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Für die Tonne

13.10.2015 |

Herrlich frisch und immer verfügbar – in Supermärkten sind die Regale hierzulande proppenvoll. Schrecklich dagegen, dass so viele Nahrungsmittel im Müll landen, das finden auch viele Abgeordnete. Hier ein paar Tipps zum Umgang mit Lebensmitteln – und erstaunliche Fakten.

Lebensmittel in Mülltonne

Rund 18 Millionnen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland pro Jahr im Müll. Das sind schätzungsweise 820.000 Lkw-Ladungen. – © dpa Themendienst

Schrumpelige Möhren, Äpfel mit Druckstellen oder ein Joghurt, der das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hat: Oft werfen wir Lebensmittel weg, obwohl sie nicht verdorben sind. Sie erscheinen uns lediglich ungenießbar, dabei sind sie noch lange nicht schlecht. Das Datum markiert beispielsweise nur die Grenze, bis zu der der Joghurt seine Eigenschaften mindestens behält, dabei geht es etwa um Zusammensetzung, Farbe, Geschmack und Konsistenz. Also erstmal testen und gleichwohl verspeisen, wenn Joghurt, Käse oder Wurst noch nicht verdorben sind.

18 Millionen Tonnen versickern

Eine aktuelle Studie des World Wide Fund for Nature (WWF) hat ergeben, dass jährlich rund 18 Millionen Tonnen an Lebensmitteln in Deutschland gar nicht verbraucht werden. Das sind sieben Millionen Tonnen mehr, als bisher angenommen (mitmischen.de berichtete).

Die Ursache liegt vor allem in der Wirtschaft. Rund 61 Prozent, also elf Millionen Tonnen Lebensmittel gehen in Landwirtschaft, Industrie, Handel und bei den Großverbrauchern wie etwa Gastronomen verloren oder werden verschwendet. Verloren geht ein Nahrungsmittel beispielsweise, wenn ein Apfel beim Transport vom LKW fällt. Von Lebensmittelverschwendung ist dann die Rede, wenn ein Apfel mit Druckstellen weggeworfen wird, obwohl er noch genießbar wäre. Das passiert vor allem in Privathaushalten. Dort wandern mit 39 Prozent rund sieben Millionen Tonnen jährlich in den Müll.

Weg damit: Gemüse und Obst

Fast die Hälfte der Lebensmittelabfälle in Privathaushalten bestehen aus Gemüse und Obst (44 Prozent), gefolgt von Back- und Teigwaren (20 Prozent) sowie Speiseresten (12 Prozent). 24 Prozent der Abfälle sind Milchprodukte, Getränke, Fleisch und Fisch und Sonstiges wie Süßigkeiten. Schätzungsweise zwei Drittel dieser Abfälle sind vermeidbar beziehungsweise teilweise vermeidbar.

In der Landwirtschaft verschwinden etwa Getreide, Gemüse und Obst vor allem durch Ernteverluste und Nachernteverluste. Sie gehen also direkt beim Ernten durch Maschinen oder durch Schädlinge und Krankheitsbefälle sowie beim Reinigen, Trocknen, Lagern oder Transport verloren. Lebensmittel, die für die Wasch-, Schnitt- und Kochprozesse in der industriellen Weiterverarbeitung ungeeignet sind, werden aussortiert. Teilweise werden diese Nahrungsmittel aber zu Säften, Konserven oder Futtermittel weiterverarbeitet.

Nicht schön genug

Im Groß- und Einzelhandel gehen Nahrungsmittel verloren, weil sie ständig frisch und ansehnlich sein müssen. Das erwartet der Verbraucher. In den Küchen der Großverbraucher entstehen Abfälle während der Zubereitung der Speisen, wenn sie vom Buffet unangetastet oder als Reste auf den Tellern der Gäste zurückkommen.

Wirtschaft muss mitmachen

Die Fraktionen des Deutschen Bundestages sind sich einig, dass die Lebensmittelverschwendung reduziert werden müsse. Seit 2012 wurden häufiger zum Teil fraktionsübergreifende Anträge gestellt. In denen fordern die Fraktionen die Bundesregierung auf, den wirtschaftlichen Sektor mehr in Initiativen einzubinden.

"Restlos genießen"

Einer dieser Initiativen ist "Zu gut für die Tonne" vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) – laut Bundesregierung soll das Projekt das Bewusstsein und die Wertschätzung von Lebensmitteln vom Erzeuger bis hin zum Verbraucher schärfen. Beispielsweise hat die Kampagne in Zusammenarbeit mit Greentable, einem Informationsportal für nachhaltige Gastronomieangebote, unter dem Namen "restlos genießen" aufgerufen, Essensreste nach einem Restaurantbesuch mitzunehmen. Also nur Mut und einfach darum bitten!

Halbieren bitte!

Zukünftig sollen auch verstärkt Gespräche mit Branchenverbänden stattfinden und Unternehmen und Gastronomen mit Infomaterialen versorgt werden. Dafür soll im kommenden Jahr eine Million Euro ausgegeben werden. Das sehe der Regierungsentwurf zum Bundeshaushalt 2016 vor, heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen. Abgeordnete der Fraktion hatten sich erkundigt, wie die Bundesregierung Lebensmittelverschwendung reduzieren will. Denn bis 2025 sollen die Lebensmittelabfälle um 50 Prozent sinken. Dieses Ziel, das auf einen Vorschlag der EU-Kommission zurückgeht, hat die Bundesregierung in ihrer Antwort bekräftigt.

Bares Geld landet im Müll

Die Bundesregierung geht davon aus, dass die Beteiligten aus der Wirtschaft nicht zuletzt aus ökonomischen Überlegungen ein Eigeninteresse an der Reduzierung unnötiger Lebensmittelabfälle haben.

Und auch jeder Bundesbürger könne jährlich rund 235 Euro sparen, wenn er besser mit Lebensmitteln haushaltete, heißt es auf der Kampganenseite von "Zu gut für die Tonne". Das Konsumverhalten trage zur Verknappung der Lebensmittel und zu steigenden Preisen bei. Angesichts des zu erwartenden Bevölkerungswachstums bis 2050 auf neun Milliarden Menschen sei das fatal. Schon jetzt leiden ungefähr eine Milliarde Menschen weltweit an Hunger.

"Das geht uns alle an"

Deshalb rief anlässlich des Welternährungstages am 16. Oktober auch die Abgeordnete Elvira Drobinski-Weiß (SPD) dazu auf, konkrete Zielvorgaben und Maßnahmen zur Reduktion der Lebensmittelverschwendung zu entwickeln. Auch Gitta Connemann (Union) mahnt: "Lebensmittelverschwendung geht uns alle an. Wer Lebensmittel wegwirft, verschwendet Nahrung, Energie und andere wertvolle Ressourcen."

Zahlen, Daten, Fakten

Die Grünen kritisieren in ihrer Kleinen Anfrage vor allem die mangelhafte Datenlage: "Wenn die Grundlage fehlt, um selbstgesteckte Ziele zu erreichen, muss die Bundesregierung diese Daten erheben." Die Linke sieht auch mangelnde Informationen zu Lebensmitteln als Ursache für Verschwendung: "Ist die Herkunft durch kurze Lieferketten nachvollziehbar, steigt auch die Wertschätzung von Lebensmitteln", heißt es in einem Antrag der vor einigen Wochen im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft abgelehnt worden ist.

1000 Liter Wasser für ein Kilo Brot

Die Folgen von Lebensmittelverschwendung wirken sich auch auf die Umwelt aus: Wertvoller Ackerboden, Wasser und Dünger, Energie für Ernte, Verarbeitung und Transport – jedes Lebensmittel braucht für seine Herstellung kostbare Ressourcen. So fließen allein 700 Liter Wasser, bis ein Kilo Äpfel geerntet ist. 1.000 Liter Wasser sind es, bis ein Kilogramm Brot entstanden ist. Für ein Kilogramm Käse sind es 5.000 Liter. Das steht nicht auf der Verpackung, sollte die Überlegung für oder gegen das Wegwerfen von Apfel, Käse und Co. aber beeinflussen.

(as)

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