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Junge Abgeordnete
2018 - wir sind bereit!

Melanie Bernstein

Vorsätze für 2018? "Mit dem Schokoladeessen aufzuhören, schaffe ich sowieso nicht", sagt Melanie Bernstein (CDU). – © Pressefoto

03.01.2018 | Blick nach vorn: Sechs junge Neu-Parlamentarier verraten, welche Vorsätze sie für 2018 gefasst haben, was sie über die Regierungsbildung denken und wofür sie sich im Bundestag stark machen werden.

Ein gutes neues Jahr! Haben Sie Vorsätze gefasst?

Ich mache mir diese typischen Vorsätze eigentlich gar nicht. Mit dem Schokoladeessen aufzuhören, schaffe ich sowieso nicht. Aber ich habe mir natürlich fest vorgenommen, in Berlin einen ordentlichen Job zu machen, meinen Wahlkreis gut zu betreuen und ganz besonders auch für meine Familie da zu sein – das ist aber vom Prinzip her eigentlich immer mein Vorsatz.

Welche drei politischen Themen werden die Menschen in 2018 besonders umtreiben?

Gute Frage! Ich bin unter anderem auch für eine vernünftige Familienpolitik angetreten – ich denke, das beschäftigt viele Menschen. Ich will die Lebensrealität meiner Generation und junger Familien nach Berlin bringen. Außerdem werden die Bürgerinnen und Bürger weiterhin achtsam auf die generelle Situation in der EU schauen. Ganz wichtig außerdem: die Sicherheit – sowohl innen, als auch außen.

Deutschland hat noch keine neue Bundesregierung. Was denken Sie, wie geht es weiter?

Ich hoffe sehr, dass die Weihnachtstage genutzt wurden, um in den Gesprächen so weit zu kommen, dass man jetzt bald Koalitionsverhandlungen führen kann – für eine wirklich stabile Regierung. Was wir meiner Meinung nach nicht gebrauchen können, ist eine unstabile Situation – vor allem auch als starker Partner in Europa. Ich hoffe, dass sich jetzt alle zusammenreißen und dass wir eine gute Lösung für eine große Koalition finden.

Sie sind neu im Bundestag und es gab ja bereits einige Plenarsitzungen. Was ist Ihnen besonders positiv, was besonders negativ aufgefallen?

Die erste Plenarsitzung, in der der Bundestagspräsident gewählt wurde, war für mich wahnsinnig aufregend. Damit habe ich eigentlich gar nicht gerechnet, weil ich ja die letzten 13 Jahre lang schon Mitarbeiterin von verschiedenen Bundestagsabgeordneten war. Ich kannte also alle Abläufe und das Prozedere. Trotzdem war es jetzt etwas Besonderes, weil man einfach selbst mitentscheiden kann und Verantwortung für unser Land trägt. Das ist dann ja auch in der darauffolgenden Sitzung zum Tragen gekommen, als über die Bundeswehrmandate beziehungsweise deren Verlängerung entschieden wurde.

Was mir wiederum negativ auffiel, ist der neue Ton, der jetzt im Bundestag herrscht. Er ist ruppiger, als in den vorangegangenen Legislaturperioden und das finden viele – wie ich – nicht so schön.

Über Melanie Bernstein:

Aufgewachsen in der ländlichen Nordheide, südlich von Hamburg, zog es die heute 41-Jährige zum Studieren nach Lüneburg. Nach ihrem Abschluss als Magister Artium in Angewandten Kulturwissenschaften arbeitete Melanie Bernstein unter anderem in einem Start-Up der Universität Harburg. Schon während der Schulzeit war sie in der Jungen Union aktiv. Seit 2005 war sie Kreisgeschäftsführerin der CDU Rendsburg-Eckernförde / Neumünster und seit Herbst diesen Jahres ist sie Mitglied des Bundestages.

(kk)

Josephine Ortleb

"Die Zusammenarbeit ist fair, kollegial und macht wirklich viel Spaß", sagt Josephine Ortleb (SPD). – © PR

Ein gutes neues Jahr! Haben Sie Vorsätze gefasst?

Meine Ziele sind vor allem, eine gute Wahlkreisabgeordnete zu sein und mit den Menschen vor Ort in Kontakt zu bleiben. Außerdem möchte ich weiter so gut mit meinen Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten und endlich richtig loslegen – darauf freue ich mich schon sehr.

Ganz persönlich habe ich mir den Vorsatz gefasst, mehr zu schlafen. Denn das ist in den letzten anderthalb Jahren und besonders im Wahlkampf ein bisschen kurz gekommen. Deshalb möchte ich mir auch etwas mehr Ruhe und Zeit für mich zu nehmen. Aber die größte organisatorische Herausforderung ist wohl, 2018 eine schöne Wohnung in Berlin zu finden.

Welche drei politischen Themen werden die Menschen in 2018 besonders umtreiben?

Also ich bin mir sicher, dass ein Thema das Gesundheitswesen inklusive dem großen Thema Pflege sein wird. Außerdem wird es ganz klar um die Veränderung der Arbeitswelt durch die Digitalisierung gehen. Dort müssen wir als Politik neue Antworten finden. Ganz persönlich wünsche ich mir, dass das Thema Gleichstellung von Frauen und Männern, gerade wenn es um Lohngerechtigkeit geht, nochmal viel stärker in den Blick der Öffentlichkeit gerückt wird.

Deutschland hat noch keine neue Bundesregierung. Was denken Sie, wie geht es weiter?

Meiner Meinung nach wird es spannend bleiben. Ich bin noch offen und weiß nicht genau, was das Ergebnis sein wird. Es gibt drei Optionen: Eine Kooperation, eine Minderheitsregierung oder eine Große Koalition. Die SPD geht jetzt in die Gespräche mit der CDU. Dabei werden wir auf jeden Fall die Mitglieder weiter einbeziehen. Vor allem müssen wir aber möglichst seriös und ernsthaft in die Gespräche gehen und sollten nicht wie in den Jamaika-Verhandlungen viel Show für die Presse machen. Neuwahlen wären jedoch etwas, das ich mir nicht wünschen würde.

Vor allem hoffe ich, dass die Abgeordneten trotz der Verhandlungen in die inhaltliche Ausschussarbeit einsteigen können. Dazu müssen aber erst einmal die Ausschüsse eingesetzt werden.

Sie sind neu im Bundestag und es gab ja bereits einige Plenarsitzungen. Was ist Ihnen besonders positiv, was besonders negativ aufgefallen?

Besonders positiv war und ist für mich der Umgang, den ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen pflege: Die Zusammenarbeit ist fair, kollegial und macht wirklich viel Spaß. Man bekommt viele gute Tipps und es ist sehr lehrreich gewesen in den ersten zwei Monaten.

Etwas richtig Negatives kann ich nicht nennen, aber mir ist noch einmal bewusst geworden, dass ich eine große Verantwortung trage. Zum Beispiel wenn man über einen Einsatz der Bundeswehr abstimmen muss. Mit solchen Fragen beschäftigt man sich natürlich sehr intensiv, denn man muss sich der Verantwortung stellen.

Über Josephine Ortleb:

Josephine Ortleb, geboren 1986, stammt aus Saarbrücken. Nach dem Abi absolvierte sie eine Ausbildung im Gastro-Bereich, seit 2014 saß sie für die SPD im Stadtrat. Bei der Bundestagswahl 2017 gewann sie in Saarbrücken das Direktmandat.

(lh)

Frohnmaier

Würde gerne mal wieder ein Fitnessstudio von innen sehen: Markus Frohnmaier (AfD). – © PR

Eine gutes neues Jahr! Haben Sie Vorsätze gefasst?

Als Politiker möchte ich in diesem Jahr Neuauflagen von Thesenpapieren einbringen, die ich für die Partei entwickelt habe, zum Beispiel zum Thema Volkskapitalismus. Damit möchte ich einen Beitrag zur Debatte in und außerhalb der AfD leisten. Außerdem würde ich mir wünschen, dass der Bundestag das deutsche Verhältnis zu Israel diskutiert.

Privat würde ich gern mal wieder ein Fitnessstudio von innen sehen und nicht nur von außen – dazu hatte ich in den letzten Monaten kaum Zeit. Außerdem habe ich mir vorgenommen, noch mehr Zeit mit meiner Familie und meinem kleinen Sohn zu verbringen.

Welche drei politischen Themen werden die Menschen in 2018 besonders umtreiben?

Ein Thema wird sicher soziale Gerechtigkeit sein. Wir wollen dabei eine Partei für die arbeitenden Menschen sein und Vorschläge machen, wie man ihre Lage verbessern kann. Außerdem denke ich, dass die Abschaffung des Solidaritätsbeitrages und die Senkung der Mehrwertsteuer zentrale Themen sind, die sich die Menschen wünschen. Auch die Umlage für erneuerbare Energien, die jeder auf seinen Strompreis bezahlen muss, sollte abgeschafft werden.

Deutschland hat noch keine neue Bundesregierung. Was denken Sie, wie geht es weiter?

Wir als AfD sehen das bisher gelassen und verfolgen unser Ziel, Opposition zu machen. Ich denke aber, dass die Menschen langsam etwas erwarten. Die SPD wird wohl mit der Union Verhandlungen über eine Große Koalition führen, aber auch das wird sich noch hinziehen, da die SPD noch ihre Mitglieder befragen will.

Auf Dauer kann ein Land wie Deutschland sich die Situation einer geschäftsführenden Regierung aber nicht leisten, denn das macht nach außen keinen guten Eindruck. Angst vor Neuwahlen habe ich aber nicht, denn die AfD würde dadurch sicher noch stärker werden, da die Menschen gesehen haben, dass die anderen Parteien es nicht schaffen, eine Regierung zu bilden.

Sie sind neu im Bundestag und es gab ja bereits einige Plenarsitzungen. Was ist Ihnen besonders positiv, was besonders negativ aufgefallen?

Positiv fand ich, dass wir bis jetzt noch keine Regierung haben. Das mag sich erstmal widersprüchlich anhören. Aber diese Situation führt dazu, dass die Debatten im Plenum bisher ergebnisoffener geführt werden – ich habe das Gefühl, es wird mehr diskutiert.

Negativ ist mir aufgefallen, dass die Abgeordneten anderer Fraktionen es mit der Anwesenheit im Plenum nicht so genau nehmen. Zum Nachmittag hin lichten sich dann die Reihen in der Sitzungswoche. Wir sind dazu angehalten und wollen Präsenz zeigen, weil Diskutieren im Bundestag eine ernste Angelegenheit ist.

Über Markus Frohnmaier:

Markus Frohnmaier wurde 1991 in Rumänien geboren und ist in Weil der Stadt aufgewachsen. Er machte an einem Wirtschaftsgymnasium Abitur und studiert in Tübingen Rechtswissenschaft mit Schwerpunkt Kriminologie. 2013 bis 2017 war er Mitglied im AfD-Landesvorstand Baden-Württemberg, 2013 bis 2015 und 2016 bis 2017 Landesvorsitzender der Jungen Alternativen Baden-Württemberg, der Jugendorganisation der AfD. Seit 2015 ist er deren Bundesvorsitzender. Er trat bei der Bundestagswahl 2017 in Böblingen an.

(lh)

Roman Müller-Böhm

Findet die Atmosphäre im Bundestag, wenn Debatten sich aufheizen, schon sehr besonders: Roman Müller-Böhm (FDP). – © PR

Ein gutes neues Jahr! Haben Sie Vorsätze gefasst?

Ich habe jetzt endlich den Punkt erreicht, an dem ich sagen kann, dass die Aufbauphase des Abgeordnetendaseins abgeschlossen ist. Dementsprechend möchte ich in diesem Jahr voll losstarten und das machen, wofür ich angetreten bin. Ich will Initiative ergreifen und mich so schnell wir möglich in das Ressort einarbeiten, dem ich zugeordnet werde. Auf jeden Fall will ich nicht warten, bis irgendetwas passiert, sondern selbst Dinge anschieben.

Welche drei politischen Themen werden die Menschen in 2018 besonders umtreiben?

Das gesamte Thema Europa und Eurokrise – in Bezug auf die finanziellen Auswirkungen – wird auf jeden Fall wieder eine Rolle spielen, gekoppelt mit möglichen neuen Flüchtlingsströmen und innerer Sicherheit.

Deutschland hat noch keine neue Bundesregierung. Was denken Sie, wie geht es weiter?

Ich glaube, dass eine Neuwahl nicht kommen wird. Ob es am Ende des Tages eine GroKo (Anm. der Red.: Große Koalition), oder Koko (Anm. der Red.: Kooperationskoalition), oder eine Minderheitsregierung wird, das vermag ich immer weniger abzuschätzen. Ich denke aber schon, dass SPD und Union jetzt versuchen werden, irgendwie zusammenzukommen.

Aber auch wenn das nicht klappen sollte, denke ich nicht, dass eine Minderheitsregierung eine Situation schaffen würde, die unserem Land Probleme bereiten oder es gar ins Chaos stürzen würde. Ich glaube, dass es auch dazu führen könnte, dass eine Aufwertung des Parlaments stattfindet. Soll heißen: Initiativen könnten mit wechselnden Mehrheiten mal unverhofft durchkommen, wie es in den letzten Jahrzehnten nie möglich gewesen wäre. Man müsste halt mal komplett anders arbeiten. Ich sehe da also durchaus Chancen.

Sie sind neu im Bundestag und es gab ja bereits einige Plenarsitzungen. Was ist Ihnen besonders positiv, was besonders negativ aufgefallen?

Die Atmosphäre, wenn Debatten sich aufheizen, ist im Bundestag schon sehr besonders. Das bekommt man, wenn man im Fernsehen zuschaut, gar nicht mit. Wenn man vor Ort ist und diese Atmosphäre aufsaugen kann, ist das schon ein spezielles Gefühl.

Das kann aber manchmal auch eher in die negative Richtung abdriften – wenn Abgeordnete zum Beispiel ausfallend werden. Das ist vor allem in der letzten Sitzung auf Seiten der AfD-Fraktion passiert, deren Abgeordnete uns gegenüber teilweise sogar persönlich angreifend geworden sind. Das fand ich unschön und nicht dem parlamentarischen Stil entsprechend. Aber das wird wohl für die nächsten vier Jahre mit dazugehören. Trotzdem ist das Aufsaugen der Atmosphäre etwas Besonderes.

Über Roman Müller-Böhm:

Roman Müller-Böhm, geboren 1992, stammt aus Essen und studiert Rechtswissenschaften in Bochum. Er ist unter anderem seit 2014 Mitglied im Landesvorstand er Jungen Liberalen in Nordrhein-Westfalen. Die Jungen Liberalen sind die Jugendorganisation der FDP. Zur Bundestagswahl 2017 ist er im Wahlkreis Oberhausen – Wesel III angetreten. Er ist der jüngste Abgeordnete des 19. Deutschen Bundestages.

(kk)

Brandt

Michel Brandt (Die Linke) ist Schauspieler. Im Bundestag möchte er sich vor allem für Sozialpolitik und Menschenrechte einsetzen. – © PR

Ein gutes neues Jahr! Haben Sie Vorsätze gefasst?

Mit Vorsätzen tue ich mich immer etwas schwer. Ich habe gerade ein sehr spannendes Jahr hinter mir – wenn das neue Jahr nur halb so spannend werden sollte, hieße das trotzdem, dass einiges bevorsteht. Und ich freue mich total auf diese Arbeit im Bundestag, bei der ich die für mich wichtigen Themen versuchen werde voranzutreiben.

Welche drei politischen Themen werden die Menschen in 2018 besonders umtreiben?

Ich denke, das hat auch immer etwas mit dem Wirken der Abgeordneten im Bundestag zu tun. Ich hoffe, dass wir den Blick weg von diesen populistischen Themen – die ja auch den Wahlkampf bestimmt haben – lenken können. Die Sozialpolitik sollten wir vorne anstellen. Für mich persönlich ist auch das Thema Menschenrechte sehr wichtig. Und dann müssen wir irgendwann mal anfangen, dieses herrschende Wirtschaftssystem zu hinterfragen: Wir machen unsere Umwelt kaputt, wir beuten andere Länder immer noch massiv aus und auch in Deutschland kommt es zu einer immer größer werdenden sozialen Spaltung. Deswegen hoffe ich, dass wir dieses Thema mittelfristig auf die Agende kriegen. Das wird natürlich weniger vom Parlament ausgehen, sondern eher von uns als Fraktion.

Deutschland hat noch keine neue Bundesregierung. Was denken Sie, wie geht es weiter?

Es bleibt natürlich spannend. Ich persönlich halte Neuwahlen nicht für sinnvoll. Aber wenn es so kommt, dann werden wir das natürlich annehmen und versuchen damit umzugehen. Ich gehe davon aus, dass die SPD wieder einmal einknicken und in die große Koalition gehen wird.

Sie sind neu im Bundestag und es gab ja bereits einige Plenarsitzungen. Was ist Ihnen besonders positiv, was besonders negativ aufgefallen?

Ich war ja in den Vorjahren noch nicht mit dabei, aber ich glaube die Stimmung im Parlament hat sich jüngst schon verändert – durch den gewaltigen Rechtsruck. Denn vor allem von der rechten Seite kommen in den Sitzungen unqualifizierte und schlechte Provokationen. Manchmal weiß man ehrlich gesagt gar nicht, ob die das wirklich ernst meinen und fragt sich, was da für ein Politikverständnis dahinter steht.

Positiv wahrgenommen habe ich, dass wir generell sehr präsent in den Sitzungen sind – obwohl wir nur noch die fünftgrößte Fraktion stellen. Das liegt zum einen natürlich an uns selbst, aber auch Redner und Rednerinnen aus anderen Fraktionen greifen sehr oft unsere Ideen auf.

Über Michel Brandt:

Michel Brandt (*1990) wurde in Achim (Niedersachsen) geboren, studierte bis 2012 Schauspiel in Stuttgart und ist am Theater in Karlsruhe engagiert. Er vertritt den Wahlkreis Karlruhe-Stadt im Bundestag.

(kk)

Bayaz

Die Abstimmungen zu den Bundeswehreinsätzen im Dezember haben ihm seine Verantwortung als Abgeordneter besonders bewusst gemacht: Danyal Bayaz (Grüne). – © PR

Ein gutes neues Jahr! Haben Sie Vorsätze gefasst?

Politik war für mich bisher ein Ehrenamt, insofern sehe ich mich zumindest als halben Quereinsteiger. Deswegen hoffe ich, dass ich den Erwartungen meiner Fraktion, meiner Partei, vor allem aber den Menschen da draußen an mich gerecht werde und dabei weiterhin glaubwürdig für meine Überzeugungen und Standpunkte werben kann.

Gleichzeitig habe ich mir vorgenommen, auch meinen eigenen Anteil zum Dialog mit insbesondere jüngeren Abgeordneten der anderen Fraktionen beizutragen. Erst Recht nach den gescheiterten Jamaika-Verhandlungen sollten wir unsere Argumente noch häufiger einem Realitäts-Check unterziehen und auch die Positionen der anderen zu schätzen wissen.

Welche drei politischen Themen werden die Menschen in 2018 besonders umtreiben?

Als jemand, der aus der Wirtschaft kommt, sehe ich als ein Thema die ökologische Modernisierung unserer Wirtschaft, unseres Verkehrs, des Finanz- und des Energiemarktes. Im Ringen um den Kohleausstieg haben die Grünen schon gezeigt, dass wir es ernst meinen, die Pariser Klimaziele zu erreichen – und zwar nicht nur auf dem Papier.

Zweites wichtiges Thema ist für mich Europa. Mit Blick auf den Aufstieg der Rechtspopulisten in Europa kommen wir nur voran, wenn wir die Wirtschaftsgemeinschaft auch als Wertgemeinschaft verstehen.

Die Gestaltung der Digitalisierung ist aus meiner Sicht das dritte Thema. Hier sehe ich große Chancen für die deutsche Industrie, gerade auch in meinem Heimatland Baden-Württemberg. Es stellen sich aber auch wichtige Standortfragen, beispielsweise im Bereich von Aus- und Weiterbildung: Was muss ein Kfz-Lehrling künftig in der Ausbildung lernen, wenn er am intelligenten, vernetzten und selbstfahrenden E-Auto der Zukunft arbeitet? Solche Fragen müssen wir beantworten, wenn wir darüber nachdenken, wie wir in Zukunft leben und arbeiten wollen.

Deutschland hat noch keine neue Bundesregierung. Was denken Sie, wie geht es weiter?

Eins vorweg: Ich dachte, Hillary Clinton gewinnt die US-Wahlen und ich war sicher, dass die Briten gegen den Brexit stimmen würden. Ebenso sicher war ich, dass Jamaika zustande kommt. Genauso überzeugt bin ich nun, dass sich Union und SPD zur GroKo zusammenfinden. Tja, ob mich die Realität wieder einmal vorführt, wird man sehen.

Neuwahlen halte ich jedenfalls für die schlechteste Option. Ich denke nicht, dass wir den Ball wieder an die Wähler zurückspielen sollten. Eine Minderheitsregierung finde ich demokratietheoretisch spannend, bleibe jedoch skeptisch, weil wir diesbezüglich keine Erfahrung haben. Ich habe Respekt vor der SPD und dass sie mit ihrer Verhandlungsbereitschaft Verantwortung übernimmt, aber eins ist klar: eine Große Koalition bedeutet eine Politik des kleinsten gemeinsam Nenners und damit erneut Stillstand.

Sie sind neu im Bundestag und es gab ja bereits einige Plenarsitzungen. Was ist Ihnen besonders positiv, was besonders negativ aufgefallen?

Die ersten Wochen im Bundestag waren für mich unglaublich spannend. In unserer Fraktion gibt es viele erfahrene Abgeordnete, mit denen ich mich austauschen kann, aber auch zu einem Viertel Menschen, die – wie ich – neu im Plenum sind. Diesen Spirit, gemeinsam etwas zu bewegen, empfinde ich als sehr positiv.

Eine Enttäuschung war es für mich, als die Verhandlungen zur Jamaika-Koalition geplatzt sind. Ich bin sicher, Schwarz-Grün-Gelb wäre angesichts der Polarisierung der Gesellschaft, aber auch vor den Zukunftsaufgaben, die vor uns stehen, die beste mögliche Option für das Land gewesen.

Negativ aufgefallen ist mir auf jeden Fall die "neue" Debattenkultur im Plenum. Die Diskussionen, insbesondere mit der AfD, sind teilweise aggressiv, es gibt Zwischenrufe, höhnisches Gelächter und Ermahnungen. Ich denke, der Bundestag muss hier noch einen Weg finden, sich auch angesichts der Vielfalt auf das Sachliche zu konzentrieren. Dass zentrale Debatten im Plenum ausgetragen werden und nicht, wie oft der Vorwurf herrscht, hinter verschlossenen Türen, empfinde ich nämlich grundsätzlich als große Chance.

Eine weitere wichtige Erkenntnis betrifft die Bundeswehrmandate: Die namentlichen Abstimmungen über Einsätze in Mali oder Afghanistan haben mir nochmal sehr deutlich gemacht, dass ich als Abgeordneter auch über zentrale Fragen wie Krieg und Frieden mitentscheide. Damit geht eine immense Verantwortung einher.

Über Danyal Bayaz:

Danyal Bayaz, geboren 1983, kommt aus Heidelberg, hat in Stuttgart Politik und Wirtschaft studiert und anschließend über Finanzmärkte promoviert. In den letzten Jahren war er für eine internationale Strategieberatung tätig, wo er sich insbesondere mit den Themen Arbeitsmarkt, Digitalisierung und Finanzmarktregulierung beschäftigt hat. 2013 bis 2017 war er Mitglied des Landesvorstands der Grünen Baden-Württemberg. Zur Bundestagswahl 2017 ist er im Wahlkreis Bruchsal-Schwetzingen (Baden-Württemberg) angetreten und seit September 2017 im Parlament.

(af)

Kommentare

 

AF schrieb am 22.01.2018 14:51

Der Michel Brandt hat doch von Politik keine Ahnung und schlägt, schulmäßig korrekt gelernt, nach rechts. Die Wahrheit sieht man mittlerweile täglich im Bundestag. AfD nach vorne.

 

 

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