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Teilnehmer-Interviews
"Man muss den Spagat schaffen"

Junger Mann und junge Frau

Susanne Viehler und Julius Kaiser von der Gerechtigkeitspartei alias Johanna (17) und Justus (19) – © Charles Lother

Susanne Viehler und Julius Kaiser sind die Doppelspitze der Gerechtigkeitspartei-Fraktion, im richtigen Leben heißen sie Johanna (17) und Justus (19).

Sie sind die beiden Fraktionsvorsitzenden der größten Fraktion im Bundestag. Der Bundesrat hat einen Gesetzentwurf zur direkten Demokratie eingebracht. Dafür ist eine Änderung des Grundgesetzes mit Zweidrittelmehrheit notwendig. Ihre Partei sieht die Änderung kritisch, Ihr Koalitionspartner ist anderer Meinung. Wie werden Sie sich verhalten?

Susanne: Wir konnten uns mit der PEV, also unserem Koalitionspartner, auf einen Kompromiss einigen. Die Opposition ist von vornherein gegen den Entwurf gewesen. Mit beiden Parteien haben wir uns auf eine Art Kontrollgremium geeinigt, das die Initiativen der Bürger darauf prüft, ob sie verfassungskonform sind. Wir haben uns auch mit der PEV darauf geeinigt, keine Änderungen an den Grundrechten zuzulassen. Wir wollen zwar unsere Interessen verfolgen, aber auch Kompromisse mit den anderen Parteien finden.

Julius: Gerade habe ich die Nachricht erhalten, dass die BP den Kompromiss abgelehnt hat. Sollten sie morgen im Plenum gegen uns stimmen, müssen wir das akzeptieren. Schon jetzt stehen nicht alle Mitglieder unserer Partei voll hinter dem Vorschlag.

Die Oppositionspartei BP fordert für den EUMISA Einsatz im afrikanischen Sahelien neben mehr Ausgaben für die Sicherheit auch Zugeständnisse zur Förderung von Kultur und Bildung in Sahelien. Wie stehen Sie dazu?

Julius: Wir sind da aufgeschlossen. Deutschland muss sich seiner Verantwortung als ehemalige Kolonialmacht bewusst werden. Dazu gehört auch, dass wir Kultur und Bildung fördern. Als Teil dessen wollen wir auch Ausbilder nach Sahelien schicken.

Sie haben einen Gesetzentwurf zur Chancengleichheit bei Bewerbungen vorgelegt. Name, Alter, Nationalität und andere Faktoren sollen zuerst bei Bewerbungen für Beamte und später auch in der Wirtschaft anonymisiert werden. Die Oppositionspartei BP will sich sogar mit den Verbänden der Unternehmen zusammen tun, um gegen so ein Gesetz vorzugehen. Was entgegnen Sie?

Julius: Auch unser Koalitionspartner, die PEV, sieht die geplante Ausweitung auf die private Wirtschaft kritisch. Auch wenn wir jetzt erst einmal diesen Aspekt zurückstellen, werden wir diesen Plan für die Zukunft weiter verfolgen. Jeder Mensch sollte die gleichen fairen Chancen haben. Aber Politik besteht aus Kompromissen – und in diesem Fall ist uns ein guter Kompromiss für alle gelungen.

Susanne: Es geht uns erstmal um die Bewerbung und nicht um die Einstellung. Damit wollen wir erreichen, dass alle Bewerber auf der Grundlage ihrer Qualifikation bewertet werden. Somit wollen wir Kritik ausschließen, dass Menschen zum Beispiel aufgrund eines Handicaps angeblich bevorzugt eingestellt werden.

Rollenwechsel: Susanne Viehler und Julius Kaiser drehen ihr Namensschild von der weißen Seite auf die blaue, am Farbwechsel kann man erkennen, dass man nun nicht mehr mit den fiktiven Politikern, sondern mit Johanna und Justus spricht.

Ihr seid beim Planspiel Fraktionsvorsitzende. Was ist besonders knifflig an der Rolle?

Johanna: Definitiv die Fraktionssitzungen. Man bekommt zwar recht schnell eine Routine, aber der Start war nicht leicht. Man möchte niemanden unterbrechen und alle Meinungen hören.

Justus: Wir sind alle Laienpolitiker – und trotzdem spüre ich immer eine riesige Erwartungshaltung. In unserer Rolle arbeiten wir schon seit elf Jahren als Politiker und so behandeln uns eben auch alle.

Was hat euch Spaß gemacht?

Justus: Mir hat die Koordination zwischen den Ausschüssen und der Umgang mit den einzelnen Meinungen viel Spaß gemacht. Aber auch abseits der Rolle mit den Teilnehmern zu sprechen ist toll.

Johanna: Ich kann gar nicht sagen, was mir besonders viel Spaß macht. Toll ist, dass man hier mit Leuten diskutieren kann, die sich alle für Politik interessieren. In der Schule habe viele dann doch einfach kein Interesse oder es ist keine Zeit.

Könntet ihr euch vorstellen, selbst einmal so eine Position in der Politik zu übernehmen?

Johanna: Es ist wirklich ein anstrengender Job. Ich bin selbst politisch aktiv, aber möchte erst einmal mein Studium beenden und auf Kreisebene aktiv sein. Später kann man dann als Landtagsabgeordneter arbeiten, da ist der Rahmen noch etwas kleiner. Unser Planspiel ist hier noch nicht ernst, aber in echt ist es schon eine große Verantwortung.

Justus: Ich bin über ein Praktikum hier hergekommen. Ich kann mir schon vorstellen, mich in einer Partei zu engagieren, habe aber bei mir vor Ort noch nicht den richtigen Einstieg gefunden. Aber man kann Politik eben nicht planen – zu sagen, dass man in 15 Jahren hier sitzt ist daher nicht einfach. Aber vorstellen kann ich es mir auf jeden Fall.

junger Mann

Felix Grunewald, Abgeordneter der BP alias Julien (18) – © Charles Lother

Felix Grunewald alias Julien (18), ist Fraktionsvorsitzender der Bewahrungspartei (BP).

Sie sind Vorsitzender der großen Oppositionsfraktion im Bundestag. Der Bundesrat möchte die direkte Demokratie stärken und hat dazu einen Gesetzentwurf vorgelegt. Für eine Grundgesetzänderung sind auch Ihre Stimmen notwendig. Was tun sie?

Wir werden den Entwurf der Regierung blockieren. Wir haben ein klares Mandat bekommen, diesen Entwurf zu verhindern. Es gibt schon Elemente der direkten Demokratie auf kommunaler Ebene, das ist ok. Aber auf Landes- und Bundesebene halten wir nichts davon. Die Themen werden komplexer, viele Wähler können die Inhalte nicht richtig einschätzen. Wir haben den anderen Parteien einen Kompromiss angeboten, dieser wurde aber abgelehnt.

Die Bundesregierung will den EU-Einsatz von Soldaten im afrikanischen Sahelien ausweiten und mehr Soldaten einsetzen – wie ist ihre Position?

Wir sind grundsätzlich dafür, dass in Sahelien wieder geordnete Verhältnisse herrschen. Die Soldatinnen und Soldaten brauchen unseren Rückhalt, also ein klares Mandat aus dem Parlament. Aber das Deutschland die Hälfte des Einsatzes bezahlen soll, sehen wir kritisch. Als Kompromiss konnten wir uns einigen, dass die Kosten nun zwischen Deutschland und den anderen EU-Ländern anders aufgeteilt werden.

Die Bundesregierung möchte 25 Cent Pfand auf Einwegkaffeebecher einführen. Ihre Fraktion hingegen will Kaffeetrinker und Kaffeeproduzenten nicht belasten. Warum?

In einem klassischen Café wäre der Aufwand für ein Pfandsystem einfach zu groß. Dennoch möchten auch wir Müll vermeiden. Deswegen wollen wir eine Kampagne starten gegen die Verschwendung von Kaffeebechern, um die Bevölkerung darauf aufmerksam zu machen.

Rollenwechsel: Felix Grunewald dreht sein Namensschild von der weißen Seite auf die pinkfarbene, am Farbwechsel kann man erkennen, dass man nun nicht mehr mit dem fiktiven Politiker, sondern mit Julien spricht.

Du bist beim Planspiel Fraktionsvorsitzender. Was ist besonders knifflig an der Rolle?

Die Leitung der Fraktionssitzungen war wirklich knifflig. Wir sind 134 Mitglieder und alle auf einer Linie zu halten ist nicht einfach. Außerdem fand ich das frühe Aufstehen um 5.30 Uhr wirklich schwierig, auch wenn ich kein Morgenmuffel bin. Und die "echten" Abgeordneten stehen ja nicht nur früh auf, sondern schreiben Reden, telefonieren und haben dann noch Termine am Abend.

Was hat dir Spaß gemacht?

Am meisten Spaß hat mir die Ausschussarbeit gemacht. Und sich informell zu einigen, Kompromisse zu finden und mit kleinen Einigungen eine große Lösung zu erwirken.

Könntest du dir vorstellen, selbst einmal so eine Position in der Politik zu übernehmen?

Ich bin in der Jungen Union in Bayern aktiv und Delegierter auf Landesebene. Jeder spielt mal mit dem Gedanken, hier im Bundestag zu sitzen. Aber ich glaube, ich könnte besser in meiner Heimat kommunale Themen voranbringen. Wenn ich ein Mandat erlangen würde, dann in meiner Heimat.

Junger Mann und junge Frau

Elizabeth Kant und Vincent Runge von der PEV alias Malika (18) und Jonathan (17) – © Charles Lother

Elizabeth Kant und Vincent Runge leiten die Fraktion der Partei für Engagement und Verantwortung. Im richtigen Leben sind sie Malika (18) und Jonathan (17).

Sie sind die Vorsitzenden der kleinen Koalitionsfraktion. Der Gesetzentwurf zur Einführung der direkten Demokratie ist ein Kernanliegen ihrer Fraktion. Zur nötigen Zweidrittelmehrheit für die Änderung des Grundgesetzes benötigen Sie aber die Zustimmung der Oppositionspartei BP. Die steht Volksabstimmungen sehr kritisch gegenüber. Wie weit wären Sie bereit, Kompromisse einzugehen?

Vincent: Der Grundgedanke unseres Antrages muss erhalten bleiben. Mehr Menschen sollen in die Demokratie integriert werden, indem sie aktiv mitbestimmen können. Wir wären aber bereit, Kompromisse einzugehen, zum Beispiel bei der Frage, wie viele Stimmen für die Zulassung eines Volksbegehrens benötigt werden.

Ihr Koalitionspartner, die GP, will 25 Cent Pfand auf Einwegkaffeebecher einführen. Sie fordern stattdessen eine Gebühr beim Kauf der Becher, ähnlich wie bei Plastiktüten. Inwieweit können Sie als kleiner Koalitionspartner Forderungen stellen?

Elizabeth: Wir haben mit der GP einen Kompromiss zwischen Pfand und Gebühr für Einwegbecher gefunden. Damit kommen wir dem großen Koalitionspartner entgegen und haben unser eigens Anliegen ebenfalls eingebracht.

Vincent: Wir haben zum Beispiel auch weitreichendere Vorschläge gemacht, wie das Pfand für die Becher sinnvoll eingesetzt werden könnte. Beispielsweise könnte die Regierung Stellen schaffen, die das Geld aus dem Pfand in neue ökologische Projekte umsetzen.

Bei den Entwürfen zum Thema Chancengleichheit und Pfand bei Kaffeebechern sind Sie von der Idee her mit der GP einer Meinung. An welchen Stelle hätten Sie trotzdem gern noch Veränderungen erreicht und warum?

Elizabeth: Wir konnten bei beiden Gesetzentwürfen auf die Partner zugehen und unsere Vorschläge umsetzen. Daher sind wir mit den Ergebnissen sehr zufrieden.

Rollenwechsel: Elizabeth Kant und Vincent Runge drehen ihr Namensschild von der weißen Seite auf die orangefarbene, am Farbwechsel kann man erkennen, dass man nun nicht mehr mit den fiktiven Politikern, sondern mit Malika und Jonathan spricht.

Ihr seid beim Planspiel Fraktionsvorsitzende. Was ist besonders knifflig an der Rolle?

Jonathan: Besonders knifflig ist, in kurzer Zeit Menschen von sich zu überzeugen, die man vorher gar nicht kennt. Wir waren über achtzig Leute in einem Raum, viele Teilnehmer sind politisch engagiert und dann muss man es schaffen, herauszustechen. Natürlich eckt man privat mit einigen Leute auch an, aber vor allem ist es schön, Gleichgesinnte zu treffen, die sich für Politik interessieren.

Malika: Man muss den Spagat zwischen der fiktiven Rolle und der persönlichen Meinung schaffen. Dabei muss man die Leute immer wieder davon überzeugen, dass wir hier Schauspieler auf einer Bühne sind und nicht unsere persönlichen Meinungen diskutieren. Wir lösen bestimmt die Hälfte des Tages Konflikte, da wir natürlich im echten Leben von ganz links bis ganz rechts jede Meinung unter den Teilnehmern vertreten haben.

Was hat euch Spaß gemacht?

Jonathan: Bis jetzt finde ich die Verhandlungen mit dem Koalitionspartner am coolsten. Man bekommt dort einen tollen Überblick, weil man mit den Spezialisten aus allen Ausschüssen zusammensitzt. Ich moderiere auch einfach gern und sorge dafür, dass es einen gemeinsamen Nenner gibt.

Malika: Ich finde die Treffen unseres Fraktionsvorstandes am spannendsten, weil man seine Probleme austauscht und sich gegenseitig unterstützt. Da ist meine Erfahrung aus der realen Politik teilweise ein bisschen anders.

Könntet ihr euch vorstellen, selbst einmal so eine Position in der Politik zu übernehmen?

Malika: Ich bin Vorsitzende der Jungen Sozialdemokraten (Jusos) in Köln und auch in der SPD aktiv. Dabei habe ich neben der inhaltlichen auch viele koordinierende Funktionen. In naher Zukunft kann ich mir so einen Job in der Politik aber nicht vorstellen, da ich erstmal studieren und arbeiten möchte.

Jonathan: Auch ich bin bei den Jusos, aber in Hamburg-Altona. Politik macht mir unglaublich viel Spaß, aber ich habe noch viele andere Hobbys. Gerade versuche ich nach dem Abitur erst einmal mein Leben neu zu gestalten. Aber wenn man in der Politik durchstarten will ist das Hobby, Beruf und eigentlich das ganze Leben in einem. Im Hinterkopf habe ich aber schon den Gedanken, dass ich genau hier hin will.

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