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Die Autorin

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Laura Heyer (27)
macht ein Volontariat bei bundestag.de und dem Parlamentsfernsehen

Lauras Blog
Baut Brücken!

01.02.2018 |

Laura nimmt euch in ihrem Blog mit zur "Jugendbegegnung des Bundestages": 71 junge Leute aus aller Welt haben sich mit den mutigen Menschen befasst, die in der Nazi-Zeit Widerstand leisteten. Zum Abschluss waren sie bei der Gedenkstunde im Bundestag dabei.

Gedenkstunde im Bundestag

© DBT

31. Januar: "Sprecht miteinander, baut Brücken"

Als der letzte Ton des Violoncellos verklingt, herrscht völlig Stille im Plenarsaal des Deutschen Bundestages. Zusammen mit den 709 Abgeordneten gedenken wir der Opfer des Nationalsozialismus. Die Gedenkstunde fand aus Anlass des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus statt, der seit 1996 immer am 27. Januar begangen wird. Er erinnert an den Tag der Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945.

Die Feierstunde im Bundestag ist der Abschluss und zugleich Höhepunkt einer Reise zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Mit 71 jungen Menschen war ich in den vergangenen Tagen nach München und Dachau gefahren, wir haben uns mit dem Thema "Widerstand im Nationalsozialismus" beschäftigt und wollen Botschafter der deutschen Erinnerungskultur werden.

Kein Platz für Hass

"An Auschwitz scheitert jede Gewissheit", sagt Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble in seiner Rede. Das, was vor über 70 Jahren geschehen sei, lasse sich nicht begreifen. Aber man kann der Ausgegrenzten, Entrechteten, Getöteten gedenken, genau wie jenen, die sich diesem System entgegengestellt haben. "Die Gesellschaft braucht eine konsequente Form der Abgrenzung gegen Ausgrenzung, bevor es zu spät ist", betont er.

Was Ausgrenzung bewirken kann, haben die Teilnehmer in den letzten Tagen an Beispielen erfahren und im Gespräch mit Zeitzeugen erlebt. "Hetze und Gewalt dürfen in unsere Gesellschaft keinen Raum haben – gegen wen auch immer", sagt der Bundestagspräsident und bekommt Applaus von allen Fraktionen.

"Kein Schlussstrich"

Anita Lasker-Wallfisch spricht danach vor dem Deutschen Bundestag. Die heute 92-Jährige überlebte zusammen mit ihrer Schwester Renate das Vernichtungslager Auschwitz und das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Von ihrer "Karriere" berichtet sie stellvertretend für alle, die nicht mehr sprechen können. "Wer hätte geglaubt, dass wir Auschwitz lebendig und nicht als Rauch verlassen würden", sagt sie.

Deshalb dürfe niemand fordern, einen Schlussstrich unter das Erinnern zu ziehen. Zeitzeugen könnten jedoch nur berichten, die Zukunft läge in den Händen ihrer Zuhörer. "Sprecht miteinander, baut Brücken", sagt sie zum Abschluss.

Was wisst ihr?

Miteinander sprechen, mehr erfahren, diese Chance haben wir im Anschluss bei einer Podiumsdiskussion mit dem Bundestagspräsidenten, mit Anita Lasker-Wallfisch und ihrer Schwester Renate. Schon am Morgen haben sich die Jugendlichen vorbereitet und überlegt, was sie nachfragen wollen. Aber auch die Laskers haben Fragen. Renate Lasker-Harpprecht will von den Jugendlichen wissen, was sie von ihren Großeltern und Urgroßeltern über die NS-Zeit erfahren haben. Felix aus Österreich erzählt, dass seine Großmutter Kartoffeln für Juden auf Todesmärschen auslegte. Valentin berichtet hingegen, dass seine Großmutter die NS-Vergangenheit ihrer Eltern immer ausblendete.

Engagiert Euch!

Doch wie schon in den letzten Tagen brennen den Teilnehmern auch Fragen zu aktuellen Themen auf der Seele: Wie bewerten die Schwestern die Flüchtlingspolitik in Deutschland? Was denken sie über Rechtspopulismus? Ihre Situation sei nicht mit aktuellen Fragen zu vergleichen, sagt Anita Lasker-Wallfisch. Aber es sei wichtig, die Geschichte zu kennen, um Dinge einzuordnen – und sich gegen Antisemitismus und Rassismus zu wehren. "Unsere Demokratie ist stark, wenn sich junge Menschen dafür engagieren", sagt Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble zum Abschluss.

Im Gespräch im Zeitzeugen

© DBT

29. Januar: Besuch in Dachau

Der graue Kies knirscht unter unseren Füßen, als wir über den weitläufigen Appellplatz schreiten. Vor gerade einmal 80 Jahren standen hier jeden Morgen und Abend Häftlinge des NS-Regimes, wurden gezählt und zur Zwangsarbeit in umliegende Fabriken oder Lager geschickt. Am dritten und letzten Tag, bevor wir nach Berlin fahren, besuchen wir die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau und sprechen am Abend mit einem Überlebenden.

Das Konzentrationslager

1933 wurde das Konzentrationslager Dachau errichtet, auf dem Gelände einer alten Munitionsfabrik aus dem Ersten Weltkrieg, direkt am Rand der Stadt Dachau. Hier waren politischen Gegner des NS-Regimes inhaftiert, zu Beginn etwa Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), die von den Nationalsozialisten verboten worden war. Bis 1938 veränderten und vergrößerten die Nationalsozialisten das Lager kontinuierlich. Für die Leitung der Lager im damaligen Deutschen Reich war die sogenannte Schutzstaffel, kurz SS, zuständig. Die SS war die mächtigste Organisation im nationalsozialistischen Regime, sie war auch für die Geheimdienste verantwortlich und kommandierte die Polizei.

Auf dem Häftlingsweg

Mit unserem Guide Verena laufen wir auf dem Häftlingsweg entlang: Ihn nahmen die Menschen, die zu Lagerhaft im Konzentrationslager Dachau verurteilt wurden. Wer hier bis 1938 inhaftiert wurde, sollte ein abschreckendes Beispiel für alle Andersdenkenden sein. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 wurden aber immer mehr Menschen aus den von Deutschland besetzten Gebieten hier festgehalten.

Geschichte reflektieren

Erinnerungstafeln entlang eines Zauns aus grünem Maschendraht weisen uns den Weg. "Heute ist hinter dem Zaun, wo früher die Verwaltung der Schutzstaffel, der sogenannten SS stand, ein Ausbildungszentrum der Bereitschaftspolizei Bayern", erklärt uns Verena. Noah findet es problematisch, die alten NS-Gebäude so zu nutzen. Doch es gibt auch andere Stimmen: "Es ist eigentlich der beste Weg, um zu zeigen, wie man es besser macht und Menschen zum Reflektieren zu bewegen", argumentiert André.

Vernichtung durch Arbeit

Anders als in Lagern wie Auschwitz oder Treblinka, in denen Menschen nahezu industriell und in Massen ermordet wurden, galt in Dachau das ideologische Ziel der "Vernichtung durch Arbeit". Die Häftlinge wurden nicht sofort in Gaskammern getötet, sondern zum Arbeitsdienst eingesetzt. Sie starben häufig an den Lebens- und Arbeitsbedingungen, aber auch durch Misshandlungen der SS. Später wurden auch in Dachau Krematorien, also große Öfen, eingerichtet, um die unzähligen Toten zu verbrennen.

200.000 Inhaftierte

Im Museum der Gedenkstätte, zwischen grauen, unverputzten Betonwänden, fühle ich mich hilflos und verloren. Tafeln zeigen die Geschichte des Lagers, aber auch Häftlinge, die sich aus Verzweiflung erhängten oder durch die willkürliche Gewalt der SS starben. Das "Model Dachau" mit seinen Strukturen, seiner Aufgabenverteilung und Einrichtungen diente in seiner Zweckmäßigkeit und wohl auch seiner Grausamkeit als Vorlage für viele andere Lager im NS-Regimes. Am 29. April 1945 befreite die amerikanische Armee 30.000 Inhaftierte im Lager Dachau selbst und noch einmal 30.000 Menschen in umliegenden Lagern. Von 1933 bis 1945 waren insgesamt über 200.000 Menschen in Dachau inhaftiert.

Erfahrungen teilen

Auch wenn Verena, die uns zu den letzten erhaltenen Resten des Lagers führt, von Schicksalen aus Dachau erzählt, versucht sie, unseren Blick nach vorn zu richten. "Multipliziert eure Erfahrungen hier und sorgt dafür, dass Menschen nie wieder in dieser Form ausgegrenzt und behandelt werden", sagt sie.

Für einige Teilnehmer ist das Realität – sie haben in ihrer Heimat Krieg und Verfolgung erlebt. "Ich hatte einmal die Chance, die Gedenkstätte in Auschwitz zu besuchen, aber ich habe es nicht geschafft", berichtet mir ein Teilnehmer aus Afghanistan. Den Gedanken an das Leid der vielen Unschuldigen konnte er nicht ertragen. Heute ist er schließlich mitgegangen – nur die Verbrennungsöfen kann er sich nicht anschauen.

Macht durch Musik

In den vergangenen Tagen haben wir uns mit vielen unterschiedlichen Schicksalen und auch Themen auseinandergesetzt. Aus Zufall entdecke ich in einer Ecke im Museum der Gedenkstätte eine Tafel, die den Bogen um diese Jugendbegegnung spannt. Es geht um Musik als Instrument der Macht. Im KZ Dachau mussten die Gefangenen deutsche Volkslieder und Märsche bei den Appellen oder der Zwangsarbeit singen. Es wurden zudem Orchester und Chöre gebildet, die für die Soldaten oder sogar bei Folteraktionen spielten. Sofort denke ich an Anita Lasker-Wallfisch, die am Mittwoch im Deutschen Bundestag reden und danach mit den Teilnehmern diskutieren wird. Die 92-Jährige war Teil des Mädchenorchesters von Auschwitz. Ein Porträt über sie könnt ihr hier nachlesen.

Zeitzeugengespräch

Und dann ist es Wolodymyr Dschelali, den wir treffen und der den Kreis unserer Tage in München und Dachau schließt. Der heute 93-Jährige kam mit 17 Jahren nach Dachau, nachdem deutsche Soldaten seine Heimatstadt Mariupol in der heutigen Ukraine besetzten und alle Jugendlichen als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppten. Dort half er Nachrichten und Medikamente ins Lager zu schmuggeln, sabotierte heimlich die Arbeit in der Schreinerei, in der er arbeiten musste, und stellte manchmal zusätzlich kleine Produkte her, um sie gegen Essen zu tauschen. Kurz vor Kriegsende gelang ihm die Flucht.

Poesie und Musik

Wolodymyr Dschelali sitzt auf dem Podium, umgeben von seiner Tochter und seinem Enkel. Er hat sie mitgenommen nach Deutschland, um sich auf Spurensuche in seine Geschichte zu begeben. Der drahtige Mann mit der großen Brille im grau-braunen Anzug erzählt seine Geschichte.

Eigentlich will er gar nicht so viel reden, doch am Ende werden es zweieinhalb Stunden. Als die letzte Frage gestellt ist, stehen wir alle auf, klatschen, es gibt Standing Ovations. Plötzlich nimmt er das Hörgerät aus dem Ohr und trägt auf Russisch ein Gedicht vor. Unwillkürlich bin ich plötzlich den Tränen nahe. Poesie und Musik sind die Dinge, die ihm bei der Verarbeitung seiner Vergangenheit geholfen haben, sagt er.

eisernes Eingangstor.

"Arbeit macht frei" steht über dem Eingangstor des Konzentrationslagers Dachau. Die meisten der Insassen kamen hier qualvoll ums Leben. – © DBT/Saldern

Jugendliche hören zu

Die vielen Eindrücke machen den Teilnehmern zu schaffen. – © DBT/Saldern

Älterer Mann sitzt am Tisch.

Manchmal gelang es den Insassen des Lagers, Dinge - wie etwa ein Schachspiel - zu verstecken, die ihnen die Zeit erträglicher machten. – © DBT/Saldern

Älterer Mann sitzt am Tisch.

Wolodymyr Dschelali war 17 Jahre alt, als er nach Dachau gebracht wurde und eine Häftlingsnummer bekam. – © DBT/Saldern

28. Januar: Zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Was hätte ich getan, wenn ich zur Nazi-Zeit gelebt hätte? Und was können wir heute tun, wenn wir die Sorge haben, unsere Demokratie und unser Rechtsstaat geraten in Gefahr? Am zweiten Tag unserer Reise suchen wir nach Antworten – und bekommen neue Fragen. Wir fahren nach München, wo der Widerstand der Gruppe "Weiße Rose" endete und begann.

Ohne Zeitgefühl

Auf der Fahrt im Bus ist es ruhig. Obwohl wir rund 70 Jugendliche sind, aufgeteilt nach Nachnamen in zwei großen Bussen, wird nur leise getuschelt. Wir kommen viel schneller in die Innenstadt als erwartet. Zwischen Arbeitsgruppen und Vorträgen haben wir völlig das Zeitgefühl verloren. Außer uns sind nur wenige Studenten vor Ort, als wir die Universität in München betreten, denn es ist Sonntag.

Genau hier flogen die Blätter

Im zweiten Stock des Lichthofes in der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), zwischen grün gemaserten Marmorsäulen, unter einer Kuppel aus Milchglas, bekommen wir ein Gefühl, wie es am 18. Februar 1943 gewesen sein könnte. Vor ziemlich genau 75 Jahren warfen Hans und Sophie Scholl Flugblätter in den Innenhof des Hauptgebäudes genau dieser Universität.

Der Hausmeister verriet sie

Darin forderten die Geschwister Studenten und Bürger auf, sich gegen das Regime der Nationalsozialisten aufzulehnen. Sie glaubten an die Freiheit des Einzelnen im Denken und Handeln und wollten sich der totalitären Diktatur mit ihrer radikal antisemitischen, rassistischen und völkischen Ideologie nicht unterwerfen. Beim Verteilen der sechsten Ausgabe ihres Flugblatts wurden sie schließlich vom Hausmeister festgehalten und an die Gestapo, die geheime Staatspolizei, übergeben. Nur vier Tage und einen Schein-Prozess später bezahlten sie ihren Widerstand mit dem Leben.

Die DenkStätte

Wer die fünf Studenten und der Professor waren und was sie und ihre Unterstützer antrieb, erklärt uns Prof. Dr. Günter Hockerts, der früher an der LMU Zeitgeschichte unterrichtet hat. Ein Interview mit ihm könnt ihr hier lesen. Mit diesem Wissen gehen wir in die Arbeitsgruppen vom vorherigen Tag zurück und besuchen die DenkStätte Weiße Rose e.V., eine private Stiftung, die in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts von Freunden und Angehörigen der Widerständler gegründet wurde und jetzt mitten in der Uni über die Geschichte der "Weißen Rose" informiert.

Flugblätter gleich Widerstand?

Eva leitet unsere Führung und zeigt uns das Flugblattmahnmal vor dem Eingang der Universität. Im Boden sind Seiten aus hellbraunem Stein eingelassen, die aussehen wie A4-Blätter mit Text darauf. Sie sollen daran erinnern, wie die Studenten der "Weißen Rose" ihre Botschaft verbreiteten. "Jeder verbindet Flugblätter heute mit Hans und Sophie Scholl, obwohl es eine gängige Form im Widerstand war", sagt Eva.

Die Schülerinnen Ninon (17) aus Frankreich und Daria (22) aus Russland sind überrascht – sie haben vor der Einladung zur Jugendbegegnung noch nie etwas über die "Weiße Rose" gehört, während das Thema für alle deutschen Teilnehmer nahezu selbstverständlich scheint.

Sophie Scholl

Nach unserem Rundgang beschäftigen sich die Arbeitsgruppen mit unterschiedlichen Themen: Mit den Biografien der Akteure, mit ihrem Prozess oder der Frage, wie an die "Weiße Rose" erinnert wird. Doch egal, in welche Gruppe ich gehen, höre ich immer wieder die Frage: Warum ist gerade Sophie Scholl so bekannt?

Auch wenn die Studentin der Biologie und Philosophie am Widerstand beteiligt war und mit ihrem Bruder Hans verurteilt und hingerichtet wurde, waren neben Hans Scholl und seinem Freund Alexander Schmorell, die den Kreis gründeten, auch Willi Graf und Christoph Probst am Widerstand beteiligt – jedoch sind sie heute nahezu unbekannt. Als zum Schluss alle Gruppen noch einmal ihre Ergebnisse in Präsentationen vorstellen wissen wir zwar etwas mehr – aber zugleich gibt es tausend neue Fragen.

Gestern und heute

Zurück in der Stadt Dachau, wo wir untergebracht sind, stärken wir uns mit Leberkäse und Knödeln. "Manchmal wird deutlich, dass einige schon sehr viel über Widerstand wissen und andere nicht so", sagt die 21-jährige Gesine aus Deutschland. Trotzdem genießt sie den Austausch mit den unterschiedlichen Teilnehmern. Was mich beeindruckt: Die Jugendlichen machen seit zwei Tagen ein straffes Programm, sie behandeln neue Themen in Arbeitsgruppen, hören Vorträgen zu und diskutieren immer noch weiter.

Wo blieb die Courage?

Und schon sind sie pünktlich im großen Seminarraum, um die Vergangenheit in die Gegenwart zu holen. Die zweistündige Podiumsdiskussion knüpft an den gestrigen Abend an: Dort hatte uns Prof. Dr. Wolfgang Benz die oft unerklärliche Verzagtheit und mangelnde Courage der Eliten und auch der Bevölkerung in der Zeit von 1933 bis 45 aufgezeigt. Auch wenn es damals einige tausend mutige Widerständler gab, gelang es ihnen nicht, diese Tatsache zu verändern und das NS-Regime zu stürzen, das während der zwölf Jahre seiner Herrschaft viele Millionen Juden, politische Gegner und andere Gruppen systematisch verfolgt, vertrieben und ermordet hat. Und das 1939 einen Weltkrieg entfachte, der am Ende über 60 Millionen Menschen das Leben kostete.

Der Zeitzeuge

Nun sitzt Ernst Grube vor uns. Der 85-Jährige überlebte das Konzentrationslager Theresienstadt im heutigen Tschechien, in dem er aufgrund seines jüdischen Glaubens inhaftiert war. Er diskutiert zusammen mit Maria Virginia Gonzalez Romero vom interkulturellen Verein VIA e.V. und Ludwig Gasteiger vom Kreisjugendring Dachau, beide aus der Bildungsarbeit. Was bedeutete Widerstand und was Zivilcourage damals und heute? "Veranstaltungen wie diese sind sinnvoll, aber bringen nichts, wenn Menschen für die Thematik nicht sensibilisiert sind", sagt Ernst Grube auf die Frage eines Teilnehmers, warum er bei solchen Diskussionen teilnehme.

Immer mehr Fragen

Zwei Tage Widerstandsdebatten haben alle sensibilisiert – aber auch viele Fragen aufgeworfen zum aktuellen politischen Geschehen. So entbrennt eine kritische Diskussion: Wie soll man sich zu rechtsextremen Strömungen in der deutschen Politik verhalten? Ist es mit dem Rechtsstaat vereinbar, wenn Menschen aufgrund weniger juristischer Beweise inhaftiert werden, wenn man glaubt, sie könnten Terroristen sein? Werden Flüchtlinge und andere Gesellschaftsgruppen von Politikern diskriminiert? Auf dem Podium und unter den Teilnehmer gibt es mindestens genauso viele Fragen wie unterschiedliche Antworten.

Jugendliche hören zu.

Gespannt hören die Teilnehmer den Vortrag von Prof. Dr. Günter Hockerts zur Weißen Rose. – © DBT/Saldern

Jugendliche sitzen auf einer Treppe.

In der Universität München, am Ort des Geschehens, sprechen die Teilnehmer in Arbeitsgruppen über Hans und Sophie Scholl. – © DBT/Saldern

Flugblätter aus Stein.

Das Denkmal im Boden vor der Universität in München stellt die Flugblätter der Weißen Rose dar. – © DBT/Saldern

Mann schaut in die Kamera.

Der 85-Jährige Ernst Grube überlebte das Konzentrationslager Theresienstadt im heutigen Tschechien. Mit den Jugendlichen hat er darüber gesprochen, was Widerstand heute bedeutet. – © DBT/Saldern

27. Januar: Auf Spurensuche

Przemysław ist der erste, der an diesem Tag eintrifft. Der Student aus ist aus Katowice in Polen angereist und hat nur zwei Stunden geschlafen, weil sein Flug schon um sechs Uhr morgens gestartet ist. Während er sich noch einmal hinlegt, trudeln ab 13.30 Uhr langsam die anderen 70 Teilnehmer der Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages ein. Eine Woche lange werde ich sie begleiten auf einer Spurensuche in München und Dachau. Sie beschäftigen sich im Zuge des Gedenktages zu Ehren der Opfer des Nationalsozialismus mit Fragen zum Thema "Widerstand aus Gewissensgründen".

Während wir auf die letzten warten, studiere ich die Mappe mit Informationen, die jeder Teilnehmer bekommen hat: Der Terminplan für die nächsten Tage, ein Namensschild, Listen mit Telefonnummern und Wegbeschreibungen. Aber auch die Motivationsschreiben und Biografien der Teilnehmer. Sie kommen insgesamt aus 15 Ländern in Europa und der ganzen Welt, 43 aus Deutschland, aber auch aus Frankreich, Polen, Israel oder Pakistan. Manche sind Schüler und wurden von ihren Lehrern vorgeschlagen, andere arbeiten schon länger in Gedenkstätten oder schreiben ihre Abschlussarbeiten über das Thema Nationalsozialismus, so wie Kseniia aus St. Petersburg (Russland).

Kennen wir uns?

Zwischen Sprachbarrieren und Übermüdung von der Anreise gibt es immer wieder Überraschungen: Taha aus Syrien, der seit dreieinhalb Jahren in Deutschland lebt, trifft Safi – die beiden sind 20 Jahre alt, werden von derselben Stiftung gefördert und wurden zur Teilnahme an der Jugendbegegnung vorgeschlagen, wussten aber nicht, dass der andere teilnimmt. Aber auch wer sich noch gar nicht kennt, kommt schnell mit seinem Sitznachbarn bei einem Kaffee ins Gespräch. Die Jugendlichen können und wollen sich austauschen: Über die Jugendbegegnung und das Thema Widerstand, aber auch über aktuelle politische Fragen.

Alle sind motiviert

Im Gespräch bemerke ich, wie motiviert alle sind. "Das Programm klingt unglaublich spannend", sagt Charlotte. "Ich freue mich besonders auf die Chance, mit den Zeitzeugen zu sprechen." Auch die Teilnahme an der Gedenkstunde im Deutschen Bundestag am Mittwoch, 31. Januar, macht viele stolz. Ein Teilnehmer gesteht mir, dass er auf ein Selfie mit dem Bundestagspräsidenten Dr. Wolfgang Schäuble hofft – oder wenigstens ein Bild, auf dem man ihn mit dem Präsidenten sieht.

Fast wie zu Hause

Die Idee zur Jugendbegegnung kam von der ehemaligen Bundestagspräsidentin Dr. Rita Süssmuth, die anregen wollte, dass junge Menschen die Erinnerung weitertragen. Bevor wir damit anfangen, müssen wir erst einmal die Hausregeln der Jugendherberge lernen: Tische abwischen und nach 23 Uhr ist die Haustür verschlossen.

Was ist Widerstand?

Vor einigen Jahren war ich mit der Schule schon einmal in der Gedenkstätte Dachau. Als ich an diesem Nachmittag drei der fünf Arbeitsgruppen besuche, in denen die Teilnehmer in den kommenden Tagen zusammen arbeiten, fällt mir auf, dass viele Jugendliche schon privat oder mit der Schule einige Gedenkstätten besucht haben. Sie waren in Auschwitz in Polen, Buchenwald oder Sachsenhausen.

Doch was wissen sie über das Thema Widerstand? Und was genau bedeutet der Begriff eigentlich? Die Weiße Rose, die Rote Kapelle, die Edelweißpiraten – diese Namen fallen immer wieder. Heute ist nicht mehr genug Zeit, sich inhaltlich mit den einzelnen Akteuren und Facetten des Widerstandes zu beschäftigen – doch damit wird es schon am nächsten Tag in München weitergehen.

Widerstand für den Ehemann

Unsere Fragen aus den Arbeitsgruppen nehmen wir mit in den letzten Punkt des Abends. Prof. Dr. Wolfgang Benz gibt uns einen Einblick in die historische Forschung zum Widerstand. Der 76-Jährige hat lange an der Technischen Universität in Berlin gelehrt und zu den Themen Widerstand und Antisemitismus geforscht. Abseits der bekannten Geschichten bringt er uns ganz individuelle Formen von Widerstand nah.

So schrieb beispielsweise Lina Haag mit Mut und Geschick eine einmalige Geschichte. Um ihren Mann zu befreien, der im Konzentrationslager einsaß, wollte sie mit dem Chef der deutschen Polizei Heinrich Himmler sprechen. Sie versuchte es so hartnäckig, dass man sie irgendwann zu ihm vorließ. Sie bat ihn, ihren Mann frei zu lassen. Himmler, wohl beeindruckt von ihrem Mut, ließ Alfred Haag zumindest für kurze Zeit befreien. Auch später war Lina noch im Widerstand tätig und schrieb ihre Erinnerungen schließlich für ihren Mann auf. Der Texte wurde unter dem Titel "Lina Haag – Eine Hand voll Staub" bekannt.

Widerstand ist notwendig

"Nur durch Haltung und persönliche Einsicht lässt sich zeigen, dass Widerstand funktioniert", sagt Professor Benz. Wer etwas gegen das Regime unternommen habe, im Bewusstsein, sich damit selbst zu gefährden, der habe Widerstand geleistet. Im Deutschen Reich habe jedoch das Abwarten und Zögern von Parteien, Militär, Eliten aber auch der Bevölkerung dazu geführt, dass es keinen umfassenden Widerstand gegen die nationalsozialistische Führung gab. Mehr zu dem Thema könnt ihr auch hier nachlesen.

Zum Abschluss fragt einer der Teilnehmer, ab wann man Widerstand leisten müsse. "Widerstand beginnt dort, wo man einen fehlenden Konsens zur Demokratie bemerkt", sagt Benz.

Infomappen und Jutebeutel liegen auf einem Tisch.

Es geht los: Informationsmappen und Jutebeutel liegen für die Teilnehmer bereit. – © DBT/Saldern

Orientierungsschild und im Hintergrund Jugendliche.

Erste Teilnehmer kommen im Max Mannheimer Studienzentrum in Dachau an. – © DBT/Saldern

Jugendliche in einem Schild in der Hand.

Beim Kennenlernspiel müssen sich die Teilnehmer nach ihren Wohnorten aufstellen. Sie kommen insgesamt aus 15 Ländern in Europa und der ganzen Welt. – © DBT/Saldern

Jugendliche sitzen in einem Stuhlkreis.

Was wissen sie schon über den Widerstand? Das besprechen die Teilnehmer in Arbeitsgruppen. – © DBT/Saldern

Koffer mit Büchern.

Zur Vorbereitung auf die Jugendbegegnung hat Laura viel gelesen, zum Beispiel die Biografie der Auschwitz-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch. – © privat

23. Januar: Die Vorbereitungen

Wasserfeste Schuhe, Regenjacke, Mütze, Handschuhe: Warme und wetterfeste Kleidung soll ich mitnehmen, sagt mein Informationsblatt. Die 22. Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages ist seit Monaten geplant – da will auch ich gut vorbereitet sein. Denn fünf Tage lang werde ich 71 Jugendliche aus der ganzen Welt begleiten auf ihrer Reise nach München und Dachau, einer Reise zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Gedenktag für die Opfer

Jedes Jahr organisiert das deutsche Parlament im Zuge des Gedenktages am 27. Januar eine Reise für junge Menschen, damit diese sich mit dem Thema Nationalsozialismus auseinandersetzen können. Vor 73 Jahren, am 27. Januar 1945, befreiten sowjetische Soldaten die Häftlinge des Konzentrationslagers in Auschwitz. Das Lager im heutigen Polen ist nach wie vor Sinnbild für die Verbrechen des Nationalsozialismus. Um daran zu erinnern, ist dieser Tag dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus gewidmet.

Widerstand aus Gewissensgründen

In den nächsten Tagen fahren wir an Orte von NS-Verbrechen, besuchen Ausstellungen, treffen Experten und sprechen mit Zeitzeugen. Zum Abschluss werden wir zusammen mit den Abgeordneten des Deutschen Bundestages an der Gedenkstunde im Plenarsaal teilnehmen, die in diesem Jahr am 31. Januar stattfindet.

Jedes Jahr nehmen Jugendliche aus der ganzen Welt an der Jugendbegegnung teil. Direkt dafür bewerben kann man sich aber nicht - die Jugendlichen sind Mitglieder in Stiftungen und Organisationen oder engagieren sich dort. In diesem Jahr sind unter anderen junge Leute aus Gedenkstätten wie das Max-Mannheimer Studienzentrum in Dachau oder aus der Gedenkstätte Theresienstadt (Terezín Memorial) dabei. Auch internationale Organisationen wie das Deutsch-Polnische Jugendwerk oder das Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch ConAct haben Teilnehmer geschickt. Die Einladung kommt dann vom Bundestagspräsidenten, der Schirmherr der Jugendbegegnung ist.

"Widerstand aus Gewissensgründen" – so lautet der Titel der diesjährigen Veranstaltung. Und das steht auch über einer schier endlosen Liste mit Literatur, die ich vor der Reise bekommen habe. Aber wer waren die Menschen, die sich den Nationalsozialisten widersetzten? Und was steckte hinter ihrem Protest?

Dachau und München

Um diese Fragen zu beantworten, fahren wir nach Dachau und München. Im Konzentrationslager Dachau wurden Menschen inhaftiert, die nicht in die Ideologie des NS-Regimes passten oder Widerstand leisteten. Sie mussten Zwangsarbeit leisten, starben an Hunger oder wurden dort ermordet. In München befassen wir uns mit den Geschwistern Hans und Sophie Scholl, die mit Flugblättern zum Widerstand gegen das NS-Regime aufriefen und dafür zum Tode verurteilt wurden.

Ganz schön viel Stoff für so eine kurze Reise. Aber wir sind nicht allein: In den kommenden fünf Tagen begleiten uns Experten und wir werden immer wieder diskutieren – über das was wir hören und sehen, unsere Meinungen und Erfahrungen.

Sonntags in der Uni

Los geht es am Samstag, 27. Januar: Was wissen wir schon über das Thema Widerstand? Das wird unsere erste Frage sein, die wir in Arbeitsgruppen behandeln.

Mit diesem Wissen geht es dann am Sonntag, 28. Januar, nach München – die Universität macht sogar extra am Wochenende für uns auf! Dort und in der Geschwister-Scholl-Gedenkstätte erfahren wir alles über die Studenten Hans und Sophie Scholl.

Denken und Diskutieren

Am Abend haben wir dann die Möglichkeit, unser Wissen kritisch zu hinterfragen. Ernst Grube, Zeitzeuge und Überlebender des Konzentrationslagers Theresienstadt, wird zusammen mit Vertretern aus Vereinen der Jugendarbeit und dem interkulturellen Austausch diskutieren.

Weiter diskutieren wir auch am nächsten Tag: In Dachau erfahren wir etwas über die Geschichte des Lagers und lernen anhand von Biografien einzelner Insassen ganz persönliche Schicksale und Gründe für den Widerstand kennen. Eines dieser Schicksale ist die Geschichte von Wolodymir Dschelali. Der Ukrainer war Häftling im KZ Dachau und wird mit seiner Tochter und seinem Enkel am Abend von seinen Erfahrungen berichten.

Zurück nach Berlin

Am Dienstag, 30. Januar, werden die wasserdichten Schuhe wieder eingepackt, denn es geht zurück nach Berlin. Dort bereiten wir uns auf den großen Abschluss am 31. Januar vor: Die Gedenkstunde im Deutschen Bundestag. Jedes Jahr spricht dort ein Gedenkredner über ein Thema des Nationalsozialismus.

Gedenkstunde im Bundestag

Anita Lasker-Wallfisch, eine Überlebende aus dem Konzentrationslager in Auschwitz, ist in diesem Jahr Ehrengast und Gedenkrednerin. Die 92-Jährige ist eine von inzwischen wenigen verbliebenen Zeitzeugen. Es war wahrscheinlich ihre Fähigkeit, Cello zu spielen, die ihr im KZ Auschwitz und später im KZ Bergen-Belsen das Leben rettete. Sie war ein Teil des Orchesters in Auschwitz, das im Lager spielen musste.

Zum Abschluss haben wir die Chance, mit ihr und dem Bundestagspräsidenten Dr. Wolfgang Schäuble alle Fragen zu diskutieren, die sich in den Tagen davor ergeben haben. Das werden sicher viele sein.

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