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Die Autorin

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Anna Gumbert (21)
studiert Kultur- und Medienpädagogik in Merseburg

Porträt
Leben aus der Tonne

07.06.2017 |

Was Alina macht, ist illegal. Sie nimmt sich Lebensmittel, die noch gut sind, aus Mülleimern anderer Leute. Unsere Autorin Anna wollte von Alina wissen, warum sie das tut, obwohl es strafbar ist.

Lebensmitteltonne

Tonnen von Lebensmitteln landen jährlich im Müll. Das sei ethisch nicht vertretbar, meint Alina. – © dpa

Alina ist 26, studiert in einer Kleinstadt in Thüringen, engagiert sich ehrenamtlich – und sucht ihr Essen aus Abfalleimern großer Supermärkte und Drogerien zusammen. "Containern" heißt das in der Szene.

Sie will etwas tun

Nachdem sie durch die Medien auf die Verschwendung von Lebensmitteln aufmerksam wird, beschäftigt sich Alina immer mehr mit diesem Thema. Im Schnitt wirft jeder Bundesbürger pro Jahr circa 82 Kilogramm Essbares weg, so die Ergebnisse einer Studie der Uni Stuttgart im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Alina beschließt: So kann es nicht weitergehen, sie will etwas dagegen tun. Sie diskutiert mit Bekannten und stößt auf das Konzept des Containerns. "In größeren Städten ist das Containern ja schon seit längerem bekannt. In unserer Stadt bis dato aber noch nicht", erklärt Alina.

Fünf Märkte und Drogerien

Mit ein paar Freunden zieht die 26-Jährige los und schaut sich um, wo verschiedene Supermärkte ihre Tonnen stehen haben. Der Rest ergiebt sich nach und nach von selbst. Heute ist die Gruppe mehrmals in der Woche mit Taschenlampen und Rucksäcken unterwegs, hat ihre eigene Route. Fünf Supermärkte und Drogerien stehen auf der Liste. Die Tour geht los, wenn andere Leute Feierabend haben – dann also, wenn auch alle Verkäufer aus den Läden sind.

Es ist illegal

Alina weiß, dass das, was sie tut, illegal ist und rechtlich verfolgt werden kann. "Alina" ist auch nicht ihr richtiger Name, den möchte sie nicht preisgeben. Wenn sie und ihre Freunde die Höfe von Supermärkten unerlaubt betreten, dann ist das Hausfriedensbruch. Wenn sie etwas aus fremden Tonnen nehmen, ist das Diebstahl. Die 26-Jährige sagt, sie mache dennoch weiter, aus ethischen Gründen. Weil sie mit der Lebensmittelverschwendung einfach nicht leben kann.

Die Linksfraktion im Bundestag hat Alina auf ihrer Seite. Nach Meinung der Abgeordneten sollte Containern nicht länger strafbar sein. So fordert die Fraktion in ihrem Antrag "Lebensmittelretterinnen und Lebensmittelretter entkriminalisieren" nun, den Handel zu verpflichten, genießbare Lebensmittel, die nicht mehr zum Verkauf angeboten werden, kostenlos an interessierte Personen oder gemeinnützige Einrichtungen weiterzugeben. Zusätzlich soll mit dem Gesetzentwurf die Aneignung dieser Lebensmittel von der Strafverfolgung ausgenommen werden, in dem weggeworfene Lebensmittel als "herrenlose Sache" deklariert werden.

Kommt später wieder!

Alina und ihre Freunde sind zwar noch nie direkt mit der Polizei konfrontiert worden, jedoch mit den Verkäufern der Läden. "Wir wurden schon einmal weggeschickt, ja", erzählt die Studentin, "allerdings finden es auch die Verkäufer schade, dass die Sachen einfach weggeworfen werden." Eine Verkäuferin bat die jungen Leute, später wieder zu kommen. An Tagen, an denen die Mülltonnen besonders schimmelig oder dreckig waren, stellten Verkäufer einige frischere Abfälle sogar extra neben die Mülltonnen.

Ganze Brote im Müll

"Es ist unglaublich, was die Leute alles wegschmeißen", seufzt die Studentin. Alles, was über dem Mindesthaltbarkeitsdatum ist, wird weggeworfen, teilweise auch Sachen, die das Mindesthaltbarkeitsdatum noch gar nicht überschritten haben. Da landen schnell ganze Brote, die am nächsten Tag nicht mehr als frisch angesehen werden, oder leicht verformtes Obst und Gemüse in der Tonne. Sollte eine Paprika aus dem Beutel Makel haben, werden gleich alle weggeschmissen. Auch Kosmetika landen regelmäßig im Mülleimer: "Wenn ein Sortiment ausgetauscht wird, wird das alte Sortiment einfach aussortiert."

Am schlimmsten, so Alina, seien die Mengen, die weggeschmissen werden. "Manchmal ziehen wir los und rufen nach unserem Rundgang noch Freunde an, damit die auch noch vorbeikommen und sich etwas holen. Es liegt so viel in den Tonnen, dass das oft gar nicht alles in unsere Rucksäcke passt", so Alina.

Makel am Essen

Ihrer Meinung nach ist eines der Probleme die Unwissenheit der Menschen: "Viele wissen nicht, dass es oft nicht schlimm ist, wenn ein Produkt ein, zwei Tage über dem Mindesthaltbarkeitsdatum ist. Und noch mehr müssen sich erst an den Anblick eines etwas buckeligen Apfels gewöhnen, bis sie merken, dass man auch diesen noch essen kann und dass er genauso schmeckt wie die makellosen Äpfel."

Eklig findet sie es nicht, dass sie ihre Lebensmittel aus der Tonne holt. Klar gibt es mal Dinge, die schimmeln, aber die nimmt sie dann nicht unbedingt mit. Und bei den restlichen Lebensmitteln reicht es, diese gründlich zu waschen. Stellen, die nicht mehr so gut aussehen, werden einfach großflächig weggeschnitten.

Auch legale Wege

Alina engagiert sich auch auf legalem Wege. Sie holt abgelaufene oder nicht gebrauchte Lebensmittel von Privatpersonen, Bioläden, vom Markt oder von Restaurants ab und verteilt sie an Leute, die das Essen noch verwerten wollen. Mit denjenigen, die Produkte abgeben, bestehen Kooperationen. Damit ist die 26-Jährige Teil des bundesweiten Foodsharing-Netzwerkes aus Ehrenamtlichen, deren Ziel es ist, Lebensmittelverschwendung einzudämmen. Auch das helfe, "Lebernsmittel zu retten", sagt Alina, denn: "Nichts soll verschwendet werden."

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