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Serie: Kunst im Parlament (1)
Erde aus eurem Wahlkreis

15.08.2018 |

Im Bundestag gibt es einiges zu entdecken, unter anderem auch: Kunst. Wir stellen einige Werke in einer Serie vor. Heute: "Der Bevölkerung" von Hans Haacke.

Kunstwerk

Besser von oben zu lesen: "Der Bevölkerung" – © DBT/Stephan Erfurt

Hans Haacke: "Der Bevölkerung" (1999/2000)

Um das Besondere Biotop in einem der Innenhöfe des Reichtagsgebäude zu erläutern, muss man ein bisschen weiter ausholen. Geht man auf das Reichstagsgebäude zu, springt einem in großen schwarzen Lettern ein Schriftzug entgegen, der fest mit dem Gebäude verbunden ist: "Dem deutschen Volke". Der Architekt des 1894 fertiggestellten Reichstagsgebäudes, Paul Wallot, sah diese Inschrift am Westportal des Parlamentsgebäudes bereits vor, jedoch entzündete sich an seinem Vorhaben eine hitzige Debatte.

Der Kaiser wollte sie nicht, weil sie die Volkssouveränität würdigte. Die Presse fand die Idee des Baumeisters, das Gebäude auch in Schriftform seinem "Besitzer" zu widmen (auch damals gehörte das Parlamentsgebäude dem Volk und nicht dem Kaiserhaus) albern, also blieb die Stelle 20 Jahre lang frei.

Hallo Volk!

Mit schwindender Kriegsmoral im Ersten Weltkrieg versuchte der Reichstag mit der Anbringung der ursprünglich geplanten Inschrift die Unterstützung des Volkes wiederzugewinnen. So wurde der Architekt und Industriedesigner Peter Behrens mit der Erstellung der noch heute verwendeten Typographie beauftragt. Beim Umbau des Gebäudes durch Norman Foster wurde die im Zweiten Weltkrieg beschädigte Inschrift wieder hergestellt.

Erde aus den Wahlkreisen

Der in New York lebende deutsche Künstler Hans Haacke schlug im Zuge des Umbaus des Gebäudes vor, im nördlichen Innenhof eine von Holzbohlen eingefasste Fläche zu schaffen: Abgeordnete sollten Erde aus ihrem jeweiligen Wahlkreis mitbringen beziehungsweise von Bürgern mitbringen lassen können und so ein freiwucherndes, nicht reguliertes Biotop mit Pflanzen und Boden aus der gesamten Bundesrepublik schaffen.

In seiner Mitte sollte in Neonleuchtschriftbuchstaben der Schriftzug "Der Bevölkerung" in der gleichen Typographie wie der Inschrift am Westportal leuchten. Auch dieser Vorschlag löste wieder eine große Debatte im Parlament aus. Man fragte sich, ob der Schriftzug in seiner etwas geänderten Formulierung "Der Bevölkerung" statt "Dem deutschen Volke" eine Korrektur der Giebelinschrift sei, oder lediglich eine Erweiterung dieser, die einen Denkanstoß geben sollte.

Die Mehrheit: Ja!

Mit knapper Mehrheit entschied sich das Plenum des Bundestages für die Installation von Haacke. Heute gedeihen hunderte verschiedene Pflanzen, gewachsen auf zusammengetragener Erde aus ganz Deutschland. Erst vor wenigen Tagen haben wieder Abgeordnete Erde aus ihrem Wahlkreis beigesteuert. Der Installation gelingt es so, sich unmittelbar mit der Arbeit des Parlamentes auseinanderzusetzen: der Zusammengehörigkeit aller Regionen. Zusammen mit dem Schriftzug regt sie zum Nachdenken über Herkunft und Heimat an. Wer nicht in Berlin ist, um sich die Installation live anzusehen, kann das Wachstum der Pflanzen mit Hilfe einer Webcam verfolgen.

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