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Der Autor

Noah Schöppl 68x68

Noah Schöppl (20)
studiert Politik, Psychologie, Recht und Wirtschaft

Laborfleisch
"Noch nicht marktreif"

14.02.2018 |

Einige Forscher setzen alles auf Fleisch aus dem Labor. Noah hat Arianna Ferrari vom Karlsruher Institut für Technikfolgenabschätzung gefragt, ob künstliches Fleisch Nutzertierhaltung ablösen kann und wann wir "Clean Meat" im Kühlregal finden.

Frau lacht in die Kamera.

Arianna Ferrari sagt: Ob sich künstliches Fleisch durchsetzt, hat auch viel damit zu tun was das Lebensmittel kulturell für uns bedeutet. – © kit

In-vitro-Fleisch klingt nach Science Fiction. Was genau ist das?

In-vitro-Fleisch wird aus tierischen Stammzellen erzeugt. Diese können Tieren entnommen und in einem Labor herangezüchtet werden. So wird Muskelgewebe hergestellt. Die Innovatoren sagen, dass das herkömmliches Fleisch nichts Anderes als Muskelgewebe ist. Stammzellen und In-vitro-Fleisch kann man also gewinnen ohne dafür Tiere zu töten, weshalb es auch kultiviertes Fleisch oder Clean Meat genannt wird.

Wieso gibt es das noch nicht im Laden?

Mit der heutigen Technologie kann man erste Prototypen herstellen. Vor vier Jahren wurde so der erste künstliche Rinder-Burger unter viel Medienaufmerksamkeit gegessen. Aber die Technologie ist noch nicht marktreif, weil noch keine günstige, industrielle Produktion in großen Mengen möglich ist. Dafür müssen die Stammzelllinien, die Bioreaktoren und die Nährmittel, in denen das Fleisch gezüchtet wird, noch verbessert werden. Das derzeit beste Nährmedium wird ungeborenen Kälberföten entnommen und viele Innovatoren versuchen, eine bessere Alternative vor dem Markteintritt zu finden.

Warum sollte man Fleisch im Labor züchten und wem ist damit geholfen?

Die Innovatoren wollen damit eine Lösung für die Probleme des heutigen Fleischkonsums bieten. Kunstfleisch soll die negativen Auswirkungen auf Umwelt, Mensch und Tier reduzieren. Das sind die drei Hauptmotive, mit denen für In-vitro-Fleisch geworben wird.

Hat In-vitro-Fleisch wirklich das Potential, Massentierhaltung in den nächsten Jahren in die Geschichtsbücher zu verbannen?

Das ist eine Eine-Million-Euro-Frage. Die Innovatoren glauben daran, aber das kann noch niemand prognostizieren. Selbst wenn die Technologie funktioniert, weiß man nicht, ob und wie die Gesellschaft sie annimmt. Wird Kunstfleisch ein Nebenprodukt oder wird es herkömmliches Fleisch ersetzen?

Man kann nicht über In-vitro-Fleisch reden, ohne über unser Verhältnis zu Fleisch zu reden. Je nachdem, welche Rolle Fleisch in der Zukunft übernehmen wird, kann In-vitro-Fleisch erfolgreich werden oder nicht. Es gibt auch noch weitere geschmackliche Alternativen zum aktuellen Fleischkonsum, wie zum Beispiel pflanzliche Fleischersatzprodukte. Aber es ist nicht so einfach A statt B zu essen. Fleisch ist heute nicht nur ein Nahrungsmittel, sondern hat auch eine kulturelle Bedeutung.

Ist der kulturelle oder der preisliche Aspekt für die Akzeptanz von In-vitro-Fleisch wichtiger?

Alle Elemente sind wichtig. Die Forschungen, die wir für das Bundesministerium für Bildung und Forschung gemacht haben, zeigen, dass das Bewusstsein für die Probleme des Fleischkonsums und die Akzeptanz für In-vitro-Fleisch bei jungen Menschen höher ist. Ohne Problembewusstsein werden die Menschen ihr Essverhalten kaum ändern.

Auch im Labor brauchen die Zellen Nährmittel und Energie. Hilft Kunstfleisch dem Planeten, wenn man die gesamte Umweltbilanz einrechnet?

In der Technikfolgenabschätzung macht man eine Lebenszyklusanalyse, um die Umweltauswirkungen abzuschätzen. Da es aber noch kein industrielles Verfahren gibt, bestehen dabei aber noch viele Unsicherheiten. Es gibt derzeit noch zu wenige Studien, aber voraussichtlich hat es im Vergleich zu Rindfleisch weniger Auswirkungen, bei Geflügel- und Schweinefleisch sind die ökologischen Vorteile kleiner. Einerseits wird weniger Wasser und Land benötig, andererseits brauchen die Bioreaktoren, in denen das Fleisch gezüchtet werden soll, viel Energie.

Welche Auswirkungen hat In-vitro-Fleisch auf den menschlichen Körper?

Da es ja noch nicht oft konsumiert wurde, kann man das noch nicht erforschen. Die Innovatoren werben damit, dass es gesünder ist, weil es unter sauberen Laborbedingungen und sogar mit zusätzlichen Vitaminen hergestellt werden kann. In den Prototypen wird bisher noch Antibiotika in der Herstellung benötigt, weil die einzelnen Zellen kein Immunsystem haben. Aber langfristig könnte so der übermäßige Einsatz von Antibiotika reduziert werden.

Die gesundheitlichen Auswirkungen würden auch stark davon abhängen, wie viel konsumiert werden würde. Ob es wie normales Fleisch zu Krebs und Herzkreislauferkrankungen führen würde, kann noch nicht untersucht werden. Wie bei jeder neuen Technologie gibt es noch viele Unsicherheiten.

In-vitro-Fleisch könnte in ferner Zukunft vielleicht ein Allheilmittel sein: Gut für die Umwelt, gut für die Tiere, gut für die menschliche Gesundheit. Wo ist der Haken?

Neben den technischen Schwierigkeiten scheiden sich auch bei den sozialen und ethischen Aspekten die Geister, besonders wenn es um die Mensch-Tier-Beziehung geht. In Deutschland unterstützen einige Tierschutz-Vereine In-vitro-Fleisch, aber andere sind sehr kritisch. Einige Forscher im Bereich der kritischen Tierstudien kritisieren das kulturelle Fleischparadigma und hinterfragen, ob Tiere überhaupt für menschliche Zwecke genutzt werden sollten. Würden Tiere in Zukunft vielleicht nur anders instrumentalisiert?

Man weiß nicht wie die Tiere, denen Stammzellen entnommen werden, leben werden. Werden sie als Stammzellenspender eingesperrt, optimal gezüchtet und irgendwann getötet oder können Tiere dann frei leben, so lange sie ab und zu Stammzellen spenden? Die Zahl der Tiere, die für In-vitro-Fleisch benötigt werden, wird im Vergleich zu normalem Fleisch auf jeden Fall sinken.

Über Arianna Ferrari:

Dr. Arianna Ferrari hat Philosophie an den Universitäten Mailand, Tübingen und Turin studiert und 2006 mit einer Arbeit zur Ethik der gentechnischen Forschung promoviert. Seit 2010 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Karlsruher Institut für Technikfolgenabschätzung (ITAS). Sie selbst sagt, dass sie kein In-vitro Fleisch kaufen oder essen würde, weil sie seit über zehn Jahren vegan lebt. Über ihre Arbeit könnt ihr euch in dieser Broschüre informieren.

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