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Die Autorin

Ein braunhaariges Mädchen hält die Hände am Kopf und lächelt

Anne Juliane Wirth (25)
studiert Politikwissenschaft


Kakao-Anbau
Bitterer Beigeschmack

10.05.2016 |

Vollmilch mit Nuss, Keks oder pur: Fast alle lieben Schokolade. Wo der Kakao herkommt, warum Millionen Kinder dafür schuften müssen und was wir dagegen tun können, hat mitmischen-Autorin Anne Juliane recherchiert. Der Anlass: Der Bundestag hatte Experten zum Thema angehört.

Hand eines afrikanischen Kindes hält Kakaoschote

So sieht er im Rohzustand aus: Kakao. Für die Ernte werden oft genug Kindersklaven missbraucht. – © picture alliance/Nabil Zorkot

Das dunkelbraune Schokoquadrat schmilzt so herrlich auf der Zunge. Klar, dass da gleich das nächste hinterher wandert. Kurze Zeit später ist die halbe Tafel weg, der Heißhunger befriedigt und man selbst ein bisschen glücklicher. Schokolade kann trösten, Stress lindern, die Konzentration beflügeln. Fast zehn Kilogramm Schokolade hat sich jeder Deutschen im Durchschnitt 2015 gegönnt. Oder "mehr als 116 Tafeln", sagte Dr. Andreas Lenz (CDU/CSU), Vorsitzender des Parlamentarischen Beirats für nachhaltige Entwicklung, in einem öffentlichen Gespräch im Bundestag am 27. April.

Armut wohin man schaut

Das Gremium hatte Experten und Interessierte zum Austausch über das Thema "Nachhaltigkeit in der Lieferkette Kakao" in den Bundestag geladen. Das geschah natürlich nicht ohne Grund: Schokoladengenuss hat einen bitteren Beigeschmack, von dem viele Verbraucher gar nichts ahnen. Nichtregierungsorganisationen machen seit vielen Jahren auf die klägliche Situation der Kakaobauern in den Erzeugerländern aufmerksam. "Wo Kakao wächst, ist viel Armut", erläuterte Wolf Kropp-Büttner, Vorstandsvorsitzender des Forums Nachhaltiger Kakao e.V. Die Mehrheit der Kakaobauern und ihre Familienmitglieder lebe unterhalb der Armutsgrenze von zwei US-Dollar pro Tag und Person.

Wo die Bohne wächst

Die Hauptzutat in Schokolade ist Kakao. Als Kakao bezeichnet man die Samen des Kakaobaumes sowie das daraus gewonnene Pulver. Neben Zucker, Milch- oder Sahnepulver sind vor allem Kakaomasse und -butter die Hauptzutaten.

Kakao ist eines der wichtigsten Agrarhandelsgüter weltweit und die Einkommensgrundlage für 40 bis 50 Millionen Menschen. Insgesamt werden etwa 4,2 Millionen Tonnen Kakao pro Jahr produziert. Doch damit eine Kakaobaumplantage etwas abwirft, ist harte Arbeit notwendig. Die Kakaopflanze ist anspruchsvoll, daher ist ihr Anbau kein Kinderspiel: Sie liebt Schatten, verrottetes Laub, benötigt eine hohe Luftfeuchtigkeit und humusreichen Boden (Erde mit einem hohen Anteil organischer Substanzen, wie zersetztem Laub oder Ästen). Daher kann Kakao nur in den regenreichen Tropenregionen angebaut werden. Das heißt: Zwar wird über 90 Prozent der weltweit konsumierten Schokolade von der Bevölkerung in Industrieländern verzehrt, die Hauptzutat kommt jedoch hauptsächlich aus Entwicklungsländern.

Kleinbauern in abgelegenen Gebieten

Die Anbaugebiete erstrecken sich heute nicht mehr nur über weite Teile Lateinamerikas, sondern haben sich inzwischen auch nach Afrika verlagert. Mexiko, Venezuela und Ecuador gelten als "Urheimat" der Kakaopflanze. Das Land mit der größten Kakaoproduktion der Welt ist derzeit die Elfenbeinküste, ein Staat in Westafrika. Dort werden rund 40 Prozent der gesamten Kakaoproduktion angebaut.

Kakaoanbau wird zu 95 Prozent durch Kleinbauern betrieben, die überwiegend in abgelegenen Gebieten leben. Eine dürftige Infrastruktur und kleinbäuerliche Organisation machen für sie den Zugang zu technisch-moderner Beratung, Betriebsmitteln und Finanzdienstleistungen aufwändig und teuer.

1,30 Euro - pro Kilo

Zudem sind die Bauern stark abhängig von ihren Käufern. Kakao-Multis kaufen ganze Ernten von Kooperativen ein und diktieren ihnen den Preis. Die Landwirte erhalten für ihre Ware oft weniger als den vom Staat garantierten Fixpreis von derzeit umgerechnet 1,30 Euro pro Kilo.

Die daraus resultierende Armut der Bauern wiederum ist Ursache für viele Probleme wie Analphabetismus und Mangelernährung. Es ist daher keine Überraschung, dass die jungen Generationen den Kakaoanbau verlassen. "Im Moment bietet die Branche schlicht und einfach nicht die Möglichkeit, ein existenzsicherndes Einkommen für Produzenten und ihre Familien zu erwirtschaften", warnte Kropp-Büttner im öffentlichen Gespräch im Bundestag.

Von Kinderhänden geerntet

Noch immer werden Kakaobohnen unter menschenunwürdigen Produktionsbedingungen geerntet. Auch Kinderarbeit ist in diesem Zusammenhang keine Seltenheit. Besonders drastisch gestaltet sich diese Situation in den westafrikanischen Ländern Ghana und der Elfenbeinküste. Von 2013 bis 2014 arbeiteten in beiden Ländern rund 2,26 Millionen Kinder im Alter von fünf bis 17 Jahren in der Kakaoproduktion, so das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. In beiden Anbauländern leben insgesamt etwa sechs Millionen Kinder in der untersuchten Altersklasse.

Während ihrer Tätigkeiten müssen die minderjährigen Arbeiter beispielweise mit einer Machete Kakaoschoten ernten oder schwere Säcke mit den Bohnen schleppen. Die eingesetzten Düngemittel beeinflussen die Gesundheit der Pflücker. Zudem machen die strikten Arbeitszeiten einen Schulbesuch für die Kinder nahezu unmöglich.

Kinderhandel und Lohnsklaven

Nachgewiesen sind auch in den letzten Jahren immer wieder Fälle von Kinderhandel: Sogenannte Lohnsklaven werden in Burkina Faso oder Mali gekauft und landen auf den Plantagen in der Elfenbeinküste. Laut einem Bericht der Konvention der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) arbeiteten dort 2014 rund 800.000 Kinder.

Die Experten im Bundestag waren sich einig: Nachhaltigkeit im Kakaoanbau muss oberste Priorität haben. Das bedeute in erster Linie, die Bedingungen im Anbau, Handel und Verarbeitung des Rohstoffs so zu gestalten, dass für alle Arbeiter eine langfristige, ressourcenschonende Erwerbs- und Lebensgrundlage gewährleistet wird, sagte Kropp-Büttner. Genau dazu brauche es das gemeinsame Engagement aller an der Lieferkette Beteiligten. Nur gemeinsam könne die Situation grundlegend verbessert werden. "Es müssen verstärkt Netzwerke gebildet werden, um das Leben von Kakaobauern und ihren Familien zu verbessern", riet Kropp-Büttner.

Verantwortungsvoll naschen

Wichtige Schritte sind bereits in die Wege geleitet worden: Im Jahr 2001 hat sich die deutsche Schokoladenindustrie verpflichtet, gegen die schlimmsten Formen der Kinderarbeit vorzugehen. Seither seien große Fortschritte zu verzeichnen, sagte der Beiratsvorsitzende Andreas Lenz. So sei der Anteil nachhaltig erzeugten Kakaos in den in Deutschland verkauften Süßwaren von drei Prozent im Jahr 2011 auf 39 Prozent im Jahr 2015 gestiegen.

Lenz sieht die Verbraucher in einer besonderen Verantwortung: "Genuss ohne ein schlechtes Gewissen sollte Ziel eines jeden Konsumenten sein", erinnerte er.

Schokolade mit Zertifikat kaufen

Ein Schritt Richtung mehr Nachhaltigkeit in der Lieferkette Kakao, den jeder leicht umsetzen kann: zertifizierte Schokolade kaufen. "Zertifizierung macht Wertschöpfungsketten transparent", sagt Friedel Hütz-Adams, geladener Experte vom Institut für Ökonomie und Ökumene Südwind.

In den Richtlinien des Fairen Handels ist ausbeuterische Kinder- oder Zwangsarbeit strengstens verboten. Ihre Ursachen werden bekämpft, indem beispielsweise den Produzentengruppen ein fairer Preis für ihre Produkte gezahlt wird und stabile Handelsbeziehungen geschaffen werden.

Unter den Siegeln sind die bekanntesten UTZ, Fairtrade, Gepa und Rainforest Alliance. Diese werden regelmäßig von unabhängigen Gremien kontrolliert. Verbraucher können dank der Aufdrucke zwar ohne schlechtes Gewissen naschen, müssen im Supermarkt aber eine beschränkte Auswahl in Kauf nehmen. Der Grund: Ökologische Schokolade ist noch ein Nischenprodukt. Bislang gibt es sie nur bei wenigen Herstellern und in vergleichsweise geringen Mengen.

Weitere Beiträge zu: Kinderarbeit, Zwangsarbeit, Kakao, Afrika.

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