Inhalt

 

Die Autorin

Laura_Heyer 68x68

Laura Heyer (27)
macht ein Volontariat bei bundestag.de und dem Parlamentsfernsehen

Widerstand (1933-1945)
Gedenken an die Mutigen

01.02.2018 |

Mit Flugblättern die Welt verändern? Die Studenten Sophie und Hans Scholl waren zwei von tausenden, die sich auf unterschiedliche Weise gegen das Nazi-Regime auflehnten. 71 Jugendliche reisten in den vergangenen Tagen zu wichtigen Orten des Widerstands.

Jugendliche sitzen auf einer Treppe.

In der Universität München, am Ort des Geschehens, sprechen die Teilnehmer in Arbeitsgruppen über Hans und Sophie Scholl. – © DBT/Saldern

Die Weiße Rose

"Ich war mir ohne weiteres im Klaren darüber, dass unser Vorgehen darauf abgestellt war, die heutige Staatsform zu beseitigen und dieses Ziel durch geeignete Propaganda in breiten Schichten der Bevölkerung zu erreichen." Nur wenige Tage nachdem sie diesen Satz im Verhör gesagt hatte, wurde die Münchener Studentin Sophie Scholl zusammen mit ihrem Bruder Hans am 22. Februar 1943 mit dem Fallbeil hingerichtet. Sophie war 21 Jahre alt, Hans war 24.

Die Geschwister Scholl verteilten in der Münchener Universität Flugblätter, in denen sie Studenten und Bürger aufriefen, die Nationalsozialisten, die das Deutsche Reich seit 1933 regierten, zu stürzen. Der Freundeskreis um Sophie und Hans Scholl nannte sich die "Weiße Rose". Sie glaubten an die Freiheit des Einzelnen im Denken und Handeln und wollten sich der totalitären Diktatur mit ihrer radikalen antisemitischen, rassistischen und völkischen Ideologie nicht unterwerfen.

Wer leistete Widerstand?

Auch wenn es ihnen nicht gelang, Adolf Hitler und das nationalsozialistische Regime zu stürzen: Sich gegen die allgegenwärtige Herrschaft aufzulehnen, sich selbst und Familie und Freunde in Lebensgefahr zu bringen, das erforderte viel Mut. Wer waren die Menschen, die das Risiko eingingen, verhaftet oder ermordet zu werden? Wofür haben sie sich eingesetzt? Und wie haben sie ihren Widerstand umgesetzt?

Mit diesen Fragen befassten sich in den vergangenen Tagen 71 Jugendliche aus der ganzen Welt im Zuge der Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages. Eine Projektwoche des Parlaments wie diese findet jedes Jahr anlässlich des Gedenktages am 27. Januar zu Ehren der Opfer des Nationalsozialismus statt. Genaueres zum Programm der diesjährigen Reise findet ihr hier.

Eine Minderheit

Am 31. Juli 1932 wählt die Mehrheit der Deutschen keine demokratische Partei. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) wird stärkste Kraft im Reichstag, geführt von Adolf Hitler, den Reichspräsident von Hindenburg nach einer weiteren Wahl schließlich zum Kanzler ernennt – am 30. Januar 1933. Vor den nächsten Wahlen nutzen die Nazionalsozialisten nun alle Möglichkeiten, ihre Gegner zu verfolgen, zu verbieten, zu behindern. Am 5. März 1933 wird Adolf Hitler bestätigt, doch diese Wahl kann schon nicht als "frei" bezeichnet werden.

Nur eine kleine Minderheit der deutschen Bevölkerung leistete aktiv Widerstand gegen den aufsteigenden Nationalsozialismus. Später löste das gewaltsame und allumfassende Vorgehen der NS-Führung bei vielen Resignation und Anpassung aus. Immerhin einige tausend Menschen setzten sich im Laufe der Zeit aktiv gegen das Regime zur Wehr – jedoch gelang keiner dieser Gruppierungen oder Personen, die Machthaber wirklich zu gefährden.

Gewaltsam zum Schweigen gebracht

Wer zwischen 1933 und 1945 die Ideologie des NS-Regimes nicht teilte und dies kundtat, wurde gewaltsam zum Schweigen gebracht. Menschen, die sich nach Meinung der Machthaber "asozial" verhielten, steckte das Regime ins Gefängnis oder direkt in ein Vernichtungs- oder Konzentrationslager. Dort mussten die Gefangenen Strafarbeit leisten oder wurden sofort ermordet.

Opposition oder Widerstand

In dieser Zeit gab es innerhalb des Deutschen Reiches ganz unterschiedliche Formen und Facetten von regimekritischem Verhalten: vom alltäglichen Verweigern des Hitlergrußes bis hin zu Attentaten wie dem gescheiterten Anschlag des Schreiners Georg Elser auf Adolf Hitler im November 1939. Er platzierte eine Bombe im Münchener Bürgerbräukeller, wo der "Führer" eine Rede hielt – Hitler entging dem Attentat nur knapp.

Lange fand diese Art des Widerstandes von Einzelpersonen, die oft aus ganz persönlichen Motiven handelten, in der Geschichtsforschung kaum Beachtung. Dazu zählen auch "Stille Helden", die sich mit Juden solidarisierten, sie versteckten oder ihnen zur Flucht verhalfen.

Widerstandsbewegungen fanden sich im Militär und in der Zivilgesellschaft ebenso wie in der Kirche, in Parteien und Gewerkschaften. Natürlich war ein Witz über den "Führer" unter Kollegen nicht dieselbe Art von Auflehnung wie ein Attentat. Widerstand bedeutet mehr, als bloß eine Ideologie oder einen Zustand abzulehnen. Wer Widerstand leistet, handelt aktiv und weiß um die Konsequenzen, die daraus folgen können – zum Beispiel die eigene Verhaftung oder sogar der Tod.

Christliche Werte

Ein Beispiel dafür sind die Aktivitäten eben dieser Studentengruppe namens "Weiße Rose". Hans Scholl und sein guter Freund Alexander Schmorell, Medizinstudenten aus München, begannen 1942 Flugblätter zu drucken und sie heimlich in München zu verteilen. Später kamen noch Willi Graf, Christoph Probst und Hans' Schwester Sophie dazu. Um sie herum gab es noch einige Mitwisser und Helfer in München, aber auch in Berlin und Hamburg.

Während vor allem Sophie und Hans zu Anfang noch in NS-Organisationen aktiv waren, wandelte sich die Einstellung der Studenten zum NS-Regime mit der Zeit; spätestens, nachdem die jungen Männer in der Gruppe als Hilfsärzte an der Kriegsfront dienen mussten. Die literarisch und philosophisch interessierten jungen Menschen beschäftigten sich mit christlichen und menschlichen Werten. Sie hatten den Wunsch, frei zu denken und zu handeln – und standen damit im Gegensatz zum totalitären Anspruch des NS-Regimes, das alle Lebensbereiche der Menschen kontrollieren und bestimmen wollte.

Denken und Schreiben

"Ihre Macht war das Denken und Schreiben", sagt der Geschichtsprofessor Hans Günter Hockerts im Interview über die Mitglieder der "Weißen Rose". Doch nur mit Flugblättern sei ein Umsturz im Gewaltregime der Nationalsozialisten nicht möglich gewesen. Jedoch hätten die Jugendlichen mit ihrem Widerstand ein Zeichen gesetzt, an das sich die Menschen noch heute erinnern.

Opposition von Jugendlichen

Mit Verweigerung und unangepasstem Verhalten wehrten sich auch andere Jugendliche in ganz Deutschland gegen Drill und Zwang des NS-Regimes. Besonders nach Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 entstanden Cliquen und Banden, die unter dem Namen "Edelweißpiraten" bekannt wurden. Im bürgerlichen Milieu der großen Städte gab es außerdem die "Swing"-Jugend. Sie kleideten sich nach Vorbildern aus den USA oder Großbritannien und hörten den in Deutschland inzwischen verpönten Musikstil "Swing". Auch von ihnen bezahlten einige ihr Verhalten mit dem Leben.

Widerstand der Parteien

Aber es gab nicht nur die jungen Wilden. Vor allem zu Beginn des Dritten Reiches leistete die Arbeiterbewegung Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Schon seit der Weimarer Republik in den 1920er Jahren lehnten sich die Sozialdemokratische Partei (SPD) und die Kommunistische Partei (KPD) gegen die von Adolf Hitler aufgebaute Nationalsozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (NSDAP) auf.

Besonders in den ersten Jahren bildeten sich zudem linke Gruppierungen wie die SAPD (Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands) oder "Neu Beginnen". Der NSDAP gelang es jedoch, den Widerstand von Parteien, Gewerkschaften und Gruppierungen bis 1938/39 nahezu umfassend zu beenden. Dies lag sowohl an der brutalen Verfolgung führender Mitglieder als auch dem öffentlichen Verbot anderer Organisationen. Auch die Konkurrenz der Parteien untereinander und die fehlende Organisation im Untergrund trugen dazu bei.

Widerstand in der Kirche

Was war mit den Kirchen? Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche zeigten sich weitgehend regimetreu. Offener Protest und Widerstand blieben vor allem auf Einzelpersonen beschränkt. Seit 1934 schlossen sich beispielsweise evangelische Christen in der Gruppierung "Bekennende Kirche" zusammen und positionierten sich gegen die Verfolgung der Juden und die sogenannte "Euthanasie", die Tötung von Menschen mit Behinderungen oder Erbkrankheiten. Für sie verstießen diese Handlungen gegen christliche Werte wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit.

Einzelpersonen wie Pastor Martin Niemöller oder Bischof Clemens August Graf von Galen predigten öffentlich gegen die Verbrechen des Regimes. Bekannt wurde auch Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, der sich dem militärischen Widerstand anschloss.

Militärischer Widerstand

Innerhalb der Wehrmacht gab es bis zu Beginn des Zweiten Weltkrieges 1938/39 nur wenig Kritik an Hitler. Die Militärs profitierten von seiner Außenpolitik. Sie hofften auf eine Vergrößerung des Heeres und neue Karrierechancen. Doch auch einige Militärs wurden skeptisch, als die außenpolitischen Pläne des "Führers" immer aggressiver wurden und sich ein zweiter Weltkrieg ankündigte.

Gleichwohl zog Hitler große Teile der Bevölkerung und des Militärs mit ersten Kriegserfolgenauf seine Seite, Umsturzpläne scheiterten. Aber nicht alle Militärs vertrauten Hitler, wie zum Beispiel die Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Der Offizier war bei Kriegseinsätzen in Polen und Frankreich schwer verletzt worden – ihm fehlten ein Auge und die rechte Hand. Seit 1943 gehörte er zum aktiven Widerstand. Zusammen mit anderen ranghohen Mitgliedern des Militärs verübte er am 20. Juli 1944 ein Attentat auf Hitler im "Führerhauptquartier Wolfsschanze". Hitler überlebte den Angriff leicht verletzt. Die Mitglieder der sogenannten "Operation Walküre" wurden noch am selben Tag hingerichtet.

Widerstand der Eliten

Der militärische Widerstand stützte sich auch auf Ideen aus zivilen Widerstandgruppen oder stand mit diesen in Verbindung. Zu ihnen zählen der "Kreisauer Kreis" um Helmuth James Graf von Moltke, der "Goerdeler Kreis" um Carl Goerdeler oder die "Rote Kapelle" in Berlin. In diesen Gruppen trafen sich Menschen aus ganz unterschiedlichen sozialen Milieus, von Gewerkschaftlern bis zu Angehörigen des Militärs. Sie diskutierten und entwarfen Pläne für ein Deutschland nach der Zeit des Nationalsozialismus. Teilweise nahmen sie auch Kontakt zu ausländischen Geheimdiensten auf. Sie einte vor allem das Ziel, den Krieg zu beenden und danach einen neuen Staat aufzubauen.

Widerstand von Einzelnen

Widerstand von jüdischer Seite war aufgrund der Verfolgung durch die Nationalsozialisten kaum möglich. Dennoch gab es einige wenige Gruppen, die in Flugblättern zum Kampf gegen Hitler aufriefen. Teilweise organisierte sich aber auch spontan Widerstand. So protestierten 1943 hunderte Menschen tagelang in der Berliner Rosenstraße gegen die Verhaftung und Deportation jüdischer Ehemänner. Doch letztendlich konnte weder Widerstand von "außen" von geflohenen Kämpfern aus dem Exil, noch Widerstand von innen das System ernsthaft gefährden.

Erst mit den schweren militärischen Niederlagen seit 1943 begann der Niedergang des nationalsozialistischen Regimes. Es wurde von außen und militärisch durch die Anti-Hitler-Koalition (Sowjetunion, Großbritannien, USA und weitere Staaten) besiegt.

Kommentare

 

Irene Latz schrieb am 25.01.2018 19:40

Nur wenn ein freiheitlicher Rechtsstaat gemeldete Verfassungswert-Brüche korrigiert, die mutigen Fehler-Meldenden dabei nicht in Gefahr geraten, hat man aus der Geschichte der weißen Rose gelernt. Deshalb frage ich, wann bietet unser Justizminister Edward Snowden Schutz an, wie am 29.10.2015 vom EU Parlament angefordert? Der Anlass für Grundgesetz Artikel 20 Absatz 4 (Verfassungsverteidigung: Whistleblowerschutz!) in 1968 hing doch gerade zusammen mit den Änderungen am Artikel 10 (Fernmeldegeheimnis, nur indirekter Rechtsschutz), nicht wahr? Die Flugblätter der Geschwister Scholl: Whistleblowing!

 

 

Dein Kommentar



Artikel bewerten: