per WhatsApp ohne Gustav, was sie denn von Männern in Grundschulen halten sollten. "Sie wollten erst mal gucken was passiert. Da steckten keine Argumente dahinter", erklärt Gustav.

Nur weibliche Vorbilder

Trotz der Vorurteile anderer hatte Gustav selbst nie Bedenken, weil er als Mann in einem "Frauenberuf" arbeiten möchte. Auch seine Eltern unterstützen seine Entscheidungen. Ihm ist das Geschlecht seiner künftigen Kollegen nicht so wichtig, aber viele andere Menschen bemerken die Unterschiede und machen sie zum Thema. Zum Beispiel die Kinder. Er fragt sich dann oft: "Warum ist es so interessant, dass ich ein Mann bin?"

"Vor allem bei Jungen bin ich oft der Star", sagt Gustav. Für viele Kinder ist er einer von sehr wenigen Männern im Leben. Oft haben sie nur weiblich Vorbilder. Zuhause werden sie hauptsächlich von der Mutter erzogen, im Kindergarten gibt es Erzieherinnen, in der Grundschule Lehrerinnen. Männer hingegen gibt es dort kaum, höchstens als Hausmeister. Das war nicht immer so: Noch vor hundert Jahren waren die Frauen in der Unterzahl und Männer dominierten den Lehrerberuf. Erst in den letzten 50 Jahren wurden immer mehr Frauen Lehrerinnen, nicht nur an Grundschulen.

Geschlecht ist nicht wichtig

Gustav rät allen, die sich dafür interessieren, in der Grundschule zu arbeiten und die Klischees zu ignorieren. "Die meisten Vorurteile sind dumm. Da steckt nichts dahinter", findet Gustav. "Es ist viel wichtiger, sich zu fragen, ob der Beruf zu einem passt. Ich würde ein Praktikum machen vor dem Studium, um das herauszufinden."

In seiner eigenen Klasse möchte Gustav später jedes Kind mit seinen Stärken und Schwächen so nehmen wie es ist. Niemand soll wegen seines Geschlechts gezielt bevorzugt oder benachteiligt werden. Geschlechter müssen im alltäglichen Umgang gar keine explizite Rolle spielen, findet er. Eine Umkehr des Verhältnisses von Männern und Frauen im Grundschullehramt wünscht er sich nicht, sondern eher, dass das Geschlecht irgendwann keine Rolle mehr spielt.

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