Inhalt

 

Die Autorin

lou-antoinette-g_68

Lou Antoinette Godvliet (18)
Psychologiestudentin aus Wuppertal

Lebensmittel
Erst Mülltauchen, dann Knast

17.06.2017 |

Es gibt Menschen, die Lebensmittel aus dem Müll von Supermärkten fischen und mitnehmen – bislang eine Straftat. Das "Containern" sollte nicht strafbar sein, findet die Linksfraktion. Lou hat sich über das Thema schlau gemacht und herausgefunden, was die anderen Fraktionen sagen.

Tonnne

Es werden viele Lebensmittel weggeschmissen. Sie aus dem Container zu retten, ist aber strafbar. – © dpa

Manchmal ist das Auge größer als der Magen: Wir kaufen zu viel ein oder bestellen Riesen-Portionen im Restaurant. Was übrig bleibt, landet nicht selten im Müll. In Kantinen und Supermärkten sieht es kaum besser aus. Jährlich werden insgesamt etwa 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen, allein in Deutschland. Pro Privatperson sind es laut einer Studie im Auftrag des Gesundheitsministeriums 82 Kilo im Jahr. Hinzu kommen die Lebensmittelabfälle in Gaststätten und Kantinen.

Nachts im Müll

Es gibt Menschen, die diese Lebensmittelverschwendung nicht hinnehmen wollen. Einige von ihnen machen sich meist nach Anbruch der Dunkelheit mit Handschuhen und Tüten auf den Weg zu Abfallcontainern von Supermärkten, Drogerien und Biomärkten. Sie durchsuchen die Abfälle nach Verwertbarem – und werden oft fündig. Die ergatterte Beute wird dann entweder selbst verzehrt oder weitergegeben, etwa über das deutschlandweit agierenden Netzwerk Foodsharing. Die Aktivisten haben es sich zur Aufgabe gemacht, Lebensmittel "zu retten" und an Tafeln, Suppenküchen oder auch bedürftigen Privatpersonen zu verteilen.

"Containern" strafbar

Bisher ist das sogenannte "Containern" aber strafbar. Schließlich gehören die weggeschmissenen Lebensmittel den Supermärkten, Bäckereien oder eben ab einem gewissen Zeitpukt der Abfallwirtschaft. Die "Lebensmittelretter" begehen dementsprechend laut Gesetz Diebstahl – manchmal auch Hausfriedensbruch, wenn sie sich auf fremdem Gelände ohne Erlaubnis herumtreiben. Zu Verurteilungen kommt es aber eher selten, da nicht jeder Supermarkt, der die Sammler auf frischer Tat ertappt, auch Anzeige erstattet.

Im Jahr 2014 hatten drei Studenten nach so einer Aktion Ärger mit Polizei und Justiz – bei einer Verkehrskontrolle fielen der Polizei ein paar Brote auf ihrer Rückbank im Auto auf. Der betroffene Händler zog die Anzeige zwar später zurück. Gleichwohl kassierten die Studenten einen Strafbefehl - eine Art Bußgeldbescheid - über 4.500 Euro. Alternativ hätten sie auch drei Monate im Gefängnis absitzen können. Im späteren Prozess wurden die Angeklagten allerdings freigesprochen.

Linke: Umkehr der Rechtslage

Die Linksfraktion im Bundestag fordert in ihrem Antrag "Lebensmittelretterinnen und Lebensmittelretter entkriminalisieren" nun, den Handel zu verpflichten, genießbare Lebensmittel, die nicht mehr zum Verkauf angeboten werden, kostenlos an interessierte Personen oder gemeinnützige Einrichtungen weiterzugeben. Zusätzlich soll mit dem Gesetzentwurf die Aneignung dieser Lebensmittel von der Strafverfolgung ausgenommen werden, in dem weggeworfene Lebensmittel als "herrenlose Sache" deklariert werden.

Union: Spenden ja – "Containern" nein

Kordula Kovac (CDU/CSU) meinte in ihrer Rede zum Antrag am 18. Mai, dass Die Linke zwar ein wichtiges Thema aufgreifen würde. Begeistert davon war sie jedoch nicht. "Das größte Einsparpotenzial zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung liegt – zumindest in den Industrienationen – bei uns selbst, beim Verbraucher", führte Kovac aus. In unserer Wohlstandsgesellschaft sei bei vielen das Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln verlorengegangen.

Dass die Politik mehr Verantwortung übernehmen müsse für Lebensmittel, die aus dem Verkauf genommenen worden sind, sehe sie genau so. Die Entkriminalisierung von "Containern" sei für die Union jedoch nicht tragbar: "Wenn widerrechtlich das Gelände betreten wird, ist dies eine Straftat – egal wo und aus welchen Gründen dies geschieht."

Grüne: Haltbarkeitsdatum abschaffen

Die Grünen begrüßen den Antrag der Linken, finden den Ansatzpunkt am Ende der Wertschöpfungskette allerdings zu spät. Sie würden viel früher bei den Ursachen des Lebensmittelmülls anknüpfen, anstatt nur die Konsequenzen zu bekämpfen. Die Abschaffung des Mindesthaltbarkeitsdatums sei eine mögliche Strategie, um die Mengen an Lebensmittelmüll zu reduzieren, so Nicole Maisch, Sprecherin der Grünen für Tierschutzpolitik und Verbraucherpolitik. Sie wies in ihrer Bundestagsrede aber auch darauf hin, dass diese möglichen Maßnahmen bereits vor Jahren angesprochen worden sind und seitdem nichts passiert sei.

SPD: Komplett umdenken

Elvira Drobinski-Weiß (SPD) unterstützt im Wesentlichen den Antrag der Linken, betont aber, dass das allein nicht reiche. Sie fordert eine umfassendere nationale Strategie gegen Lebensmittelverschwendung, bis hin zu einem Gesetz. Das solle alle Akteure in der Lebensmittelwirtschaft mit einbinden – neben den Supermärkten also auch die Gastronomie und die Industrie zu Beispiel.

Wie geht's weiter?

Der Antrag der Linksfraktion wurde inzwischen auch von den Fachpolitikern im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft diskutiert. Die Mehrheit entschied sich dafür, dem Plenum zu empfehlen, den Antrag abzulehnen. Gleichwohl waren sich die Politiker aller Fraktionen einig, dass mehr gegen Lebensmittelverschwendung getan werden müsse.

Tatsächlich gibt es auch heute schon viele Möglichkeiten, Lebensmittel auf legalem Wege vor der Mülltonne zu bewahren. Bei foodsharing.de zum Bespiel engagieren sich schon knapp 26.000 sogenannte Foodsaver, viele von ihnen kooperieren mit Betrieben. So werden etwa auch Apps genutzt, um Lebensmittel von Restaurants und Geschäften kurz vor Ladenschluss zu einem vergünstigten Preis zu bekommen.

Kommentare

 
 

Dein Kommentar



Artikel bewerten: