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Die Autorin

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Laura Heyer (27)
macht ein Volontariat bei bundestag.de und dem Parlamentsfernsehen

Zeitzeugin Anita Lasker
Ihr Cello rettete ihr Leben

31.01.2018 |

Als junge Frau spielte Anita Lasker im Orchester des Konzentrationslagers in Auschwitz. Das rettete sie wohl vor den Gaskammern der Nazis. Jetzt hält die 92-Jährige eine Rede im Bundestag. Laura hat sie porträtiert.

Mädchen mit Cello.

Ausgerechnet ein Cello fehlte den Nazis noch in ihrem KZ-Orchester. – © Privat/Rowohlt Verlag

"Ich bin Anita Lasker, eine deutsche Jüdin. Ich befinde mich mit meiner Schwester seit drei Jahren in Haft. Ich bin politischer Häftling, ich habe französischen Kriegsgefangenen über die Grenze verholfen. Zuerst wurden wir ins Gefängnis eingesperrt (…). Nach anderthalb Jahren brachte man uns in das furchtbarste Konzentrationslager – Auschwitz."

Anita ist 18 Jahre alt, als sie 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in Polen gebracht wird, das damals vom Deutschen Reich besetzt war. Zwei Jahre später, im April 1945 werden sie und tausende andere Häftlinge von Soldaten der britischen Armee aus einem anderen Lager befreit. Kurz darauf befragt der britische Sender BBC die junge Frau, auf diesem Wege sollen Verwandte von Überlebenden gefunden werden. Es ist das Ende des Zweiten Weltkrieges, den Deutschland gegen die Alliierten aus Amerika, Frankreich, Großbritannien und der Sowjetunion verloren hat und in dem 60 Millionen Menschen starben. Anita hat überlebt und es war vermutlich ihr Cellospiel, das ihr das Leben rettete.

Die 92-Jährige berichtet

Am 31. Januar 2018 wird Anita Lasker, heute 92 Jahre alt, ihre Geschichte im Bundestag erzählen – bei der Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. "Es ist schon verrückt, wo man so hinkommt in seinem Leben", sagt sie, "ich war schon im Buckingham Palace, habe mit der Queen gesprochen und jetzt halte ich eine Rede vor dem Deutschen Parlament." Ein trockenes Lachen klingt aus London durch den Hörer, als ich mit Anita Lasker telefoniere.

Pflicht statt Befreiung

Über die schrecklichste Zeit in ihrem Leben hat sie lange nicht gesprochen – nach dem Krieg fragte auch kaum jemand danach. Schon gar nicht in Großbritannien, wohin die Lasker-Schwestern nach ihrer Befreiung 1945 ausgewandert sind. "Aber was wollen sie da auch fragen: Sag mal, wie war es in Auschwitz?", sagt die frühere Berufs-Cellistin in einem fast versöhnlichen Ton.

So einfach ist das eben nicht. Erinnern und Berichten, das ist für sie Pflicht, aber keine Befreiung. Es geht ihr darum, denen eine Stimme zu geben, die nicht mehr reden können. Und so erzählt die Zeitzeugin ihre Geschichte, hält Vorträge an Schulen auf der ganzen Welt, um ihre Erinnerung zu teilen. Auch eine Biografie mit dem Titel "Ihr sollt die Wahrheit erben" hat Anita Lasker verfasst.

Nackt und kahl geschoren

Nackt, mit kahl geschorenem Kopf und einer Zahnbürste steht sie da. Die Ziffern 69388 ersetzen ihren Namen, auf ihren Arm tätowiert. Mit dieser Tätowierung wird sie eine Nummer unter Hunderttausenden von Inhaftierten. Erfahrungen, die für spätere Generationen nur schwer zu begreifen sind. Sechs Millionen Juden ermordeten die Nationalsozialisten in Konzentrations- und Vernichtungslagern wie etwa Auschwitz-Birkenau, Bergen-Belsen, Dachau oder Sobibor.

Jüdisch, aber nicht konfessionell

Am 17. Juli 1925 kommt Anita als jüngste von drei Töchtern in Breslau zur Welt. Die Stadt, die heute in Polen liegt, gehört damals zum Deutschen Reich. Die Lasker-Geschwister sind Kinder einer Musikerfamilie, jüdisch, aber nicht konfessionell, nicht sehr religiös – aber eben Juden. Die Familie ist nicht ausgewandert nach England oder Frankreich, als sich die politische Stimmung änderte in Deutschland. Ihr Vater, ein Rechtsanwalt, sei überzeugter Deutscher gewesen, sagt Lasker, Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg.

Sonntags Französisch

Als die Nationalsozialisten 1933 unter der Führung von Adolf Hitler die Macht übernehmen, ändert sich der Alltag der Familie zuerst wenig. Sonntags spricht man bei den Laskers Französisch, liest Romane oder Theaterstücke. Anita schweigt immer beharrlich, weil sie keine Lust auf den Sprachunterricht hat.

Die junge Frau beendet die Schule und geht zeitweilig nach Berlin, um sich ganz ihrer Passion, dem Cello, zu widmen. Ihre ältere Schwester Renate ist immer die Ruhigere, eine gute Sängerin. Mathilde, die älteste, will nach Palästina, um dort den Zionisten beim Aufbau eines jüdischen Staates zu helfen. 1939 kann sie nach England emigrieren – sie wird eine der letzten sein, die Deutschland verlassen können.

Feinde ausschalten

Die Nationalsozialisten haben bei den Parlamentswahlen 1933 nicht die Mehrheit der Wähler hinter sich versammelt, aber schnell viele auf ihrer Seite. Die Menschen erhoffen sich Stabilität nach dem Ersten Weltkrieg und einer großen Wirtschaftskrise. Viele begeistern sich für die radikal antisemitischen, antikommunistischen und antidemokratischen Positionen der Nazis, andere nehmen sie einfach hin. Alle, die sich den Nazis tatsächlich oder vermeintlich in den Weg stellen, werden ausgeschaltet: Sozialdemokraten, Kommunisten, Liberale.

Menschen jüdischen Glaubens sind in der nationalsozialistischen Ideenwelt unerwünscht, verteufelt. Schrittweise schließt man sie aus dem wirtschaftlichen und sozialen Leben aus. Ab 1936 kennzeichnet man ihre Geschäfte, ab 1939 müssen Juden einen Stern als Erkennungszeichen tragen. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 radikalisiert sich der sogenannte "Vernichtungskampf". Sie werden in Lager gebracht, deportiert, ermordet.

Gescheiterte Flucht

Die Schwestern wissen 1942, als sie sich von ihren Eltern verabschieden, dass es wohl kein Wiedersehen geben wird. Mit dem voranschreitenden Zweiten Weltkrieg, der 1939 mit dem Angriff Deutschlands auf Polen begann, sollen alle Juden "vernichtet" werden. Verzweifelt hat Anitas Vater schließlich doch versucht, über Kontakte mit der Familie nach Großbritannien oder Amerika auszuwandern – vergeblich. Nun werden die Eltern, später auch die Großmutter, von den Nationalsozialisten abgeholt.

Der Vater überträgt Anita alle Aufgaben, zeigt ihr, wie man die Stromrechnung bezahlt. Die Schwestern müssen als Zwangsarbeiter in der Papierfabrik arbeiten und fälschen dort Papiere für französische Gefangene. Die Gestapo, die geheime Staatspolizei, hat sie bald im Verdacht und ihr Fluchtversuch mit französischen Papieren scheitert. Nach der Verhaftung folgt das Gefängnis, nach einem Jahr der Prozess. Im Dezember 1943 kommt Anita nach Auschwitz, Renate sitzt zunächst weiterhin in Einzelhaft.

"Du wirst gerettet werden"

Wann genau Anita Lasker bei der Aufnahme in Auschwitz erwähnt, dass sie Cello spielt, weiß sie nicht mehr. Plötzlich muss sie warten, nackt, kahl geschoren. "Du wirst gerettet werden", sagt ein Häftling. Eine Erinnerung, die Lasker bis heute nicht vergisst. Sie steht da, mit einer Zahnbürste in der Hand und wartet. Sie kommt nicht zu den anderen in die Baracken – Anita wird Teil des Mädchenorchesters von Auschwitz.

Märsche in den Tod

Ein paar Geigen, Flöten, Gitarren und Sänger sind bereits beisammen – aber es fehlen noch die tieferen Töne. Anita ergänzt die Gruppe von Musikern, die die Nationalsozialisten Orchester nennen, unter der Leitung der bekannten Musikerin Alma Rosé. Sie leben in einer eigenen Baracke, üben, stellen morgens ihre Notenständer auf und spielen Märsche neben den Baracken nahe der Gaskammer. Dort werden die "Feinde" der Nationalsozialisten mit Gas getötet und danach verbrannt. Auch die Zwangsarbeiter, die morgens zur Strafarbeit durch das Tor des Lagers gehen, hören ihr Spiel – für viele ist es das letzte Mal, dass sie Musik hören.

Monster Mengele

Anita spielt auch für den bekannten KZ-Arzt Josef Mengele, die "Träumerei" von Robert Schumann, ein getragenes, ruhiges Stück. Mengele ermordete tausende Kinder mit seinen Versuchen zu Kinderkrankheiten und Vererbung. "Das war keine Musik, was wir gemacht haben", sagt Anita Lasker spitz. Die wahre Musik und ihre Karriere als Cellistin sind für sie etwas völlig anderes. Wenn die Erinnerung an Auschwitz für immer ihr Leben bestimmt hätte, das wird im Gespräch deutlich, wäre ein neuer Anfang nach der Befreiung nie möglich geworden.

Rote Schnürsenkel

Als Renate Lasker auch nach Auschwitz deportiert wird, erkennt sie die schwarzen Lederschuhe mit den roten Schnürsenkeln ihrer Schwester sofort, die ein anderer Häftling trägt. Im Lager spricht sich schnell herum, dass Renate die Schwester der Cellistin ist – was vermutlich auch ihr das Leben rettet. Beide hungern und frieren in Auschwitz, wo ganz eigene Regeln, besondere Hierarchien gelten. Bis zum Schluss trägt Anita einen roten Angora-Pullover. Immer so, dass ihn die Wärter nicht sehen, denn es ist verboten, wärmende Wolle zu tragen. Sie hat ihn gestohlen aus einem Haufen Sachen, die andere Inhaftierte abgeben mussten.

Als die Nationalsozialisten den Krieg 1945 endgültig verloren sehen, treiben sie die Häftlinge aus Auschwitz in andere Lager weiter im Inland, um Spuren zu vernichten und den anrückenden Soldaten aus der Sowjetunion zu entkommen.

Befreiung aus dem Grauen

So sitzen die Schwestern im Frühjahr 1945 im Lager Bergen-Belsen auf dem Lehmboden im Regen, denn es gibt keine Unterkünfte für die vielen Menschen, die auf einmal da sind. Leichen stapeln sich zu verwesenden Bergen. Es gibt keine Organisation mehr wie in Auschwitz. Es gibt weder Essen noch Wasser. Als britische Soldaten das Lager Bergen-Belsen am 15. April 1945 befreien, bietet sich ihnen ein Bild des Grauens.

Keine Heimat

Nach ihrer Befreiung kommt Anita in das Orchester der britischen Soldaten in Belsen – auch sie brauchen ein Cello. Sie reist durch Deutschland, spielt. Zusammen mit Renate arbeitet sie als Übersetzerin für die britische Armee, die in einer alten Wehrmachtskaserne nahe des Lagers ein Krankenhaus für die Überlebenden eingerichtet hat. Doch die Schwestern sind "displaced persons" - sie haben keine Heimat, keine Familie und kein Land will sie aufnehmen. Schließlich gelingt ihnen über Brüssel die Emigration nach London. Anita wird Berufs-Cellistin und heiratet den Pianisten Peter Wallfisch, Renate wird Journalistin bei der BBC, arbeitet später beim WDR in Köln.

"Sie können das nicht verstehen"

Erst 1994 kommt Anita Lasker wieder zurück nach Deutschland, nach Bergen-Belsen, an den Ort, an den sie und ihre Schwester kurz vor Kriegsende 1945 gebracht wurden und der heute eine Gedenkstätte ist. Sie will sehen, was aus Belsen geworden ist.

Wenig später beginnt sie, ihre Geschichte aufzuschreiben. Eigentlich nur für ihre Kinder und Enkel, um zu erklären, warum es keine Großeltern in Großbritannien gibt, keine weitere Familie. Um zu erklären, was diese Nummer auf ihrem Arm bedeutet. Es ist ein denkwürdiges Telefonat, als wir über all das sprechen, wenige Tage vor Anita Laskers Rede im Deutschen Bundestag. "Sie können das nicht verstehen", sagt meine Gesprächspartnerin oft zu mir. Wie soll man auch, geht mir durch den Kopf. Und zugleich bin ich unglaublich dankbar, dass ich mit einer Zeitzeugin sprechen konnte.

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