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Laura Heyer (27)
macht ein Volontariat bei bundestag.de und dem Parlamentsfernsehen

Interview
"Ihre Macht war Denken und Schreiben"

24.01.2018 |

Sie waren jung, intelligent, wagemutig: Die Widerstandsgruppen Weiße Rose aus der Nazi-Zeit. Der Historiker Prof. i.R. Hans Günter Hockerts über herausragende Charaktere und die Kraft der Erinnerung, die helfen kann, in der Gegenwart Orientierung zu finden.

Interview zum Anhören

© DBT

Tausende Flugblätter regnete es am 18. Februar 1943 von der Galerie im zweiten Stock des Lichthofes in der Ludwig-Maximilians-Universität München in die Eingangshalle. Hans und Sophie Scholl verteilten sie dort, um Studenten und Bürger auf die Vergehen der Nationalsozialisten aufmerksam zu machen. Die Geschwister waren Teil der "Weißen Rose", einer Gruppe von knapp 20 Münchener Studenten, die sich öffentlich für Freiheit und gegen das NS-Regime einsetzten.

Unterstützt wurden Hans Scholl, Alexander Schmorell, Willi Graf, Christoph Probst und Sophie Scholl, die den Kern der Gruppe bildeten, von ihrem Professor Kurt Huber. Beim Verteilen ihres sechsten Flugblattes wurden Hans und Sophie verhaftet. Nach einem Schauprozess richtete man die Geschwister und ihren Freund Christoph Probst nur wenige Tage später mit dem Fallbeil hin.

Herr Prof. Hockerts, die Mitglieder der "Weißen Rose" waren so alt wie viele Leser von mitmischen.de. Was waren das für Charaktere?

Man könnte für jeden der Studenten ein ganz individuelles Profil zeichnen, aber alle hatten etwas gemeinsam: Sie waren sehr intelligente junge Leute, musisch, literarisch, philosophisch interessiert. Auch Religion spielte bei ihnen eine große Rolle. Ihr "Religiös-Werden" und der Widerstand sind eng miteinander verbunden. Religiös meint hier nicht konfessionell, also evangelisch oder katholisch, sondern christlich und humanistisch.

Was sie außerdem verband, war der Wunsch nach Selbstständigkeit und Selbsttätigkeit – das Bedürfnis, sich frei zu entfalten, selbst zu denken. Aber das war im NS-Regime untersagt – eine Parole damals war "Du bist nichts, dein Volk ist alles".

Sophie und Hans Scholl waren in den Anfangsjahren des "Dritten Reiches" in NS-Jugendorganisationen aktiv. Wie hat sich ihre Einstellung gewandelt?

Hans und Sophie waren anfangs begeisterte Führungspersonen in Organisationen der Hitler-Jugend. Willi Graf stand dem Nationalsozialismus dagegen von vornherein kritisch gegenüber. Bei den Scholls war das Umdenken ein gleitender Prozess ab 1937/38. Eine Ursache lag im Erlebnis von Drill, Zwang und Öde, das in den NS-Organisationen immer mehr vorherrschte.

Wichtig war auch, dass sie sich mit viel Lesehunger auf Bücher stürzten, die nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun hatten, sondern einen humanen Geist atmeten. Ab 1939 kam mehr und mehr das Entsetzen über den Krieg hinzu.

Waren die Studenten sich des Risikos bewusst, das sie eingingen?

Dessen waren sie sich auf jeden Fall bewusst. Ihr letztes Flugblatt fiel mit Stalingrad zusammen, also mit der großen Niederlage der deutschen 6. Armee gegen Russland im Januar/Februar 1943. Da dämmerte vielen Deutschen, dass der Krieg verloren geht. Das Regime hatte Angst, dass die Flugblattaktion in diese Situation hineinspielt und das Volk aufrüttelt.

Daher entschied man sich, die Mitglieder der Weißen Rose sehr schnell zu verurteilen und hinzurichten. Ihnen wurde "Vorbereitung zum Hochverrat" und "Feindbegünstigung" vorgeworfen - das waren die schlimmsten Dinge, die man zur Last gelegt bekommen konnte.

Was war das Besondere am Widerstand der Münchener Studenten?

Es war sicher eine Kombination aus unterschiedlichen Aspekten: einerseits das hohe philosophische und literarische Niveau ihres Denkens und Schreibens, zum anderen die christlich-humanistische Idee und die völlige Eigenständigkeit der Gruppe. Die Jugendlichen waren ganz auf sich allein gestellt – ihre Macht war Denken und Schreiben.

Keine andere Gruppe hat an deutschen Universitäten so wagemutig Widerstand geleistet. Hinzu kommt die aufrüttelnde Sprache in ihren Flugblättern: die Schärfe der Anklage, verbunden mit einem klaren Plädoyer für die elementaren Freiheitsrechte, auch für die Zusammenarbeit der europäischen Völker.

Wie haben andere Studenten auf die Handlungen ihrer Kommilitonen reagiert?

Für die Weiße Rose war die Resonanz der Öffentlichkeit eine große Enttäuschung. In der städtischen Öffentlichkeit kam keine Bewegung in Gang. Und auch an der Universität regte sich kein Widerstand. Nach der Verhaftung der Gruppe gab es sogar eine Art Gegendemonstration mit 4000 bis 5000 Studenten, die mit brüllendem Beifall die "Schandtaten" der Gruppe verurteilten. Aber es gab auch kleine Gruppen, die die Flugblätter aufnahmen und weiterverbreiteten, zum Beispiel in Berlin und Hamburg.

Warum unterstützten andere Studenten die Weiße Rose kaum?

Auf der einen Seite war es sicher die Angst, selbst verhaftet zu werden. Auf der anderen Seite hat die Weiße Rose etwas erkannt, was kaum einer wahrhaben wollte: Voraussetzung für eine bessere Zukunft war die Niederlage der Wehrmacht. Also plädierten sie für eine Niederlage Deutschlands im Krieg. Aber genau das war etwas, das die meisten Deutschen auf keinen Fall wollten. Vielfach hat es bis in die 1980er Jahre gebraucht, bis man die Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 als Befreiung und nicht als Zusammenbruch verstanden hat.

"Was liegt an unserem Leben, wenn wir es damit schaffen, Tausende wachzurütteln", sagte Sophie Scholl in ihrem Prozess. War das eigene Leben dafür ein angemessener Preis?

Gemessen daran, dass sie ihr Hauptziel nicht erreicht haben, wird man wohl mit Nein antworten müssen. Der Freundeskreis wollte eine Gesinnungsrevolution auslösen, eine Kettenreaktion, die das Regime stürzt. Damit sind sie gescheitert. Aber sie hatten auch ein zweites Ziel: Sie wollten ein Zeichen setzen, ein unübersehbares und unauslöschliches Zeichen. Und das ist ihnen gelungen. Ihr Widerstand hat sich tief die Erinnerungskultur eingeschrieben. Schulen, Straßen und Plätze sind nach Mitgliedern der Weißen Rose benannt – es gibt Filme, Denkmäler und Bücher. Ihre Botschaft lebt dort weiter.

Welche Botschaft hat die Weiße Rose für junge Menschen heute?

Wenn sich junge Leute genau diese Frage stellen, wenn sie wissen wollen, wie die Kraft der Erinnerung helfen kann, in der Gegenwart Orientierung zu finden, dann ist die Weiße Rose nicht gescheitert. Die Hauptbotschaft, die ich in ihrem Wirken sehe, ist, dass Freiheitsrechte kein selbstverständlicher Besitz sind. Sie müssen gehegt und gepflegt und täglich praktiziert werden. Demokratie ist einsturzgefährdet. Wenn man wartet, bis der Kampf für Freiheit als Hochverrat gilt, ist es zu spät.

Über Prof. i.R. Hans Günter Hockerts:

Hans Günter Hockerts leitete bis 2009 den Lehrstuhl für Neuste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er hat Geschichte, Germanistik und Philosophie studiert. Ein Themenschwerpunkt seiner Forschung ist die Geschichte des Nationalsozialismus.

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