Inhalt

 

Der Autor

Constantin Germann 68x68

Constantin Germann (19)
studiert Jura

Porträt
Forscher auf der Spielwiese

17.01.2017 |

Dr. Sebastian Möring ist Computerspiele-Forscher an der Universität Potsdam. Constantin hat ihn gefragt, wie man das werden kann und wie sein Alltag aussieht.

Sebastian Möring

Sebastian Möring: "Ein Punkt unserer Forschung ist auch, wie Computerspiele für die Nachwelt gesichert werden können." – © privat

Kinder wollen gerne zur Polizei, Profi-Sportler oder Tierpfleger werden – aber Computerspiele-Forscher? "Das kann in meinem Fall kein Wunschberuf gewesen sein, da es das als Berufsbild in meiner Jugend noch nicht gab", erzählt Sebastian Möring, "die Richtung meines Berufes hat sich erst während meines Masterstudiums herauskristallisiert." Der 34-Jährige ist seit 2015 Dozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Künste und Medien an der Universität Potsdam. Genau genommen sei er ein medien- und kulturwissenschaftlicher Computerspiele-Forscher, sagt Sebastian Möring.

Wie wird man sowas?

Möring hat seinen Bachelor in Kulturwissenschaften an der Universität Frankfurt an der Oder 2007 abgeschlossen und im Anschluss bis 2010 den Master in Medienwissenschaften an der Universität Potsdam gemacht. "Als ich 2007 mit dem Master anfing, entwickelte sich gerade in Potsdam ein Zweig der Spiele-Forschung", erzählt er. So habe er Einblicke in Seminare und Konferenzen für die Computerspiele-Forschung bekommen. Einen speziellen Bezug zu Computerspielen habe er vorher gar nicht gehabt.

Kopenhagen und Hong Kong

Als studentische Hilfskraft organisierte Sebastian Möring viele Veranstaltungen mit. Nach dem Abschluss des Masters entschloss er sich dazu, bis 2013 an der IT-Universität in Kopenhagen über den Diskurs in der Spiele Forschung zu promovieren. "Spätestens ab diesem Zeitpunkt war klar, dass ich mich auf das Thema der Computerspiele-Forschung spezialisiere." Aber nach Deutschland zog es Sebastian Möring noch nicht zurück: Von 2013 bis 2015 unterrichtete er erst mal an der School of Creative Media in Hong Kong.

Viele Blickwinkel

Die Erforschung von Computerspielen ist in Potsdam in der Philosophischen Fakultät am Institut für Künste und Medien angesiedelt. Dort unterrichtet Sebastian Möring Studenten und koordiniert das sogenannte DIGAREC (Digital Games Research Center). Im DIGAREC in Potsdam sind verschiedene Professuren und Institute vertreten, die sich mit Computerspiele-Forschung aus unterschiedlichen Perspektiven auseinandersetzen. "Ein Spiel wird zum Beispiel von einem Psychologen auf andere Weise erforscht, als von einem Informatiker. Wir verknüpfen die verschiedenen Aspekte hier in Potsdam", sagt der 34-Jährige.

Das Spiel beherrschen

Medienwissenschaftler analysieren bei Computerspielen vor allem die medialen Strukturen. Sie machen das, was Literaturwissenschaftler mit einem Buch machen. "Wir achten auf die Eigen- und Besonderheiten des Spieles", sagt Möring. Er und seine Studenten erforschen auch, wie Spiele aufgebaut sind. "In Tetris zum Beispiel muss man erfolgreich sein, um weiterspielen zu können. Man wird also dazu gezwungen, das Spiel zu beherrschen, es leistet sonst Widerstand."

8-Bit-Musik und Art-Games

Auch in Spielen lassen sich Stilmittel finden. So ist zum Beispiel sehr oft die sogenannte 8-Bit-Musik ein typisches Erkennungsmerkmal von Computerspielen. Auf dem Spiele-Markt gibt es auch die Art-Games, welche keinerlei Widerstände leisten. Wenn man sozusagen den eigentlichen Sinn des Spieles nicht verfolgt, kann man das Spiel trotzdem weiterspielen. "Auch das ist ein Stilmittel, die Art-Games zwingen den Spieler bewusst nicht dazu, das Spiel so zu spielen, wie es ursprünglich gedacht war." Die Ergebnisse aus den Analysen, die Sebastian Möring sammelt, werden publiziert und so auch für andere Forschungsbereiche, wie die Psychologie, zugänglich gemacht.

Pimp Your Game

"Man muss nicht programmieren können, um medienwissenschaftlicher Computerspiele-Forscher zu sein", erzählt der Wissenschaftler, "es schadet nicht, ist aber definitiv kein Muss."

Denn oft modifizieren er und seine Studenten die Spiele. So zum Beispiel auch GTA 5, das Spiel, in dem man eine Verbrecherkarriere aufziehen muss: "Wir sind bewaffnet mit Kameras losgezogen, um Landschaften einzufangen und um den Sinn des Spieles auf Fotografieren umzurüsten. Das klingt etwas seltsam, aber war sehr spannend. Im Prinzip spielen wir mit dem Spiel."

Im Bandenkrieg

GTA ließ sich leider, nachdem es aufs Fotografieren umgerüstet war, nicht mehr spielen. "Das Interessante war, dass man unerwartet in einen Bandenkrieg geraten kann, obwohl man überhaupt nichts Falsches tut. Das Spiel leistet also auch hier Widerstand." Doch was soll das eigentlich, warum sollte man GTA in eine Spielwiese für Fotografen umwandeln? Die Computerforschung versucht damit, Spielen einen anderen Blickwinkel zu verpassen, und zu schauen, wie das Spiel reagiert. Mit solchen Experimenten werden Theorie und Praxis verbunden.

Viele der Studenten spielen selbst nicht regelmäßig. Einige wollten das Thema Computerspiele schlicht erkunden, da sie sich noch nie damit beschäftigt haben, sagt Möring. Später können die Studenten Medienwissenschaftler mit der Spezialisierung auf Computerspiele werden, können sich aber auch auf andere Zweige der Medienwissenschaft wie Medienpädagogik oder Medienmanagement spezialisieren.

Archiv für 10.000 Spiele

Möring und seine Kollegen beschäftigen sich auch damit, wie Computerspiele für die Nachwelt gesichert werden können. Dazu erforschen sie, wie man ein Archiv kategorisieren und die Spiele haltbar machen kann, so dass sie sich als Kulturgut bewahren lassen. Das ist ein ziemliches Problem, da innerhalb kurzer Zeit die Speichermedien wechseln. Wer erinnert sich heute schon noch an die 3,5-Zoll-Diskette? Die Dinger fassten wenige hundert Kilobyte und waren noch vor 15 Jahren absolut üblich. Allein ein kleiner USB-Stick speichert das tausendfache.

Schätze sammeln

Seine Expertise bringt Sebastian Möring bei der Planung der weltgrößten Computerspiele-Sammlung mit ein, die in Berlin entstehen soll. Die Uni Potsdam wird ihre rund 10.000 Exemplare hinzugeben. Möring freut sich über das Projekt: "Ich werde in der Sammlung definitiv auch einige Schätze finden, an die man sonst nicht kommt."

Kommentare

 
 

Dein Kommentar



Artikel bewerten: